Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Llocb's Mocdenscvrm. Sette 553 22. Juli in Berlin ein. Zehn Knaben und sieben Mädchen im Alter von 3 bis 11 Jahren — nur ein Knabe ist 15 Jahre alt — kamen in direkter Fahrt aus Odessa über Alexandrowo auf dem Bahnhof Friedrichsstraße hier an. Zwei russische Damen führten die kleine Karawane. Die Kinder sind samt und sonders elternlos; entweder haben sie bei den russischen Massakres beide Eltern verloren oder sie hatten nur noch Mutter oder Vater zur Zeit der Pogrome und diese letzte Stütze ist ihnen alsdann durch Mord entrissen worden. Von einem Mädchen lebt freilich noch die Mutter. Sie ist aber infolge des Pogroms wahnsinnig geworden. Nett gekleidet und gut aussehend — ein Zeichen der trefflichen Fürsorge des Odessaer Komitees, an dessen Spitze Frau Dr. Lubow Driso steht — kamen die Kinder in Berlin an. Sie wurden in- Empfang genommen von den Vertretern des Hilfsvereins der Deutschen Juden und der Großloge für Deutschland. Nachdem die kleine Schar im Bureau des Hilfsvereins der Deutschen Juden gespeist worden war, wurden die Kinder nach der anstrengenden Fahrt, die sie alle gut überstanden hatten, in ihre Quartiere gebracht. Während des mehrtägigen Aufenthaltes in Berlin, der nötig wurde, um die persönlichen Angelegenheiten der Kinder, ihre Papiere rc. in Ordnung zu bringen, nahmen sich die Vertreter des Hilfsvereins und der Großloge, namentlich die Herren Geheimrat Maretzki, Siegmund Bergel und D. Wolff der Kinder in der liebevollsten Weise an. Am Montag abend reisten fünf Kinder in Begleitung nach Brüssel, wo dank der Bemühungen des Herrn Konsuls Franz Philippson für die Erziehung der Kinder in bester Weise Vorsorge getroffen ist. Auch für die übrigen Kinder hat der Hilfsverein und die Großloge gute Pflegestellen besorgt, und es ist zu erwarten, daß alle diese Kinder ebenso wie die Waisenkinder, die vor zwei Jahren übernommen wurden, sich in bester Weise entwickeln werden und daß ihnen nach den trüben Tagen eine hellere Zukunft beschieden sein wird. Die Gemeinderatswahlen in den Reichslanden werden in der „Straßburger Israelitischen Wochenschrift" vom Standpunkt der reichsländischen Juden einer interessanten Erörterung unterzogen. Der Verfasser kommt dabei zu dem Schluß: „Im großen und ganzen haben die Wahlen wieder einmal dargetan, was vielen unter uns eine unumstößliche Wahrheit ist, daß wir in Elsaß-Lothringen in den Augen der Mehrzahl unserer Mitbürger doch keine Bürger zweiten Grades sind. Dieselbe Wahrnehmung läßt sich zwar auch vielfach außerhalb unserer engeren Heimat bei den Wahlen zu städtischen Ehrenämtern machen, aber es kann doch kaum ernstlich bestritten werden, daß unsere Verhältnisse besonders g ü n st i g sind. Jüdische Bürgermeister und Beigeordnete findet man, wenn überhaupt, nirgends sonst in solch verhältnismäßig großer Anzahl. Trotz alledem hat es nicht an einem kalten Wasserstrahl gefehlt. Vereinzelt nahm, wie in diesem Blatte berichtet, der Wahlkampf einen direkt judenfeindlichen Charakter an. Man wird im allgemeinen gerade während einer Wahl solche Flugblattliteratur nicht allzu tragisch nehmen, man darf sie jedoch auch nicht ganz unbeachtet lassen. Auf irgend eine Unterströmung weist sie schon hin, von deren Existenz Kenntnis zu haben und Notiz zu nehmen sich immerhin der Mühe lohnen dürfte. Wirklich unangenehm ist das unerwartete Sichbemerkbarmachen derartiger Stimmungen eigentlich nur für die, welche sich gern einer Selbsttäuschung hingeben und nun plötzlich aus ihrer Ruhe aufgeschreckt werden. Allen anderen kann es dagegegen nur recht sein, wenn die Wirklichkeit unverhüllt vor ihr Auge tritt. Die Dinge klar und richtig zu erkennen, ist nun einmal eine notwendige Vorbedingung zum Verständnis der Aufgaben, die wir uns stellen müssen. Die Tatsache, daß eine gewisse Abneigung gegen uns in manchen Kreisen der nichtjüdischen Bevölkerung anzutreffen ist, har wohl niemanden sonderlich überrascht. Daß sie einmal augenfällig in die Erscheinung getreten ist — davon nehmen wir Vermerk, nicht gerade, um angsterfüllt und zitternd Vorbeugungsmaßregeln zu treffen, sondern um — keine Vogelstraußpolitik zu treiben. Der Judenhaß ist eine alte, tiefeingewurzelte Volkskrankheit, die viel, viel Zeit braucht, um aus zu heilen, wenn wir auch die Möglichkeit zugeben, daß dies doch noch geschehen wird. Häufig bleibt ihr Vorhandensein unbemerkt, sie wühlt nur im Innern. Dann aber wiederum bricht sie bald an diesem, bald an jenem Gliede aus. Ein Universalmittel gegen sie ist noch nicht erfunden. Das wird es auch nie geben. Hie und da läßt fich vielleicht ein Pflasterchen auflegen, in hartnäckigen Fällen ist auch wohl ein operativer Eingriff dringend zu empfehlen, vielfach wird man aber auch genötigt sein, den Anfall einfach austoben zu lassen. Letzteres ist für uns nicht gleichbedeutend mit vollständiger Untätigkeit. Wir gehören nicht zu denen, deren einziger Grundsatz es ist: Um keinen Preis Staub aufwirbeln, ja nicht den Gegner provozieren, sonst möchte es noch schlimmer werden. Die Zeiten sind vorüber, in denen geduldige Bescheidenheit und zarte Zurückhaltung der höchste Trumpf der jüdischen Politik war. Nur ist es nicht notwendig, jeden einzelnen Fall antisemitischer Regungen und Umtriebe aufzubauschen, das könnte tatsächlich Schaden anrichten, schon dadurch allein, daß er dem wohlverdienten Unbeachtetbleiben entrissen wird. Immer aber werden solche Fälle für uns eine Mahnung sein müssen, auf der Hut zu sein, die antisemitische Bewegung als solche nicht aus den Augen zu lassen und am Kampf um unser Recht rege teilzunehmen, mögen auch unsere besonderen Verhältnisse etwas günstiger sein als die allgemeinen." Bestrafte antisemitische Roheit. Aus Straßburg wird berichtet: Auf der Straße in Tauberbischofsheim hatte ein Schmied aus Hochhausen seinem Unmut über einen die Gegenpartei in einem Prozeß vertretenden Rechtsanwalt dadurch Ausdruck gegeben, daß er den Anwalt als Israeliten mit antisemitischen Schimpfworten überhäufte und plötzlich mit der Faust ins Gesicht schlug. Wegen schwerer Körperverletzung vom Schöffengericht zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt, legte der Schmied gegen das Urteil Berufung ein. Auf die gleichzeitig von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung wurde aber von der Strafkammer in Mosbach die Strafe auf zwei Monate erhöht. Diese Erhöhung wurde mit dem Hinweise begründet, daß einer derartigen Anwendung des Faustrechtes gegen einen Rechtsanwalt, als den Angehörigen eines mit den Gerichten zur Rechtsfindung berufenen Standes, kräftig entgegengetreten werden müsse. London. (Expedition nach Nordafrika.) Wie uns aus wohlinformierter Londoner Quelle mitgeteilt wird, ist die Expedition nach dem Lande in Nordafrika, welches Israel Zangwill in seiner am 8. Dezember vorigen Jahres in Manchester gehaltenen, aufsehenerregenden Rede als das zunächst ins Auge gefaßte „Jto-Land" bezeichnet hatte, im Aufträge der „Jewish Territorial Organisation" bereits abgegangen. Die Expedition, an welcher auch einige Mitglieder des Jto-Rates teilnehmen, hat London anfangs dieses Monates verlaffen und es wird angenommen, daß fie in der Lage sein wird, bis zum 2. August d. I., an welchem Tage Zangwill in einem aus Anlaß der dritten Jahreswende der Gründung der Jto abzuhaltenden Maffenmeeting eine große Rede halten wird. Aus der gute» alten Zeit. Ein langjähriger Leser des „Jewish Chronicle" sandte vor einiger Zeit der Redaktion des Blattes eine intereffante Kuriosität. Es ist das Programm eines Dilettanten-Konzerts, das am 5. Juli 1856 in London, Effex Hall, zugunsten der „Jewish Emigration Loan Society" veranstaltet wurde. Mehrere gutbekannte Namen der besten jüdischen Gesellschaftskreise figurieren auf dem Programme als Sänger und Musiker. Man liest die Namen der Miß Flora Ascher, Miß Braham, Miß de Rothschild (heute Baroneffe Alphonsede Rothschild) Miß Eveline de Rothschild (inzwischen verstorbene Baronesse Ferdinande de Rothschild). Unter den männlichen Teilnehmern findet man den Namen „Master Alfted de Rothschild", der drei Piecen eigener Komposition für Piano vortrug, ferner die Herren P. I. Solomons und S. W. Walek. Ferner liest man im Programm, daß die Zöglinge der Jewish Free School, dirigiert vom Komponisten selbst, Mombachs Hymnen vortrugen, worauf der vereinigte Chor der Metropolitan-Synagoge Mombachs Hallelujah sang. Antwerpen. (Warnung an Emigranten.) Die jüdische Gesellschaft „Esra" in Antwerpen versendet folgende Notiz, welche ihr aus Radziwilow, Rußland, zugekommen: „Ich bitte Sie, die Emigranten, welche die Absicht haben, nach Rußland zurückzukehren, zu warnen, nicht mit der Bahn nach Radziwilow zu fahren, da laut jüngster Verordnung alle Emigranten, die hier ankommen, mit der Etappe verschickt werden. Unterschrieben Rabbiner S. Baratz. Da die meisten jüdischen Rückwanderer, die über Oesterreich reisen, besonders wenn fie keine Gouverneurpäffe besitzen, ihren Weg über Radziwilow zu nehmen pflegen, sei diese Warnung auch hier veröffentlicht. London. (Ein interessantes Festkonzert.) Der 160. Geburtstag Felix Mendelssohns wird, wie man aus London schreibt, im nächsten Jahre auch in Englands musikalischen Kreisen festlich begangen werden. Im Krystallpalast ist eine Händel-Mendelssohn-Feier für die Mitte Juni festgesetzt. Zur