Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 522 Dr. Llocb's MocdenscvrlN. «r. 29 Ehrung eines jüdische» Arztes^ Wie aus Budapest gemeldet wird, hat der Kaiser den Kreisarzt und Honorar-Oberphysikus von O-Becse, Dr. Ignaz Milko, iu Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete des Gesundheitswesens das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens verliehen. Obergespan Karl Fernbach hat den Orden dem Ausgezeichneten in der jüngsten Generalversammlung der Komitats- Kongregation in Begleitung cindr die Verdienste Dr. Milko's würdigenden Ansprache überreicht Berlin. Vor einigen Tagen wurde aus Berlin mitgeteilt, daß ein Erlaß des Kaisers Wilhelm an die Kommandostellen ergangen sei, wonach bei der Wahl zum Offizier keine Rücksicht auf die Konfession des Aspiranten genommen werden soll. Die Nachricht ist bisher weder bestätigt noch bestritten worden. Sollte sie zutreffen, so entspräche der Erlaß des Kaisers einem Wunsche, dem der siebente allgemeine Parteitag der freisinnigen Volkspartei durch Annahme eines Antrages Müller (Sagau) Ausdruck gab, daß im Interesse des Gemeinwohles die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung dadurch ihre Verwirklichung finde und daß sonst geeignete Elemente nicht mehr wegen irgendwelcher Unterschiede des Glaubens oder der Geburt von Aemtern der Reichs- und Staatsverwaltung, vom Sanitäts- oder Offizierskorps ausgeschlossen oder zurückgesetzt werden. Gegen den Erlaß des Kaisers wendet sich nun das Organ der antisemitischen Reichstagsfraktion, die „Deutschsozialen Blätter". Das Blatt erlaubt sich, an den Kaiser die Frage zu richten: Was soll dieser Erlaß bedeuten? Dem Kaiser wird vorgehalten, daß nur dann Vertrauen zum Offizierskorps bestehen könne, wenn es rein deutschen Blutes sei und erfüllt von rein deutschem Geist. Der Artikel des antisemitischen Organs gipfelt in der Forderung, daß der Erlaß zurückgezogen werden müffe oder daß er nicht die Bedeutung haben dürfe, daß Juden der Eintritt in das Offizierskorps ermöglicht werde. Dieser Protest gegen den Erlaß trägt die lleberschrift: „Wir verstehen unfern Kaiser nicht!" Von rein deutschem Blute zu sprechen in einem Lande, über das der dreißigjährige Krieg hinweggebraust ist, das, im Mtttelpunkt Europas gelegen, aller Völker Lager war, ist nur komisch. Preußen und Sachsen sind germanisierte Slawen und waren noch Ganzbarbaren zu einer Zeit,-als die Juden mit den Römern an . den Rhein kamen. Berlin. Aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraelite Universelle" erhalten wir folgende Mitteilung: Die „Alliance Jsraelite Universelle" hat für die Feuerbeschädigten in Wolkowisk (Gouvernement Grodno) eine Unterstützung von 2000 Francs bewilligt. Berlin. In den Räumen des D. I. G. B. war heute der Ausschuß der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums zu länger en geschäftlichen Beratungen versammett. Der Geschäftsbericht konstatierte eine weitere Zunahme der Mitgliederzahl, die z. Z. über 1100 beträgt, sowie das Erscheinen mehrerer teils von der Gesellschaft herausgegebener, teils von ihr subventionierter Schriften, wie des I. Bandes des Maimonideswerkes, der 2. Auflage der trefflichen Schrift von I. Eschelbacher, „Das Judentum und das Wesen, des Christentums", der Vorträge von N. Porges über den französischen Bibelexegeten Joseph Bechor Schor und von I. Guttmann über Nant und das Judentum. Diese beiden Vorträge gelangen demnächst zur Verteilung an die Mitglieder der Gesellschaft; sonst erhielten diese noch außer dem Jahrbuch den ersten Band der gesammelten Schriften von David Kaufmann s. A. Noch im nächsten Herbst wird eine weitere wettvolle Schrift, „Die Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter" aus der Feder des Züricher Privatdozenten Dr. Caro erscheinen. In eingehender Beratung verhandelte sodann der Ausschuß über die eigenen wiffenschastlichen Arbeiten der Gesellschaft, von deren erfreulichem Fottschretten die einzelnen Kommissionen Kenntnis geben konnten, uud nahm hierauf den Bericht des Berliner Univerfitätsprofessors Dr. N. Müller über seine Katakombenforschungen in Rom, zu deren Ermöglichung die Gesellschaft dem verdienstvollen Gelehrten einen namhaften Betrag bewilligt hatte, entgegen. Ueber diesen Bericht werden wir demnächst ausführlicher referieren. Zum Schluß bewilligte die Versammlung noch eine Reihe von Subventionen für das kommende Geschäftsjahr, um das Erscheinen mehrerer für die Wissenschaft des Judentums verdienstlicher Arbeiten zu ermöglichen. Ueberreicht vom Bureau der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Dr. Nathan, stellvertr. Schriftführer. Paris. Zu den französischen Offizieren, die durch die Dreyfus-Affäre um Rang und Stellung gekommen, gehörte auch der Eskadronchef Kommandant Emile Meyer. Derselbe soll nun zur Sühne zum Oberstleutnant der Territorialarmee und Ritter der Ehrenlegion ernannt werden. — Der König von Italien hat abermals zwei Juden zu Senatoren ernannt. Giacomo Levi-Civita, Syndikus von Padua, und Dr. Pio Foä, Professor der pathologischen Anatomie an der Universität Turin. Der Ringkämpfer Jgardjy, der in der Athletentruppe in Petersburg Vorstellungen gab, wurde ausgewiesen, da er nicht das Recht habe, als Jude dort zu wohnen. Derselbe ist Zahnarzt, aber da er sich mit der Athletik und nicht mit seinem Fache befaßt, so hat er das Wohnrecht eingebüßt. — Der ordentliche Universitätsprofessor Dr. Isidor Rosenthal in Erlangen wurde zum Geheimen Hofrat ernannt. London. Unter den aus Anlaß des Geburtstages des Königs Eduard von England verlieb.neu Auszeichnungen finden wir ouch zwei Auszeichnungen an Juden. Es sind dies die Herren Joseph Joel Duveen, der in den Ritterstand erhoben wurde, und Lioyel Abrahams, der zum Ritter des Bath-Ordens ernannt wurde. Sir Joseph Joel Duveen wurde in Holland geboren und steht heute im 45. Lebensjahre. Nach zehnjährigen! Aufenthalte in Hüll eröffnete er in London einen großen Kunsthandel. Als ausgezeichneter Kunstkenner hat er den staatlichen Galerien manche wertvolle Werke Angeführt und selbst namhafte Schenkungen gemacht. Mr. Lionel Abrahams trat nach Absolvierung seiner Studien in das Staatsdepartement für Indien ein, woselbst er seit 1902 als Finanzsekretär wirkt. Mr. Abrahams hat sich auch auf literarischem Geriete, besonders durch seine jüdisch-historischen Arbeiten hervorgetan. Er war lange Zeit Präsident der „Jewish Historical Society of England". Von seinen Werken aus jüdischwissenschaftlichem Gebiete ist sein Buch über die Vertreibung der Juden aus England im Jahre 1290 das bedeutendste. Mr. Lionel Abrahams ist Hauptmitarbeiter der „Jewish Quarterly Rewiew" und anderer jüdischer Fachzeitschriften. Die Lebensgeschichte eines jüdischen Kindes. Die russische Zeitung „Rjetsch" bringt die folgende traurige Geschichte eines 12jährigen Judenkindes: In das Spiral eines von Baschkiren bewohnten Dorfes im Uffaer Gouvernement brachte an einem kalten Herbsttage der Dorfwächter einen etwa zwölfjährigen Knaben mit zerfetzten Kleidern und löcherigen Stiefeln. Nachdem man den Jungen gebadet und gesäubert ins Krankenbett gelegt hatte, wurde er um seine Lebensgeschichte befragt, was dieser auch mit kindlicher Naivität erzählte. Er heißt Alter Chwotowski, stammt aus Krementschug, wo seine Eltern wohlhabende Schneidersleute waren. Er war das einzige Kipd seiner Eltern, in deren Hause er bis zu seinem achten Lebensjahre seine glücklichen Kinderjahre verlebte. Da kam der russisch-japanische Krieg, finstere Mächte begannen eine heftige Agitation zur Veranstaltung von Pogromen. Der Schrecken und Unbehagen der jüdischen Bevölkerung wuchs von Tag zu Tag. Alters Mutter wußte ihren Mann zu überreden, Krementschug zu verlassen. Nun begannen die Eltern ein wahres unstetes Nomadenleben. Sie fliehen nach Poltawa, von da nach Kiew, wo ihr Geselle Abraham ums Leben kommt. Nun gehts fluchtartig wieder zurück nach Poltawa, die Mutter lebt in einer unausgesetzten Angst um ihre Familie, bis sie einem Herzschlage erliegt. Aus Gram folgt ihr bald der Gatte als armer Mann ins Grab und Alter kommt zu einem kinderlosen Schuster in Krementschug, der ihm sehr zugetan war. Eines Tages, die Frau des Schusters war verreist, bricht in Krementschug der Pogrom aus, in welchem der Schuster ermordet wird. Alter sitzt drei Tage lang in einem Stalle verborgen. Am vierten Tage treibt ihn der Hunger auf die Straße. Kaum vermag er durch die verwüstete Stadt zu gehen. Da gerät er in die Hände eines Besitzers einer. Marktbude. Dieser gibt ihm zu essen, behält ihn bei sich und Alter lernt Purzelbäume und Akrobatenstücke vorführen. Der „Unter-