Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. BLoch's Wochenfchrifr. Sette 817 tigen Frage in seinem Blatte Stellung nehme, seine Meinung hören, da erklärte ihm Kozma, die ganze Anklage und die zusammengestellten Beweise sei nichts als eine bodenlose Lumperei und Niedertracht. Sie erinnern sich, daß auch diese Meinung eines ehrlichen Kozma an der Haltung des „B. H." nichts änderte. Ein anderer Blatteigentümer, sogar jüdischer Konfession, ließ sich die Liste seiner Abonnenten vorlegen, und als er sah, daß ungefähr die Hälfte derselben Juden, die andere Hälfte christliche Leser seien, erteilte er Ordre, sich danach zu richten, das heißt, für Niemand Partei zu nehmen, auch für seine Glaubensgenossen nicht. Und die Presse von heute? Und die Strömung, die heute sich allenthalben bemerkbar macht, besonders in diesem Parlament, dem ersten, in welchem die Anhänger Ludwig Kossuths die Majorität haben — und da fragen Sie, ob heute nach 25 Jahren ein Tißa-Eßlarer Prozeß bei uns möglich wäre? Ich muß die Frage leider bejahen. Uebrigens wie lange ist es denn her, daß wir in Frankreich den Dreyfus- Prozeß erlebt! Das Substrat war ein anderes, die Personen waren andere, das Arrangement aber war dasselbe. Finden Sie das nicht auch?" Noch viele andere bereits bekannte und neue durchaus interessante Details erzählte mir Eötvös wie nur er erzählen kann. Ich hörte ihm andächtig zu wie immer. Die Meinung des „Wojwojden" aber, daß ein Tißa-Eßlarer Prozeß heute nach 25 Jahren bei uns möglich sein konnte, stimmte mich tief traurig. Ich wünschte, der Bajda irrte fich einmal. 8. E—r Dom Jahrmarkt des Lebens. Der frühere Präsident der Bereinigten Staaten Grover Cleveland und die Inden. Bor Kurzem ist Grover Cleveland, den das amerikanische Volk zweimal zum Präsidenten gewählt hat, gestorben. In der amerikanischen Kirche zu Berlin hat letzten Sonntag eine Gedächtnisfeier für ihn stattgefunden, und der Geistliche rühmte ihn als einen Mann von redlichem, lauterem Charakter, der in vielen Beziehungen mit Bismarck große Aehnlichkeit gehabt und gleich diesem und Luther sein großes Ziel nie aus den Augen gelassen habe. Einen Mann, den ein christlicher Geistlicher in der Kirche mit zwei so echt deutschen Männern wie Bismarck und Luther vergleicht, werden unsere Antisemiten Wohl nicht als einen Judenknecht zu bezeichnen wagen, wenn sie zu ihrem Leidwesen erfahren, wie sehr er fich der Juden annahm. Cleveland hatte zum Gesandten in Wien einen gewissen Keiley ernannt, der aber von der österreichischen Regierung abgelehnt wurde, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. In dem aus diesem Anlässe an den Kongreß von dem Staatssekretär Bayard erstatteten Bericht heißt es: «Der Präsident glaubt nicht, daß zu einer solchen die Religions¬ und Gewiffensfreiheit vernichtenden Theorie wie Praxis, die jeder Weltherzigkeit ermangelte und entgegen dem Geiste des Zeitalters ist, in welchem wir leben, die große Familie der zivilisierten Völker auch nur für einen Augenblick sich bekennen kann oder daß gestattet werden darf, daß sie Einfluß habe auf ihren diplomatischen Verkehr. Ganz gewiß aber wird sie nach meiner Ueberzeugung berücksichtigt werden, die die Gefühle des amerikanischen Volkes repräsentiert." Das war im Jahre 1885. Zwei Jahre später ernannte Cleveland auf Befürwortung von Karl Schurz und von dem berühmten Geistlichen Hary Ward Beecher den jetzigen amerikanischen Handelsminister Oskar Straus zum amerikanischen Gesandten in Konstantinopel. Auch nachdem Cleveland in das Privatleben zurückgetreten war, trat er wiederholt für die Juden ein. Auf dem in New- Iork abgehaltenen Entrüstungsmeeting aus Anlaß der Kischenewer Greuel sagte Cleveland u. a. : «Jedes menschliche Gefühl in Amerika ist entsetzt über das mörderische, barbarische und nach jeder Richtung hin empörende Attentat auf die Juden in Rußland. Als Mitglieder der Menschheitssamilie, als Bürger eines freien Landes sind wir hier versammelt, den Empfindungen Ausdruck zu geben, die jeden wahren Mann beseelen, jeden Amerikaner, der dieses Namens würdig ist. Ich bin entschieden und ganz unzweideutig der Ansicht, daß wir unsere Regierung in nicht mißzuverstehenden Ausdrücken in Kenntnis setzen müssen von unserer tiefen Entrüstung über die vorgekommenen Judenmetzeleien in Rußland. . . . Unsere Staatsdiener sollten uns sprechen hören. . . . Möge das Volk der Vereinigten Staaten in jedem Teile des Landes sich m solchen Versammlungen wie diese zusammentun und furchtlos der zivilisierten Welt erklären, daß es gegen jede vermeintliche Zivilisation protestiere, die mittelalterliche Verfolgungen gestattet, gegen jeden bigotten Glauben, der religiöse Duldung und Gewissensfreiheit nicht zuläßt, gegen jede falsche Aufklärung, die Haß und Grausamkeit gegen irgendeine Menschenrasse verteidigt und gegen jede Art von Regierung, die irgendein menschliches Wesen des Rechtes beraubt, in Sicherheit zu leben und in Frieden zu arbeiten." Auch bei der Feier des 250jährigen Jubiläums der jüdischen Anfiedlung in den Vereinigten Staaten war Cleveland einer der Hauptredner. „Es ist Zeit, sagte er, rückhaltlos anzuerkennen, daß die Duldung und Gleichberechtigung, die den Juden in den Vereinigten Staaten zugestanden worden sind, reichlich dem Lande vergolten worden sind. Und wenn wir die Rechnung aufmachen, wollen wir nicht unterlassen, zu ihren Gunsten zu vermerken, daß sie uns Gelegenheit geben, durch gesunde Uebung den Geist weitherziger Gerechtigkeit und Rücksicht zu stärken, den wir, so lange wir uns selbst treu sind, unerschütterlich erhalten müsien als ein unsere Nationalität auszeichnendes Merkmal." Bemerkt sei noch, daß Cleveland im Jahre 1897 durch sein Veto die in der Hauptsache gegen die jüdischen Einwanderer gemeinte Vorlage zu Falle gebracht hat, nach welcher die Einwanderer einer Bildungsprüfung unterworfen werden sollten. Es gehörte viel Mut und Ueberzeugungstreue zu einem solchen Schritt; denn der Entwurf war im Repräsentantenhause mit 195 gegen 26 und im Senate mit 52 gegen 10 Stimmen angenommen worden. Die Begründung seines Vetos war so meisterhaft, daß seitdem ein ähnlicher Vorschlag keine Aussicht auf Erfolg hat. _ Cin Gutachten über das Schächten. Herr Sanitätsrat Professor Dr. Klemensiewicz, Direktor des Instituts für allgemeine und experimentelle Pathologie an der Grazer Universität, hatte die Güte, das nachstehende, von der „Jüd. Presse" publizierte, bedeutsame Gutachten zu erstatten: „Der Aufforderung des Vorstandes der hiesigen israelitischen Kuitusgemeinde Folge leistend, teile ich die meiner wissenschaftlichen Erfahrung entsprechende Ansicht über das Schächten als Gutachten mit. Dabei kann es sich nur darum handeln, zu erörtern, ob das bei der Schlachtung zu erreichende Ziel durch das Schächten ebenso oder in anderer Weise erreicht wird, als bei anderen Schlachtmethoden. Als Zweck oder Ziel des Schlachtens überhaupt muß bezeichnet werden, die Organe, insbesondere das Muskelfleisch der Schlachttiere, in einem möglichst frischen, für die Verwertung passenden und für den Genuß möglichst zuträglichen Zustand zu gewinnen. Daß die Schlachtmethoden nach Tunlichkeit human sein sollen und jede unnütze Tierquälerei zu vermeiden ist, will ich als selbstverständlich voraussetzen und nur in Erinnerung bringen, daß die beim Schlachten unvermeidlichen Bändigungsmittel der Tiere weitaus nicht das Schlimmste find, was sich der Mensch zu volkswirtschaftlichen und kulinarischen Zwecken den Tieren anzutuen erlaubt. Das erwähnte Ziel des Schlachtens ist nur dann erreichbar, nenn die Entblutung des Schlachttieres eine möglichst vollkommene ist. Mit dem Blutgehalte der Organe hängt der^n Durchfeuchtung und mit dieser die Haltbarkeit und Schmackhaftigkeit zusammen. Je vollkommener die Entblutung war, um so mel r steigern fich die erwähnten Qualitäten. Die Haltbarkeit, d. h. die Widerstandsfähigkeit der Organe des geschlagenen Tieres gegen allzuweit gehende Zersetzungsprozesse, insbesondere solche, die durch Keime hervorgerufen find, die Fäulnis, hängt hauptsächlich von einem möglichst geringen Feuchtigkeitsgehalt der Organe ab. Diese Beschaffenheit ist die notwendige Bedingung für eine entsprechende Verwertung des Materials, insbesondere des Fleisches, da das letztere im frischgeschlagenen Zustande von gewissen Tierarten als ungenießbar zu bezeichnen ist. Die erwähnten Eigenschaften erlangen die Fleischsorten der Schlachttiere am besten durch eine möglichst weitgehende Entblutung. In diesem Punkte, die Entblutung anlangend, ist das „Schächten" jeder anderen Schlachtmethode überlegen, da der bei der Methode des Schächtens auszuführende Halsschnitt mit scharfem Messer sämtliche Weichteile des Halses bis zur Wirbelsäule durchtrennt und damit die Verblutung aus den beiden großen Halsschlagadern (Karotiden) sofort beginnt. In der kürzesten Zeit, die nur nach Sekunden zu bemessen ist, wird eine der Blutleere nahekommende Blutarmut des Gehirns eingetreten sein» die dessen Funktionen einstellt.