Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 552 Dr. Llocb s Mocbenscbritt. Nr. 31 teilt und ein freies Volk heranbildet, das seine vitalsten Interessen in seinem eigenen Sinne ordnen und leiten kann. Wenn auch das absolutistische Regiment den christlichen Völkerschaften manche unliebsame Beschränkungen brachte, konnte dasselbe auf sie doch nicht so hart, materiell und geistig, niederdrückend wirken. Liegt und lag ja die Regierung vom höchsten Beamten bis zum Amtsdiener in den Händen ihrer christlichen Mitbürger. Anders bei unserem Volke, das alle bürgerlichen Lasten zu tragen hatte, aber die Rechtsgleichheit nicht genoß. Das Galuth Edom setzte sich also von den Zeiten der römischen Cäsaren bis hart in die Gegenwart fort und die Galuthfeffeln wurden erst in jenem Momente gesprengt, da von Sr. Majestät die österreichische Verfassung gegeben und die Emanzipation der österreichischen Judenschaft sanktioniert wurde. Dazumal, vor 40 Jahren, schloß die Aera des dritten Exils. Das jüdische Volk in Oesterreich hat daher vollste Ursache, das nationale Fest der Erlösung aus dem edomitischen Galuth im Zeichen des sechzigjährigen Regierungsjubiläums und des vierzigjährigen Jubiläums der Emanzipation mit allem Nachdruck und vor aller Welt zu feiern. Wie und ob dieses Fest in diesem Sinne gefeiert wurde, möge uns in folgenden Zeiten beschäftigen. Es bleibt ein hervorstechender Charakterzug unseres Monarchen, daß derselbe allen seinen Jubiläen und Festivitäten den Stempel der Humanität und Pietät aufdrückt, und so hat Se. Majestät auch bei diesem Jubiläum, das nur den wenigsten der Herrscher aller Zeiten beschieden ist, die Parole: „Für das Kind!" ausgegeben. Mit diesem Schlagworte hat der allerhöchste Jubilar die Herzen aller seiner Untertanen getroffen, Liebeswerke zu schaffen und Anstalten zu gründen für das unglückliche und verlassene Kind. Selbstverständlich folgt auch Israel dem Herzenswünsche des Monarchen und dem Statistiker wird da Gelegenheit gegeben sein, all die Liebeswerke, welche von jüdischer Seite zum Segen für die Zeiten geschaffen wurden, zu notifizieren. Allein wir Juden haben Beranlaffung, neben dem Anschluffe an das allgemeine Völkerfest noch ein eigenes, ganz apartes Jubelfest, das Fest des Auszuges aus der Wüste der Kammerknechtschaft und des Einzuges in das Land, wo Milch und Honig der bürgerlichen Verfassung auch für uns zu fließen begann, zu feiern. Hat fich aber das österreichische Israel zu diesem Zwecke zusammengetan, hat es fich aufgeschwungen zu jener Höhe politisch reifen Selbstbewußtseins, um diesen Moment als Ausgangspunkt einer solennen Feier auszunutzen?! Haben unsere Führer, wo immer fie hingestellt find, ob in den Kultusvorständen oder in den verschiedenen politischen und autonomen Körperschaften, die Bedeutung dieses Momentes erfaßt, um in einer glanzvollen Kundgebung zu verkünden, wie groß unsere Freude ist und wie fest unser Entschluß, als geeinigtes Volk von jüdischen Brüdern den Kampf aufzunehmen gegen Jeden, der es wagt, an unseren Rechten zu rütteln und uns aus unseren schwer errungenen Positionen hinauszudrängen? Leider, nein! Zu unserer Schande, ja zu unserem Schaden! Wohl hat jedes österreichische Volkswesen (mit Ausnahme der politischen Hartschädel der Tschechen) seine Eigenart im Huldigungsfeste zum Ausdrucke gebracht, Israel rührte aber keinen Finger, um fich als eine nationale Gesamtheit zu markieren. Dafür wurde ihm aber die Schmach angetan, daß man im Festzuge einen polnischen Marketender zum Spotte der schaulustigen Menge herlaufen ließ. Die Frage, ob das Versäumte nicht auch durch eine Tat von auffehenerregender Bedeutung wettgemacht werden soll, möchte ich mit einem entschiedenen „Ja!" beantworten. Es gibt eine Korrektur auch für diese Unterlassungssünde, und ich getraute mich, einen diesbezüglichen Vorschlag in zahlreichen Versammlungen vorzutragen und nach erlangter beifälliger, ja enthufiastischer Zustimmung seitens der betreffenden Zuhörerschaft mich diesbezüglich an den jüdischen Abgeordnetenklub in Wien, ferner an den Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, als den Vorsitzenden des österreichischen Gemeindebundes, zu wenden. Der Antrag lautet: „Es werde dem Kunstinstitute „Bezalel" in Jerusalem der Auftrag erteilt, eine Gobelinarbeit in höchst künstlerischer Vollendung und orientalischer Pracht anzufertigen, und dieses Kunstwerk soll als ein Jubiläumsgeschenk des jüdischen Volkes Sr. Majestät zu Füßen gelegt werden." Wenn Se. Majestät, der König und Schutzherr von Jerusalem ist, diese originell jüdis^e Arbeit huldvoll anzünehmen geruht, wird der Ausfall an Repräsentanz im Festzuge durch die jüdische Kunst würdig gedeckt sein. — Wir hätten dann ein Gedenkblatt in die Gemächer Sr. Majestät eingelegt, aus welches der biblische Vers so treffend paßt: „Ihr werdet ihn sehen und Ihr werdet gedenken." - Der Anblick dieses Kunstwerkes würde für alle Zeiten ein Mene tekel sein, um das jüdische Volk als gleichwertig mit allen anderen Völkerschaften zu rangieren. Bei der Wahl des Sujets der Darstellung wüßte ich nichts besseres vorzuschlagen, als die Huldigung der österreichischen Judenschaft nach althergebrachter Sitte auf einem Gobelin, und auf einem zweiten Gobelin vom kaiserlichen Aar beschützt, die Bilder jener hervorragenden jüdischen Männer, die zur Regierungszeit Sr. Majestät gelebt und hervorragend gewirkt haben, in einer Huldigung vor dem Kaiser vereinigt oder in anderer Gruppierung. Natürlich steht es ftei, auch andere Vorschläge zu machen. Hauptsache ist, daß die Anregung auf fruchtbaren Boden fällt, zur Ehre des österreichischen Judentums und zur Hebung und Förderung der jüdischen Kunst. Med.-Dr. Rüben Vierer, Lemberg. Selbstmordversuch eines jüdischen Soldaten. Aus Lemberg wird uns geschrieben: Vorigen Samstag verübte der jüdische Soldat Nachmann Kleinmann einen Selbstmordversuch, indem er zwei Revolverschüsse gegen fich abfeuerte. Eine Kugel drang ihm in die linke Seite, eine zweite traf ihn am Kopfe. Schwerverwundet wurde der Lebensüberdrüssige ins Garnisonsspital überführt. Nachmann Kleinmann stammt aus Przemyslani, trat vor 10 Monaten freiwillig in den Militärdienst ein und hatte das Unglück, zur dritten Batterie des 11. Artillerieregimentes eingereiht zu werden, wo die jüdischen Soldaten seit jeher schlecht behandelt werden. Vom Tage seines Einrückens hatte er von der Aufsässigkeit seiner antisemitischen Unteroffiziere zu leiden, sie — besonders der Feuerwerker Lokow — verfolgten ihn auf Schritt und Tritt. Ganz unhaltbar wurde die Situation für Kleinmanv, als seiner Abteilung ein anderer Feuerwerker, namens Rogalski zugeteilt wurde. Rogalski marterte und chikanierte Kleinmann aufs Blut, obgleich dieser nicht zu den Dummen gehört, im Gegenteile ein musterhafter Soldat ist, der den Drill leicht überstanden, die Disziplin genau eingehalten und bis heute noch keine einzige Strafe erhalten hat. Trotzdem wurde er gepeinigt und verfolgt, nur weil er Jude ist. Mehr als einmal klagte Kleinmann seinen Freunden gegenüber sein bitteres Los beim Militär. „Ich leide sehr viel", klagte der unglückliche jüdische Soldat, „aber ich habe Hoffnung, bald zum Kadre kommandiert zu werden, dort wird es mir, hoffe ich, beffer ergehen." Seit zwei Monaten war Kleinmann tatsächlich zum Kadre als Schreiber zugeteilt, aber die Hoffnungen, die er in diese Versetzung gesetzt, gingen nicht in Erfüllung. Hier hatte es wieder der Feuerwerker Wunderlich auf den armen Juden abgesehen und dieser war auch die unmittelbare Ursache seines Selbstmordversuches. Dank der kräftigen Konstitution Kleinmanns besteht für ihn keine Lebensgefahr. Bemerkenswert ist, daß in derselben Kaserne erst vor noch nicht langer Zeit ein jüdischer Soldat seinem verbitterten Leben ein gewaltsames Ende bereitete. Berlin. Als nach den Oktober-Pogromen vom Hilfsverein der Deutschen Juden und von der „Großloge für Deutschland" die unglücklichen Kinder, die infolge der Pogrome verwaist waren, zur Versorgung übernommen wurden, mußten 27 Waisen aus den verschiedensten Gründen in Odessa Zurückbleiben. Nunmehr sind auch diese Kinder nach Vereinbarung des Hilfsvereins der Deutschen Juden mit dem Ruffo-Jewish Committee in'London und der Großloge für Deutschland versorgt worden. Zehn der Kinder sind vor mehreren Wochen bereits nach Amerika befördert worden und 17 trafen am Mittwoch den