Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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9h. 29 Vr. Slocb’s Mocbenscbrin. Sette 521 des Vereines zur Abwehr bilde an sich eine historische Antwort und der Verein sei insolange eine Notwendigkeit, als nicht in die breitesten Schichten die Erkenntnis eingedrungeu sei, daß man im Nächsten den Menschen lieben müsse, gleichgiltig ob er Christus oder Moses oder Mohammed folge — wenn er ein Mensch sei, so gebühre ihm Recht und Schutz. Kaiser Franz Joseph und der Kaftanjude iw Festzng. Bekanntlich wurde tu dem am 12. Juni abgehaltenen Huldigungsfestzug auch die Karrikatur eines Juden im Kaftan bemerkt, der zur Belustigung des Publikums verschiedene Allotria trieb. Ein Wiener Blatt brachte aus diesem Anlasse die Mitteilung, daß der Kaiser beim Anblick der Judenfigur gelacht und einen der kleinen Erzherzoge bei der Hand genommen habe, um ihn aus die „gelungene Karrikatur" aufmerksam zu machen. Für jeden, der die Gesinnung des Kaisers von Oesterreich kennt, wäre es von vornherein ausgemacht, daß diese Mitteilung erfunden ist und daß die widerliche Szene auf den Kaiser einen peinlichen Eindruck machen mußte. Eine dem Hofe nahestehende Persönlichkeit, welche zur Zeit, als der Festzug an dem Kaiser vorbeimarschierte, in der Nähe des Monarchen stand, erzählt über den Eindruck, welchen die Judenkarrikatur machte, Folgendes: „Kaum war Seine Majestät des als „polnischen Juden" verkleideten Mannes ansichtig, wurde er sehr aufgebracht und zu dem Präsidenten Grafen Wilczek und Dr. Klotzberg (christlichsozialer Gemeinderat) gewendet, gab er seiner Verwunderung Ausdruck über diese Geschmacklosigkeit. „Der heutige Tag" soll der Kaiser gesagt haben, „hätte eher als Friedenstag zwischen den Völkern Oesterreichs dienen sollen und nicht zur Gelegenheit gegenseitiger Verspottung." Die Judenkarrikatur in Tarnow. Der „polnische Jude" des Wiener Festzuges hat, wie es scheint, Schule gemacht. Zunächst in Galizien selbst. Der Tarnwer „Sokol" feierte, wie uns von dort berichtet wird, vor einigen Tagen das Jubiläum seines 25jährigen Bestandes, zu welchem die Gäste aus allen Teilen Galiziens herbeigesirömt waren. Unter den anderen Ueberraschungen, welche den Gästen geboten wurden, gab es auch die folgende „sinnreiche" Attraktion: „Neben dem Buffett, in welchem man von Damen ohne Unterschied der Konfession bedient wurde, stand eine als polnischer Jude verkleidete Menschengestalt, die in einem seidenen Kaftan, weiße Schuhe und ebensolche Strümpfe gesteckt wurde. Ueber den Kaftan trug die Maske einen breiten Tallis-Koton. Natürlich fehlten auch der struppige Bart und die ungekämmten Peijes nicht. So oft die Musik spielte, mußte der „polnische Jude" abwechselnd mit je einer Dame eine Runde „jüdische Polka" tanzen. Man lachte dabei aus vollem Halse und — ohne Unterschied der Konfession. . . .! Radautz. (Rabbinerjubiläum.) Wie wir erfahren, begeht Herr Oberrabbiner Jsak K u n st a d t aus Radautz am 18. August d. I. die Feier seines 25jährigen Dienstjubiläums als Rabbiner der Stadt Radautz. Aus diesem Anlasse plant die große Gemeinde seiner Verehrer in- und außerhalb der Bukowina, dem Gelehrten Beweise der aufrichtigsten Sympathien und Achtung, deren er sich in so hohem Maße erfreut, darzubringen. Oberrabbiner Kunstadt gehört zu den hervorragendsten jüdischen Gelehrten unserer Zeit. Durch zahlreiche Arbeiten in Fachzeitschriften und größere Beiträge in den Journalen hat er sich schon in frühester Jugend einen Namen von Klang erworben. In all seinen Werken wie in seinen gediegenen Predigten äußert sich ein ungemein scharfer Geist und eine geradezu verblüffende Fülle von Wiffen und Erfahrungen. Kunstadt gehört nämlich zu jenen Vertretern seines Berufes, welche reiches jüdisches Wiffen mit weltlichem verbinden und gleichsam die mittlere Linie zwischen der alten und der neuen Welt repräsentieren. Seine Predigten, in einer deutschen Blumensprache gehalten, zeichnen sich insbesondere durch die klare Disposition aus, die ihnen zurunde liegt. Jede derselben ist für sich ein abgeschloffenes Werk und enthält lehrreiche exegetische Beiträge. Einen Beweis seiner großen Bedeutung auf dem Gebiete der Exegese liefert sein vor Jahren erschienenes Werk „Luach Eres", welches in allen jüdischen Gelehrtenkreisen Aussehen und Bewunderung hervorgerufen hat. Oberrabbiner Kunstadt ist in Preßburg als Sohn einer hochangesehenen Gelehrtenfamilie geboren und war Schüler seines Vetters, des Oberrabbiners von Preßburg. Im jugendlichen Alter von 21 Jahren wurde er zum Oberrabbiner in Abony (Ungarn) gewählt. Oberrabbiner Kunstadt, der das 70. Lebensjahr vollendet, feiert somit im nächsten Jahre sein 50jähriges Rabbinerjubiläum. Während seiner ganzen beruflichen Laufbahn widmete er sich voll und mit Hingebung seiner hohen Aufgabe als Seelenhirt und obliegt seinen Studien mit bewundernswertem Eifer. Mehrere Einladungen aus verschiedenen Bezirken, aus denselben Mandate in den Reichsrat anzunehmen, lehnte er immer mit der Motivierung ab, daß er für die Politik keine Zeit habe. Die israelitische Kultusgemeinde in Radautz wird das Doppeljubiläum ihres geistigen Oberhauptes in würdevoller Weise feiern. Budapest. Hierzulande stößt sich Jeder gerne an den „polnischen Juden". Sowohl der christliche Antisemit, als auch der jüdische, gewöhnlich irgend ein aus Vergessenheit im Judentume gelassenes Mitglied einer ausgetauften Judenfamilie, reiben sich gerne an dem „Fremden", der die „nationale Erstarkung des Landes" schädige: Im ungarischen Parlamente wurde vorige Woche über die Besitzregelung der Bauern beraten und die antisemitische Volkspartei ließ es sich natürlich nicht nehmen, auch bei dieser Gelegenheit die Juden auszuhauen. Diesmal allerdings war die Partei unvorsichtig in der Wahl ihres Redners, der es sich gefallen laffen mußte, daß ihm von offiziellster Stelle der Vorwurf selbstsüchtiger Motive ins Geficht geschleudert wurde. Der antisemitische Abgeordnete des zumeist von polnischen Juden bewohnten Wahlbezirkes Zboro, Michael Artim, sagte nämlich in der Debatte: „Ich weiß nicht, ob der Ackerbauminister Kenntnis davon hat, aber Tatsache ist es, daß in meinem Wahlbezirke auch für teueres Geld keine gute Weide zu haben ist. Ich selbst habe für mein Vieh eine solche Weide gesucht und nicht bekommen; so was gibt man nur den entfernteren Gemeinden und den.„galizischen Leuten". Die galizischen Juden kaufen Vieh und laffen dasselbe in den ärarischen Waldungen durch Vermittlung galizischer Christen weiden. Der Ackerbauminister hat es hier vor uns betont, der Zweck des ärarischen Waldankaufes sei der, daß dieses Gebiet die Grenzfestung des Ungartums bilden solle. Aber derzeit sucht man die Grenzfestung nicht in unserem Volke, sondern in den galizischen Juden! (Heiterkeit.) Es möge daher im Gesetze ausgesprochen werden, daß man die Weiden an der Grenze nicht an Ausländer (!) vergebe, denn es wirkt sehr schädlich auf dje nationale Empfindung, wenn unser Volk sieht, daß ihm keine Weide, den galizischen Juden aber ja welche gegeben wird." Auf den Bänken der Volkspartei war man entzückt von den Nadelstichen, die ihr Gefinnungsgenoffe der Regierung und den Juden versetzt hat. Lange dursten sie sich jedoch deffen nicht freuen, denn in Abwesenheit des Ackerbauministers erhob sich deffen Staatssekretär Bela Mezöffy und versetzte Herrn Artim eine gründliche Abfuhr, indem er die Geschichte des Waldankaufes authentisch erzählte und dann sagte : „Der Herr Abgeordnete Artim hat es übel genommen, daß bei diesem Ankäufe nicht seine Vermittlung in Anspruch genommen wurde. . . ." Michael Artim : „Ah nein, dagegen hatte ich nichts!" Staatssekretär Mezöffy: „Oh ja! Ich habe ja Ihre Briefe an das Ministerium gelesen, in welchen Sie Ihre Vermittlung angeboten haben, und zwar so, daß die Regierung den Besitz mit Hilfe einer Bank kaufen soll. Es hat sich als notwendig erwiesen, dieses historische Gut in den Händen des Staates zu behalten. Es ist nicht richtig, daß der Besitz an ausländische Staatsbürger verpachtet werde. Der Staat muß auf dem Standpunkte verharren, daß alle Jene der liebevollen Fürsorge teilhaftig werden müffen, die sich als seine treuen Bürger erweisen.