Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Llocb's Mocbenscdrln. Sette 863 Vätern und Familien, suchen wir nicht auf Kosten anderer unseren Vorteil und Vorsprung. Uns kann der Vorwurf niedrigen Strebertums nicht treffen, wir dürfen mit den getauften Juden keineswegs in ein und dasselbe Faß geworfen werden, denn unsere Zeit muß erst lange noch vorbereitet werden, ehe wir auf den Schultern des siegreichen Sozialismus in die Höhe kommen können. Im Gegenteile, wir pflanzen die Fahne der Befreiung vom Judentume für alle auf, stellen den Meilenzeiger aus den Weg der Erlösung für alle Juden. Wir zeigen unseren Vätern und Brüdern, allen Juden den einzig gangbaren Weg, den sie gehen müffen. Sie mögen alle, wie wir, den überwundenen Standpunkt verlassen, das, was sich überlebt hat, aufgeben, den gefühlsduseligen Ahnenkult, die religiösen und nationalen Schrullen, die angeerbten Gottesahnungen, die metaphysischen Gedankenverzerrungen aus sich heräusreißen, die symbolische und zeremonielle Verpuppung durchbrechen, von den Pfaffen aller Art sich lossagen, um rücksichtslos mit uns im allgemeinen Existenzstrome nach den höchsten Zielen zu ringen. Darum gehen wir mit unserer Konfessionslosigkeit eben zum Magistrat. Wir gehen hin als Apostel und Propheten einer neuen Zeit. Wir zeigen zunächst euch Juden den Weg, den ihr nach uns gehen sollet. Denn die Juden, welche dabei ihren lästigen Namen los werden, vorläufig nur ihr bischen Religion und Gottesbewußtsein zu opfern haben, können getrost vorangehen. Die Christen, die evangelischen wie die katholischen, werden sicher bald nachlaufen (weil sie doch die Juden, namentlich die konfessionslosen, gar so lieb haben). Dann werden Alle eiukehren in den allein seligmachenden Schoß des konfessionslosen Sozialismus. Alle Kirchenspenden und.Opfergaben, alle Kultussteuer und religiösen Stiftungen kommen dann ausschließlich unseren Organisations-, Agitations- und Wahlfondskaffen zugute und werden nie mehr zur AuffütterungderTheologen,Philosophen,Idealisten, Humanisten und sonstiger Wahrheitseiferer dienen. Der bis dahin ganz konfeffionslos gewordene Sozialismus ist dann die Macht, wir werden sie an die einzelnen Mitarbeiter verteilen und für die Opfer, welche sie heute noch durch Konfessionslosigkeit erleiden, schadlos halten. Für uns und bald auch für alle Welt gilt nur ein goldenes Zeitalter, dasjenige, in welchem Marx und Laffalle blühten. Daher unsere Propaganda für die Konfessionslosigkeit; Darum suchen wir uns auch magistratisch vor religiösem Begräbnis zu sichern. Was sonst könnte uns auch davor schützen, daß sich irgend ein Rabbiner von unseren liebevollen Verwandten durch 10 oder 20 Kronen bewegen läßt, über unser Grab und über unser Andenken den Mantel der Versöhnung auszubreiten, unser Leben als das eines treuen, wahrheitsfesten Juden zu preisen und unsern Haß gegen die Religion, der unser Lebensideal gewesen ist, am Grabesrande noch zu schänden. Darum soll uns auch nichts zu einer religiösen Trauung im Gesetze unseres israelitischen Stammes und des Moses, des geistigen Schöpfers dieses Stammes, veranlassen (als nur eine schöne Tochter eines reichen Kapitalisten). Herr Rabbiner, wir haben gesprochen, Sie haben das Wort!" Jawohl, ich habe das Wort, die Feder den klaren Blick, und ich will davon Gebrauch machen. Das also ist das Wesen eurer magistratischen Konfessionslosigkeit? Eine heilige Mission, eine öffentliche Mißachtung aller Religionen, aller Gottesverehrung und vor allem der bedrängtesten! Eine propagandistische Lossagung von eurem Stamme! Das kann fürwahr nur die Selbsttäuschung derer sein, die da wirklich meinen, ihr Haupt berühre das Himmelsgewölbe, ihr Tritt zerstampfe den Erdball, ihr Blick überstrahle die Weltgeschichte, der Name Jude sei vertilgt, alle Religionen seien überwunden, da sie selber konfeffionslos vom Magistrate herab kommen. Ach wie wenig und wie geringe seid ihr doch, die ihr euch so hoch und so viel dünket. Ihr denket, weil doch die Apostel und Propheten, welche Religionen gründeten und das menschliche Leben in feste und festhaltende Formen prägten, stets einen solchen Zulauf hatten, könne es ja auch euch mit eurer bloßen Negation, Formlosigkeit und Zerreißung der bestehenden Gemeinschaften nicht fehlen. Die alte Lehre „al tiphrosch min hazibar" vertauschet ihr mit der Lehre vom Austritt. O, welche Verirrung des Gedankens! Die wurmstichigen Aepfel fallen vom Baume, rollen zerstreut auseinander und bilden sich steif und fest ein, der mächtige hundertjährige Stamm mit Krone und Früchten werde sich entwurzeln, ihnen nachirren und sich zu ihnen in den Staub legen! Ihr meinet das Mysterium, das religiöse Bedürfnis aus dem Herzen zu tilgen, sei schon in dem Sozialismus gegeben. Ach, was dieser Sozialismus alles zu sein hat, was für merkwürdiges Gebräu ist doch da enthalten. Statt der gründlichen Pflege der wirtschaftlichen Probleme, die seine Aufgabe sein so'.l, rafft er vorbeigehend auch raschestens noch die politischen, sozialen und nun gar religiösen Probleme in seinen weiten Mantelfack. Ja, fitzt nur beisammen, braut ein Ragout von anderer Schmaus zur Bewunderung von Kindern und Affen, wenn euch danach der Gaumen lechzt, doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen! Wenn ihr wenigstens wüßtet, wie wenig ihr alle zusammen davon wiffet, was man wiffen müßte, um an das religiöse Problem herantreten zu können! Nicht Lueger, nicht der Klerus, nicht der Adel und selbst nicht der Hof hätten der neuesten Reaktion diesen Zulauf erworben, wenn nicht das religiöse Moment derselben die Volksseele angezogen hätte. Die meisten der Väter sagen sich zuletzt: ich habe meinen Sohn sicherer im religiösen Schutze als im Haffe konfeffionsloser Religionsverachtung. Merkwürdig, ein einziger Selbstmord eines hoffnungsvollen Sohnes macht die ganze Stadt zwischen den Zähnen murmeln: „ja, leider, wenn man keinen Gott hat!" Das ist nun einmal so — und Eltern zittern immer für Kinder. Eine Mission zur Ausrottung der Religionen ist absurd Mit welchem Rechte auch? Darf man, wenn man keine musikalischen Anlagen und Bedürfniffe hat, wenn man für Malerei und Skulpturen nicht empfindet, darum als Apostel und Prophet gegen alle Musik, Malerei und Skulptur eifern, an welchen sich die Mehrheit großer Seelen erheben, ergötzen, rühren, weil sie jedem bösen Kritikus in die Ohren sausen, in die Augen stechen, weil sie so viel Aufwand an Zeit und Geld erheischen, so viele Lehrer und Meister, Künstlerpaffen auffüttern? Muß es nicht genügen, daß er frei und öffentlich lehren, seine Meinung sagen, gegen Mißbrauch der religiöseu Gefühle, gegen Aberglauben, Unvernunft, Verdummung aufklären kann, daß jeder für sich selbst unbedingt frei im Glauben, Betätigen und Bekennen ist? Rohe Eingriffe in die Sinne und das Empfinden anderer soll jedermann unterlaffen, und wer nichts besseres als die magistratische Propaganda weiß, soll sei» vom Sozialismus erhaltenes Apostelamt nur ruhig wieder zurücklegen. Was schließlich noch die Bedeutung des Namens Jude ist, so bedarf etwas 4000 jähriges, Bestehendes, Wirkliches, Lebendes und Empfindendes doch nicht erst weitläufiger Definitionen, die ihr als Fangeisen für ihn verwerten möchtet. Wie, der Jude wird geschlagen, muß sich wehren, steht aufrecht, wird beneidet, auch anerkannt, und er sollte erst definiert, erwiesen werden müffen? Doch, ich will mich nicht verschanzen und gebe kühn die gewünschte Definition. Der Name Jude bedeutet für jeden, der damit geboren wurde, daß er im Anschluß an die Besten jeder Zett die Höhen der Menschheit anstrebe, für alles Schöne und Gute sich begeistere, sein Schamgefühl bewahre, daß er davor erbittere, es könnte von ihm Böses in seinem Geburtsorte, in seinem Stamme vernommen werden, er könnte seiner Familie zur Schande gereichen. Der Name Jude ist die Verpflichtung für Kiddusch Haschem, die Verpflichtung gegen Chilul Haschem!