Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Llocb's Mocbenscvrirr. Seite 555 wurden, hielt Rabbiner Burstein eine kurze, gehaltvolle Rede. Mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse und um jede Ruhestörung zu vermeiden, wurden weitere Reden nicht zugelassen. Hierauf rezitierte der Kantor nochmals das El mole rachamim für die Opfer des Pogroms, die in ihrem „Brudergrabe" liegen, das mit einem mächtigen Erdhügel bedeckt und mit einer Eisenkette umzäunt ist, da der gemeinsame Grabstein noch nicht gestellt werden konnte . . . Dann wurden die Sifre Thora in die Erde gelegt, es waren ihrer — mit den aus anderen Synagogen stammenden unbrauchbar gewordenen — insgesamt 22. Jede einzelne Rolle wurde in ein besonderes mit Ziegeln ausgemauertes Rohr gelegt. Lange blieb noch das Publikum auf dem Gottesacker, denn nur schwer mochten sich die Verwandten der ermordeten Märtyrer von ihrer letzten Ruhestätte trennen. Vier Uhr nachmittags war es geworden, als der traurige Akt ganz abgeschlossen war. Mit trüben Gedanken und niederdrückenden Gefühlen ging man auseinander. Die russische Paßfrage und die amerikanische Präsidentenwahl. Bei keinem Anlasse zeigt es sich so sehr, welchen Einfluß die Juden in Amerika besitzen, als bei der Präsidentenwahl. Die Juden bilden in Amerika keine selbständige politische Partei, sind in allen Parteien und Fraktionen zu finden und bemühen sich, derjenigen Partei, in welche sie ihre Ueberzeugung geführt hat, nach Möglichkeit nützlich zu sein. Der sprichwörtlich gewordenen Verläßlichkeit des jüdischen Parteimannes ist es zuzuschreiben, daß man in Amerika, wo man die Parteitreue hoch einzuschätzen weiß, den besonderen Wünschen der Juden Rechnung zu tragen bestrebt ist. Ein gemeinsamer Wunsch der amerikanischen Juden aller Parteirichtungen ist es, daß die schändliche Behandlung jüdischer Reisender in Rußland ein Ende nehme. Die Amerikaner kommen in dieser Forderung den Juden nicht nur aus wahlpolitischen Gründen gerne entgegen, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie in der unwürdigen Behandlung amerikanischer Juden an der russischen Grenze eine Mißachtung des amerikanischen Passes und eine Herabwürdigung des amerikanischen Bürgerrechtes erblicken. So haben denn sämtliche Parteien, die in den Wahlkampf um die Präsidentenschaft treten, in ihre „Platform" auch einen Punkt ausgenommen, der sich auf die Abänderung der Behandlung jüdischer Reisender in Rußland bezieht. Am deutlichsten spricht die diesbezügliche Forderung der demokratischen Partei, deren Präfidenten-Kandidat Boyan ist. Die betreffende Stelle im Wahlprogramm lautet: „Wir verpflichten uns, zu fordern, daß unsere Bürger zuhause wie im Auslande geschützt werden. Wir verpflichten uns, die gesetzlichen Mittel anzuwenden, durch welche unseren Bürgern — ohne Unterschied der Raffe und des Glaubens und ohne Rücksicht darauf, ob sie im Lande geboren oder hier naturalisiert wurden — alle diejenigen Rechte und Privilegien erwirkt werden können, welche ihnen auf Grund unserer Verträge mit anderen Staaten zukommen. Sollten sich einige Staaten weigern, unsere Bürger wegen ihrer Raffe oder Religion hineinzulassen und unsere Pässe anzuerkennen, fordern wir, daß Amerika mit diesen Staaten sofort in Verhandlungen trete, auf daß sie diese unsere Bürger genau so behandeln, wie jeden anderen amerikanischen Bürger. Wir fordern, daß der amerikanische Paß in den Händen eines amerikanischen Bürgers in der ganzen Welt als Beweis dafür angesehen werde, daß er amerikanischer Bürger ist und als solcher auf alle festgesetzten Rechte und Privilegien Anspruch hat." Anerkennung an jüdische Farmschulen. Das amerikanische Staatsdepartement für öffentliche Erziehung zollt in seinem jüngsten Jahresberichte zwei jüdischen Farmschulen in folgenden Worten lobende Anerkennung: „Eine der besten landwirtschaftlichen Schulen ist die „National Farm School" in Doylestown, die, obgleich im Jahre 1896 eröffnet, heute nicht mehr als 40 Schüler aufzunehmen in der Lage ist. Eine ausgezeichnete Fakultät, an deren Spitze der gewesene Präsident einer unserer besseren landwirtschaftlichen Hochschulen steht, hält dort Vorlesungen in vierjährigen Kursen. Knaben aus allen Staaten werden als Schüler ausgenommen, ohne Unterschied der Konfession, obgleich die Anstalt ursprünglich für junge Juden gegründet wurde und auch fast ausschließlich von Juden besucht wird. Die Söhne Abrahams, wenngleich in ihrer frühesten Geschichte an den Pflug gewöhnt, waren in späteren Jahrhunderten lange Zeit gezwungen, auf eigenen Landbesitz zu verzichten und find daher heute in größerem Maße Stadtbewohner als jede andere Raffe. Die meisten Schüler aller anderer landwirtschaftlichen Anstalten haben, bevor sie in die Anstalt treten, längere Zeit auf Farmen gelebt, diese Jungen aber kommen, ohne Ausnahme aus größeren Städten. Aber die theoretischen und praktischen Kenntniffe der Landwirtschaft werden ihnen so gründlich gelehrt, daß die Absolventen durchwegs erfolgreiche Farmleiter wurden oder auf ähnlichem Gebiete ihre Geschicklichkeit zu beweisen in der Lage waren. Mehrere von ihnen find in den Dienst des Ministeriums für Landwirtschaft in Washington eingetreten und zeichnen sich dort durch ihre Arbeiten in den Versuchsstationen aus. Auch die Baron Hirsch'sche landwirtschaftliche Schule in Woodbine versieht ähnliche Arbeit." Eine seltsame Kontroverse. Dr. H. Pereire Mendes, Rabbiner der portugiesischen Gemeinde in New-Iork, veröffentlicht jetzt in den dortigen Blättern einen „offenen Brief", durch welchen die eigenartigsten Zustände, die im Mount Sinai Hospital von New-Iork herrschen, bekannt werden. Der Hauptangriff richtet sich nicht gegen das Hospital selbst, das zu den Musteranstalten Amerikas zählt, sondern gegen die Leiter des ausschließlich jüdischen Krankenhauses, die ganz offen sich gegen die Koscherverköstigung der Patienten ausgesprochen haben. Dr. Mendes sandte den Direktoren vor einiger Zeit einen Brief, in welchem er darauf hinwies, daß die Patienten sich wiederholt darüber beklagten, daß sie mit Trefe-Speisen gefüttert wurden. Das Hospital, sagt Dr. Mendes, führt einen jüdischen Namen, wurde von Juden für Juden erbaut und die jüdischen Speisegesetze werden dort viel weniger beachtet, als in den christlichen Spitälern, in welchen für die jüdischen Patienten jüdische Wärter und rituell zubereitete Speisen vorgesehen find. „Als ich mit Ihnen hierüber Rücksprache nahm", schreibt Dr. Mendes weiter in seinem Brief an die Direktion, „wandten Sie ein, daß eine rituelle Küche Mehrauslagen erfordere. Unsere jüdischen Institutionen müffen aber jüdisch sein und ich kann nicht annehmen, daß Sie die Welt irreführen wollten. Wenn das nicht der Fall ist, dann wäre es vom jüdischen Publikum die größte Dummheit, eine jüdische Anstalt zu fördern, die außer ihrem Namen nichts Jüdisches hat." Dr. Mendes verweist schließlich darauf, daß in England selbst in den konfessionell-christlichen Krankenhäusern streng jüdisch geführte Küchen für jüdische Patienten bestehen und daß selbst der eifrigste und extremste Reformjude, Dr. Emil Hirsch in Chicago, die Forderung gestellt hat, daß im Chicagoer jüdischen Hospital jüdische Küche geführt werde. Der offene Brief Dr. Mendes hat in ganz Amerika sensationell gewirkt. IDermtsebtes. Kranzablösungsspende« zugunsten der Chewra-Kadischain Wien I., Seitenstetteugasse 4 für arme kranke Glaubeusgenoffen. Anläßlich des Ablebens des sel. Ludwig Neurath: Von Josef Flesch und Familie K 30.— , H. Mechlowitz 10.—, Berthold Figdor 20.—, Gisela und Heinrich Neurath 10.—, Ludwig Bauer K 20.—. Zusammen K 90.—.