Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Llocb s Mocvenscbritt. Sette 525 die Begrüßungsansprache hielt. Anknüpfend an ein trefflich gewähltes Beispiel aus der jüdischen Geschichte hieß er den Herrn Statthalter herzlich willkommen und skizzierte sodann mit hinreißender Verve die Stellung der Juden in Oesterreich, ihre Pflichten, ihre Rechte. „Wir Juden haben keine besonderen Wünsche, wir sind glücklich und zufrieden, wenn man uns den anderen gleich erachtet, wenn man uns unsere ehrliche Arbeit glaubt und sie anerkennt." Ein kostbares Zeichen der Anerkennung sei der hohe Besuch, der überall Jubel und Begeisterung erwecke und die Huldigung vermehre, die heuer besonders die erhabene Gestalt des Monarchen umbraust. Nach der Rede rezitierte Herr Oberkantor Fuchs einen Psalm, dann sprach Seine Ehrwürden Rabbiner Dr. Stößler vor geöffneter Bundeslade ein ergreifendes Gebet für Kaiser und Reich. Mit der Volkshymne schloß die erhebende Feier, die auf alle Anwesenden, unter denen sich Vertreter der staatlichen Behörden, des Gemeinderates und zahlreicher Korporationen befanden, nachhaltigen Eindruck übte. Der Herr Statthalter wurde von Seiner Ehrwürden Herrn Rabbiner Stößler bis zum Tempelausgang geleitet, drückte ihm seine besondere Zufriedenheit aus und sagte zum Schluffe: „Ich danke Ihnen, Ehrwürden, vielmals für ihre herrlich vollendete patriotische Rede". Die kernige, freimütige und kunstvolle Rede unseres verehrten Herrn Rabbiners, die er in seiner unerreicht wirksamen Weise zum Vortrage brachte, hat überall berechtigtes Aufsehen erregt und wurde auch in den hiesigen deutschen wie tschechischen Blättern vielfach besprochen. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Stößler erhielt noch nachträglich im Wege der k. k. Bezirkshauptmannschaft schriftlich den Dank und die Anerkennung des Statthalters. Kremsier. (Besuch des Statthalters.) Anläßlich der Eröffnung der landwirtschaftlichen Ausstellung in Kremfier hatte sich in unserer Stadt der Statthalter von Mähren, Dr. Freiherr v. Heinold, eingefunden. Am 29. v. M., vormittags um halb 10 Uhr, beehrte er in Begleitung des Bezirkshauptmannes Herrn Willibald Galousek, des Bürgermeisters Herrn Dr. Josef Pistecky, des Vizebürgermeisters Herrn Dr. Johann Straß und mehrerer Beamten der Bezirkshauptmannschaft die hiesige israelitische Gemeinde mit einem Besuche im alten Tempel. Der Vorsteher Herr Ignaz Knöpfelmacher, mit dem Ausschuß, empfing ihn und führte ihn in die inneren Räume, die festlich beleuchtet und mit Blumen geschmückt waren. Im Vorhofe hatte ihn die Schuljugend mit ihrem Lehrer Herrn Michael Vogel erwartet. Ein Mädchen, Irene Jokl, die Tochter des Rates Herrn Heinrich Jokl, trat vor, reichte dem Statthalter einen Blumenstrauß und hielt eine patriotische Ansprache, von der der Statthalter sichtlich angenehm berührt war. Am Eingänge des Tempels wurde er von festlich gekleideten Damen mit der Vorsteherin Frau Regine Knöpfelmacher und der Präsidentin des Frauen-Unterstützungsvereines Frau Rosa Simon an der Spitze, empfangen. Auch diesmal bewährte sich unseres Herrn Rabbiners Rednertalent. Dr. Adolf Frankl-Grün begrüßte den Statthalter und hielt eine Ansprache, in der er die Bedeutung des Tages würdigte. Unter anderem führte er aus, daß im Tempel in Kremfier schon im Jahre 1848, als der Reichstag tagte, für das Wohlergehen seiner Majestät Gebete verrichtet wurden. Oberkantor Herr Adolf Reichard leitete den gesanglichen Teil des Gottesdienstes. Nach demselben besichtigte der Statthalter den Tempel. Besonderes Interesse erweckte ein Vorhang aus der Schwedenzeit, über den er sich eingehend erkundigte. Nachdem der Statthalter dem Vorsteher Herrn Ignaz Knöpfelmacher seine besondere Zufriedenheit über den schönen Empfang ausgedrückt hatte, verließ er den Tempel. Berthold Auerbach-Denkmal. Der im vorigen Jahre ergangene Aufruf hat'den Erfolg gehabt, daß die zur Errichtung des Denkmals nötigen Mittel nach kurzer Zeit beisammen waren. An der Spitze der Beitragenden stehen König Wilhelm II. von Württemberg und der inzwischen verstorbene Großherzog Friedrich I. von Baden. Im Aufträge dieses hat gleich nach Auerbachs Tod der Bildhauer Profeffor H. Bolz in Karlsruhe eine Büste modelliert. Nach dieser wird der Künstler nunmehr eine überlebensgroße Erzbüste schaffen, die sich auf einem Unterbau von Schwarzwaldgranit erheben wird. Das Denkmal, dessen Aufstellung im Mai 1909 erfolgen soll, wird sich bei dem Lieblingsplatz des Dichters erheben, gegenüber der noch zu seinen Lebzeiten ihm zu Ehren gepflanzten Linde in den Kursaalanlagen in Cannstatt. Feuilleton. Here« und Alchimisten. Von I. E. Poritzky. Von Alchimisten und Hexen konnte man vor einigen Tagen lesen, die im Jahre 1908 sehr drollige und erfolgreiche Wiederholungen jener Schauspiele gaben, die genau vor dreihundert Jahren die Gemüter bewegten. Der Alchimist arbeitete im Lande der Aufklärungs- Philosophie und die Hexe trieb ihr Unwesen im Lande der Denker. Eine hübsche Ironie und ein Beweis, wie unpopulär der gesunde Menschenverstand ist. In irgendeiner Beziehung sind die meisten Menschen ja noch heute in abergläubischen Vorstellungen befangen (die Zahlen 13 und 7, der Freitag, das Hufeisen, der Leichenwagen. Träume, der Glücksklee, die Schuhsohle, das Schwein, die schwarze Katze usw.). und es geht ihnen, wenn sie über Lemoine oder über die Hexe von Grevesmühlen lachen, nicht anders als dem Leser des Don Quixote, der, wenn er über Don Quixote lacht, stets über sich selber lacht. Daß aber heute noch so grobe Rückfälle ins sechzehnte Jahrhundert möglich sind, zeigt, wie tief der romantische Hang nach übernatürlichen und unfaßbaren Dingen im Volke verwurzelt ist. Das Epitheton „mittelalterlich" erklärt gar nichts; es charakterisiert nur. In mittelalterlichen Vorstellungen leben, kann nur heißen, vom Wiffen der Gegenwart keine Kenntnis zu haben. Wie viele Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts leben denn aber noch im Mittelalter? Man sehnt sich nach dem Wunder, weil die Wirklichkeit sehr nüchtern und in ihrer brutalen Selbstverständlichkeit oft unfaßbar ist. Wie soll der Gottesgläubige es sich auslegen, wenn der Blitz sein einziges Kind tötet? Oder wenn dem Bauer die Saat verhagelt? Oder die Kuh verendet? Oder wenn ein braves Kind zum Diebe wird? Oder wenn es einen Pickel bekommt wie im Fall Rollenhagen? Wer die natürlichen Ursachen nicht kennt, versteht nicht die Wirkungen. Der schlichte Mensch lebt in der einfachen Vorstellung, alles Unglück, das ihn trifft, müsse er selbstverständlich auch verschuldet haben. Das hat ihm sein Pfarrer tausendmal gepredigt. Er glaubt nicht, daß er auch vom Unglück heimgesucht werden kann, ohne es zu verdienen. Er kann nicht glauben, daß Gott sein Kind durch den Blitz töten würde, wenn es unschuldig wäre. Wenn es aber trotzdem unschuldig ist? Und wenn er selbst sich auch von aller Schuld frei wüßte? Dann geht es einfach nicht mit rechten Dingen zu. Dann sind böse Mächte im Spiel, vor denen man sich schützen muß. Der Satan, der einen auf dem Strich hat, muß versöhnt werden durch seine Dienerinnen. Und dann greift man (Fall Rollenhagen!) zu Nackenhaaren, Johanniskraut, Pferdelungen, Maulwurfsherzen, Läusen, Fischköpfen, Geisterbesen, Kirchen siegeln, Baumreisern; kurz, der ganze Macbethsche Hexenkessel tritt in Aktion. Woraus man wieder einmal sieht, daß die Bretter der Bühne wirklich die Welt bedeuten. Das Volk, das noch heute an die Zauberkraft der weisen Frauen glaubt, schleppt diese Vorstellungen nicht erst seit Paracelsus oder Nostradamus durch die Jahrhunderte. Alchimie und Hexenglauben waren um so verbreiteter, je weniger das Volk von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gesättigt war. Im sechzehnten Jahrhundert war das System des Paracelsus auf deutschen Universitäten sehr beliebt. Die Apotheken hielten vorzugsweise die von dem großen Zauberer empfohlenen Mittel, und der Arzt, der bei hoch und niedrig sein Glück machen und Erfolg haben wollte, mußte sich mit Haut und Haar dem Paracelsismus verschreiben. Drei große Geheimnisse verdrehen der ganzen Menschheit den Kopf und machen die tüchtigsten Gelehrten zu Narren: das kerpetuurn mobile, die Universalarznei und die Verwandlung der Metalle und Steine. Noch bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein besaßen zum Beispiel die Rosenkreuzer das Geheimnis, durch ein sympathetisches Pulver Wunden, Blutungen, Geschwüre und Krankheiten im Augenblick zu heilen. Sie waren deshalb als Zauberer verschrieen, und das Pulver war als Satanssalbe verfemt. Natürlich galt Paracelsus als der oberste der Hexenmeister, und wer es wagte, an der Beihilfe des Satanas zu zweifeln, wurde als ein Kind des Teufels erklärt. Wieder andere waren Anhänger der paracelfischen Mumie und glaubten, Krankheiten ließen sich in Bäume und Sträucher verpflanzen. Aber diese Paracelsus-Schwärmerei hatte ja nicht nur Deutschland ergriffen; ganz Europa fieberte. Selbst England, das Land Bacos. Lockes und Newtons blieb nicht frei davon. Und Newton selbst gab sich mit der Apokalypse ab und beschäftigte sich am liebste» mit des Propheten Daniel Weissagungen. Die Geheimniskrämer und Wunderärzte kommen wie die Heuschreckenplage gerade von England in alle übrigen Lande. Die Sittenschilderer berichten, daß im Kurfürstentum Trier allein in wenigen Jahren 6500 Menschen, im Brandenburgischen 1200, im Würzburgischen 200, i Lothringischen 900 Menschen verbrannt oder hingerichtet wurden, die der Zauberei angeklagt waren. Diese Tatsachen zeigen besser als jede Analyse die Volksseele im Mittelalter in ihrer ganzen Empfindungsart und Anschauungsweise. Wenn wir weiter hören, daß es in dem märkischen Städtchen Friedeberg in