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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-31 · 31 (31.7.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 550 Dr. Llocv's Mocbenscvrtrr. Nl 31 gleiche Rechte und Pflichten, und sie werden nicht mehr, wie es früher allerdings geschah, als Parias behandelt. Die Mildtätigkeit der Wiener Rothschilds preist die am Eingang in das von ihnen begründete Spital auf einer Marmortafel angebrachte Inschrift. Selbstverständlich sind es bis jetzt nur wenig Auserwählte, denen es gelungen, sich aus der Masse emporzuschwingen. Von einer politischen Emanzipation, bürgerlichsozialen Gleichstellung des Judentums kann keine Rede sein. Im Ghetto sieht es noch recht mittelalterlich aus. Die Zwangspflicht, darin zu wohnen, ist zwar aufgehoben, aber die Gewohnheit bleibt fortbestehen. So geht es auch mit der Kleidung. Die Männer, hager und von hoher Statur, tragen Fez, langen Kaftan, im Winter mit Pelz verbrämt, darunter ein blusenartiges Gewand, umgürtet mit breiter Schärpe, weitfaltige Culotte, weiße Strümpfe, offene Schuhe und verwenden viel Sorgfalt auf ihren Haar- und Bartwuchs. Die Frauen tragen kurze Röcke und seidene Pumphosen, die über den Knöcheln geknüpft werden, die verheirateten als Kopfschmuck eine mit Geschmeiden durchwirkte hohe Haube; bei den unverveirateten hängt das Haar in Zöpfen herab, Alles in buntesten Farben. Von kleinem Format und plastischem Ebenmaß sind die Füße; sie stecken in goldgestickten Pantoffeln und diese wieder in Holzgaloschen zum Schutze gegen den Straßenschmutz. Sie verstehen damit ganz leicht und graziös über die Abgründe und Spitzen des horrenden Pflasters zu balanzieren. Beim Ausgehen verschleiern sie sich öfters, doch mehr aus Scheu vor Insulten; religiöse Vorschrift ist es nicht. Die Gesichtszüge sind scharf geschnitten, aber frisch von Farbe und lebhaftem Ausdruck. Während bei den Türken Alles verschlossen gehalten wird, stehen im Ghetto den Tag über die Häuser weit offen; man blickt von der Straße bis in das Innere. Wenn man sie so zu ihren Festlichkeiten versammelt oder auch mit dem Wasserkrug am Brunnen stehen sieht, wird man unwillkürlich an die Esthers und Rebekkas der biblischen Erzählungen und Bilder erinnert. Eines Besuches wert ist der jüdische Friedhof, der, hoch und frei gelegen, ein wunderbares Panorama über Golf, Gebirge und Stadt entrollt, wogegen die türkischen in der Wildheit und Finsternis ihres Cypreffenhains verborgen sind. Sein Alter soll bis zur babylonischen Gefangenschaft reichen, wo eine Gemeinde hierher versprengt wurde. Verwittert genug sind viele Grabmale, die in vollkommener Unordnung und von rohestem Aussehen dicht nebeneinander liegen und stehen, von Unkraut und Dornengestrüpp überwachsen. Da und dort erheben sich hohe Steinhaufen, aufgetürmt von frommen Händen als Zeichen, daß darunter ein glaubensstarker, zum Märtyrer gewordener Rabbiner ruht. Alljährlich am 33. Tage des Omer feiern auch die Juden in Smyrna den Todestag des Rabbi Schim'on ben Jochai. Die Feier an sich hat nichts Eigentümliches, aber einige Einzelheiten sind sehr merkwürdig. Die Straßen, welche sonst zur Abendstunde ziemlich ruhig sind, zeigen sich an diesem Tage sehr belebt. Einige Häuser sind mit Fahnen und Lampions verziert. Gegen 9 Uhr versammelt man sich in einem der zu dieser Festveranstaltung hergerichteten Häuser. Sobald die erste Taffe Kaffee aufgetragen ist, steht der Synagogendiener auf, geht rund um den Saal und fragt singend: „Wie viel wird geboten für den Trog von Rabbi Schim'on?" Sie werden nicht wissen, was dies für ein „Trog" ist und warum er meistbietend versteigert wird? Mir ist folgendes darüber mitgeteilt worden: Zwischen dem Grabe von Rabbi Schim'on und dem seines Sohnes Rabbi Eleazar befindet sich ein Trog, der eine ziemliche Quantität Oel aufzunehmen vermag, und der Meistbietende darf an jenem Abend im Scheinbild dieser Riesenlampe die Flamme anstecken. Es scheint, daß nicht nur Dochte in diesem Trog gebrannt werden. Es besteht eine Tradition, wonach es Unglück bringend wäre, die ersten Haare eines Kindes in den Wind zu streuen. Man läßt sie unberührt wachsen bis zum 3. oder 4. Jahre. Um diese Zeit werden sie feierlich abgeschnitten und in irgend ein kostbares Stück Zeug gehüllt, nach dem gelobten Lande gesandt, damit sie in diesem Trog am Abend der „Hochzeit von Rabbi Schim'on" (so heißt das Fest) verbrannt werden. Es heißt, daß auch Schleier von Neuvermählten darin verbrannt werden, und sogar Teile von jenen kostbaren Männergurten, die im Orient so geschätzt werden. Natürlich sieht man m Smyrna nur ein Scheinbild dieses Troges. Eine der Freitag-Al endlampen muß ihn ersetzen. Wenn also diese Lampe verkauft ist, kommt die Reihe an die Lichte, d. h. das Recht, ste anzuzünden. Wenn Alles, bis auf den Schluß-Kaddisch verkauft ist, verteilt man das Lesen des Sohar, der zu einem Dutzend kleiner Broschüren zerteilt ist; mitunter lesen sie zu zwei in derselben Broschüre, der eine von oben, der andere von unten. Alsdann liest einer der Rabbinen die Stelle vor, die sich auf die letzten Augenblicke von Rabbi Schim'on bezieht. Nach dem Kaddisch singen alle Anwesenden laut den „Bar Dochai", eine Art Loblied zu Ehren des berühmten Rabbi. Hernach gibt es Konfitüren, Limonaden und allerhand Erfrischungen. Wenn die Leute bei Geld sind, läßt man Musikanten kommen und bleibt bei Gesang und Tanz sehr lange beisammen. Der Ertrag all dieser Versteigerungen wird zu allerhand Wohltätigkeitszwecken verwendet; denn im Grunde ist jeder Smyrniote von Herzen wohltätig und gutmütig, alle Vergnügungen bieten ihm eine Gelegenhett zum Wohltun, und vielleicht gehe ich nicht zu weit, wenn ich behaupte, daß das Vergnügen oft nur zum Vorwand dient, daß der wahre Zweck dieser Versammlung nur die Wohltätigkeit ist. Ich erwähne bei dieser Gelegenheit eines seltsamen Glaubens, der in Smyrna allgemein verbreitet ist und von dem ich anderswo niemals hörte: Wenn von zwei Zwillingen der eine stirbt, nehmen die Eltern ein Schloß, das sie verschließen und von dem sie absichtlich den Schlüssel verlieren oder an einem geheimen Ort verwahren. Der Aberglaube behauptet, daß der Ueberlebende stirbt, sobald das Schloß geöffnet würde. Anbei eine ziemlich lustige Geschichte: Ein junges Mädchen, das seinen Zwillingsbruder verloren hatte, verheiratete sich, und dem Gatten wurde das berühmte Schloß übergeben. Eines Tages gerieten die Eheleute in Streit; im Aerger drohte der Mann, da er seine Frau nicht zu Vernunft bringen konnte, derselben, daß er das Schloß öffnen und dadurch ihren Tod herbeiführen würde! Diese Drohung beunruhigte die Frau ganz plötzlich, und sie flehte ihren Mann an, das Schloß nicht zu berühren. Inmn Tolstoi über die Indensrage. Der „Ruff. Korr." wird aus Petersburg geschrieben. Graf Iwan Tolstoi, der ehemalige Minister für Volksaufklärung im ersten Witteschen konstitutionellen Kabinet, veröffentlicht soeben im Blatte seines früheren Kollegen, des damaligen Handelsministers Thedorow, „Slowo", einen langen Artikel, in dem er den Charakter und die politische Bedeutung der Judenfrage in Rußland eingehend erörtert. Einer der Trümpfe in den Händen der „Ordnungsritter" und „Vaterlandsretter", schreibt der Graf, sei die Judenfrage, oder richtiger nicht die Frage an sich, sondern das systematische Aufhetzen der Regierung, des Publikums und des Volkes gegen die Juden. „Diese Hetze nenne ich einen Trumpf", weil sie leider einen günstigen Boden findet; einerseits, infolge der uralten Vorurteile, anderseits, wegen der übertriebenen Befürchtungen vor Nirtschaftlicher Konkurrenz". Besonders wird gegenwärtig die Beteiligung der Juden an den revolutionären Bewegungen hervorgehoben, da man daraus ihren verderblichen Einfluß auf das „patriarchalische" russische Volk folgern will. Nun frat sich jedoch, wer daran schuld sei? Dürfe man denn die Stimmung innerhalb der russischen Judenheit in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der Staats- und Gesellschaftsantisemitismus ein wenig nachließ, mit der jetzigen vergleichen — nach einem Vierteljahrhundert gesetzgeberischer und administrativer Verfolgungen, nach einer Reihe von Pogromen, die das patriotische Herz der Nationalisten so sehr erfreuten und die sogar von einem gewissen Teil der Presse unterstützt und befürwortet werden. Die Juden durften wohl hoffen, auf revolutionärem Wege jene natürlichen Menschenrechte erlangen zu können, deren Gewährung ihnen der Staat hartnäckig verweigerte und noch jetzt verweigert. Es war wirklich ein Augenblick — und zwar am 30. Oktober 1905 — wo die besten Hoffnungen zur Tat werden sollten, wo die Gleichberechtigung der Bürger feierlichst verkündet wurde; die Wirklichkeit hat jedoch nur allzubald die Hoffnungen grausam enttäuscht — es sei also alles nur Traum, nur ein augenblicklicher „Schwächeanfall" gewesen. Und wer hat dann von der organisierten Kontrerevolution am meisten gelitten? Hauptsächlich die Juden, in vielen Orten ausschließlich sie, und dabei gerade diejenigen, die mit dem „Aufruhr" absolut nichts zu tun hatten. Es wäre Zeit, daß die patriotische Presse die Hetze gegen die Juden auf diesem Boden einstellte, denn sonst sei es unmöglich, die Judenfrage ruhig zu erwägen, unmöglich, diese einigermaßen unparteiisch zu prüfen und lösen. Eine Lösung sei aber unbedingt notwendig — dies müssen die Freunde wie die Feinde der Juden anerkennen. Während aber die ersteren sich klar darüber sind, in welcher Richtung die Frage schnell zu lösen sei, beeilen sich die letzteren überhaupt nicht mit der Prüfung dieses Problems; offenbar einfach aus dem Grunde nicht, weil sie nicht wissen, wie es zu lösen ist, ohne den Boden des Antisemitismus zu verlassen, während es anderseits kaum möglich erscheint, auf diesem Boden weiter zu gehen. Die Antisemiten verstehen nur. von der alten vielmals widerlegten Motivierung ausgehend, die Beibehaltung der komplizierten Ausnahuiegesetze, die entgegengesetzte Ergebnisse zeitigten, zu verlangen. Die Mißerfolge des „erprobten" Regimes will man durch seine Verschärfung beseitigen! Wie sähen denn jetzt die Verhältnisse aus? Man habe die Juden in den berüchtigten Ansiedelungsrayon getrieben und dazu noch ausschließlich in die Städte, und sie dort einer Unzahl verschiedener Verbote und entwürdigender Daseinsbedingungen unterworfen. und wenn sich die Leute fast instinktiv dagegen sträuben und ihre Unzufriedenheit mit solcher Lage äußern, dann werden sie der Rebellion beschuldigt und entsprechend behandelt. Die Antisemiten werden nicht müde, über die Gefahr zu schreien, die dem russischen Volke von den Juden drohe. Statt einer rationellen Prophylaxis empfehlen sie aber bloß solche Mittel und Maßnahmen, die diese „jüdische Gefahr" nur verstärken müßten. Nur in einem Punkte hätten die Antisemiten recht: solange die Judenfrage bei uns im 8tutu8 quo verharre, seien Unruhen und Exzesse gegen die Juden nicht nur möglich, sondern direkt unvermeidlich, und zwar in Zeiten, die für den Staat höchst unbequem und kritisch wären. Im Interesse der Ruhe, der normalen Entwicklung und des friedlichen Verlaufes des russischen Lebens müßte da Wändel geschaffen werden — denn die bestehende Lage sei unerträglich, und das gegenwärtig herrschende System müsse laut und entschieden von allen, die ihr Vaterland lieben und ihm ein friedliches Gedeihen wünschen, verurteilt werden. In der Judenfrage, so wie in vielen anderen, wenn nicht m allen Fragen, fiele der einzig richtige Standpunkt, auf den man sich stellen sollte, mit dem ethischen zweifellos zusammen; solange Rußland

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