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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-17 · 29 (17.7.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Dr. LLocb's Mocvenscdrm. Seite 515 möglichen*), mit seinen geplanten philanthropischen und sozialen Bestrebungen in Jerusalem und Palästina, ehe das Jubeljahr zu Ende geht, wenigstens eine kräftigen Anfang machen zu können! Bei der Liebe und Anhänglichkeit, welche der allverehrte und gefeierte österreichische Herrscher und Jubelgreis dem von ihm selbst besuchten „Heiligen Lande" bewahrt, und bei seiner regen Anteilnahme an dessen Ergehen und Geschicken, würde gerade ein solches Ergebnis der mit seinem Volke begangenen Jubelfeier seinem Herzen ohne Zweifel die freudigste Ueberraschung und die lebhafteste Genugtuung bereiten. Quae omnia deus bene vertat! Jerusalem, im Juni 1908. Phil. Kieferndorf. Die Juden unter König Mathias. Vor Kurzem ist in Budapest der fünfte Band des vom ungarischen Schriftsteller Max Szabolcsi herausgegebenen „ungarischen Graetz" erschienen. Diesem Bande von Graetz Geschichte in ungarischer Ausgabe ist ein Anhang über die „Geschichte der Juden in Ungarn" beigegeben. Diesem Anhänge entnehmen wir das folgende interessante Kapitel, das noch wenig bekannte Daten enthält: Mit großer Begeisterung wurde der erste nationale König empfangen, welchen seit dem Aussterben des Arpad-Geschlechtes der freie Wille der Nation zu ihrem Herrscher erwählt hat. Die Bürgerschaft der Hauptstadt, Ofen, war ihm mit ihrer Geistlichkeit an der Spitze in feierlichem Zuge entgegengezogen. In dem Festzuge war auch die Ofner Judenheit vertreten, welche ihre reichgeschmückten Thorarollen vor den König trugen. Der König wurde von den Juden schon außerhalb der Burgmauern begrüßt und diese baten ihn, ihre alten Rechte und Freiheiten zu bekräftigen. König Mathias empfing die jüdische Abordnung äußerst huldvoll und bestätigte — im Jahre 1468 — ihre Privilegien. Das königliche Patent wurde von denselben zwei Juden FarkaS und Major entgegengenommen, die auch bei Ladislaus V. als die Vertreter der Juden Ungarns erschienen waren. Als der König sich im Jahre 1464 feierlich krönen ließ, da verlangten die Juden von Neuem die Bestätigung ihrer Rechte und Privilegien, da auch sie die Gültigkeit der königlichen Gnade nur von dem Abschlüsse der Krönung abhängig machen konnten. In beiden Fällen betonte König Mathias, daß er die Rechte der Juden nur unter Aufrechterhaltung der Rechte anderer bestätige. Das bedeutete so viel, daß die bestehenden Rechte der Städte und Behörden keine Einbuße erleiden dürfen, falls sie mit den Rechten der Juden kollidieren sollten. So waren denn die Juden vollständig dem Willen der Städte ausgeliefert. So lange Mathias regierte, vermochten sie nicht die ihnen übertragene Macht zu mißbrauchen, da seine Untertanen vor seiner starken Hand und seinem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn zitterten. Nichtsdestoweniger wurde durch diese Verfügung zugunsten der Städte eine Bresche geschlagen, durch welche sie die Juden so oft als möglich in ihren Rechten verkürzten oder plünderten. Die Berufung der Juden an den Schatzmeister oder Palatin hatte mehr formellen als praktischen Wert. Sie war auch mit großen Opfern verbunden und hatte auch deshalb keine Wirkung, weil die Institution des Landes-JudenrichterS sistiert war und die Juden daher keine Autorität fanden, die geneigt gewesen wäre, ihre Vertretung zu übernehmen. Dieser allzustark verspürte Mangel führte König Mathias zur Schaffung der „Jüdischen Präfektur". Im Jahre 1477, als Mathias seine Trauung mit Beatrix feierte, hat diese Institution bereits bestanden. Ein Zeitgenosse beschreibt den glänzenden Festzug der Juden, die vor König Mathias und seine Braut gezogen waren: „An der Spitze der Judenschaft ritt ihr greiser Vorsteher mit gezücktem Schwerte, auf welchem ein Körbchen hing, in dem sich zehn Pfund Silber befanden. Neben ihm ritt sein Sohn mit Schwert und silbernem Körbchen. Hinter ihnen folgten 24 Ritter, alle in purpurnem Festgewande, in ihren Hüten drei Straußfedern. Diesen folgten 200 Juden zu Fuß, mit roter Fahne, auf welche ein fünfkralliger Eulenfuß gestickt war, darunter zwei goldene Sterne und darüber eine goldene Tiara. Alle waren mit dem Efod bedeckt. Die Alten standen in der Mitte unter einem Baldachin, rings um sie die Jungen. Als der König nahte, trugen sie die Thorarollen singend vor die Königin und brachen in großen Freudenlärm aus. Vielleicht taten sie dies deshalb — so schließt der Bericht — weil sie daraus einen großen Nutzen erwarteten." Es ist wahrscheinlich, daß die „Jüdische Präfektur" unseren Ahnen nicht umsonst gegeben wurde, sondern als Belohnung für den prachtvollen Festzug oder, was noch wahrscheinlicher ist, für irgend ein *) Beiträge für Oesterreich - Ungarn quittiert bekanntlich die Sammelstelle des jüdischen Nationalfonds, Wien, IX., Türkenstr. 9A. Wegen der Gründung von Zweigvereinen und neuen Lokalkomitees ist man gebeten, sich mit der Vorsitzenden, Frau Professor Marburg, Berlin W15, Uhlandstraße 175 oder mit der Schriftführerin, Frau Dr. L e s z y n s k y, Berlin W, Bayreutherstraße 36, in Verbindung zu setzen. herrliches Brautgeschenk. Uebrigens war diese neue Institution nicht nur den Juden von Nutzen, sondern diente auch den Interessen des Landes. Die Juden verdankten ihr viel hinsichtlich der Sicherheit ihres Lebens und ihres Vermögens, dem Fiskus hingegen brachte sie durch die Regelung und Eintrerbung der Judensteuer beträchtlichen Nutzen. Seitdem die Jüdische Präfektur bestand, brachte die Judensteuer fünffach mehr ein, als unter Ladislaus V.- Die Juden legten großes Gewicht darauf, daß ihr Präftkt Jude fei, und der weife König unterstützte sie in diesem ihrem Bestreben schon aus dem Grunde, weil einer von ihnen die Vermögensverhältnisse feiner Glaubensgenossen besser kennen und bei der Eintreibung der Steuer gerechter Vorgehen müßte, als ein Fremder. So trat denn an Stelle des stets christlichen Judenrichters der stets jüdische Präfekt. Dieses Amt war damals die einzige Hofwürde, die von einem Juden bekleidet wurde. Dieser Präfekt vertrat von da ab die Juden nicht nur rn vermögensrechtlicher, sondern auch in allgemein rechtlicher Beziehung. Er war es, der bei einenl Thronwechsel beim König die Erneuerung der alten Privilegien urgierte. Die Deutschen nannten dieses Amt „Obrister" oder „Vorgeher der Juden", während ein Botschaftsbericht von einem „Prince de Juifs" spricht. Da die Juden noch immer das Eigentum der Krone bilden, so ist der Vertreter der Juden ein Beamter der Krone, der unmittelbar mit dem König verkehrt. Ihm macht er seine Unterbreitungen und von ihm nimmt er die Weisungen entgegen. Die Könige selbst achteten darauf, daß dem Präfekten ja mehr Achtung gezollt werde; so waren diese z. B. mitsamt ihren Familien vom Tragen der verschiedenen Judenaozeichen enthoben. Dieses ihr Privileg erstreckte sich auch auf die Zeit ihrer Reise ins Ausland, was z. B. Ladislaus II. auf diplomatischem Wege bei der betreffenden Staatsmacht durchgesetzt hatte. Der jüdische Präfekt war auch hoffähig. Bei festlichen Anlässen, z. B. im Krönungszuge erschien er von einer Reitertruppe umgeben in teurer Waffenpracht. Den Juden gegenüber war seine Macht fast unbeschränkt. In Ofen stand ihm ein eigener Kerker zur Verfügung, in welchen er die Diebe, Verbrecher oder Widerspenstige sperren ließ. Er hatte die Vollmacht, im Namen der Judenschaft des Landes in Handel zu treten und Verträge adzuschließen. Die in der Gemeinde entstandenen Streitigkeiten konnte er durch sein Machtwort schlichten. Auch vertrat er die jüdische Gemeinde in allen ihren Differenzen mit der staatlichen Behörde. An ihn wandten sich seine Glaubensgenossen aus allen Teilen der Landes, wenn sie in ihren Rechten, Privilegien, in ihrer Person oder in ihrem Vermögen sich verletzt fühlten. Die Jüdische Präfektur war mit weitgehenden Rechten versehen, hatte auch die schwere Last der großen Verantwortlichkeit zu tragen. Dieser Amt wurde von feiner Schaffung bis zu seinem Erlöschen immer von einem Mitgliede der Ofener Mendel- Familie bekleidet. Der erste Präfekt war Jakob Mendel. Sein Nachfolger war sein Sohn Jakob Juda Mendel, diesem folgte sein Sohn Jakob und von 1523 bis 1526 Israel Mendel. Der letzte jüdische Präfekt war Jsac Mendel. Viele beglaubigte Daten weisen darauf hin, daß besonders die beiden Jakob Mendel entscheidenden Einfluß bei Hof besaßen. König Mathias hat, trotz seiner sprichwörtlichen Gerechtigkeitsliebe, dem Geiste seiner Zeit folgend, gleich seinen Vorgängern gar oft die Christen der Pflicht enthoben, an die Juden Zinsen für ihre Schulden zu zahlen. Es kam sogar vor, daß er ihnen auch das an Juden schuldende Kapital erließ. Schwerwiegender ist ein Erlaß vom 28. April der Jahres 1475, in welchem er die Preßdurger verständigt, daß er ihre Beschwerde mit großem Unwillen entgegennahm. Er handelte sich um die Verpfändung von Liegenschaften an Juden. Der König erließ einen Befehl, wonach jeder Christ, der Immobilien bei den Juden verpfändet, bestraft werde, und der Jude, der auf eine Liegenschaft ein Darlehen gibt, sowohl das geliehene Geld, als auch sein Pfandrecht verlier-'. Ein noch eigentümlicheres Rechtsgesühl aus dem Falle des getauften Inden Michael Kremnitzer. Von diesem verlangte der Raaber Kommissär Balzas die Bezahlung einer Schuld, die jener noch zur Zeit gemacht hatte, als er Jude war. Kremnitzer verweigerte die Zahlung, worauf König Mathias nach Anhörung der Kirchenfürsten und Landeshauptmänner die Entscheidung fällte, daß Kremnitzer die Schuld nicht zu bezahlen habe, da er durch seinen Uebertritt zum Christentum alles verlor, was er besessen, also auch seine Schulden und seine Forderungen. Diese Auffassung wurzelt in der Anschauung, daß ein zum Christentum übergetretener Heide oder Jude als ein Neugeborener (Neophyte) zu betrachten sei. Wie viele gab es, die diese primitive Auffassung mißbrauchten. Ihre Forderungen trieben sie noch als Juden ein, während sie sich ihren Schulden durch die Taufe entzogen. Der Grundzug im Charakter Mathias war aber nichtsdestoweniger ein gerechter. Gar oft trat er selbst zugunsten der Juden auf. Ein interessantes Beispiel hiefür ist der Fall des Akiba Hakohen. Dieser Akiba hat neben dem jüdischen Präfekten Jakob Mendel in der Ofener Judengemeinde eine hervorragende Rolle gepielt. Sein Glaubenseifer, sowie Gelehrsamkeit nnd sein mit Wohltätigkeitssinn gepaarter immenser Reichtum trugen ihm bei seinen ungarischen und später böhmischen Glaubensgenossen den Ehrennamen „Nassi" (Fürst) ein. Es scheint, daß er auch in nichtjüdischen, selbst in Hofkreisen eine bedeutende Stellung einnahm. Seinen Namen schrieb er mit „goldenen Buchstaben", wahrscheinlich mit solchen, wie man sie in alten Manuskripten zu finden Pflegt.

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