Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 526 Dr. Llocos MscvenscvttN. Nr. 39 kurzer Zeit hundertfünfzig vom Teufel befeffene Personen gab, so mag ein müßiger Kopf danach berechnen, wieviel Besessene es damals in ganz Deutschland oder gar in Europa gegeben haben mag. Lange berichtet beispielsweise in seinen spist. lib. von Besessenen in Jülich und Aichstädt, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen erbrachen. Plater hält in seinen observatioues die Teufelsbanner für notwendig, weil nur sie die Besessenen kurieren können. Lemnius we ß in seinem W:rk de miraculis occultis naturae, daß die Muskatnuß kräftiger wird, wenn der Mann sie bei sich trägt; daß die weibliche Saatkrähe durch den Anblick von Tränen befruchtet werde; daß der Hai durch den Mund gebärt, daß das Ungeziefer sich nicht fortpflanzt, sondern aus Fäulnis entsteht; daß die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginnt, wenn der Mörder sich dem Leichnam nähert. Bodins äs waIor. äasmou-'mauia tischt die alten Fabeln auf von den Wehrwölfen, Alpgeistern, Teufeln und Hexen, und er befleißigt sich der Nekromantie. Das ist auch die Zeit, in der die Gold-und Diamantenmacherkunst blüht, in der jeder Dummkopf nach dem Stein der Weisen trachtet, Edelsteine destilliert, Metalle verwandelt, Lebenselixiere braut. Die müßigen Mönche waren die eifrigsten Förderer dieser kabbalistischalchimistischen Wissenschaft, und ihr Ruf war um so größer, wenn sie nach Arabien oder Indien gereist waren, wo sie auf den biblischen Bergen Sinai, Horeb oder Geristm von, man weiß nicht welchen Teufeln das Privileg erhielten, ihre Mitmenschen betrügen zu dürfen. Auch die Kaiser und Könige versprachen sich von jenen geheiligten Bergen goldene Berge. Jakob V., Maximilian II., Jakob I., Kurfürst Joachim I., Heinrich YL, Rndolf II und andere standen selbst in den Laboratorien ihrer Adepten, Gold fabrizierend, Talismane zaubernd. Man hatte an jedem Hofe seinen Alchimisten, wie man seinen Narren hatte, nur daß der Narr weiser war als der Alchimist. Wer in „Tausendundeine Nacht" die Geschichte von Haffan dem Bassoriten gelesen hat (778. bis 604. Nacht), der ist vertraut mit den Goldmacherkönsten, die zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts von der Welt des Märchens in die der Wirklichkeit herübergenommen wurden. Einer der bedeutendsten Vorgänger Lemoines war Leonhard Thurneysier. In ihm sammelt sich wie rn einem riesenhaften Brennspiegel die imponierende Dummheit und der unfaßbare Aberglauben des Mittelalters, die unglaubliche Verschmitztheit und die Gewlssenlosigkeit der Wunderdoktoren, der Aberwitz und die naive Frechheit jener skrupellosen Betrüger, die Radaulust der Abenteurer, der groteske Eharlatanismus der verkommensten Barbiere, der Wahnsinn der Magier und die Tollheit der Alchimisten. Es scheint, daß er aufseinen Reisen, die ihn durch die ganze Welt führten, den Stein der Weisen nicht gefunden hat; was ihn jedenfalls mehr schmerzte, war, daß er gewöhnliche Edelsteine ebenfalls nicht gefunden hat. Er hatte gehofft, ein Aladin zu werden; hatte gehofft, daß die Erde alle ihre Schätze ausspeien würde, wenn er, der geheimnisvolle Schatzgräber, mit Hacke und Spaten in ihren granitenen Adern wühlte. Und nun schrieb der enttäuschte Betrüger seine tzuiuta Lsssutia „Das ist die höchste Subtilität, Krafft und Würkung Beider der Fürtrefelichsten Künsten der Medicina und Alchymia", worin man wörtlich liest: „Nimb schwarze Kole, wo man in der Erden findt, setz sie großer Hitzen auß, kristallisiers, so wirbt sie sich alsbaldt in wasserhelle Edelstein umbwandelen". So geschrieben Münster 1579 und von Lemoine wörtlich wiederholt in Paris 1908. Aber weil unser Thurneysser nach der Protektion eines mächtigen Fürsten schielte, handelte sein nächstes Werk „Pison" insbesondere von den Flüssen und Mineralien der Mark Brandenburg, wo der Kurfürst Johann Georg residierte. Der fühlte sich sehr geschmeichelt. bei Thurneysier zu lesen, daß er, der Kurfürst von Brandenburg, Besitzer ungeheurer ungehobener Schätze sei. Im Pison schwatzte Thurneysier von dem ungewöhnlichen Reichtum, der in den Flüffen und im Erdreich Brandenburgs aufgehäuft liege. Der Sand der Spree strotze von Gold; bei Küstrin könne man Alaun und Salpeter in schweren Mengen finden; Rubine und Granaten lägen scheffelweise in der Erde; bei Bernau gäbe es mehr Saphire als Sterne am Himmel; bei Oderberg liege Schwefel und Blei, für zehntausend Höllen ausreichend. Ah! Und erst bte Heilkraft der brandenburgischen Flüßchen! Das Havelwasser sei schwer und ungesund; Frauen, die es tränken, mache es böse und klatschsüchtig; das Wasser der Spree fet gut gegen Harngries und Teufelsspuk usw. Man glaubte ihm alles; man lachte ihn nicht aus. Er wird — im Gegenteil! — kurfürstlicher Leibarzt mit dem sehr bedeutenden Jahresgehalt von 1352 Talern. Sein Pech ist, daß er immer Glück hat; denn er gmg an seinem Glück zugrunde. Und nur dieser Zug fehlt noch, um die Parallele Thurneyssers mit Lemoine zu vervollständigen. Literatur. David und sein Zeitalter*). Der Versuch, den König David und sein ganzes Zeitalter als ein geschlossenes, geschichtliches Ereignis zu schildern, ist schon oft gemacht worden. Wie Napoleon und Alexander der Große hat ja auch *) „David und sein Zeitalter", von B. Baentsch, Verlag von Quelle und Mayer in Leipzig. König David, und noch in höherem Maße, seine Zeitgenossen fasziniert. Sein Auftreten bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte der damaligen orientalischen Welt. Aber auch die ganze folgende Geschichte Israels und vor allem die Geschichte seiner Religion wäre ohne Davrds Auftreten eine ganz andere geworden. Es hätte ihr die göttlichen Töne der Psalmen gefehlt, ohne die seine Religion in Aeußerlichkeiten sich verlöre, eine Religion ohne Poesie. An der Gestalt König Davids rankte sich der Mut und die Zuversicht des Volkes in guten wie in trüben Zeiten empor, und darum ist dieser große Dichterfürst immer und immer wieder als ein Gottbegnadeter gefeiert worden. „Er hat die Jsraelstämme zum ersten Male zu einer Nation zusammengeschweißt und dieser Nation sofort eine achtunggebietende Stellung unter den Staaten Syriens erkämpft. Es w.r wirklich keine Kleinigkeit, die sämtlichen Jsraelstämme mit ihrem Gegensatz zwischen Nord und Süd und ihren zentrifugalen Tendenzen im einzelnen unter einen Hut zu bringen. Es bedurfte dazu einer ebenso kraftvollen, unter Umständen rücksichtslosen, wie politisch klugen und vorsichtigen Persönlichkeit eines Mannes, der verstehen mußte, Wunden zu schlagen, aber auch sie wieder zu verbinden, zu streicheln und im rechten Augenblick auch wieder zu schlagen." Baentsch hat es vorzüglich verstanden, aus den biblischen Berichten, Darstellungen und Torsen das Charakterbild Davids und seines Zeitalters herauszuschälen und in frischer, lebendiger Form die Ereignisse jener Zeit aneinander zu reihen. Doch hat er seiner Kritik zu viel Spielraum gelassen. In den meisten Berichten, Begebenheiten und Situationen, so wie sie uns im Alten Testament in wunderschöner poetischer Fmm geschildert sind, erblickt der Verfasser Mythen, sagenhafte Erzählungen, denen aber „doch" ein Kern von Wahrheit zu Grunde liegt. Als historischen Kern glaubt der Verfasser annehmen zu dürfen, daß König Saul unter anderen tüchtigen Männern auch den Judäer David an seinen Hof gezogen und ihm hier eine hohe Vertrauensstelle eingeräumt habe, um die Interessen der Judäer mit den Interessen der übrigen Stämme zu verknüpfen. Die Begleitumstände aber, wie dieses Ereignis im Alten Testament erzählt wird, erklärt der Verfasser für pure Legende. Mit Recht sagt daher ein Kritiker: „ . . . daß der poetische Reiz der Geschichte vom Hirtenknaben David und seinem Aufsteigen zum Königtum und die novellistische Kunst der unbekannten Dichter, die sich darin betätigt, mehr wert sind als alle Kritik. Denn unsicher bleiben deren Ergebnisse immer und ihr Nutzen reduziert sich auf eine gewiffe Befriedigung des Forschungstriebes". Zeigt der Verfasser in der Kritik der einzelnen biblischer Berichte allzu starken Radikalismus, mit welchen wir uns nicht einverstanden erklären, so gebührt ihm die vollste Anerkennung, wo er kulturhistorische Zeichnung dem alten biblischen Stoff abgewumt. Baentsch schildert uns an der Hand einzelner biblischen Berichte das Kulturleben jener Zeit, stellt soziologische Betrachtungen an, die als ein Meisterstück des modernen Denkens bezeichnet werden können. Da ist vor allem die Geschichte von David, Nabel und dessen Frau A b i g a i l, I., Samuel, 25, die meisterhafte Schilderung und Charakterisierung dieser Begebenheit ist ein schöner Beitrag zur Stellung der Frau in A l t i s r a e l. .Wir verstehen es vollkommen", schreibt der Verfasser, „daß dieses Weib (Abigail) dem David imponiert, und ahnen es fast voraus, daß die erste Begegnung für beide eine entscheidende Bedeutung haben wird. Sie zeigt uns auch, welcher Bewegungs- und Verfügungsfreiheit sich ein tüchtiges Weib in Altisrael unter Umständen erfreuen konnte, und wie verkehrt es sein würde, sich die Stellung des altisraelitischen Weibes einfach nach der Stellung auszumalen, die das Weib im heutigen Orient unter der Herrschaft des Islams im allgemeinen einnimmt". Nicht minder interessant ist die Ausführung über die religiösen Vorstellungen Davids und seiner Zeit, die mit folgenden schönen Kraftworten schließt: „Der Gott, der über der heiligen Lade mit den Keruben thronte, war nicht etwa ein Kastengott oder ein Fetischgott, sondern der höchste Himmelsgott, auf dem man sich Gott thronend vorstellte. Und David, der diese Lade zu seinem Königsheiligtume machte, war kein Fetischanbeter, sondern ein Verehrer des höchsten Himmelsgottes, der zwar zu Israel und seinem Könige ganz spezielle Beziehungen hatte, aber darüber hinaus ein himmlisches Regiment führte, das nicht an die Grenzpfähle des Landes gebunden war, auf dessen Altären seine Opfer rauchten". So ist die Studie über David und sein Zeitalter eine treffliche Zeichnung des großen orientalischen Königs und Dichters der Psalmen. Das Urteil der Geschichte ist unbestechlich, und auch über David hat die Geschichte gesprochen. S i s s e k. Dr. Benno H e i s z, Bezirksrabbiner.