Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 80 Vr. VLoch's Wochrnfchrist. Sette 539 es wäre, im Falle des Bedürfnisses die anderen Körperschaften zu speziellen Konferenzen zusammenzurufen. Die Herren Doktor Lach mann und Dr. Blau vom Hilfsverein haben diesem Projekte zugestimmt. Auf den Antrag des Vorsitzenden, der insbesondere von Dr. Gaster lebhaft unterstützt wurde, wurde beschlossen, von weiteren Kommisfionsberatungen in der Angelegenheit abzusehen und den Vorschlag Jakob Schiffs zu akzeptieren. Es soll der Wunsch ausgesprochen werden, daß für England nicht die „Anglo Jewish Association", sondern das sogenannte „Conjoint-Komitee" als Zentralstelle betrachtet werden möge. Damit ist wohl der in letzter Zeit vielfach befürwortete engere Zusammenschluß und insbesondere die Schaffung einer Art internationalen jüdischen Zentralkomitees als erledigt anzusehen. London. Der „Manchester Courier" hatte Minister Churchill beleidigt und war zu 300 Lstr. Buße an den Minister verurteilt worden. Der Minister spendete diesen Betrag dem jüdischen Spital in Manchester, eine Handlung, die von der vorurteilslosen Gesinnung des Ministers ein glänzendes Zeugnis ablegt. Rothschild als Postillon der Königin von England. Vor Kurzem erschien in London eine aus drei Bänden bestehende Sammlung „der Briefe der Königin Viktoria", die in der Weltpresse lebhaft besprochen wird. In dieser Sammlung wird auch darauf hingewiesen, daß König Leopold, der mit seiner königlichen Nichte in stetem Briefwechsel stand, im Jahre 1841, in einem Briefe an die Königin den Verdacht aussprach, daß ihre Korrespondenz durch einen dritten Unberufenen geöffnet werde. Nachdem die Königin den Kanzler Palmerston ausgefragt hatte, versicherte Königin Viktoria ihren Onkel, daß sein Verdacht unbegründet sei und fügte hinzu: „Meine Briefe nach Brüssel und Paris gehen ganz sicher und die Briefe nach Deutschland, die von irgend einer realen Bedeutung sind, sende ich immer durch Rothschild, der durchaus verläßlich und sehr pünktlich ist." Im selben Briefe kommt die Königin auf den Besuch der Rachel zu sprechen. „Wir und überhaupt Jedermann hier ist ganz entzückt von Mme. Rachel; sie ist vollkommen st xais ein sehr hübsches bescheidenes Mädchen. Sie wird nächsten Montag Abend im Schloß Windsor deklamieren." Juden in der englischen Armee. Der Londoner Rabbiner Adler macht infolge eines Vorschlages, ein eigenes jüdisches Detachement in der Territorialarmee zu bilden, darauf aufmerksam, daß die Juden in allen Waffengattungen des englischen Heeres bereits stark vertreten find. Herr Adler sagt: Es ist durchaus unwahr, daß die Juden in militärischer Beziehung gleichgiltig seien. Meine Berichte über das Jahr 1907 ergaben, daß sich in der Flotte und in der regulären Armee nicht weniger als sechzig jüdische Offiziere, und in der Ieomanry und den Volunteers mehr als hundert Offiziere und über achthundert Mann jüdischen Glaubens befanden. Die Juden stellen einen weit höheren Prozentsatz zu der Armee, als die übrige Bevölkerung. An dem südaftikanischen Kriege nahmen nicht weniger als dreitausend jüdische Soldaten in der regulären Armee und in den Hilfstruppen teil. In der Zentralsynagoge wurde ein Denkmal enthüllt für hundertsechzehn jüdische Soldaten, die im Kriege ums Leben kamen. Der Vorschlag, ein Londoner jüdisches Regiment zu bilden, wird bei uns auf heftigsten Widerstand stoßen, weil wir ernstlich wünschen, in andere Regimenter ausgenommen zu werden und nicht als ein abgesondertes Regiment zu dienen. Der englische Jude ist außerordentlich bestrebt, die Privilegien und die Pflichten des Reiches zu teilen, dessen Bürger zu sein er stolz ist. Rücktritt getaufter Juden iu Rußland. Laut dem offiziellen Berichte des Kiewer Gouvernements, sind im -Gebiete dieses Gouvernements seit dem Tage, an welchem das Gesetz über die Glaubensfreiheit erlassen wurde, zusammen 59 Juden, die früher zum Christentum übergetreten waren, wieder zum Judentum zurückgetreten, und zwar im Jahre 1906: 38, 1907: 18 und im Jahre 1908: 5 Personen. Rur ein Jude oder ein Deutscher wird ausgenommen Ein äußerst charakteristisches und intereffantes Inserat war dieser Tage in dem führenden Organ der russischen Reaktionären, der „Nowoje Wremja", zu lesen: „Gesucht wird ein Korrektor, der seine Arbeit gut versteht und lange in Redaktionen praktiziert hat. Gehalt 40 Rubel per Monat. Befähigter erhält bald Zulage. Die Redaktion ist wohl eine russische, doch wird ein Jude oder ein Deutscher, Russe, nur in dem Falle, wenn er nachweislich kein Trunkenbold ist, ausgenommen." Ob der berüchtigte Chefredakteur der „Nowoje Wremja", der seinerzeit die wütendsten Artikel über die angebliche Trunkenheit der Juden veröffentlichte, dieses Inserat vor der Drucklegung gesehen haben mag?! Dr. Alexander Marmorek in Amerika. In der letzten Sitzung der Exekutive der „Federation of American Zionists" berichtete der Vorsitzende unter Anderem, daß der bekannte Pariser Bakteriologe Dr. Alexander Marmorek, einer der ältesten zionistischen Führer, anläßlich des in nächster Zeit in Washington abzuhaltenden, internationalen Tuberkulosenkongreffes nach Amerika kommen werde. Die Federation hat beschloffen, Dr. Marmorek einzuladen, an einigen ihm zu Ehren zu^veranstaltenden Festversammlungen teilzunehmen und das Wort zu ergreifen. Gleichzeitig beschloß die Federation, in den wichtigsten, zionistischen Zentren Amerikas eine Aktion behufs würdigen Empfanges des gelehrten Gastes einzuleiten. Die Karriere eines Oesterreichers. Die Great Synagogue in Sidney (Neu-Süd-Wales) hat vor kurzer Zeit den aus Oesterreich stammenden Josef Mesfinger zum Oberkantor erwählt Herr Mesfinger, der erst 27 Jahre alt ist, hat vom Jahre 1897 bis 1900 in der Jefchibah des Rabbiners Dr. Breuer in Frankfurt a. M. studiert, besuchte dann während zweier Jahre das Raffsche Konservatorium. Vom Jahre 1903 bis 1907 hatte er die Stelle des ersten Kantors in einer Berliner Vorstadtsynagoge inne. Diese Stelle mußte er verlassen, da er nach preußischem Gesetze als Ausländer keine Aussicht auf definitives Engagement hatte. Von hier ging er nach London, wo er in der New West End Synagogue als erster Kantor große Erfolge erzielte. Von hier wurde er unter Zusicherung eines großen Gehaltes nach Sidney berufen. Vermischtes. Professor Dr. Eduard Spiegler gestorben. Ein wegen seines bescheidenen Wesens und tüchtigen wiffenschaftlichen Könnens sehr geschätztes Mitglied der Wiener medizinischen Fakultät, der außerordentliche Profeffor für Hautkrankheiten Dr. Eduard S p i e g l e r, ist am 20. d. M. vormittags im Alter von 45 Jahren in Gainfarn gestorben. Ursprünglich chemische Studien betreibend — er erwarb sich auch das Doktorat der Philosophie — wandte sich Spiegler später der Medizin zu und wurde nach Erreichung des medizinischen Doktorgrades zuerst Hospitant, später Assistent der dermatologischen Klinik des Hofrates Kaposi. Noch bei Lebzeiten dieses hervorragenden Diagnostikers verließ Spiegler die Klinik und übernahm die Leitung der poliklinischen Abteilung für dieselbe Disziplin, eine Stelle, die er bis zu seinem Tode innehatte. Die wissenschaftlichen Arbeiten des Verstorbenen, deren Zahl keine geringe ist, erregten immer das größte Jntereffe der Fachgenoffen und machten seinen Namen in der internationalen Gelehrtenwelt bekannt. Spiegler, der sich auch einer ausgedehnten, ärztlichen und konfiliaren Praxis erfreute, hatte in Patientenkreisen den Ruf eines stets hilfsbereiten, liebenswürdigen Arztes.