Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 32 Dl*n BIOCH’S Jahrgang XI? Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 7. August 1908. LrscbeLnt jeden Lrettag. Brief-Adreffe: Wieu, n/i, Hahugaffe 15. LeKgramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift» Wieru oo --==00 P Brprgsptti» Mr Vrstrrrrirtz: t Halbjährig S llronen: Gta-eler«nplare SO Heller. Isür'n ibtaliaN: Halbjährig 10 fttonm. Ganzjährig 20 „ Anzeige«: Li» 4mal gesyal» ten» PettizeU« 24 Heller. (J —OQ OCF n> vG o M. ll. Postsparkassen««! Slearlng-Verkedr «r. 810.970, Rcbattton und Administration: BMt» ix/i, Hahugaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. nO-— —Or Inhalt: Leitartikel: Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen! — Nach- und Zwischenrufe. — Die Pseudovereinigunjüdischer Organisationen. — Jahrmarkt b,eS.lßebeu§Die Jungtürken und die Juden. Das Gebet Johannes von Kronstadt. Die Juden in Rhodesien. Die türkische Verfassung. Wohnrecht jüdischer Künstler in Rußland. Eine wichtige medizinische Erfindung in einem jüdischen Hospital. Die Stadt Jena jüdischen Ursprungs. Ein Gutachten über das Schächten. Eine ungewöhnliche „Ehrenrettung". — Korrespondenzen: Baden. Die Juden beim Brande der Petroleumgruben in Boryslaw. Galizische Gendarmen als Förderer des Blutmärchens. Mähr.-Weißkirchen. Breslau. Auszeichnungen anläßlich des französischen Nationalfestes Ausgezeichnete Gelehrte. Ein Monument für einen jüdischen Kapitän. Der erste weibliche Rechtsanwalt in Algier eine Jüdin. Die neue Gemalin des Fürsten von Bulgarien und die Juden. Ein jüdischer Bürgermeister in Rußland. Ein Rabbinerseminar in Warschau. Verlockte jüdische Auswanderer. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Wien. Baden. Austritte aus dem Judentum. Dr. Hinko Fürst. Auszeichnung Prof. Dr. Ludwig Geigers. — Feuilleton: Eine Rabbinerwahl. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. * Keht, mir Milden find doch bessere Mensche«! Die Türken haben uns alle durch die Rachricht von ihrer Revolution herzhaft erfreut. Gründe für diese Freude sind viele. Vor allem erfüllt es einen Kulturmenschen immer mit Genugtuung, wenn das Volk, der große Lümmel, sich auf seine Pranken besinnt und irgend einem Tyrannen deibringt, daß es nicht in einem Sklavenstalle leben will, sondern in einem Staate. Dann auch war es eine wahre Idylle in der Weltgeschichte, wie die Sache ohne jedes Blutvergießen abging. Die Türken sind prächtige Männer im Kriege wie im Frieden. Löwen in der Schlacht, ist ihre würdevolle Gelassenheit bei Geschäften unzerstörbar. Männlich, tapfer und ohne Zaudern erhob die Partei der Neuerer ihre Forderungen, männlich, klug und offen gaben der Sultan und sein Kreis der gerechten Notwendigkeit nach. Es mag immerhin zu Reibereien kommen durch die Tücken der Marodeure, die jedes geschlagene Heer hinterläßt. Aber die gewonnene Freiheit ins Wanken zu bringen, werden diese Marodeure nicht mehr vermögen. So feiert eine erlaubte und berechtigte Bosheit, die Bosheit der Wahrheitsliebenden, Triumphe. Bei der türkischen Revolution ist nämlich niemand anderer zu Schaden gekommen, als die Großmächte, als das europäische Konzert am Ufer des Bosporus, das so gerne schon dem Sultan und der Türkei den Trauermarsch gespielt hätte und nun, wohl oder übel, wird zum eigenen Rückzug blasen müssen. Unser Jahrhundert der Kultur hat da unten eine feine Wirtschaft der großen Staaten gezeitigt, die sich Politik nannte und in Wahrheit eine nackte, mit Kanonen und verdrehtem Völkerrecht geführte Räuberei gewesen ist. Erst unterstützte man in Sofia, Belgrad und Athen die Entsendung von Banden nach Mazedonien und dann forderte man in Stambul kategorisch die sofortige Ruhestiftung in der erregten Provinz, widrigenfalls man diese wegnehmen oder wie der zivilisierte Ausdruck für eine Gewalttat in der Diplomatensprache lautet „unter eine geordnete europäische Verwaltung stellen werde", weil man nicht das Herz habe, die armen Mazedonier so leiden zu sehen. Satyr als Weltbeherrscher! England mit seinen Hungerepidemien in Indien, Frankreich, das den algerischen Eingeborenen Bürgerrechte verweigert und Hinterindien mit dem Bajonett beherrscht, Amerika mit seinen Aufständen der Insulaner auf den Philippinen, Deutschland mit seiner Polenpolitik und seinen Hottentottenkümpfen, Spanien mit seinem zahllosen Hungerpöbel, Rußland endlich, das Kaiserreich der Barbarei, sie alle entdeckten ihr für die Menschlichkeit zitterndes Herz justamentin Mazedonien! Aber jetzt spielen ihre Diplomaten in Konstantinopel, deren Mund soviel bedeutet, wie die Mündung von hunderten Kanonen, spielen ihre Offiziere der Reformgendarmerie, diese Generalstäbler zukünftiger Eroberungsarmeen, eine geradezu klägliche Rolle. Denn die Bandenbewegung hat mit einem Schlage aufgehört. Die lausigen und verlausten Komitatschis verschiedener Nationalität konnten in einem apathischen Lande gegen unbezahlte und vor Hunger mürrische Truppen eine Bedeutung haben. Aber unter einem Volke, das leben will, gegen die von den Jungtürken begeisterten Soldaten würde es ihnen schlecht ergehen. Das spüren sie und indem sie zur Verfassung eine gute Miene machen, stecken sie das Schwert in die Scheide. Damit ist der Hauptgrund verschwunden, „Mazedonien unter eine geordnete europäische Verwaltung zu bringen", und wenn die Großmächte andere Gründe suchen und Reformen verlangen werden, so dürften sie nicht mehr von einem ängstlichen Sultan eine gefügige Antwort erhalten, sondern von einem freien Volke, das jede fremde Einmischung als eine Frechheit empfindet, werden sie etwas Aehnliches hören, wie Xerxes von Leonidas, als er die Waffen verlangte: Komm' und hole sie! Mit dem Holen ist das nun eine eigene Sache, seitdem Rußland die Erfahrung machte, daß der Weg über Plewna führt. So ist denn der kranke Mann durch das jungtürkische Rezept urplötzlich ein gesunder Mann geworden. Zu der Eifersucht der Mächte, von der er bisher lebte, ist jetzt die eigene Kraft getreten, die Offiziere der Reformgendarmerie rüsten langsam aber sicher ab und der scheintote Kadaver am Marmarameer, dessen Glieder die Diplo, maten in Mürzsteg und Reval schon unter sich aufgeteilt hatten, steht plötzlich auf und rennt davon. Das ist eine spezielle Freude für uns Juden. Das Vergnügen ist zwar nur theoretisch und nutzlos, aber immer-