Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Rr. 39 Dr. Llocb's Mocbenscbrikr. Seite 533 richt" ist mit Schlägen und allerlei Reinigungen begleitet und als er hinreichend „unterrichtet" war, beginnt die Wanderung durch die russischen Städte. Das arme Judenkind muß überall seine Kunststücke machen und nachher mit der Mütze in der Hand beim Publikum „absammeln". Inzwischen wurde der unglückliche Knabe krank. Der Budenbefitzer kann ihn nicht mehr brauchen und sucht sich seiner zu entledigen. Und als die Truppe durch ein verworfenes Baschkirendorf im Uffaer Gouvernement fuhr, nahmen sie den kranken Judenknaben, während er schlief und legten ihn hinter einen Stall und fuhren davon. Hier wurde er in trostlosem Zustande vom Ortswächter aufgefunden. Seit dem Herbste liegt das Kind im Spital, wo seine letzten Lebensfunken gegen den langsam heranschleichenden Tod kämpfen. Die Aktion -es Ministers Oskar Straus für die Einwanderer. Vor einigen Tagen fand auf der New-Aorker Einwanderungsinsel „Ellis Island" eine Konferenz der Haupteinwanderungsbeamten Amerikas statt. Es war dies seit vielen Jahren zum ersten Male nicht eine Konferenz zur Erschwerung, sondern zur Erleichterung der Einwanderung. Wie es scheint, haben sich die Einwanderungsbeamten überzeugt,' daß es mit der Einwanderung nach Amerika recht schlecht bestellt sei, da jetzt wenig Menschen einwandern, und sie beschlossen daher, die Zügel etwas zu lockern. Die Konferenz wurde vom Handelsminister Oskar Straus einberufen. Außer ihm waren an der Konferenz erschienen der General - Einwanderungskommissär Sargent, der New-Aorker Einwanderüngskommissär Watchhorn, die Kommissäre von Baltimore, Philadelphia, Boston und Montreal, sowie einige Beamte der Sanitätsabteilung des Einwanderungsamtes. Die Konferenz beriet hauptsächlich über einige Erleichterungen bei der ärztlichen Untersuchung der Einwanderer, sowie über die Einführung einheitlicher Vorgänge bei der Landung der Einwanderer in allen amerikanischen Häfen. Es kamen die vielen tragischen Szenen zur Sprahe, welche sich ereignen, wenn eine Familie wegen der Krankheit eines Mitgliedes auseinandergerissen wird. Es kommt z. B. eine Familie, welche allen Anforderungen entspricht, eine gesunde Familie von Feldarbeitern, die in eine spärlich bewohnte Gegend des Westens zu fahren beabsichtigt, um dort als Farmer oder Feldarbeiter sich niederzulassen. In der Familie ist aber ein Kind, das an Trachoma leidet. Laut den gegenwärtigen Gesetzen muß die Familie entweder auseinandergerissen werden oder sammt und sonders zurückfahren. Kann die Familie die Kosten erschwingen, wendet sie sich nach Kanada, dort sind die Gesetze in dieser Hinsicht milder. Dort erlaubt man einigen Mitgliedern der Familie in der Einwanderungsstation zu bleiben, bis die Kranken geheilt find. In den Vereinigten Staaten hingegen wird dies nur dann gestattet, wenn der Vater der Familie schon in Amerika lebt und im Besitze seiner „ersten Papiere" ist. Es wurde ferner konstatiert, daß die Untersuchung selbst auch zu strenge geführt wird. Oft kommt es vor, daß die Aerzte der europäischen Hafenstädte Jemanden nach gründlich gewissenhafter Untersuchung als gesund durchgelassen und derselbe Einwanderer dann von den amerikanischen Einwanderungsärzten für krank erklärt wird. Auch andere ähnliche Angelegenheiten kamen in der Konferenz zur Sprache und es kam der allgemeine Wunsch zum Ausdruck, daß alle diese Härten in der nächsten Zeit gemildert werden mögen. Handelsminister Straus, der wiederholt in die Debatte eingriff, versprach auf allen Gebieten rasche Abhilfe. * * * Aus Washington wird uns geschrieben: Handelsminister Oskar Straus hat in jüngster Zeit tzunderttausende von Bittgesuchen erhalten, in welchen Arbeitslose, zumeist Einwanderer, inständigst um irgend eine Beschäftigung bitten. Dies veranlaßte den Handelsminister zur Versendung, einer Million Doppelpvstkarten an verschiedene Adressen, hauptsächlich an Farmer, in welchen der Minister persönlich bittet, ein bis zwei Arbeitslosen Beschäftigung zu geben. Da sich Mr. Straus von dieser Aktion einen großen Erfolg verspricht, eröffnete er in Chicago ein staatliches Bureau für Arbeitsnachweis, in welchem die einlangenden Antworten aufgearbeitet werden sollen. Das Wunderkind aus dem Ghetto. Unter den vielen Einwanderern, die Ende des vorigen Monates in Ellis Island zurückgehalten wurden, befand sich auch eine arme Frau mit drei kleinen Mädchen. Sie hatten keine Mittel und schienen gar so krank und arbeitsunfähig. Die Beamten wußten sich keinen Rat mit den vier armen Geschöpfen und so kam denn der „Fall" vor dem Kommissär Watchhorn. Die Bedauernswerten wären sicher deportiert worden, wenn nicht das älteste der drei Mädchen, die zehnjährige Minna Weißbau, einen so mächtigen Eindruck auf den hohen Beamten geübt hätte. Im Laufe des Verhöres stellte es sich nämlich heraus, daß das zehnjährige Kind aus dem Ghetto sieben Sprachen beherrscht. Geschickt führte sie die Sache ihrer Mutier vor dem Kommissär, so. daß dieser schließlich nachgab und die Landung gestattete. „Minna Weißbau ist zweifellos das merkwürdigste Kind, das je nach Amerika gekommen!" äußerte sich Kommissär Watchhorn einem Journalisten gegenüber. „Ich habe schon im Leben Tausende und Abertausende von Kindern, von Idioten bis zu Wunderkindern, gesehen, aber was reale Kenntnis und Intelligenz betrifft, so ist dieses russische Judenmädchen wohl das prächtigste Exemplar, das mir je vorgekommen ist." Minna Weißbau ist ein hübsches, für ihre Jahre hochgewachsenes Kind mit dichten goldbraunen Locken, großen, blauen Augen, und tragt ein etwas altmodisches, reserviertes Benehmen zur Schau, das sie nur noch anziehender macht. Ihr Vater stand einst in hoher Gunst bei der russischen Regierung; plötzlich wurde er „verdächtig", man erinnerte sich seiner Zugehörigkeit zum Judentum und mit knapper Not gelang es ihm und seiner Familie, der sicheren Verhaftung zu entgehen. „Wir waren reich, als ich ein kleines Mädchen war, so sagte es die Mutter, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, so weit ich zurückdenken kann, waren wir arm." erzählte die kleine Minna. Große Vorliebe zeigte Minna für fremde Sprachen, die sie mit solcher Intensität lernte, daß ihre Eltern für ihren Verstand fürchteten. Sie beherrscht zunächst natürlich ihre Muttersprache — das Russische. Sechs Jahre alt war sie, als sie mit ihren Eltern aus Rußland flüchten mußte. Sie zogen nach Deutschland, hier erlernte das Kind bald deutsch lesen und schreiben und sprechen. Der Vater vertrug das deutsche Klima nicht und so ging die Wanderung weiter nach Frankreich. Hier lernte sie französisch. Außerdem spricht sie italienisch, polnisch, englisch und spanisch. Minna lernte diese Sprachen nicht.aus Büchern, sondern zum Teile von ihrer Gouvernante, als sie noch reich waren, und zum Teile von größeren Kindern, mit denen sie mit Vorliebe verkehrt. Kommissär Watchhorn gab der Mutter mehrere Empfehlungen an einflußreiche Persönlichkeiten, die für die weitere Ausbildung des Kindes sorgen werden. Vermischtes. KranzablösuugSfpende« zugunsten der Chewra-Kadischa iu Wien, I., Seite» ftetteugaffe 4 für arme kranke Glanbensgeuoffen. Anläßlich des Ablebens der sel. Hermine Geiringer: Von Bernhard Hohenberg und Frau K 10.—, Hoffmann 10.— , Dr. Max Brunn 10.—, Philipp Pick 5.—, Gabor Rosenfeld 10.—, S. Rona X 10.—. Zusammen L 55.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Gustav Spitzer: Von E. Kauders K 20.—, Jakob und Emilie Schnabl 20.—. Adrienne und Karl Ehrenfeld 10.—. Ernst Wolf 25.—, Friedrich und Grethe Pick K 10.—. Zusammen K 85.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Max Wessely: Von 5. Schattinger und W. Schattinger K 20.—, Ernst Wessely 20. -, Karl Wessely 20.—, Familie Albert Kaiser Io.—, Emil Hamburger 6. —, Georg Grün 10.—, Brüll K’ 10. . Znsamm. K 96.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Karoline Schiff: Bon Wilhelm Samuely, Mähr.-Ostrau K 10.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Cäcilie Eisenberger: Von Leopold Gollerstepper und Frau K 10.—, Felix Reifer und Frau 50.—, Josef Stein 10.—, Dr. Josef Stern 30.—, Rudolf Kahler 20.—, Julius Stern 20.—, Familie Friedrich Pollak 50.—, Ing. Ludwig Kallir 20.—, Familie Gottlieb Taussig K 20.—. Zusammen K 230.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Rosa Benzion: Von Martin Burkdardt K 10.—, Dr. Maximilian Steiner 10.—, Gustav Horzetzky 10 - , Dr. Julius Monath 10.—, Dr. S. M. Singer 10.—, Heinrich Ries, Budapest 10. , I. Braun 5.—, Ing. Otto Mauthner K 10.—. Zusammen K 75.—.