Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 Br. Vwch's WochensttzrW. Sette 847 Stellung einnahm. Petitionen mit Hunderttausenden von Unterschriften für die Zulassung der Juden liefen ein. Es war indessen alles umsonst; das Oberhaus gab nicht nach, und das Spiel wiederholte sich in den folgenden Jahren immer aufs neue. Das Unterhaus konnte Rothschild nicht erlauben, seinen Platz ohne den Eid einzunehmen, aber es betrachtete ihn als rechtmäßigen Abgeordneten der City und das Mandat behielt er. David Salomons, der 1851 für Greenwich gewählt wurde, versuchte ohne die Erlaubnis des Sprechers ins Haus einzudringen, wurde hinausgewiesen und „wegen verfassungswidrigen Benehmens" zu 1500 Pfund Strafe verurteilt. 1858 kam der Hader endlich zum Austrag. Widerstrebend willigten die Lords darein, daß jedes der beiden Häuser seinen Eid nach eigenem Gutdünken solle gestalten dürfen, und am 26. Juli 1858 nahm Rothschild den schwer errungenen Sitz im Parlamente endlich ein. Verfassungsmäßig, nicht bloß toleriert, wurde die Gleichberechtigung der Juden indessen erst 1866. In diesem Jahre wurde es chnen gestattet, auch ins Oberhaus einzutreten. Der erste jüdische Peer wurde 1885 kreiert; es ist der Sohn des Vorkämpfers der parlamentarischen Emanzipation. Beiden Häusern gehört seit Jahren eine Anzahl Bekenner des Judentums an; im gegenwärtigen Unterhause sind es sechzehn. Mit dem Eintritt ins Parlament ist theoretisch den Juden natürlich auch die Zulassung zu allen politischen Staatsstellungen gewährt worden. Doch ist in Wirklichkeit noch niemals ein Jude Mitglied des Kabinetts gewesen. Unterstaatssekretäre waren mehrere; auch in der jetzigen Regierung ist ein jüdischer Abgeordneter. Herr Herbert Samuel, Unterstaatssekretär, und zwar im Ministerium des Innern. Der höchste politische Posten, den ein Jude in England bisher erreicht hat, ist der des Solicitor General. Sir George Jessel bekleidete dieses Amt in Gladstones erstem Ministerium. In den Kolonien haben es mehrere jüdische Politiker zu Ministerposten gebracht; Sir Julius Vogel war Premierminister von Neuseeland. Die jüdische Gemeinde Englands wird das Andenken ihrer Emanzipation im Herbst feiern. Die Kunst -es Mohltrrrrs. In der nächster Tage erscheinenden Augustnummer der Süddeutschen Monatshefte veröffentlicht Stadtrat Dr. Karl F l e s ch (Frankfurt) unter dem Titel „Die Kunst des Wohltuns" einen Aufsatz „zum Gedächtnis Charles Hallgartens", des unlängst verstorbenen Frankfurter Philanthropen. Er feiert ihn darin als Künstler im Wohltun, als einen Meister in der Kunst, soziale Schäden zu lindern und Not zu beseitigen. Was gehört dazu, schreibt Dr. Flesch, daß jemand ein Künstler ist? Daß er die Technik vollkommen beherrscht, d. h. daß er alles gelernt hat und auszuüben versteht, was auf dem Gebiet menschlicher Betätigung, in dem er wirken will, erlernt werden kann; daß er die Grenzen genau kennt, die der Stoff, den er bearbeitet, seinem Schaffen auferlegt; und vor allem, daß er „künstlerischen" Geist und Verständnis hat, d. h., daß er Ideale besitzt und den Blick beim kleinsten wie beim größten Werk, an das er Hand anlegt, auf diese Ideale gerichtet hält, damit alle, für die er tätig ist, diesen Idealen näher geführt werden. In diesem Sinn war Hallgarten Künstler und die Kunst, die er übte, war das Wohltun. Nicht das bloße Almosengeben, sondern die Armenpflege im modernen Sinne und darüber hinaus die soziale Fürsorge, durch welche die Heilung gesellschaftlicher Schäden, die Linderung des Loses der unterdrückten Klassen und Rassen vorbereitet werden soll, bis die Gesetzgebung und öffentliche Verwaltung ihr Werk tun oder bis das allgemeine kulturelle Niveau im Land sich zu heben vermocht hat. Und mit dieser Herrschaft über die Technik der Armenpflege verband er auch die über die äußeren Mittel, gewissermaßen den Stoff zur Ausübung seiner Kunst. Wir meinen damit nicht nur, daß er ein reicher Mann war; ein reicher Mann, der »ein Leben im Sinne des schönen Goethe'schen Wortes geführt hat: „Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur, vom Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern; er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher, als er zu reichen fähig ist; immer aber denke er dabei, wie er andere daran will teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die Vermögenden geschätzt, als andere durch sie genießen." („Wanderjahre" 16). Zum Wohltun gehört nicht der persönliche Reichtum. Männer wie Bodelschwingh in Deutschland, Booth in England haben, auf dem allerdings begrenzteren Gebiet der reinen Armenpflege arbeitend, sogar größeres erreicht als Hallgarten, ohne selbst vermögend, geschweige denn reich genannt werden zu können. Aber es genügt auch nicht, wenn man, sei es als Eigentümer, sei es als Vorstand eines Vereines, einer Stiftung u. s. w. die Macht hat, über äußere Mittel zu verfügen, nicht einmal dann, wenn zu dieser Macht, dem „Vermögen", der Wille zum Helfen hinzutritt. Es braucht die überlegene, abgeklärte Ruhe des Urteils, die — in der Armenpflege wie in jeder anderen Kunst — nicht nur Ausfluß der persönlichen Sinnesart, sondern vor allem die Folge der genauen Erkenntnis der Unzulänglichkeit aller schulmäßigen Regeln und Vorschriften ist, ohne die freilich die gewöhnliche handwerksmäßige Ausübung schwer gelingen möchte. Man soll ohne peinliche Prüfung des Falles, ohne Aufnahme eines Fragebogens, strenge Untersuchung aller Verhältnisse in der Wohnung, Nachforschung bei den Arbeitgebern und Bekannten des Hilfesuchenden keine Unterstützung geben. Hallgartcn unterhielt zur Unterstützung der Privatwohltätigkeit, die er selbst und andere ausübten, ein großes Bureau mit geschulten Beamten. Aber er war sich ebenso klar über die Notwendigkeit, von jenen Regeln im einzelnen Fall auch abzuweichen und ohne ängstliche Untersuchung und mißtrauische Nachprüfung der ihm vorgetragenen Tatsachen zu geben, wenn der Fall darnach angetan schien. Und er wußte andererseits auch, daß die Armenpflege, die am einzelnen Fall geübt wird, vielfach mit Notwendigkeit unzulänglich ist; da nämlich, wo der einzelne Fall selbst nur eine Folge des Vorhandenseins allgemein wirkender Verarmungsursachen ist. Solchen allgemein wirkenden Verarmungsursachen kann der Einzelne nicht steuern; sie abzuschwächen ist die Aufgabe, der innere Zweck der gesamten Staatstätigkeit und der unaufhörlich sich vollziehenden, volkswirtschaftlichen Entwicklung. Aber völlig machtlos ist wohl ihnen gegenüber der Einzelne nicht. Er braucht die Notleidenden nicht, wie die moderne Sozialdemokratie, auf ein besseres soziales Jenseits zu vertrösten; und er braucht auch nicht, wie es seitens mancher opferwilliger und gebefreudiger.Wohltäter geschieht, gewissermaßen zu resignieren, sich zufrieden zu geben, wenn er da oder dort augenblickliche Hilfe und vorübergehende Erleichterung schafft. Er kann Einrichtungen ins Leben rufen oder bei ihrer Entstehung Mitwirken, die wenigstens für einzelne Gruppen von Menschen und bezüglich einzelner Uebel vorbeugend wirken und aus deren Wirksamkeit die Erfahrungen gewonnen werden, auf welche allein die Maßregeln der Gesetzgebung und der öffentlichen Verwaltung aufgebaut werden können, durch die das Uebel an der Wurzel gepackt wird. Auf diesem Gebiete liegt das Verdienst aller Meister des Wohltuns, liegt auch das Hallgartens. Wo es galt, Anstalten zu errichten, neue Einrichtungen ins Leben zu rufen. Vereine zum Studium einzelner sozialer Uebel oder Arbeiten zur Erforschung einzelner Probleme ins Leben zu rufen, war er zur Stelle. Gab es doch in Frankfurt keinen diesen Fragen gewidmeten lokalen Verein und in Deutschland keine den Problemen der Armenpflege gewidmete Zentralorganisation, gab es doch in Europa kaum eine zum Wohl seiner Glaubensgenossen errichtete internationale Anstalt, zu deren Förderern er nicht gehört hatte. Und zwar zog er diese Art der opferwilligen Tätigkeit mit Recht derjenigen vor, die sich darauf beschränkt, eine einzelne Anstalt zur Abschaffung eines einzelnen Uebels ins Leben zu rufen und diese dann nach eigenem Gutdünken zu verwalten. Er wollte nicht allein geben; sondern er wollte die andern vermögenden Leute, „seine Klassengenossen". wie der sozialdemokratische Terminus teebnieus lautet, veranlassen, mit ihm zu geben; und er wollte nicht allein in einer von ihm begründeten Anstalt herrschen und verwalten, sondern er wollte die Mildtätigkeit derjenigen in Anspruch nehmen, die mit ihm das Interesse an der Linderung des einzelnen Notstandes teilten. Wollte man seine Tätigkeit mit Schlagworten aus dem politischen Gebiete kennzeichnen, so müßte man sagen, daß er, jedenfalls so weit die Aufgaben der Armenpflege und Wohltätigkeit und der sozialen Hilfeleistung in Frage kamen, nicht Monarchist oder Aristokrat, sondern Demokrat im besten Sinn war. Im Atelier, am Schreibtisch oder im Laboratorium mag der Einzelne, wie der Soldat im Gefecht, „auf sich selber ganz allein stehen". Beim Kampf gegen soziale Schäden wird er, selbst wenn seine geistigen Kräfte und die äußeren Mittel, über die er verfügt, ungewöhnlich groß sind, doch dem Heer von Uebeln und der Vielheit der Ursachen und Verhältnisse gegenüber, mit denen zu rechnen ist, nicht das gleiche leisten können, wie eine Mehrheit von Leuten in gemeinschaftlicher Arbeit. Hallgarten wußte dies; und wenn ihm weder die berufliche Beamtenorganisation des Staates oder der Gemeinde zu Gebote stand, noch die auf Grund religiöser Ueberzeugung geleistete Gefolgschaft von Anhängern und Jüngern, so kannte er dafür die Bedeutung der freien Vereinstätigkeit. Ter Verein, der freiwillige Zusammenkchluß von Leuten, die demselben Ziel zustreben, ist ja nicht nur, wie Jhering glaubt, der Vorläufer des Staates, der das unvollkommen tut. was später der Staat in vollkommener Weise erreichen wird, sondern er hat seine selbständigen Funktionen im Staat und neben dem Staat; er kann, besonders auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, die Ges-tzcebung nicht nur vorbereiten, sondern unter Umständen auch unnötig machen. Frankfurt a. M. Zu Ehren des verstorbenen Philanthropen Charles Hallgarten, dessen Munifizenz die Stadt wie die Bevölkerung von Frankfurt a. M. ganz außerordentliche Zuwendungen zu verdanken hat, hat der Magistrat im Einverständnis mit dem Polizeipräsidium einer neu angelegten Straße den Namen „Hallgarten-Straße" beigelegt.