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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-24 · 30 (24.7.1908) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 542 Dr. Lwcd s Mocbenscbrlrr. Nr. SO zimmer . . . Alten Männern wurden Arme ausgerenkt; Brüste wurden von schmutzigen Stiefelabsätzen zertreten. Viele verbrannten bei lebendigem Leibe. Das Grauen dieser Vorgänge schwebte nachher eine lange Zeit über dem Lande, wie ein in Erfüllung gegangenes Alpdrücken. In den Flammen des Pogroms schmiedete aber die Weltgeschichte ein neues Glied für die Kette der unabwendbaren Zukunft. . . . Zwei Menschen hielten sich in einem finsteren Keller versteckt: ein alter Mann und sein Sohn, ein Gymnafiumschüler. Es war gefährlich, oben in der Wohnung zu bleiben. Die Dienstboten waren fortgelaufen. Es war beiden so ängstlich zumute, als fie abends die Wohnung verließen und die steile, geländerlose Treppe in den Keller herabstiegen. Der Alte ging nochmals hinauf, um die Gummischuhe seines Sohnes zu holen und die Haustüre zu öffnen; er wollte den Anschein erwecken, daß die Hausbewohner in Eile fortgelausen seien. „Papa?" sagte der Gymnasiast, als der Alte wieder herabstieg, und da begriff der Vater erst, wie gefährlich die Lage ist. Er neigte seinen Kopf bejahend; er sah so in sich gekehrt und ernst aus, wie man es nur unter dem Eindrücke eines großen Schmerzes sein kann. . . . Dann kam noch ein Dritter in den Keller; es war ein älterer Kaufmann. Er kam ganz unerwartet, und seine beleibte Figur schien ein Stück der Finsternis zu sein. Der Gymnasiast wollte ihn in der Angst mit seinem Taschenmesser überfallen; der Neuankömmling erkannte aber den schmächtigen Knaben, wchrte seine Hand von sich ab und begann zu weinen, aber nicht vor Angst, sondern, da er sich außer Gefahr wähnte. „Ich habe einen Sohn, der so alt ist, wie Sie?" sagte er unter Tränen. Er holte tief Atem, dachte nach und verbesserte sich: „Wie Du!" Der Hausherr faßte den Kaufmann am Arm, beugte sich zu ihm herüber und flüsterte: „Pst . . . Man kann uns hören." m Der Kaufmann sah es sofort ein und gab dies durch eine Haudbewegung zu erkennen; diese Bewegung blieb aber im Finstern unbemerkt. Man stand auftecht und wartete. Manchmal raschelte etwas. Man hörte ein gleichmäßiges, waches Atmen. Das Gehirn kann sich im Finstern an solche Geräusche nicht gewöhnen. Sie standen auftecht und horchten. Vielleicht schliefen fie auch — niemand weiß es. Die Flügel der Zeit schlugen irgendwo jenseits der Finsternis und berührten sie nur zeitweise. Dies war deutlich wahrnehmbar und bedrückte schwer den Sinn. Nachts — es ist wohl inzwischen Nacht geworden — kamen zwei neue schleichende Gestalten. Man konnte sie im Finstern nicht erkennen; ihre Stimmen verrieten aber, daß es juuge Menschen waren. Sie spürten, daß noch andere Menschen im Keller verborgen find, und gingen vertrauensvoll, wie Kinder zu ihrer Mutter, auf fie zu. „Seid ihr es?" ftggte einer der Neuankömmlinge, und seine Stimme schien für einen Augenblick im Finstern aufzuleuchten. „Ja, wir," erwiderte der Gymnasiast; „fürchtet nichts!" „Pst ... daß man uns nur nicht hört," versetzte der Hausherr, die Hände der beiden Neuen ergreifend. Sie drückten sich dicht an die Wand. Einer von ihnen rieb sich die Stirne mit der Hand. „Was ist das?" flüsterte der Gymnasiast. „Blut." „Nette Dinge," sagte der andere, „nette Dinge gehen da vor." Dann schwiegen sie alle. Der Verwundete drückte sich ein Taschentuch an die Stirne und stand ruhig da. Und dann trat wieder die dichte Stille, die für die Zeit undurchdringlich ist, ein. Wieder waches Atmen. Ein Jeder war in seine Gedanken vertieft und suchte in diesen Gedanken sein Leben, sein kostbares Leben zu verbergen. Dieses Schweigen war so sonderbar und ungewohnt und glich nicht jenem Schweigen, das manchmal in einem finsteren Zimmer über der Erde herrscht: jenes Schweigen saust und klingt und ist voller leiser, säuselnder Stimmen. Hier im Keller war aber das Schweigen vollkommen stumm; alle Stimmen waren verschwunden, und nur manchmal hämmerte etwas ganz leise im Innern des Schädels, in der Gegend der Schläfe. Schloß man die Augen, so sah man keine grünen Kreise, wie dort oben, sondern dunkelgelbe Flecken vor sich. Manchmal verwischte sich jede Grenze zwischen den Empfindungen, und dann deckte sich der Eindruck des leisen Hämmerns mit dem Eindrücke der dunkelgelben Flecken: beide Empfindungen verschmolzen völlig miteinander. Das Lebensgefühl rollte sich aber zusammen, bebte und vibrierte wie eine Uhrfeder . . . Ein weißlicher Schein fiel auf die Decke des Kellers. Der Gymnasiast war eingeschlafen, die anderen Vier wachten aber; sie bemerkten den Lichtstreifen an der Decke und starrten gespannt hinauf. Sie starrten so eine halbe Stunde lang, und ihre Stirnmuskeln begannen zu schmerzen. Dann wurde es allen klar, daß dies das Morgengrauen ist, welches durch ein kleines Fenster in den Keller dringt. Der Alte begann zu erzählen, und seine Stimme klang so ausdruckslos, als ob die Finsternis ihren Klang gedämpft hätte: „In diesem Hause bin ich geboren, und ich bin hier auch ausgewachsen. Ich liebte stets diesen Keller. Im Sommer um zwei Uhr Nachmittags fällt durch dies kleine Fenster da ein Sonnenstrahl, ein „verstaubter Strahl", wie ihn mein Bruder nannte. Ich kann mich noch besinnen, wie er mit seiner mageren Hand nach den Sonnenstäubchen griff. Nun ist er tot. Dann kam ich auch allein her und saß hier oft stundenlang, während man mich oben im ganzen Hause suchte. So saß ich da und starrte in den verstaubten Sonnenstrahl. Im Sommer ist es hier so kühl und angenehm. Hier in dieser Ecke, da pflegten Zwiebeln zu wachsen; man hatte fie hier noch im Winter liegen lassen. Sie hatten so gelbe Blätter. Hier in dieser Ecke war es. Nun werden wir hier alle sterben, ich weiß es ganz bestimmt." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als man von draußen her eilige, scheue Schritte vernahm; ein schlanker Mann in Hemdärmeln und eine junge Frau, die einen Säugling im Arme hatte, erschienen im Keller. In dem spärlichen Morgenlicht konnte man ihren Gefichtsausdruck, der fürchterliche, wilde Angst verriet, erkennen. „Hierher! Hierher!" flüsterte der Mann. Seine Unterlippe hing schlaff herab und ließ seine Zähne und Zunge sehen. Er begann ruhelos im engen Keller herumzulaufen und weckte so wieder das Angstgefühl in den halbwegs beruhigten Seelen. Sie spürten alle wieder die drohende Hand des Todes. „Man ist uns nachgelaufen, man sucht uns," sagte die Frau. Sie kauerte auf dem Boden und begann ihr Kind einzulullen. Ihre Füße waren nackt und steckten lose in den Schuhen; ihr Körper war nur schlecht von der unordentlichen Kleidung verhüllt; er schimmerte im Halbdunkel in grellen, weißen, unheilkündenden Flecken; man mußte unwillkürlich an Leichen denken. „Man wird euch hier nicht finden, aber verhaltet euch um Himmels willen still. Sie sind jetzt auf dem Nachbarhofe. Um Himmels willen, still!" Der Verwundete ergriff die Hände des Hausherrn und des Kaufmannes; der Kaufmann — die Hand des Mannes in Hemdärmeln. Sie bildeten so einen Kreis und starrten die Mutter mit dem Kinde an . . . Die Mutter mit dem Kinde! . . . Da vernahm man auf einmal einen sonderbaren, unheilkündenden Laut, der aus der nächsten Nähe zu kommen schien. Seine Bedeutung war sofort allen klar, doch niemand wollte dem ungeheuerlichen Gedanken trauen . . . Dieser Laut wiederholte sich: es war das Kind, das schrie. Der Kaufmann machte ein freundliches, liebevolles Gesicht und sagte: „Das Kindchen" ... Er kam nicht weiter: das Grauenhafte machte ihn erbeben, und er wandte sich schreckerfüllt an die Mutter:

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