Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr- Llocb's Mlocdenscbritt. Sette SIS von 45 Regierungen zusammengesetzte ständige Komitee. Auch er schloß mit einem Glückwunsch auf den Zusammenschluß der Menschheit und den Tag, an welchem die sozialen Klassen, welche vom Ertrage des Pfluges leben, der unfruchtbaren Kämpfe müde, sich freundschaftlich die Hände reichen. De Carvalho Vasconcellos überbrachte als Dekan der auswärtigen Delegierten die Grüße der Regierungen. Die Feier schloß mit Besichtigung der prachtvoll eingerichteten Säle. _ W. Protestantische Seelsorger für die Juden. Die Seelsorger des Pester reformierten Seniorats haben vorige Woche unter dem Vorsitze des Pester Seelsorgers AlexiuS Petri eine Konferenz gehalten, die sich unter Anderem auch mit den Modalitäten der sozialpolitischen Tätigkeit des Seniorats beschäftigte. Es tauchte der Plan auf, daß Konsumgenossenschaften ins Leben gerufen werden. Franz Pentek verwahrte sich gegen die Anwendung dieses bei den Katholiken so beliebten Systems, welches den eingestandenen Zweck hat, die vaterländische Judenschaft zugrunde zu richten. Die Reformierten haben keinen Grund, den Juden den Krieg zu erklären. Die Konsumgenossenschaft ist überdies eine Waffe, die leicht nach hinten losgeht. Die sozialpolitische Tätigkeit muß' andere Richtungen einschlagen. Redner regt namentlich die Idee an. daß das Seniorat mit Hilfe seiner disponiblen Kapitalien ein Geldinstitut gründen möge. Die Konferenz beschloß, diesen Vorschlag zum Gegenstände ernsten Studiums zu machen. _ Eine interessante rabbinische Frage. Der in Nr. 27 Ihres geschätzten Blattes unter der Überschrift „Eine interessante rabbinische Frage" erschienene Bericht ist in der Tat interessant und diskusfionsanregend. Wenn auch der geschilderte Sachverhalt auf der lockeren Basis eines Traumes aufgebaut ist, welchem in der Regel keine'Bedeutung und keine Beachtung beigemessen werden soll, so ist dennoch aus der Heiligen Schrift Genes. XXVIII, B. 12, XXXVII. 5. XI. 5, IXL. 1; I. Regum III. 15; Daniel II, IV, VII bis XII, ferner auch aus dem Talmud, namentlich Tom. I, Bol. 56, Abschnitt IX usw. bis zur Evidenz erwiesen, daß der Volksmund mit seinem Ausspruche „Träume find Schäume" keineswegs sich vollkommen bewährt. Nicht völlig zu ignorieren wäre ferner die Tatsache, daß es in der Judenheit immer einzelne hervorragend fromme Gnostiker gegeben, welche, zurückgezogen in ihrem Tuskulum, ihr Leben ausschließlich dem Studium der Gotteslehre und dem Gottesdienste widmeten und nicht selten klar und wahr bekundeten, daß sie, gleichviel ob durch Visionen oder Wissenschaft, verborgene Dinge zu enthüllen verstanden. Lesenswert ist die Einleitung des vom Vereinsrabbiner Daniel Steinschneider in Preßburg 1881 herausgegebenen Werkchens „Dan Medaniel", in welcher er u. a. schreibt, daß seinem Großvater, dem berühmten ersten Rabbinatsassessor Rabbi Daniel Proßnitz s. A. in Preßburg, einst an einem Samstagnachmittage, während derselbe bei seinem Studium aus einem Folianten eingeschlummert war, eine vor kurzer Zeit verstorbene Preßburger Frau erschien und sich bitter darüber beklagte, daß sie kurz vor ihrem Ableben den Preßburger Tempeldiener einen gewissen Geldbetrag zum Lohne dafür übergab, daß er für ihr Seelenheil während des Trauerjahres täglich Mischnah lerne und das Kaddisch rezitiere; doch der gute Mann unterläßt es, diese übernommene und bezahlte Pflicht zu erfüllen, sie ersuchte daher den ehrwürdigen Rabbi, er möge den pflichtvergeffenen Mann an die treue Erfüllung mahnen, was Rabbi Daniel Proßnitz ihr auch bereitwillig zu tun versprach. Hierauf verschwand die erschienene Vision und der Rabbi erwachte aus seinem Schlummer gerade in dem Momente, als der Tempeldiener durch das Fenster hineinrief: „Zu Mincha in die Schu-ul!" Sofort machte ihm der Rabbi schwere Vorwürfe über seine Gewissenlosigkeit und Pflichtverletzung, die er gegen die ihm soeben erschienene verstorbene Frau sich zuschulden kommen läßt. Bestürzt und reumütig bekannte der Tempeldiener seine Schuld und versprach dem Rabbi, von dieser Stunde an seine Pflicht gegen die Verstorbene getreulich zu erfüllen. Es dürfte demnach geraten erscheinen, den nach dem Berichte Ihres geschätzten Blattes in einer Stadt Rusfich-Polens dem Sohne des dortigen Rabbiners viermal sich wiederholenden Traum — zumal es sich da um eine Pression oder um die Erzielung irgend eines eigennützigen Erfolges kaum handeln mag — einer wesentlichen Beachtung zu würdigen, welcher zufolge der Rabbinersohn für den verstorbenen alten sniV der Gemeinde als auch vv' .ro'-'K ,-inrr des Rabbiners, als dessen Sohn er gilt, das Kaddisch sagen soll. So erscheint die „interessante rabbinische Frage" richtig entschieden zu sein. Rabbiner Dr. A. F r i e d m a n n. Ikorrespondenzen. Der Präsident David Wolffsohn beim rnfsischen Premierminister Stolypin Das zionistische Aktionskomitee läßt uns folgende Mitteilung zugehen: Am Freitag den 10. Juli wurde der Präsident der Zionistischen Organisation, Herr David Wolffsohn, vom russischen Premierminister. Herrn P. A. von Stolypin, im Elagin'schen Palais empfangen. Im Lauf einer längeren Unterhaltung, die während dieses Empfanges stattfand, wurden die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, ihre allgemeinen Ziele, die Tätigkeit ihrer Institutionen und die zionistische Arbeit innerhalb Rußlands eingehend erörtert. Zum Schluß gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für das zionistische Ideal Ausdruck und erklärte, die russische Regierung beabsichtige nicht, den Zionisten Rußlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens gewidmet ist, eine öffentlich—rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. An demselben Tage hatte Herr David Wolffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. Jswolsky. Laut Meldung der „Neuen Freien Presse" erklärte Stolypin zur ruffischen Judensrage, er beschäftige sich mit ihr und halte ihre baldige Lösung für notwendig, vorher müsse aber völlige Ruhe in Rußland eingetreten sein, dann werde hoffentlich die Judenfrage in humaner Weise gelöst werden. Am 11. d. erwiderte Jswolsky den Besuch Wolffsohns. Minister Geßmann als antisemitischer Agitator. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 15. Juli interpellierte Dr. Straucher den Ministerpräsidenten, betreffend die christlichsoziale Agitation in der Bukowina. In der Interpellation wird ausgeführt, daß, seitdem Dr. Geßmann Mitglied des Kabinetts geworden sei, in der Bukowina organisierte judenfeindliche Parteien entstanden seien, die unverkennbar unter der Patronanz des genannten Ministers stehen. Die Organe der antisemitischen Parteien im Lande erklären ausdrücklich, daß sie unter der Patronanz und werktätigen Förderung des Ministers Dr. Geßmann stehen. Sie gerieren sich als Organe eines Ministers und wirken auf gewisse offizielle Kreise dadurch geradezu einschüchternd. Die genannten Blätter enthalten in jeder Nummer die wütendsten und unerhörtesten Beschuldigungen der Juden, predigen den wirtschaftlichen und sozialen Boykott und fordern zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Eine solche gewiffenlose Agitation könne nur die bösesten Früchte zeitigen. Es sei unerhört, daß in einem modernen Rechtsstaate ein Mitglied der Regierung Parteien offenkundig favorisiert, die derartige Tendenzen verfolgen. Die Interpellanten fragen, ob der Ministerpräsident veranlassen wolle, daß der Minister Doktor Geßmann seine Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle.