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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-17 · 29 (17.7.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 616 Wr. Bioco s MocvenscvrM. Nr. 29 Sein Reichtum und sein Einfluß haben, wie in einem seine Abstammung behandelnden Dokument zu lesen ist, den Neid der Größten des Landes erweckt. Sie verleumdeten ihn vor dem König, weshalb er auch aus Ungarn flüchtete oder verjagt wurde. Genug daran, er ging mit seiner Familie nach Prag. Dort unterhielt er eigene große Talmudschule. Aber auch von dort mußte er drei Mal infolge von Verleumdungen flüchten. Zum Danke für die jedesmalige glückliche Errettung spendete er jedesmal ein Paroches für die Prager Synagoge. Er hatte 12 Söhne und 13 Töchter. Seine Töchter verheiratete er an lauter Kohaniten und so waren an Feiertagen stets 25 Kohaniten in seinem Bethause versammelt, die den Andächtigen den Segen spendeten. Seine Tochter Jochebed heiratete Rabbi Sabbai, den größten Talmudistcn seiner Zeit. Diese Jochebed war die Stammutter einer ganzen Reihe hervorragender Wischer Gelehrter. Aus dieser Familie stammt auch der Meharschah (Rabbi Samuel Edels). Rabbi Akiba Hakohan starb im Jahre 1496 in Prag. Sein Grabstein trug die Inschrift: Dieser Stein bezeichnet die Ruhestätte des Rabbi Akiba Hakohan und Rafft aus Ofen. Während der ganzen Regierungszeit Mathias erfreuten sich die Juden seines Landes des Friedens und der Ruhe. Kaum hatte er die Augen geschlossen, wurde die lang zurückgehaltene Leidenschaft entfesselt und in vielen Städten Ungarns floß jüdisches Blut in Strömen. 25 Jahre nach Tißa-Gßlar. Ei» Gespräch mit Karl Eötvös. Freitag den 19. Zuni jährte sich zum 25. Male der Tag, da die Verhandlung des „großen Prozesses, der schon seit 1000 Jahren dauert und noch immer kein Ende genommen hat", wie Karl Eötvös, der berühmte Verteidiger im Tißa-Eßlar-Prozeß, denselben nannte, ihren Anfang nahm. Die nichtswürdige Lüge vom Ritualmorde, den ein halbes Dutzend armer und elender Juden an einem Christenmädchen begangen haben sollten, wurde wieder einmal verkündet und wer weiß, ob es den armen Juden nicht ergangen wäre wie zwei Dezennien später dem Juden Hilsner, hätten die Tißa-Eßlarer Angeklagten nicht den ersten, also auch den findigsten und gescheitesten Kriminalisten, über den Ungarn damals und auch heute verfügt, zur Seite gehabt. Es war aber auch der bedeutendste, interessanteste und wichtigste Kriminalfall, der seit hunderten von Jahren verhandelt wurde. Es galt nicht allein die Unschuld von einem halben Dutzend Menschen zu erweisen, die, wenn dies nicht gelänge, unrettbar dem Galgen verfallen wären, es galt noch viel mehr, es galt das gefährliche Märchen, die nichtswürdige Lüge vom Ritualmorde einfür allemal zu vernichten. Ganz Europa, die ganze Welt verfolgte gespannt diesen Prozeß. Die Unschuld der Angeklagten zu erweisen gelang es dem großen Verteidiger, die nichtswürdige Ritualmord-Lüge aber, sie wurde nicht getötet, nicht aus der Welt geschafft. Sie wurde scheinbar begraben, aber unter der Erde, die sich über ihrem Grabhügel damals wölbte, lebt sie noch immer fort und gibt von Fall zu Fall ein Lebenszeichen von fich. Und das wird wohl noch lange der Fall sein, fie wird immer und immer hervorgezerrt werden, man wird wenigstens versuchen, versucht es auch, fie immer wieder zu neuem Leben zu erwecken, solange es schlechte Menschen und nichtswürdige Schurken geben wird. Und die schlechten Menschen und die nichtswürdigen Schurken fie sterben nicht aus. Fünfundzwanzig Jahre find verflossen, daß der große Prozeß seinen Anfang nahm und der Zufall wollte es, daß Schreiber dieser Zeilen gerade an dem Jahrestage dieses Prozesses von und über denselben mit Karl Eötvös eine volle Stunde lang sprechen konnte. Gesprochen und erzählt von seinem größten Prozesse hat eigentlich nur er — Karl Eötvös, er spricht gerne Wer dieses Thema, man merkt ihm an, daß er stolz ist auf diesen Prozeß, es genügte also, daß ich eine und die andere Frage an ihn richtete, so namentlich, ob er einen solchen Prozeß auch heute, nach 25 Iahten, für möglich halte? Und Karl Eötvös ging auf diese Frage ein und sagte: „Ob ich einen solchen Prozeß heute für möglich halte? Jawohl. Auch heute noch, oder besser gesagt, heute wieder. Es brauchten fich nur alle jene Elemente wieder zusammenzufinden und die Schuldgrüude so geschickt zu erfinden und zu gruppieren, wie damals. Es stand schlecht um die angeklagten Juden. Alles und jeder war gegen sie. Das Komitat, das Gericht, die Regierung, die Presse, das Land, ganz Europa. Vom Barry, dem Abrichter des „Moritz" angefangen, bis hinauf zum damaligen Ministerpräsidenten. In die Hunderte betrug die Zahl der Advokaten, die sich, um die Verteidigung der Angeklagten bewarben. Jüdische und christliche Advokaten, darunter auch Gsza Polonyi. Die Herren waren nach einer Richtung hin schlecht informiert. Ich weiß nicht, woher es kam, ich habe mich nie darum gekümmert, aber jedermann glaubte, daß da ein Vermögen zu holen sein werde, daß das Judentum der ganzen Welt, da doch die Sache für dasselbe von eminenter Wichtigkeit ist, Millionen oder doch viele Hunderttausende von Gulden zusammengetan habe, um damit die glücklichen Verteidiger zu bezahlen und da wollte Jeder dabei sein. Die Herren irrten fich. Man sollte gar nicht glauben, wie wenig Geld für diesen Zweck zur Verfügung stand. Und als eines Tages mein alter Freund Josef Simon mich aufsuchte und mich bat, ich möchte doch nach Nyiregyhaza und Tißa- Eßlar gehen und den „Fall" dort an Ort und Stelle studieren, vermochte er mir nicht mehr als 1000 Gulden zur Verfügung zu stellen. Ich reiste ab und hatte mehr als 1500 Gulden Ausgaben, die ich gar nicht verrechnete. Damals sah und sprach ich den kleinen Moritz Scharf das erstemal. Mein Freund, der Oberstaatsanwalt Alexander Kozma, hatte mir ein Empfehlungsschreiben an den dortigen Staatsanwalt mitgegeben. Trotzdem kostete es große Mühe, daß mir der Junge vorgeführt wurde. Ich mußte mich aber verpflichten, den Fall selbst nicht zu berühren, und so fragte ich ihn nur, wie er heiße, wie sein Vater heiße und wie alt er sei. Jede meiner Fragen beantwortete er erst, nachdem der anwesende Staatsanwalt und der anwesende Gefängniswächter ihm die Erlaubnis zur Antwort gaben. Die Herren wunderten sich, daß ich keine weiteren Fragen an ihn richtete. Ich hatte genug, ich wußte genug, ich sah, wie da der Prozeß vorbereitet wurde. Und glauben Sie, fuhr Karl Eötvös fort, daß Aehnliches heute nicht möglich wäre? Sicher und bestimmt, wenn nur das geeignete Medium da ist. Und ist keines da, so macht man eines, heute ebenso wie damals. — Es war eine merkwürdige Zeit. Ich hatte wochenlang da unten zugebracht. Wenn man das Volk fragte, was es denn bei Ihnen Neues gäbe, meinten die Leute: „Ja wissen Sie denn nicht, die „Herren" gehen jetzt gegen die Juden, obendrein gegen arme Juden und das wird ein schlechtes Ende geben, auch für uns, denn wenn die Herren etwas beginnen, was dann schlecht ausfällt, so sind wir immer schuld daran." In Budapest sprach ich mit dem Ministerpräsidenten Koloman Tißa über die Sache, dann mit Defider Szilagyi und auch mit Karl Kerkapolyi, teilte ihnen meine Wahrnehmungen mit und alle die bodenlosen Niederträchtigkeiten, die da in Nyiregyhaza geschehen. Koloman Tißa meinte, die Regierung könne der Gerechtigkeit nicht in die Hände fallen, auch sei es nicht bewiesen, daß gerade ich recht habe. Szilagyi meinte, er sehe sich nicht veranlaßt, eine Meinung ahzugeben, die Sache der Juden berühre ihn viel zu wenig, und selbst Kerkapolyi, dieser ehrlichste und bedeutendste Mensch nächst Deak, meinte, es sei besser, der Sache aus dem Wege zu gehen. Sehen Sie, so standen Leute vom Schlage Koloman Tißa, Szilagyi und Kerkapolyi dem Tißa-Eßlarer Fall gegenüber. Ich weiß nicht und will es heute nicht untersuchen — konnten sie sich von dem Banne jener öffentlichen Meinung, welche Verhovay, Onody, Barry usw. machten, nicht freimachen, oder wollten sie es nicht? Denken Sie fich nun die heutigen Epigonen dieser Männer in solcher Lage. Auch die Presse stand im Lager der Verhovay und Barry. Der Einzige, der treu zu mir stand und mich ermunterte und unterstützte in diesem schweren Kampfe um die Wahrheit, war mein alter guter Alexander Kozma. Er sah klar und deutlich, wie und von wem die Fäden zu unentwirrbaren Knoten geknüpft werden, und als eines Tages der Eigentümer und Chrfredakteur des „Budapesti Hirlap" bei ihm erschien, um ihn um seine Anficht über den Fall Tißla-Eßlar zu befragen, mit dem Hinzufügen, er wolle, bevor er zu dieser wich-

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