Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Llocb's Mocbenscbrln. Seite 549 von ihm erfundenen eamsra obseura enthält, wurde für den Papst Clemens VI. in das Lateinische übersetzt. Merkwürdig erscheint es, daß in der alten Ausgabe des „Milchamoth", gedruckt in Reva de Trento, Dezember 1560, in einer hebräischen Druckerei, die ihre Entstehung dem Kardinal Christophil Madruz von Trient verdankte, der erste Abschnitt vom fünften Teile über Astronomie ungedruckt blieb und wahrscheinlich heute noch nicht gedrucktest. Vielleicht ist dies der Grund, daß ben Gerson bis heute um seinen Erfinderruhm kam. Keppler wendete viele Mühe au*, um die für den Papst angefertigte lateinische Uebersetzung kommen zu lassen, Pico de Mirandola und Reuchlin nennen sie. Auch ein Werk über Logik und Arithmetik entstammt seiner Feder. Die von Levi erfundene optische Vorrichtung, die wir heute als Kamera kennen, diente ihm zunächst zur Beobachtung der Sonnenfinsternis, späterhin auch noch zur exakten Beobachtung anderer Himmelserscheinungen. Er nannte fie, weil sie aus einem dunklen Raum besteht, in den sich die von äußeren Gegenständen ausgehenden Lichtstrahlen durch eine einzige sehr tiefe Fläche ausbreiten, in Anlehnung an Hiob 12, 22 Megaleh amukoth, Enthüller des Tiefverborgenen. Das von ihm erfundene Meßinstrument „Jacobsstab" besang er in einem Gedicht, das den Titel trägt „Al Ha-Makel". Den Abgeordneten Liebknecht und den Grafen Pückler bringen die „Rechtsgelehrten" der „Lustigen Blätter" aus Anlaß der Verweigerung des Urlaubs aus der Strafhaft, die der sozialdemokratische Abgeordnete zurzeit auf der Festung Glatz verbringt, in eine anmutige Gedankenverbindung: „Dem Liebknecht wird hierdurch eröffnet, daß er aus der Strafhaft nicht beurlaubt werden kann, um an den Sitzungen des Preußischen Abgeordnetenhauses teilzunehmen. Der Liebknecht sollte sich vergegenwärtigen, daß es total gleichgültig ist, ob der 11. Berliner Wahlkreis im Landtag gesetzlich vertreten ist, oder nicht. Den Liebknecht machen wir hierdurch darauf aufmerksam, daß er sich nicht einbilden darf, ähnlich behandelt zu werden wie der antisemitische Graf v. Pückler-Tschirne, der allerdings zeitweilig aus der Strafhaft entlassen wurde. Dem Liebknecht schwebt vielleicht der Fall jenes Sängers vor, der Strafurlaub erhielt, um an einer Opernvorstellung mitzuwirken. Wenn der Liebknecht nachzuweisen vermag, daß er ein antisemitischer Graf ist und daß er den Urlaub zur Beschimpfung Vreußischer Behörden zu benutzen gedenkt, so wird sich über die Unterbrechung der Strafhaft reden lassen. Sollte der Liebknecht inzwischen eine hervorragende Tenorstimme und einen Kontrakt mit einer Hofoper Nachweisen können, so wird die Strafunterbrechung zu erwägen sein. Andernfalls bleibt es bei dem, was wir dem Liebknecht bereits eröffnet haben". Massendiebstahl von Thorarollen. Ein merkwürdiger Vorfall hält jetzt die jüdische Bevölkerung des russischen Städtchens Kamenobrvd in Aufregung. Vorigen Samstag waren, wie gewöhnlich, zahlreiche Juden in der Synagoge zum Gottesdienste versammelt. Als man nach Beendigung des Schachrith-Gebetes zur Verlesung des Wochenabschnittes aus der Thora schreiten wollte, bemerkte der mit dem „Ausheben" betraute Vorsteher zu seinem großen Schrecken, daß die Bundeslade leer und daß aus ihr sämtliche sechs Sifre Thora, die fich noch gestern in ihr befunden hatten, verschwunden sind. Der versammelten Gemeinde bemächtigte fich ein Panikartiges Angstgefühl, einige ältere Männer fielen sogar in Ohnmacht. Da aber die Gemeinde doch die Verlesung der Thora hören wollte, begab man fich in die zweite Synagoge des Städtchens. Gerade als fie die zweite kleinere Synagoge betraten, fanden sie die dort versammelten Betenden vor der gleichfalls leeren Bundeslade stehen, auch hier wurde die Bundeslade ausgeraubt. Man kann fich den Schrecken in der auch sonst geängstigten Judengasse ausmalen. Von den Tätern fehlt vorläufig jede Spur. Geharnischte Sonette. Der ich gebot von Jericho den Mauern: Stürzt ein! und fie gedachten nicht zu stehen; Meint ihr, wenn meines Odems Stürme wehen, Die Burgen eurer Feinde werden dauern? Der ich ließ über den erstaunten Schauern Die Sonne Gibeons nicht untergehen; Kann ich nicht auch fie lassen auferstehen Für euch aus eurer Nacht verzagtem Trauern? Der ich das Riesenhaupt der Philistäer Traf in die Stirn, als meiner Rache Schleudern Ich in die Hand gab meinem Hirtenknaben; — Je höh'r ein Haupt, je meinem Blitze näher! Ich will aus meinen Wolken so sie schleudern, Daß fällt, was soll, und ihr sollt Friede haben. Friedrich Rückert. „Ueber die Zahl 13." Hochgeehrter Herr Redakteur! Auf die über die Zahl 13 und das mit derselben verbundene „Stück Aberglaube" m den „Baseler Nachrichten" gebrachten Ausführungen des Prof. A. Berthold in Basel bemerken Sie in dem Briefkasten Ihrer geschätzten „Dr. Blochs Oesterreichische Wochenschrift", Nr. 29, vom 17. d. M. mit Recht: „Uns Juden ist von alldem nichts bekannt und befindet sich, so viel wir wlffen, nichts darüber in unserem Schrifttum." Ich erlaube mir jedoch darauf binzuweisen, daß dieser Aberglaube, daß die Zahl 13 eine Unglückszahl sei, meiner Meinung nach, von dem Umstande herrühre, daß Jesus Christus Freitag unmittelbar vor ^run na», und zwar am 13. Tage des jüdischen Monats Nissan gekreuzigt wurde. Deshalb ist bei den frommen Christen der Freitag ein Fasttag, der Charfreitag, der einzige 13. Nissan, ein stiller Trauertag, während die Zahl 13 bei den denkfaulen Kindern der Christenheit — und zu unserer Beschämung auch der Judenheit — eine Unglückszahl ist. Für uns Juden aber ist die Zahl 13 entschieden keine unglückliche Zahl. Schon die Heilige Schrift zählt uns 13 Attribute Gottes auf, die uns nack den Weisungen des Talmud Vorbilder der Langmütigkeit und der Vergebung, der Güte und der Barmherzigkeit usw. dienen sollen. Die Maimonidischen Hauptmomente -»ikarim« unseres Glaubens, welche diskutierbare Glaubenslehren und keine Glaubensdogmen sind, führen die Zahl 13. Wir begehen 13 Festtage im Jahre, und zwar: Am Peffach 4 Tage, Schewuoth 2 Tage, Neujahr 2 Tage, Sukkoth 4 Tage und die Krone dieser Feiertage bildet der heilige Versöhnungstag; also wieder 13. Der 13. Tag des Monates Adar, am Tage, an welchem unser Erzfeind, der Großantisemit Hammann mit feiner ganzen Familie den wohlverdienten Untergang gefunden, während unsere Vorfahren vom Lose einer verhängnisvollen Ausrottung gerettet wurden, ist für uns mit Recht ein Freudentag sowie ein Tag, bestimmt zur Betätigung von Liebeswerken. Der 13. Geburtstag unserer Söhne ist für uns Juden gleichfalls ein Tag der Freude und der Danksagung an den gütigen Allvater der Menschenkinder. Dagegen läßt uns jene Zahl 13, bestehend aus der Sonne, dem Monde und den 11 Sternen» von welchen uns der Traum Josefs erzählt, ganz gleichgiltig, weil die Träume Josefs bei seinem Vater, dem praktischen Jakob, nur Mißfallen und Aergernis hervorgerufen. Und so vermag auch die Zahl 13 der Kinder Jakobs unsere Stimmung kaum zu trüben, oder uns an irgend ein böses Omen zu gemahnen, obschon das 13. Kind, die Dinah, der Familie Jakobs viel böses Blut machte, weil das, was der Dinah passiert ist, wohl ein unliebsames Familiendrama, keinesfalls aber ein Nationalunglück war. Dinah erlitt aber die wohlverdiente Strafe, weil sie, obschon die einzige Tochter Jakobs, so wenig vorsichtig war, um sich von einem „Chamor" betören zu lassen. Mit vorzüglicher Hochachtung Jakob Ehrlich. Przemysl. 21. Juli 1808. Das Ghetto von Smyrna. Von den steilen Höhen des Türkenviertels steigt man auf wahren Kletterpfaden und auf einem aller Beschreibung spottenden Pflaster, wo Gebirgsschuhe gute Dienste leisten würden, herab zum Ghetto von Smyrna, dessen Einwohnerzahl auf 20.000 Seelen geschätzt wird. Dieselben sind zumeist spanischer Herkunft und sprechen die Sprache in einem mit Italienisch vermischten Patois. Ihre politische, noch mehr aber ihre materielle Lage hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich gebessert. Früher nur Kleinhandel und das sogenannte »Leraks« (Geldwechsel) betreibend, haben sie sich jetzt auch dem Engros- Geschäft zugewandt und arbeiten selbst in der Exportbranche und wie allerwärts mit Erfolg. Den Bazar kennen sie wie ihre Tasche und wissen in seinen labyrinthischen Gängen und Winkeln jede Ware auftulreiben und an den Mann zu bringen. Als Rajahs der Pforte untertänig, haben sie mit ihren christlichen Mitbürgern derselben Kategorie