Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 562 Dr. Blocd's Mocdenscdrttt. «r. 32 hin ist es vorhanden, wenn die Kulturheuchler, die Großeuropäer von jemandem Dritten einen ausdrucksvollen Klaps bekommen. Mit Mazedonien waren wir Juden sozusagen politisch verwandt. In Mazedonien konnte es Europa nicht ertragen, wenn unschuldige Bürger massakriert und ausgeplüudert wurden. Für die Gleichberechtigung der Mazedonier ließen sie vielsagende Panzerschiffe in den türkischen Gewässern paradieren, in Angelegenhelten der Mazedonier wurden den Parlamenten dickleibige Denkschriften vorgelegt, aus Fürsorge für die Mazedonier steckten die Diplomaten die gewiegtesten Köpfe zusammen. Aber was waren denn die mazedonischen Greuel verhältnismäßig gegen den Massenmord " durch Pogroms und Hungertyphus, gegen die Plünderung durch den Staat, gegen die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland und Rumänien? Wann regte sich für diese einmal das durch Mazedonien zerrissene Herz Europas? Wir ververlangteu ja nicht einmal im Traume, daß für die Opfer östlicher Humanität auch nur ein Armeerevolver geputzt werde, auch nur eine Dampfpinasse in See steche. Bloß daß die Diplomaten ihrer einfachsten Menschenpflicht genügen und freundschaftliche Vorstellungen machen sollten. Aber die gewiegten Köpfe machten in dieser Angelegenheit den Mund nur zum Gähnen auf, nicht zum Sprechen, wenn auch die Straßen von Kischinew und Odessa vom Blute trieften. Ja, noch schöner, noch ehrlicher, noch humaner — zugleich mit den Komitees zur Hilfeleistung für die Mazedonier bildeten sich in den einzelnen Staaten Komitees gegen die Juden, und während die Minister des Aeußern das europäische Herz in der östlichen Türkei kurierten, verfügten die Minister des Innern die Grenzsperre gegen die jüdische Einwanderung aus dem Osten. Wie gesagt, unser Vergnügen ander Blamage der Großmächte in Mazedonien ist durch keinen greifbaren Nutzen hervorgerufen, aber darum ist es lffcht geringer. Auch eine große und willkommene Ueberraschung hat uns die türkische Eiutagsrevolutiou gebracht. Wir Juden sind es leider schon gewöhnt, daß es sich vor allem um unsere Haut handelt, wenn irgendwo die Staatsgewalt schlaffer wird. Bei den Volkserhebungen in Rußland, den Bauernaufständen in Rumänien und Galizien, bti jeder nationalen Demonstration in den Sudetenländern sogar haben wir die ersten großen Kosten zu tragen. Und siehe da! — jetzt erlebten wir eine semitische Revolution und alle blödin Schlagworte im Stile des geistreichelnden Chamberlain, alle Wortprägungen des größenwahnsinnigen Germanentums, als da lauten: Minderwertige Rassen, orientalischer Fanatismus, asiatische Grausamkeit wurden mit einemmal tief zu Schanden. Die Volkserhebung in der Türkei war eine Erhebung des Volkes zu den schönsten Idealen, war begleitet von Patriotismus und Freiheitsliebe, war gefolgt v n der besten Ordnung und der Verbrüderung aller Stämme. Nicht nur ist niemandem ein Haar gekrümmt worden, sondern die Jungtürken haben jeder Nationalität noch besonders Gerechtigkeit und Gleichstellung herzlich garantiert. Auch den Juden. Der Ursprung der jungtürkischen Armeebeweguug war Saloniki, bekanntlich einer fast rein jüdischen Stadt und doch ist keine antisemitische Gebärde vorgekommeu, ist kein antisemitisches Wort gefallen. In dieser wie in jeder andren Beziehung hat die semitische Türkei dem arischen Europa eine Lektion gegeben, hat sie gezeigt, daß die Freiheit des Volkes nicht zur Roheit führen muß. Der türkische Antisemitismus überhaupt ist noch nicht erfunden und wird niemals erfunden werden. Für das Sultanat allein sind wir überzeugt, daß dort die Verfassungsära nicht die Judenfeindschaft als schöne Frucht zeitigen wird. Denn die Türken sind prächtige Männer, sie verachten die Infamie gegen den Wehrlosen und brauchen nicht Prügelknaben aus Schwäche an Geist und Charakter. Ganz selbstverständlich bekamen denn auch die Juden Einladung und Platz an der Freudentafel der türkischen Völkerschaften, wie sie ihn auch am Arbeitstische haben. Und die Schönheit des Gedankens wäre kaum zu fassen, daß sich jetzt der Spieß umkehren würde, daß die nunmehr glückliche Türkei so stark würde, daß sie in den meisten europäischen Staaten jetzt ein jüdisches Mazedonien entdecken und energische Reformen in ihrem Sinn und Beispiel verlangen könnte. Wir Juden wären es zufrieden. J. U p r i m n y. Nach- und Zwischenrufe. Von Dr. M L. Stern. IV. Apostel und Propheten der Konfessionslosigkeit." „Hochzuehrender Herr Rabbiner!" Mit diesen Worten führte sich eine Reihe einstiger Schüler bei mir ein, die jetzt sozialistisch begeistert, magistratisch angekränkelt sind und so fahren sie fort: „Mit der Offenherzigkeit und mit dem Freimute, die Sie einst schon unseren jugendlichen Kindesherzen einzuflößen sich so ernst bemühten, treten wir vor Sie jetzt als Männer hin, um Sie über Ihre Nachrufe in der weit verbreiteten und allgemein gerne gelesenen „Oesterreichischen Wochenschrift" zur Rede zu stellen. Wir wollen Sie zunächst fragen, was Sie mit dem von Ihnen so hochgehaltenen und uns so lästigen Namen Jude eigentlich bezeichnet wissen wollen. Soll damit die jüdische Religion gemeint sein. Die mißachten wir, die ist für uns die pure Unvernunft wie jede Religion überhaupt und noch mehr, weil sie unsere Zurücksetzung verschuldet. Wir fühlen uns fast erniedrigt, wenn man uns mit den Bekennern dieser Religion in Verbindung denkt, von diesen möglichst weit abzurücken, ist unser sehnlichstes Begehren. Soll mit dem Namen Jude eine Nation bezeichnet werden, so möchten wir eine Nation, die weder sprachlich, noch politisch, noch territorial und neuestens auch nicht mehr religiös von gemeinschaftlichen Banden umschlossen erscheint, viel passender eine Nationsmumie nennen, der wir in unserem Lebensdrange auch nicht die geringste Rücksicht schuldig sind. Wir kennen keine jüdische Nation mehr, wohl aber eine deutsche, slavische, romanische, deren lebenden Söhne uns in ihrer Sprache bilden und lehren, die auch wir in ihrer Sprache lehren und bilden können, für die wir dichten, philosophieren, singen, malen, bauen, kämpfen und agitieren, welchen uns als geduldete Anhängsel zu assimilieren schließlich denn doch gelingen wird. Wie werden wir da vor einem galvanisch wandelnd erhaltenen Gespenste, vor einer Nationsmumie zurückweichen, welche Jochanan ben Sakkai vor 1830 Jahren aus dem frischen Grabe herausgeholt hat und seither auf künstlich bewegten religiösen und literarischen Stelzbeinen herumführt? Ja, früher gab es nur eine einzige enge, für wahrheitsgetreue und gewissensfreie Menschen wenig passierbare unheimliche Gasse, durch die allein der Jude diesem Gespenste entfliehen konnte — die Judentaufe! Die fähigsten Menschen, Glaser, Unger, konnten von Juden ererbten, von Zion erleuchteten Geist nicht anders als durch diese Flucht nach Bethlehem in den Dienst des Staates und der menschlichen Gesellschaft stellen. Diese Helden, die gemeinschaftlich mit Mühlfeld, Herbst, Giskra so tapfer gegen religiösen Zwang zu Felde zogen, waren ja gezwungen, durch Anerkennung dessen Wiedererstarken vorzubereiten, und auf Siegeshöhe hatte es noch der kluge Neuwirt für ratsam gehalten, seine Kinder im Hinblicke auf Tage, die kommen dürften und die tatsächlich gekommen sind, taufen zu lassen. Zur Zeit der fiegreichsten Gewissensfreiheit hat man beförderungsbedürftigen, fähigen, jüdischen Beamten den gebieterischen Wink zur Taufe gegeben, da darf man fich nicht beklagen, daß der religiöse Zwang heute so üppig in die Halme schießt. Heute können wir schon gefahrloser dem jüdischen Gespenst entrinnen. Die freie breite Bahn der Konfessionslosigkeit ist betreten. Wir gelangen hinaus,. ohne die Reaktion und den religiösen Zwang als unausbleibliche Folgen nachzuschleppen. Damit aber üben wir keineswegs selbstsüchtigen Verrat an unserem Stamme, reißen wir uns doch nicht los von unseren