Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 664 2?t. Lloco s MocvenscvrtN» Nr. 32 Die Emigration nach Teras. Knapp ein Jahr ist es her, daß die erste Partie russischer Emigranten aus Rußland in Galveston angekommen ist, um sich im Staate Texas der Vereinigten Staaten anzusiedeln. Es ist natürlich noch zu kurze Zeit, um heute schon ein abschließendes Urteil Äer das von Israel Zangwill gemachte Experiment, die Mische Einwanderung zu regulieren, fällen zu können. - Von Zangwills und auch von den Gegnern des Galvestonprojektes unter den Politischen Anhängern des Führers der Territorialisten wirL ohneweiters zugegeben: die amerikanische Krise und ihre Wirkung auf die Texaser Jto-Emigranten lassen das Urteil zu, daß das Experiment kein „faiture" war, d. h nicht fehlgeschlagen hat. Dieser Schluß drängt sich einem auch beim Lesen eines Berichtes auf, den ein völlig unparteiischer Beobachtei, namens B. G. Huskell, in dem New-Iorker Fachblatte „Charities and Commons" veröffentlicht. Das New-Iorker jüdische Auskunftsbureau für Immigranten wurde vor einem Jahre gegründet. Innerhalb sechs Monaten nach Eröffnung des Bureaus sind in Galveston rund 1000 Einwanderer angekommen. Bon diesen wurden 100 nach Kansas- City geschickt, woselbst sie unter dem Schutz der „United Jewish Charities" dieser Stadt, deren Direktor M. Bilikoff ist, gestellt wurden. Diese 100 Einwanderer wurden eine Woche lang von den Charities ausgehalten. Nur sehr wenige waren gezwungen, den Schutz der vereinigten jüdischen Wohlsahrtsanstalten in Anspruch zu nehmen. Für alle wurden in ganz kurzer Zeit Arbeitsplätze gefunden, obgleich die Krisis schon vor der Türe stand. Nicht nur das erstemal bei der Ankunft in Texas konnte jedem ein Arbeitsplatz angewiesen werden, auch wenn der eine oder andere wegen Einstellung der Arbeit oder aus anderen Gründen seinen Arbeitsplatz zu wechseln gezwungen war, konnte für ihn bald ein anderer Platz gefunden werden. Es kann angenommen werden, daß auf diese Weise bis heute durchschnittlich für jeden eingewanderten jüdischen Arbeiter vier Arbeitsplätze gefunden wurden. In den meisten Fallen waren nicht die Einwanderer schuld daran, daß sie auf ihren ersten Plätzen nicht auszuharren vermochten. Von den 100, die nach Kansas geschickt wurden, waren während der ganzen Zeit nie mehr als sechs auf einmal ohne Arbeit. Die Krisis hat übrigens im Westen Amerikas nicht jene verheerende Wirkung gehabt wie im Osten. — Unter den Einwanderern sind alle möglichen Berufe vertreten; hauptsächlich aber Schneider, Tischler, Schuster, Blechner, Schmiede, Fleischhauer, Schloffer, Holzschnitzer und auch einige Buchhalter. Es wurde das Hauptgewicht darauf gelegt, den Einwanderern solche Arbeitsplätze zu verschaffen, wo sie ihr ursprünglich erlerntes Gewerbe betreiben konnten. In den meisten Fällen gelang es auch diesen Rücksichten Rechnung zu tragen. In vielen Fällen war dies undurchführbar und der Einwanderer mußte eine andere, seinen Fähigkeiten entsprechende Arbeit annehmen. Merkwürdigerweise verdienen jetzt die Schneider am besten. Manche verdienen 17, 18 und auch 20 Dollar die Woche. Bon den 68 Immigranten, die im Monate Mai in Arbeit stauben, haben 48 unter 10 Dollar verdient. Zur selben Zeit war der niedrigste Lohn 5'/z Dollar die Woche. 36 Mann verdienten 10—15 Dollar die Woche, 4 verdienten je 15 Dollar. Der höchste Wochenlohn betrug um diese Zeit 20 Dollar. Hier mögen auch einige Einzelheiten aus dem Berichte über den Werdegang einiger Einwanderer mitgeteilt werden: Ei» Jude war in seiner Heimat Seifensieder. Jetzt arbeitet er in einer Großschlächterei und verdient 9 Dollar die Woche. Er Lun in Galveston am 1. Juli 1907 an. Seit dieser Zeit hat er 175 Dollar erspart und hat seine Frau und Kinder aus Rußland herüberkommen laffen. Ein zweiter, ein Schneider, verdient 16 Dollar die Woche, verfügt bereits über 100 Dollar e^partes Geld und wird jetzt seine Familie herüberholen. Ein Dritter wieder verrichtet schwere Arbeit als Lastträger. Er verdient wöchentlich 9 Dollar und hat bereits über 100 Dollar nachhause geschickt. Ein Vierter kam am 10. August vorigen Jahres aus Rußland und hat als Tür- und Fenstertischler IOV2 Dollar die Woche. Er hatte schon 100 Dollar erübrigtes Kapital beisammen, die er seiner ältesten Tochter nach Rußland sandte, damit sie ihm in seine neue Heimat folgen könne. Ein Fünfter ist wieder Arbeiter in einer Eisenfabrik. Er verdient 18 Dollar die Woche, hat sich 110 Dollar erspart und eine kleine Farm übernommen. Sämtliche Eingewanderte, mit Ausnahme von zweien, haben sich als charakterfeste, ehrliche und arbeitsame Menschen erwiesen. Von den erwähnten zweien war der eine in eine Diebstahlsaffaire verwickelt nnd mußte Kansas-City verlassen. Der zweite ist ein faules, arbeitsscheues Individuum, das den beteiligten Körperschaften viel zu schaffen gibt. Als Zeichen des traditionellen Sparsinnes der Juden möge die erfreuliche Tatsache angeführt werden, daß 14 Einwanderer mit sehr geringem Durchschnittslohn in dieser kurzen Zeit zusammen 1265 Dollar zurückgelegt haben. Bis nun haben sich die christlichen Arbeiter-Unions sehr wenig um diese Bewegung gekümmert, welche dem Staate neue Arbeiter zuführt. Lehrreich für das Verhältnis zwischen den eingewanderten jüdischen Arbeitern und den organisierten Arbeiterverbänden ist der folgende Fall: Den Bemühungen des Direktors Bilikoff gelang es, einen jüdischen Holzleistenarbeiter in eine unter der Kontrolle der Arbeiter-Union stehende Fabrik unterzubringen. Mr. Bilikoff brachte dem Vertrauensmann der Arbeiter die Ueberzeugung bei, daß sein Schützling in kurzer Zeit die ihm zugeteilte Arbeit so gut verstehen wird, daß man ihm den von der Union festgesetzten Lohntarif zahlen werde. Sobald dies der Fall sein wird, wird der jüdische Arbeiter in die Union eintreten, inzwischen möge man ihn probeweise in der Fabrik dulden. Der Vertrauensmann der Arbeiter ging auf den Vorschlag ein und noch ehe die Probezeit um war, war der Immigrant bereits Mitglied der Union mit dem von dieser vorgeschriebenen Mindestlohn. Von den 100, die nach Kansas-City gebracht wurden, haben bisher bloß 6 die Stadt wieder verlassen. Die übrigen halten sich dort sehr gut und es ist kein triftiger Grund vorauszusehen, der sie nötigen könnte, die Stadt zu verlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Charities, die in Uebereinstimmung mit den New-Aorker und Londoner Zentralstellen handeln, den Einwanderern buchstäblich zum Segen geworden sind. Ohne Mittel und ohne Kenntnis der Landessprache wären die Immigranten nach wenigen Tagen gezwungen gewesen, jede ihnen unterkommende Arbeit anzunehmen und auf diese Weise in die Kategorie der „Arbeiter ohne bestimmtes Gewerbe" zu fallen. So aber haben sie einen bestimmten Berus und sind sogar imstande, ein mehr oder weniger selbständiges Leben zu führen. Die Einwanderer lernen rasch das amerikanische Leben kennen, erlernen auch verhältnismäßig schnell die englische Sprache, zu welchem Zwecke die Charities eigene Abendkurse für jüdische Einwanderer unterhalten. Sobald sie sich in der Landessprache verständigen können, sehen sie sich auch nach besserer und lohnenderer Arbeit um. Me Pseudoverrimgung jüdischer Orgamsationen. Das Projekt einer Vereinigung der jüdischen Organisationen großen Stils war in der letzten Zeit mehrfach Gegenstand verschiedener, offizieller und nichtoffizieller Beratungen und Beschlüsse, welche die maßgebenden Kreise direkt oder indirekt veranlagen, dem wiederholt angeregten Gedanken der Zentralisation ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Es durfte konstatiert werden, daß dieser Gedanke in den meisten jüdischen Organisationen große Sympathien besitzt und bereits von einer als vorurteilslos bekannten jüdischen Körperschaft in mehreren vorbereitenden Aktionen bedeutend gefördert wurde.