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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-24 · 30 (24.7.1908) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 530 Dr. Lwcv's MocdenscdrM. Rr. so Eine gründliche Erörterung widmet der Kennzeichnung dieser Ethik Hermann Cohen. Mil einer verblüffenden Schlagkraft der Beweisführung läßt der scharfsinnige Ethiker in dem System des „ewigen Lehrers Israels", wie er Maimuni bezeichnet, von den zentralen Gedanken bis in die feinsten Verästelungen und die letzten Ausläufer als treibende Kraft die ethische Tendenz zutage treten, während bisher das metaphysische Interesse in Maimuni als überwiegend gegolten hat. Dadurch, daß seine Metaphysik ihren durchwirkenden Mittelpunkt in der Ethik hat, bezeugt sich, nach Cohen, Maimuni vorzugsweise als der lebendigste und innerlichste Vertreter des Judentums. Hierin bezeichnet er einen scharfen Gegensatz zu Salomon ibn Gabirol, bei dem, als jüdischem Denker, abgesehen von -dem Vermeiden biblischer Zitate und der pantheistischen Grundlegung seines Systems, die Hintansetzung der Ethik befremden muß. Denn „das ist das charakteristische Merkmal des wahren Lebens im Monotheismus, daß alle Spekulation .wie atemlos auf die Ethik hiuzielt." Theologische Ketzerei wie metaphysischer Schuleuzwist verlieren an Bedeutung neben dem ethischen Programm. Das gesamte Judentum, das der Propheten voran, wird in der Darstellung Cohens unter den Händen Maimunis zu einer Dialektik der Ethik. Höchstes Prinzip bei Maimuni ist die unantastbare Autorität der Vernunft. Sie spricht aus der Offenbarung der Schrift ebenso wie aus der natürlichen Erkenntnis. Es gibt keine doppelte Wahrheit. In den religiösen Geboten und Lehren den vernünftigen Sinn zu erforschen, ist nicht nur erlaubt, sondern Pflicht. Mit dem Rüstzeug zumeist aristotelischer Schulbegriffe, hierin ein Sohn seiner Zeit, gehl Maimuni au die philosophische Erschließung des Judentums. Das Dasein Gottes fand er durch die Philosophie vor ihm mit zureichenden Gründen erwiesen. Mehr als das Dasein über das Sei u, das Wesen Gottes positiv auszusagen, sind wir, nach Maimuni, außerstande. „Der Seiende, der nichts anderes als der Seiende ist", ist das einzige metaphysische Attribut, das Gott selbst von sich offenbart hat. Jede andere positive Aussage über Gottes Wesen müßte eine Einschränkung Gottes bedeuten, da sie die Analogie irdischer Verhältnisse voraussetzt und nichts ängstlicher zu meiden ist, als Göttliches mit Menschlichem zu mengen. Dieser Ablehnung einer Definition der Gottheit, die Maimuni von seinen Vorgängern übernimmt, liegt die richtige Empfindung zugrunde, die den weisen Fürsten vor Schmeichlern warnt: „Wenn einer das Recht hätte, mich ins Gesicht zu loben, so hätte er auch das Recht, mich ins Gesicht zu tadeln". (Bismarck, Gedanken, II, 317.) Wo Vollkommenheiten ausgesagt werden, sind auch Unvollkommenheiten nicht ausgeschlossen. Höchstens darf man jede Unvollkommenheit in Gott, jede Privation negieren. Wie später im Kantischen Kritizismus wird das Wesen Gottes jeder theoretisch-rationalen Begründung entzogen. Die Lehre von den „negativen Attributen" bildete schon bei den früheren jüdischen Religionsphilosophen einen Haupt- und Kernpunkt. Maimuni geht über sie hinaus und wird positiv, indem er, wie der Talmud, den Gottesbegriff auf den ethischen Begriff Gottes konzentriert. Gott offenbart Mose außer dem Attribut des Daseins nur „die dreizehn Eigenschaften", also sittliche Attribute, oder genauer: er bringt Wirkungen hervor, die denen gleichen, die von uns aus moralischen Eigenschaften hervorgehen. Wir dürfen sie insofern als seine Attribute bezeichnen, als sie für die Handlungen der Menschen als Vorbilder dienen. Von Gott darf uns, nach Maimuni, wie Cohen an anderen Stellen („Ethik des reinen Willens", Einleitung zur neuesten Auflage von Langes Geschichte des Materialismus, „Ethik und Religionsphilosophie" und sonst) noch bestimmter ausführt, nur das interessieren, was wir für die Ethik brauchen. Das Judentum legt somit der freien Forschung keinerlei Hemmnis in den Weg. Ob die Sonne sich um die Erde oder die Erde um die Sonne dreht, ob Geologie und Bibelkritik einem Ausspruch der Schrift diesen oder jenen Wert beimessen, unverrückbar bleibt das Prinzip des Judentums. Die Beziehung zwischen Ich und Du, die sittliche Verpflichtung ist die gleiche in jedem Falle. Noch mehr. Das Judentum fordert geradezu die frei von jeder dogmatischen Rücksicht, unbeirrt nur.nach der einen eindeutigen Wahrheit strebende Forschung als Gottesdienst. Denn Gottesliebe ist Gotteserkenntnis. Erkenntnis ist höchste Sittlichkeit und Sittlichkeit allein das erkennbare Wesen Gottes. Erkenntnis ist der Schlüssel zum Tempel des Einig-Einzigen. Der bloße Gottesdienst der Gesetze, der statt auf Erkenntnis auf Glauben beruht und statt zur Gottes liebe zur Gottes furcht führt, bleibt im Vorhofe zum Tempel. Indem Gott als sittlich handelndes Wesen und nur als solches definiert wird, kann auch die Aufgabe des Menschen, das Streben nach Gottähnlichkeit, nach der „Nähe Gottes" (Psalm 73, 28), die Selbstheiligung, das höchste Gut, die Vollkommenheit der Seele, die „Zedaka" nur in der sittlichen S e l st v e r v o l l k o m m n u n g bestehen. Das Selbst vereinigt in sich Ich und Du. Wir fühlen und finden es nur in der Beziehung zum Anderen,, in der Richtung auf Gott. Es davon loslösen wollen ist Stolz, ein Laster, das der Abgötterei gleichgeachtet wird. Sein Gegensatz: die Demut, die höchste der Tugenden, die das Judentum folgerichtig selbst als Attribut Gottes (!) bezeichnet. Man vergleiche hiermit, was Bismarck (a. a. O. I1152) von der katholischen Geistlichkeit sagt, „daß ihre Freiheit in ihrer Herrschaft besteht und daß die Kirche überall, wo sie. nicht herrscht, berechtigt ist, über Diocletianische Verfolgung zu klagen." Mit diesem Ziel des Menschen ist zugleich seine Zukunft und das Ziel der Menschheit von selbst gegeben. Das Judentum unterscheidet das ewige Leben (01am da-da) von der messianischen Zeit (Atid labo). Das ewige Leben besteht schon jetzt. Das Individuum wird seiner teilhaft, indem nach dem Wegfall irdischer Hemmungen' im Tode die Seele sich ungeteilt ihrer Aufgabe, der Selbstvervollkommnung, widmen kann. Eine fortgesetzte Tätigkeit hat sich ja auch Goethe als das Leben nach dem Tode gedacht. Die messianische Zeit ist das Ideal der prophetischen Sittlichkeit, eine moralische Betätigung der gesamten Menschheit nach Aufhebung aller hemmenden Momente. Eine deutliche Scheidung zweier Begriffe, die das Christentum vermengt, indem es den Messias durch den Glauben an das ewige Leben und dieses durch den Glauben an jenen bedingt. Der jüdische Messias ist nicht Erlöser des Menschen im Jenseits, sondern der Erlöser der Menschen im Diesseits. Maimuni entsinnlicht das Jenseits und idealisiert das Diesseits. Das Selbst fordert die Menschheit und die Menschheit ist der vollkommene Mensch. In dieser hier nur in den Grundzügen wiedergegebenen Darstellung, die Cohen von der Ethik Maimunis bietet, zeigt sich unverkennbar der Gegensatz zu Aristoteles, als dessen blinder Gefolgsmann Maimuni noch heute fast allgemein gilt. Nicht sowohl mit der Verfechtung der Schöpfungsidee tritt er dem Abgott der Scholastik entgegen, als weit mehr mit der Verwerfung der aristotelischen Eudämonie. Daß Gott, nach Aristoteles, in Muße seiner Erkenntnis sich freut, was frommt das der Menschheit? Maimuni verwirft die Lust als Prinzip und den Philosophen, den Theoretiker als höchstes Ziel menschlichen Strebens. Das sittliche Handeln bildet den Schwerpunkt seines Systems. Von Aristoteles hat er in der Hauptsache den Enthusiasmus des Forschers für die wissenschaftliche Erkenntnis um ihrer selbstwillen. Doch zeigt er in dem, was. er sonst von ihm annimmt, durchaus nicht, wie die jüdische Religionsphilosophie vor ihm, den Charakter des Eklektikers, als habe er, um mit Mendelssohn zu reden, geglaubt: „Von Aristo geht die Lehre aus und das Wort Gottes van dem Sohn des Nikomachos". Maimunis System trägt in seiner geschlossenen Einheitlichkeit durchaus klassisches Gepräge. * * *

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