Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 546 Wr. Vlocb's MscvenscvrM. Nr. 31 Nationalgefühl auch in den Juden des Orients zu wecken. Neben der Landessprache aber erringt das Hebräische eine stets weiter greifende Bedeutung. Die eigentliche Grundlage aller Schulbildung im Orient findet sich in den Kindergärten. Ihrer sind viele vom Hilfsverein ins Leben gerufen worden. Und nun vergegenwärtige man sich den Kindergarten in Jerusalem! Die Kleinen, die dort, in elenden Verhältnissen geboren, zusammeukommeu, sprechen wild durcheinander: spanischen Jargon, deutschen Jargon, arbabisch, bncharisch, persisch, grusinisch, arabisch, marokkanisch, bulgarisch. Das ist wie beim Turmbau zu Babel. Sie lernen zunächst das Hebräische als gemeinsame Sprache, und sie lernen es gut und schnell. Das Hebräische ist in Palästina und in der Türkei bereits wieder zu einer lebenden Sprache geworden. In Haskieu am Goldenen Horn war eine jüdische Schule und sie war in Verfall geraten. Nun liest man einen eingehenden Bericht, wie man, dank der Fürsorge des Hilfsvereins, begann, in dieser Schule das Hebräische nach neuer Anschauungsmethode als gesprochene Sprache zu lehren. „Kaum hatten die Kinder angefangen, ihre Eltern zuhause in hebräischer Sprache zu begrüßen, da trat Freude ein an Stelle der Unzufriedenheit. Die Sprache der Kinder brachte jüdisches Leben ins Haus." Naturgemäß wird es immer schwierig sein, hier die Grenzen zu ziehen; aber man muß mit den vorhandenen Kräften rechnen, will man Kraftentsaltung erzielen. So stehen die programmatischen Worte in diesem Jahresbericht: „Der Hilfsverein organisiert seine Bildungsanstalten nach den Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung, für die sie geschaffen werden." „Die unerschütterliche Grundlage für das Leben der Juden im gesamten Orient ist die Treue zur Tradition." „Für die Erlernung einer Kultursprache ist nicht ein abstraktes Bildungsideal zugrunde zu legen, sondern die lokale Bedürfnisfrage." „Die junge Generation soll heimisch werden in ihrem Geburtslaude; sie soll andererseits auch befähigt sein, bei der Erschließung Asiens, die als eines der großen weltwirtschaftlichen Entwicklungsmomente der Zukunft sich bereits vorbereitet, zu ihrem Teil mitzuwirken." Das Subventionskonto des Hilfsvereins beträgt allein für Palästina rund 77.000 Mark. Kraft dieser beträchtlichen Summe ersteht ein ganz einheitliches Werk. An den Kindergarten schließt sich in gegebener Fortentwicklung die Volksschule an, und da dies Schulen der Aermsten sind, gilt cs, für Kleidung und Beköstigung der Kinder Sorge zu tragen. Denen, die die Volksschule durchgemacht, steht die Handelsrealschule und das Lehrerseminar offen, es fehlt nicht au einem Mädchenwaisenhause, einer jüdischen Zentralbibliothek, einem Verein für Kuustgewerbe, einer Musterfarm. All diese Anstalten arbeiten ineinander. Die jungen Zöglinge des Seminars verbringen ihre Ferien auf der Musterfarm, um gleichzeitig die Landwirtschaft zu erlernen. Sie werden, einmal Lehrer geworden, auch ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse den Gemeinden dienstbar machen. Und wenn ein Festhalten an der jüdischen Tradition diese Schulen kennzeichnet, so erfüllt sie gleichzeitig ein ganz moderner Geist. Der Unterricht findet ausschließlich nach Herbartscher Anschauungsmethode statt, die Kindergärten werden nach Fröbelschen Prinzipien geleitet. Und darum scheint mir die hier angebahnte Kultur sehr deutsch, auch wenn nicht immer die deutsche Sprache in den Vordergrund gerückt werden kann und soll. Nun begreift man freilich die Bedeutung des Aufsatzthemas in dem jüdischen Lehrerseminar zu Jerusalem und was das Goethewort den so geschulten Zöglingen zu geben vermochte; und man wähnt, in das Entstehen einer neuen Kultur Einblick zu haben. Sie erblüht fast unmerklich, wie alles organische Wachstum. Das ist anders, als wenn ein Kriegsschiff Anker wirft, eine Schaluppe aussetzt, die Flagge hissen laßt und so „Besitz ergreift". Es ist eher das anspruchslose Schreiten des Säemannes über die Felder. Es scheint auch charakteristisch, welcher Art die Bildung ist, welche die beiden Männer, die den Hilfsverein deutscher Juden ins Leben gerufen haben und leiten, zu diesem eigenartigen Kulturbernf mitgebracht haben. Sie gingen* beide von künstlerischen Bestrebungen aus. James Simon ist als Kunstkenner und- -Sammler über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, Paul Nathan hat sich als ausgezeichneter Essayist hervorgetan. Ich kann darin nichts Zufälliges erblicken. In jedem großen Organisationswerk, in einer Kulturarbeit, wie sie hier begriffen wird, ist künstlerische Betätigung. Für den Hilfsverein selbst bedeutet das Kulturwerk, von dem ich sprach, nur einen geringen, nicht einmal den wesentlichen Teil seiner Leistungen. Man weiß, wie Großes er bei den Judenverfolgungen in Rußland und in Rumänien gewirkt hat, wie er den Beraubten die Häuser wieder aufgebaut und die Feuerstätte neu bereitet hat. Im Mittelpunkt seiner Fürsorge aber stehen die unglücklichen Auswanderer, zu deren Gunsten allein etwa 400.000 Mark im laufenden Jahre verausgabt wurden. Der Verein berät sie in der Wahl des Reiseziels, er sorgt für die Ueberfahrt, er gewährt ihnen Obdach, er speist die Hungernden, er kleidet die Entblößten, er heilt die Kranken. Und indem man das niederschreibt, vergegenwärtigen sich einem die Worte des Neuen Testaments, und man sagt sich, daß sie das Nämliche heischen. Me Gman;ipa1io«l der englischen Inden. Wie schon mitgeteilt wurde, erinnert sich die Gemeinschaft der Juden in England in diesen Tagen eines denkwürdigen Ereignisses: Am 26. Juli sind es fünfzig Jahre, seitdem der erste Jude einen Sitz im Parlament einnehmen durfte. Ueber die Umstände, unter denen sich der Eintritt des Barons Lionel de Rothschild, des Vaters des noch lebenden ersten Lords dieses Namens, in das Unterhaus vollzog, wird uns aus London noch folgendes geschrieben: Rothschild war, als er nach harten Kämpfen endlich zur Ausübung seines Mandats zugelassen wurde, bereits elf Jahre Abgeordneter der City von London. Obgleich ihn dieser besonders wichtige Wahlkreis.immer aufs neue ins Parlament sandte, hatte er bis dahin nicht die Schranken des Hauses überschreiten dürfen. Der formelle Hinderungsgrund war der Eid der Abgeordneten, in dem die Worte Vorkommen „Auf den wahren Glauben eines Christen". Gleichzeitig mit Rothschild kämpfte ein anderes angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde um den Eintritt ins Unterhaus, Alderman David Salomons, der 1851 für Greenwich gewählt wurde. Der Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden dauerte damals schon Jahrzehnte. Begonnen hatte er 1829 in dem Augenblick, wo die Katholiken endlich nach so vielen Generationen fruchtloser Bemühungen die Gleichstellung errungen hatten. Schon 1830 kam eine Privatbill, die die Emanzipation der Juden einsühren wollte, vor das Unterhaus. Sie wurde abgelehnt, weil die Tories fürchteten oder zu fürchten Vorgaben, daß mit der Zulassung der Juden die Gesetzgebung, entchristlicht werde; Peel und der junge Gladstone waren unter der Mehrheit, die das Gesetz verwarf. Schon 1833 aber nahm das Unterhaus, das mittlerweile durch die Reform des Wahlgesetzes einen ganz anderen Charakter bekommen hatte, eine Bill an, die die jüdischen „disabilities“ abschaffte. Sie wurde vom Oberhause abgelehnt und das Gleiche geschah in den folgenden Jahren mehrere Male; die Gemeinen wollten die Juden zulassen, die Lords lehnten sie ab. 1847 wurde, wie schon erwähnt, Lionel de Rothschild zum ersten Male für die City gewählt. Um ihm die Ausübung des Mandats zu ermöglichen, brachte der Premierminister Lord John Russell selbst die alte Bill aufs neue ein. Dafür waren jetzt auch die hervorragendsten konservativen Politiker, unter denen der zum Christentum übergetretene Jude Disraeli bereits eine führende