Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 620 Sr. JSlocD's Mlocdenscbrrn. 9 r. 29 Eiue Stiftung des Philanthropen Nathan Straus. Die Ausstellung des Philanthropen Nathan Straus im „Hotel Bristol" ist geschlossen worden. Im Anschluß an den am 10. d. erfolgten Besuch des Ministers des Innern Dr. Freiherrn vou Bienerth hat Herr Nathan Straus dem Minister die Mitteilung gemacht, daß er dem Staate eine komplette Milchpasteurisierungsanlage stifte. Der Minister nahm die Süstung im Namen der Regierung an. Die Einrichtung wird wahrscheinlich in Wien aufgestellt werden. Die Anlage besteht aus allen Maschinen, deren Modelle im „Hotel Bristol" gezeigt wurden, und sämtlichen Nebenapparaten, so daß es bei völliger Ausnützung der Leistungsfähigkeit möglich sein wird, täglich bis zu 100.000 Flaschen Milch zu pasteurisieren. Major Dreyfus auf dem Brünner Spielberg. Wie uns von befreundeter Seite mitgeteilt wird, hat Major Dreyfus gelegentlich einer Badereise nach Karlsbad einen Abstecher nach Brünn gemacht, wo er die Kasematten des Spielbergs besuchte. Major Dreyfus hat auch in das dort aufliegende Fremdenbuch seinen Namen eingetragen. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Am 22. Juni a. c. fand die Generalversammlung' im Saale des Klub österreichischer Eisenbahnbeamten Abends 772 Uhr statt. Vom Vorstande waren anwesend: Herr Präsident Prof. Dr. Szeberinyi; die Vorstandsmitglieder: Regierungsrat Heinrich Löhner, Kommerzialrat Dr. Alexander R. v. D o r u, Gemeinderat der Stadt Wien, Oberinspektor F. R. Engel (Schriftführer). Der kooptierte I. Vizepräsident Arthur Graf Des fours- W a l d e r o d e, der auf einer Weltreise begriffen ist, hatte eine Begrüßungskarte aus Honolulu gesandt. In seiner Begrüßung führte der Vorsitzende, Herr Präsident Prof. Dr. Szeberinyi u. a. aus, daß die Anwesenden die Repräsentanten der großen unsichtbaren Gemeinde oder Vereinigung aller derer seien, welche sich für das hohe erhabene Ziel der Humanität und der Menschenliebe begeistern. Sodann forderte er den Schriftführer auf, den Verwaltungsbericht vorzutragen. Aus dem nunmehr zur Verlesung gebrachten Berichte ist zu entnehmen, daß die Vereinsleitung ein wachsames Auge auf die im Stillen fortdauernde Minierarbeit der Reaktion gehalten — sie hat die brutale Enunziation des Bürgermeisters der Reichshaupt- und Residenzstadt am letzten Katholikentage, sowie die Bemerkungen des ehemaligen Ministerpräsidenten Grafen Frz. Thun mit einer Erklärung erwidert, worin der Anteil jüdischer Hochschulprofessoren an der Wissenschaft und Kultur in das richtige Licht gestellt wurde. Sie findet sich in Nummer 50 1907 der „Oesterr. Wochenschrift vor. Auch nach materieller Seite hin hat sich der Verein betätigt, indem die Sammlung für die jüdischen Opfer des rumänischen Pogroms vom Jahre 1907 fortgesetzt und der Betrag von 753 Kronen der Oesterr. Israel. Allianz zur Verfügung gestellt wurde. Der Bericht hebt hervor, daß im ganzen folgende Spenden gemacht wurden: 1903 an die Opfer des Pogroms in Kischenew K 200.— 1906 „ „ „ „ „ „ Rußland „ 2000.— 1907-8 „ „ „ „ „ „ Rumänien „ 1632.46 1907 „ „ Mutter Hilsner's..„ 25.— . Zusammen K 3857.46 Selbstverständlich blieb der Schwerpunkt der Tätigkeit dem bekannten unglücklichen Opfer einer merkwürdigen Rechtspflege zugewendet. Für den glänzenden Vortrag, den der unermüdliche Kämpfer für Recht, Dr. Friedr. Elbogen, am 16. März 1908 im Sofiensaale gehalten hat,*) übernahm der Verein die Vorarbeiten und die — nicht unbedeutenden Kosten, sowie auch der Vorsitzende jener Versammlung zugleich der Präsident des Vereines zur Abwehr war. •*) S. Nr. 12und Nr. 9 der „Oesterr. Wochenschrift" v.J. 1908. Weilers erwähnt der Bericht einer Fehde mit dem „Deutschen Volksblatt". Dasselbe hatte in eben dieser „Hilsner-Versammlung" vom 18. März den Anlaß dazu gefunden, an den Vorsitzenden Prof. Dr. Szeberinyi die Frage in einem Artikel am 29. März zu richttn, was er zu einem Vorkommnis unglaublichen jüdischen Aberglaubens sage, der sich im Winter 1907—8 im II. Bezirk in Wien zugetragen hatte und geeignet erschien, einen Zusammenhang zwischen jüdischem Aberglauben — wegen Opferung einer Henne bei einer schwierigen Entbindung — und dem Ritualmord herzustellen. Und ob sich ein einziger Geistlicher irgend welcher christlichen Konfession zu einer ähnlichen Rolle herabwürdigen würde, wie der dabei im Spiele befindliche zugereiste Rabbiner aus Kolomea. Da gleichzeitig an anderer Stelle desselben Blattes ein blutrünstiger Artikel gegen die Juden erschien und auf die Judenverbrennuug in Wien im Jahre 1421 hingewiesen wurde, wobei auch die diese „christliche" Tat glorifizierende Erinnerungstafel am Judenplatz nicht erspart wurde, und außerdem die Schmutzwogen der Entrüstung über das lächerliche Vorkommen des Dr. Feilbogen in Rom in diesem Blättchen hoch gingen, so hielt es die Vereinsleitung nicht für unter ihrer Würde, Nachforschungen zu pflegen, um eine entsprechende Antwort erteilen zu können. Wie vorauszusehen gewesen, ergaben die Recherchen, daß es sich um gar keinen Rabbiner, sondern nur um eine Art Wunderrabbi handelte, der den Rat der Opferung (unter Gebeten) erteilt hatte. Die Antwort blieb denn auch nicht aus, sie erschien jedoch im „Deutschen Volksblatt" trotz gegebener Zusicherung nicht. Begreiflich; denn im Antwortschreiben wurde ausgeführt, daß jeder Aberglauben, dieses Produkt des Mangels an freier Forschung, zu beklagen sei, so z B. das „Gesundbeten" und vieles andere auf christlicher Seite, was aber nicht wohl gesagt werden könne, und schloß mit einem Appell auf Ausrottung der Bestie im Menschen, wobei sich das „Deutsche Volksblatt" der Mitwirkung des Vereines zur Abwehr versichert halten könne. Der Bericht erwähnt zum Schluffe noch die erfreuliche Tatsache, daß sich der bestbekannte Ethiker Graf Arthur Desfours-Walderode bereit gefunden habe, den durch das Ableben des Grafen Dr. ' Heinrich Coudenhove-Kalergi (s. „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 40 v. 1.1907) freigewvrdenen Posten eines I. Vizepräsidenten auzunehmen. Nach Genehmigung des Berichtes erfolgten die Wahlen, welche über Antrag des Mitgliedes Dr. Königsteiu per acclamationem vorgenommen wurden. Dieselben ergaben die Wiederwahl des gesamten Vorstandes, u. zw. der Herren : Militärsuperintendent i. R. und Universitätsprofessor Dr. I. Szeberinyi, Präsident; Fideikommißherr Arthur Graf Desfours-Walderode, I. Vizepräsident; Bürgerschullehrer Oswald H o h e n s i n n e r, II. Vizepräsident; Magistratsrat i. R. Dr. Ferdinand Kronawetter, Vorstandsmitglied; Kommerzialrat, Gemeinderat Doktor Alexander R. v. D o r n, Vorstandsmitglied; k. k. Regierungsrat Heinrich Löhner, Vorstandsmitglied; Oberinspektor F. R. Engel (Schriftführer), Vorstandsmitglied. Als Ehrenpräsidentin fungiert Frau Baronin Bertha von 'L u t t n e r, geb. Gräfin K i n s k y. Hiemit war die Generalversammlung geschloffen und es begann Herr Bibliothekar Dr. Bernhard Münz den angekündigten Vortrag über „Katholische Priester". Der vorgerückten Stunde und der großen Hitze wegen mußte dieser instruktive Abriß aus der Geschichte abgebrochen werden und wird seine Fortsetzung in der kommenden Saison finden. Der Herr Vorsitzende dankte wärmstens den Rednern und wies auf die großen Eigenschaften des jüdischen Volkes hin, das, reich begabt und mit bedeutenden historischen Erinnerungen von innen getragen, auch das religiöseste Volk des Altertums war. Er gab dem Wunsche Ausdruck, daß man sich allgemein verpflichtet fühle, an den Kämpfen, Gedanken und Leiden des Judentums teilzunehmen. Die Existenz