Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr-30 Dr. Lloed's MocdenscbrM. «eite uz „Liebe, beruhige dein Kind! Liebe, es wird uns sonst alle ausliefern ..." Das Kind begann noch lauter zu schreien, als ob es einen unerträglichen Schmerz verspüre. Im Halbdunkel des warmen Kellers tönte dieser Schrei wie ein Todesurteil. Er nahm allen den Atem und beklomm alle Kehlen. Die Mutter begann mit dem Kinde auf und ab zu gehen, lullte es ein und sprach zu ihm. Ihr Tuch war herabgeglitten und ließ ihre mageren, mädchenhaften Arme sehen. „Weine nicht! Schlaf doch, mein Goldkindchen! ... Ich bin ja deine Mama! . . . Mein Herzchen ..." Alle wichen ihr aus dem Wege, von der gleichen Ehrfurcht vor einer Mutter, die ihr Kind zu beruhigen sucht, erfaßt. „Weine nicht, schlaf' doch ein, mein Lämmchen! . . . Eia-popeia . . . schlaf . . . schlaf' . . . mein Kleinchen . . ." Sie flehte ihr Kind an, sie versuchte, es zu hypnotisieren. Das Kind schrie aber immer lauter und eigensinniger . . . Die Stimme und der Gefichtsausdruck der Mutter schienen es noch mehr zu ängstigen. Da durchzuckte ein ungeheuerlicher wilder Gedanke die Seele der Mutter; es schien ihr, als ob sie diesen Gedanken in den unbeweglichen Gesichtern der sie umgebenden Fremden lese. Und die unglücklichen abgehetzten Männer hatten sofort erraten, welchen Gedanken sie ihnen unterschiebt. Sie lasen diesen Gedanken in der unsagbaren, tränenerfüllten Zärtlichkeit, mit der sie sich wieder zu ihrem Kinde wandte: „Schlaf, Kindchen, schlaf . . . An deinem Bettchen . . . Er schläft gleich ein!" — sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln zu den Männern. „Ich kenn' ihn ja gut: es ist immer so, er schreit zuerst ein wenig, dann schläft er sofort ein. Es ist ja ein ruhiges Kind." Ein neuer dumpfer Lärm drang von der Straße herein. Dann krachte etwas so laut, daß die Luft erbebte. „Man sucht uns," flüsterte der Gymnasiast und zog, ganz sinnlos, seine Gummischuhe aus. Das Kind schrie aber immer lauter und lauter . . . „Es wird uns alle umbringen!" sagte einer der Männer. Die Mutter gab flüsternd Antwort auf den schrecklichen Gedanken, der ihre Seele durchzuckt hatte: „Ich gebe es nicht her . . . nie!" „Mein Gott!" sagte der Kaufmann und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der Hausherr batte den Pelzkragen seines teuren Mantels aufgerichtet und kehrte sein Gesicht zu der Wand. Man sah nur einen Teil seiner ungekämmten, zerzausten grauen Haare. Der Mann in Hemdärmeln starrte das Kind unverwandt an. Seine Unterlippe hing herab und ließ sein blasses Zahnfleisch sehen. Die arme Mutter war von den schrecklichen Gedanken erdrückt, sie kämpfte mit ihnen und begann ihr Bewußtsein zu verlieren. „Ich kenne dich nicht!" sprach sie zu dem sie anstarrenden Mann, und ihre Stimme klang voll Wut. „Wer bist du? Was willst du von mir?" Sie ging auf die anderen Männer zu, doch sie wichen ihr ängstlich aus. Das Kind schrie immer lauter und gellender. „Gib's her!" sagte der Kaufmann, der am ganzen Körper bebte. „Gib's her! Mich lieben die Kinder." Er begann mit seinen trockenen Lippen zu schnalzen. Die Mutter hatte ihr Gesicht über das Kind gebeugt, ihr schwarzes Haar hing wie ein Schleier herab. „Gott sieht ja alles!" wiederholte sie mit ihrer wütenden, halb wahnsinnigen Stimme. Die Erwähnung von Gott nahm sich so sonderbar bei ihrem schmutzigen, schläfrigen Gesicht aus. Plötzlich wurde es dunkel: es war klar, daß jemand draußen vor dem Kellerfenster steht und horcht. Dieser so unerwartet hereingebrochene Schatten ließ alle Herzen stocken; es war klar, daß die Gefahr unentrinnbar ist und daß man keinen Augenblick verlieren darf. Die Mutter wandte sich um. Sie erhob sich auf ihren Zehenspitzen und reichte mit hocherhobenen Armen ihr Kind dem Kaufmann herüber. Es schien ihr, daß sie in diesem Augenblicke ein ungeheures Verbrechen begehe . . . daß sie für alle Ewigkeit verflucht sei . . . daß sie in einen gähnenden, schwarzen Abgrund stürze . . . daß man ihr den Kopf umgedreht habe. . .. Da geschah ein Wunder: sobald das Kind die warmen und liebevollen Arme des Kaufmanns spürte, wurde es sofort still. Die Mutter aber hatte diese plötzliche Ruhe mißverstanden. Ihr Haar wurde in einem Augenblick ganz grau, als ob man es mit irgend einer Säure überschüttet hätte. Und in dem gleichen Augenblick, als das Kind verstummte, ertönte ein neuer, grauenhafter, wahnsinniger Schrei. Das ergraute Weib blieb wie versteinert auf den Fußspitzen stehen und schrie unmenschlich, durchdringend, unheilbringend. . . . Niemand hatte diesen plötzlichen Anfall von Wahnsinn erwartet. Der Gymnasiast wurde ohnmächtig. * q- * Später erzählten die Zeitungen, wie sechs Männer und ein Kind vom Pöbel in einem Keller abgeschlachtet wurden. Die Frau blieb am Leben, da sie durch ihren Wahnsinn und ihr sonderbares Aussehen (sie war erst sechsundzwanzig und doch ganz ergraut) selbst den Mördern unsagbares Grauen einflößte. Reue Bücher. XV. Jahresbericht der Israelitisch - theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1907/1908. Voran geht: Laraltha di — Mlecheth ha — Mischkan. Tann attischer Kommentar zu den Vorschriften über den Bau des Heiligtumes und das Lager Israels in der Wüste. (II. B. M. Kap. XXV ff. und IV. B. M. Kap. IV und Kap. X.) Kritisch beleuchtet und erläutert von Lektor M. Friedmann. Verlag der I s r a e l.-t heol. Lehranstalt in Wien, 1908. Palästina. Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Herausgegeben vom „Verlag Palästina". München, Pettenkoferstraße 25. Preis im Inland und Oesterreich 2 */a Mark, Ausland 3 Mark pro Jahr. V. Jahrgang, Nr. 4. Inhalt: Dr. med. Rahel Straus: Frauenarbeit in Palästina. — Pastor Eberhard: Die Bedeutung der Palästinaforschung für die Bibel. — Dr. Josef Carlebach: Ein jüdisches Lehrerseminar. — Vom Herzlwald. — Mitteilung der Palestine Land Dovelopement Co. — Neue Wege. — Aus den Hauptstädten. — Aus den Kolonien. — Aus der Schulwelt. — Handel und Verkehr. — Umschau. — Personalia. — Literarisches. — Briefkasten. Driefkastr«. Dr. I. Eisenberg in Waidhofeu a. d. Th. Auf Ihren Wunsch geben wir bekannt, daß es in Ihrem Artikel „Die samaritanische Ausgabe des Buches Josua" statt „Jakulu" — „Jakubi" und statt „Taalihi" „Taalibi" heißen soll. I. Sch. Nichts gezogen. Josef Kurz. Hiefür bedarf es keiner öffentlichen Propaganda. Rabbiner Berisch Winter, Wien. Ihre Bemerkungen zu dem Artikel: „Eine interessante rabbinische Frage" unter Heranziehung von Sanhedrin 30». und mehreren Response» find gewiß interessant, entsprechen jedoch nicht dem Rahmen unseres Blattes. R. B. Phil. „Religion Privatangelegenheit" ist ein sozialdemokratischer Programmpunkt, von welchem die „Arbeiter-Zeitung" nur dem Judentum gegenüber keinen Gebranch macht. Nach dieser Richtung sucht sie die Konkurrenz mit dem „Deutschen Volksblatt" zu bestehen. Dr. F. Wir notieren gern Ihren Hinweis auf eine auf das Wesen wie auf die Wirkung des (Kadifch Jasaum) Kadisch der Waisen dezughabende sehr interessante Aeußerung des R. Abr. Hurwitz in seinen „Jesch Nochlin". B. S. Plinius weiß zu berichten, daß Nero an Kurzsichtigkeit gelitten; bei den Gladiatorenkämpfen konnte man beobachten, daß er sich eines kunstvoll geschliffenen Edelsteins, eines großen Smaragden, bediente, um den Schauspielen zu folgen. Zur Geschichte der Brille die für die heutige Menschheit eine so große Bedeutung gewonnen hat, bringt die italienische Zeitschrift „Moments illustrato" einige interessante Daten bei.