Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Blocb’s MocbenscdrLtt. Seite 631 Cohen nennt Maimuni den „ewigen Lehrer Israels" Es ist dies nicht nur Wunsch und Prophezeiung, es ist ein historisches Urteil. Wollte man, wenn es möglich wäre, nur jene zählen, die in dem abgeschlossenen Düster der Judengasse an dem klaren Lichtquell des More nebuchim für selbständiges Denken und Forschen sich den Blick geschärft haben, es würde eine stattliche Schar ergeben. Wie er ein Jugendstudium Spinozas gebildet hat, dessen Gottesbegriff übrigens, nach Cohen (93), an Konsequenz hinter dem Maimunis zurücksteht, — wie Mendelssohn, der Ueberlieferung nach, sich an ihm krumm gelesen, — wie der irrlichterirende Salomon Maimon keine höhere sittliche Autorität gelten läßt, als Maimuni, bei dessen Namen er die heiligsten Gelübde ablegt, aus dessen Worten er die Stimme der Wahrheit selbst zu hören meint und zu dessen Geistesbruderschaft er sich durch die Wahl seines Familiennamens bekennt, — so hat dieses, wir möchten sagen, durch Cohen neu entdeckte und aktuell gewordene — gelegentlich gegen Lazarus so scharf in Schutz genommene — Buch auch auf arabische Kreise, vor allem aber auf das christliche Abendland eingewirkt. Cohen selbst würdigt kurz (in „Ethik und Religionsphilosophie" und „Ethik des reinen Willens") den großen Einfluß Maimunis in der Frührenaissance auf den ersten wissenschaftlichen deutschen Philosophen, den Kardinal Nicolaus von Cues. „Damit ist auch die Richtung im Einklang, durch welche Kant die protestantische Theologie vertieft hat, indem er sie als Ethiko-Theologie forderte, als Gotteslehre, gegründet auf Ethik; nicht umgekehrt" (Ethik und Religionsphilosophie 20). Diesen Einfluß Maimunis im Einzelnen, zunächst auf die Scholastik, darzustellen, hat der Spezialist dieses Gebietes, JacobGuttmann, übernommen. Während bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts in der christlichen Philosophie der (Neu-)Platonismus der Kirchenväter, vor allem Augustins, vorherrscht, kommt mit dem Beginn des dreizehnten durch Vermittlung jüdischer Uebersetzer, teilweise unter Einwirkung Friedrich II., Aristoteles stärker in Aufnahme, um nach kurzer Frist als Norm der Wahrheit zu gellen. Gar bald entbrannte zwischen den Verfechtern des großen Heiden, z. B. in der Lehre von der Weltewigkeit und der Dogmatik der Kirche ein Widerstreit, den äußere Maßregeln, wie der Bann gegen die naturwissenschaftlichen Schriften des Stagiriten (auf der Provinzialsynode zu Paris ergangen, von Gregor IX. erneuert) ebensowenig aus der Welt zu schaffen vermochten, als die Lehre von der doppelten, der philosophischen und der Glaubens-Wahrheit. Durch eine eigene Kasuistik suchte man das aus Aristoteles geschöpfte Wissen dem Kirchenglauben anzupasseu. Es blühte die Scholastik. Nichts konnte ihren Wortführern willkommener sein, als die Vorarbeit, die „Rabbi Moyses", wie sie Maimuni anführen, in seinem ins Lateinische übersetzten, philosophischen Hauptwerke geleistet hatte. Hier fanden sie eine stichhaltige Polemik gegen den allmächtigen Aristoteles, z. B. annehmbare Beweise gegen die Lehre der Weltewigkeit, eine treffliche Theorie der Wunder, der göttlichen Attribute u. a. m. Und wenn ein Albertus Magnus, ein Thomas von Aquino in manchen Punkten, wie in der Engellehre und der Auffassung des Prophetismus, naturgemäß mit dem „Rabbi" Moyses nicht übereinstimmen, die Brücke zwischen Glauben und Wissen, soweit für sie möglich, hat er ihnen doch schlagen helfen. Nicht minder bedient sich seiner Argumente, wie schon erwähnt, Nicolaus Cusanus für die Theorie seiner „docta ignorantia“, der Unmöglichkeit, auf natürlichem Wege zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Die wahre Gotteserkenntnis ist die Einsicht, daß sein Wesen unerkennbar. Bekannt ist Maimuni auch den beiden Mirandolas, Galatin und dem unglücklichen Servet. Als „den großen Adler" preist ihn, genau wie die jüdische Literatur, Jean Bodin. Scaliger sagt vom „More", er könne nicht genug gelobt werden („non potest satis laudari“), sei ein Buch voll guter Frucht, von staunenswerter Gelehrsamkeit und den christlichen Theologen besonders unentbehrlich (Theologis christianis apprime necessarius). Leibniz kennt Maimuni nicht nur aus Bayle, der diesen als den gewandtesten Schriftsteller seines Volkes bezeichnet (le plus habile ecrivain de sa nation). Er hat den „More" in der Buxtorf'schen Uebersetzung (als „Doctor perplexorum") gründlich studiert. Leibniz gewinnt aus dem„ vortrefflichen" (egregiuw) Buche einen geradezu überraschenden Eindruck. Er findet es philosophischer, als er vorausgesetzt. Es verdient mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden. In dem Verfasser entdeckt er einen „ausgezeichneten Philosophen, Mathematiker, Mediziner und Schrifterklärer", eine Vielseitigkeit, die einem Leibniz nichts nachgibt. In der Theodicee beruft er sich im Kampf gegen einen oberflächlichen Pessimismus ausführlich und dankbar auf die Waffenbrüderschaft des „Führers der Verirrten". Auch in dem Mittelpunkt der Leibniz'schen Philosophie, in der Monadenlehre, hat der geniale Munk eine auffallende Analogie aufgedeckt, ohne Kenntnis der ausführlichen Exzerpte, die Leibniz aus dem „More" angefertigt hat und die uns heute gedruckt vorliegen. Eine lange Kette von Beziehungen, die sich ohne Zweifel noch verlängern und in die sich noch manches Glied wird einfügen lassen. % Vor allem ist nun das Verhältnis jüdischer Philosophen, von den späteren an erster Stelle Spinozas, zu Maimuni gründlich zu erörtern. Das Ergebnis wird eine Bestätigung, ja Verstärkung der Joel'schen Resultate sein. Ohne Maimuni kein Spinoza. * * * Was Cohen für Maimuni, den Ethiker, hat Pagel für ihn, als Mediziner, geleistet. Wie Cohen uns in dem Verfasser des „More" den selbständigen Denker darstellt, der, für jene Zeit eine Kühnheit, selbst einem Aristoteles gegenüber bestimmt seinen Standpunkt wahrt, so hat ihn Pagel vor einigen Jahren in einem Vortrage vor Fachgenossen als den ersten Kritiker des Galen vorgeführt, der im Mittelalter bekanntlich für die Medizin eine Autorität bedeutet, wie Aristoteles für die Philosophie. In dem vorliegenden Werke behandelt Pagel Maimuni als medizinischen Schriftsteller. Von zahlreichen unter Maimunis Namen gehenden medizinischen Schriften dürften etwa elf echt sein. Von ihnen sind sechs gedruckt, zum Teil in mehrere Sprachen übersetzt. Auch hier bewährt Maimuni seinen uns aus den theologischen und philosophischen Schriften bekannten literarischen Charakter: übersichtliche Zusammenstellung, scharfe Kritck, ergreifende Bescheidenheit, die nichts Neues zu bieten angibt, selbst wo Originelles geleistet wird. Die „Aphorismen" (Pirke Mosche) nennt Pagel „ohne Uebertreibung" das beste und kritischeste Repertorium, das sich ein medizinischer Zeitgenosse Maimunis nur wünschen konnte. Ueber die Abhandlung „Ueber die Gifte" urteilt Pagel: „Auch vom modernen Standpunkt betrachtet, dürfen Anlage. Gehalt, Formen und Zweck der Schrift als streng wissenschaftlich gelten". Der „Tractatus de regimine sanitatis“, hygienischdiätetische Vorschriften, die Maimuni als Leibarzt des Sohnes Saladins, des Sultans el Malik el-Afdhal, für diesen verfaßt hat, können sich nach Pagel au wissenschaftlicher Bedeutung mit den obigen Schriften nicht messen. Sie sind jedoch nicht ohne aktuellen Wert, und Winternitz meint in der Einleitung zur deutschen Uebersetzung der Schrift, daß darin „der unparteiische Leser noch heutzutage Wahrheiten finden wird, welche ein Zeitraum von sieben Jahrhunderten nicht zu entkräften vermochte, die vielmehr für die Gegenwart noch immer höchst anwendbar, ja der Beherzigung würdig befunden werden dürfen". Hingewiesen wird von Pagel auch auf das bekannte herrliche Gebet, mit dem Maimuni, dessen Kunst ihm bekanntlich u. a. einen Ruf an den Hof Richard Löwenherz' eingetragen hat, täglich seine Krankenbesuche eingeleitet haben soll und in dem