Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 514 Dr. Moch^s Wochrn^chriN. N. 29 Heirat kommen, so daß sie als Dienstboten oder in einer anderen selbständigen Stellung für den Kampf ums Dasein auf sich allein angewiesen sind, so wissen sie erst recht nicht, sich zu halten und auch andere können nichts mit ihnen anfangen. So klagte dem Artikelschreiber eine hier seit einigen Jahren ansässige, in Pension lebende baierische jüdische Lehrerfamilie schon wiederholt in den bedauerlichsten Ausdrücken, daß es ihr absolut unmöglich gewesen, bis jetzt in Jerusalem ein jüdisches Dienstmädchen zu finden, welches auch nur den geringsten Sinn und das geringste Verständnis oder die geringste Anstelligkeit und Bereitwilligkeit für die einfachste häusliche Verrichtung gezeigt habe oder selbst bei guter Bezahlung so lange im Hause geblieben wäre, bis es die Hausfrau dazu selbst anlernen und unterweisen konnte. Und diese Klage hat nicht nur für einen vereinzelten Fall, sondern allgemein ihre Berechtigung, weßhalb man sich auch in vielen befferen jüdischen Familien wohl oder übel gezwungen sieht als Köchinnen, Kindermädchen, Dienstboten rc. christliches 'Personal zu engagieren (das mohammedanische kommt dafür noch weniger in Betracht als das jüdische), weil eben das geeignete jüdische nirgends aufzutreiben ist. Auch in dieser Richtung, also wo es sich darum handelt, alleinstehenden Mädchen eine ehrenwerte Stellung und einen befriedigenden Lebensberuf zu verschaffen, wird die Haushaltungs¬ und Handarbeitsschule eine gründliche Reformierung und Sanierung der gegenwärtigen unvollkommenen und beklagenswerten Zustände bringen. Im Hinblick auf die Bedürfnisse und Verhältnisse auf dem Lande, dem Dorfe und der Kolonie wird es außerdem lebhaft zu begrüßen sein, wenn, wie beabsichtigt, mit der Haushaltungsschule auch eine Abteilung für ländliche Wirtschaftsführung, für den Unterricht und die Anleitung im Garten-, Obst- und Gemüsebau, in der Blumen-, Geflügel- und Tierzucht, in der Milch-, Butter- und Käsebereitung verbunden werden könnte, weil diese Betätigungen so recht eigentlich die Domäne der Land- und Kolonie-Hausftau bilden. Eine solche Wirtschastsschule ließ sich sehr leicht und vorteilhaft an jedem größeren Orte errichten; hier in Jerusalem würden z. B. die Produkte und Erzeugnisse der Haushaltungs- und Wirtschaftsschule auf dem Markte, in den Hotels und bei Privaten geradezu reißenden Absatz finden und der Erlös aus denselben nach Abzug der Betriebskosten noch einen erklecklichen Beitrag zur Unterhaltung des Institutes abwerfen. In der Küche ließ sich leicht sowohl für die Bereitung eines einfacheren als auch eines befferen Tisches Einrichtung treffen. Der erste würde für die Zöglinge und das Anstaltspersonal dienen, eventuell auch in Gestalt einer öffentlichen Volksküche als einfache aber nahrhafte und billige Kost für die arbeitende und weniger vermögende Klaffe der Bevölkerung recht begehrt sein. Der beffere Tisch wäre für die Insassen des Frauenheims und der Pension bestimmt und könnte die letztere auch leicht über das derzeitige Programm hinaus eine zweckmäßige und.vorteilhafte Erweiterung erfahren. Für den von Jahr zu Jahr immer mehr anwachsenden Strom von Pilgern, Reisenden und Touristen, welcher sich ständig über Palästina und deffen Nachbarländer ergießt, fehlt eS zeitweilig an allen Akkommodationsgelegenheiten, so daß es häufig vorkommt, daß von den großen Reisegesellschaften nicht nur protestantische, sondern auch jüdische Touristen für Logis und Verpflegung in den hiesigen katholischen Hospizen und Klöstern untergebracht werden, wo sie angesichts zahlreicher Kruzifixe und eines saftigen Schweinebratens Gelegenheit haben, über die Transzendenz und Jmmaterialität der jüdischen Religion und über Kaschrus die tiefgehendsten und umfassendsten Betrachtungen anzustellen. Es unterliegt deshalb nicht dem geringsten Zweifel, daß trotz der gerühmten Liebenswürdigkeit der katholischen Franziskaner Pater jüdische und auch nicht jüdische Familien und Privatpersonen neben guter Bezahlung noch herzlich dankbar wären, wenn in der gut geführten Pension des Palästina Frauenbundes für einen, ihren Empfindungen und Gewohnheiten besser zusagenden und besser entsprechenden behaglichen und gemütlichen Aufenthalt in Jerusalem und Palästina gesorgt würde. Und wie es mit der Pension der Fall wäre, so würde es sicherlich nicht ausbleiben, daß auch die übrigen Institute des Frauenbundes, besonders die Krankenpflegerinnen - Station und die Haushaltungsschule neben der jüdischen auch von der nichtjüdischen Bevölkerung gerne zur Benützung in Anspruch genommen werden, wenn und soweit dahin gerichtete Anftagen Berücksichtigungfinden können. Das Gesagte gilt besonders für die mohammedanische und griechischorthodoxe Bevölkerung, da die Katholiken und Protestanten sowohl auf dem Gebiete der Krankenpflege als auch der Schul- und Pensionateinrichtungen weiter voraus sind und diesen notorischen Vorsprung sehr oft als einen willkommenen und erfolgreichen Faktor benützen, um damit ihren unloyalen und unlauteren Missionsgelüsten und Missionspraktiken zu dienen. Der Unterzeichnete hat darum in früheren Artikeln auch schon darauf hingewiesen, daß gerade die Gründungen des Frauenbundes auch von den Organen der Landesregierung mit ganz besonderem Wohlwollen betrachtet würden und möglichster Förderung und Unterstützung zur Erreichung ihrer vielseitigen und dem Besten der Allgemeinheit dienenden Zwecke und Ziele gewiß sein dürften. Nach all dem vorausgehend Gesagten werden wohl alle Leserinnen und Leser zustimmen, daß es sich bei den Bestrebungen und Zielen des „Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" um die Inangriffnahme und Durchführung eines hochwichtigen und für Gegenwart und Zukunft höchst bedeutsamen und folgenreichen Kulturproblems handelt, zu dessen baldiger, glücklicher Lösung aber die Mitarbeit der weitesten Kreise erforderlich ist, weil dieselbe nur mit einem dauernden Aufwand an bedeutenden Mitteln zu erreichen ist. In Oesterreich-Ungarn stehen die Juden mit ihren nichtjüdischen Landsleuten in diesem Jahre unter dem erhebenden Eindruck der freudigen und dankbaren Empfindungen, welche das 60jährige Regierungsjubiläum des edlen und auf dem ganzen Erdenrund verehrten Monarchen Franz Joseph I. auch in den Herzen seiner jüdischen Untertanen und Schutzbefohlenen auslöst, welche auch hier in Jerusalem für dessen Erhaltung und Wohlergehen in öffentlich veranstalteten Gottesdiensten schon warme Gebete zum Himmel gesendet haben. Wie bekannt und auch in diesem Zusammenhänge schon erwähnt, hat der einfache, bescheidene, selbstlose, edelgesinnte und menschenfreundliche Herrscher wiederholt den Wunsch geäußert, daß die Verehrung und Liebe für seine Person und die Freude und Begeisterung über das seltene Ereignis seines Jubiläums nicht in rauschenden Festlichkeiten oder kostbaren, ihm persönlich zugedachten Geschenken sich kundgeben, sondern im stillen Wohltun, im Gedenken der Armen, der Schwachen und Kranken und in der Neugründung oder Erweiterung von öffentlichen und privaten Wohltätigkeits- und Wohlfahrtseinrichtungen sich einen sichtbaren und beredten Ausdruck und eine bleibende, gesegnete Erinnerung an die frohen, festlichen Tage schaffen möge. Die Juden in Oesterreich-Ungarn sind ihrerseits dieser Anregung, welche so ganz der Richtung des jüdischen Empfindens und Denkens entspricht, bereits in reichlichem und vorbildlichem Maße nachgekommen und der kaiserliche Wunsch wurde schon in Stadt und Land der Impuls zu umfassender und eifriger Betätigung der Bruder- und Nächsten- und allgemeinen Menschenliebe. Aber man sagt und die Tatsachen beweisen die Wahrheit und Berechtigung der Behauptung, daß die jüdische Wohltätigkeit unermüdlich und unerschöpflich ist und so ist wohl Grund vorhanden zu der Hoffnung, daß crud) Jerusalem und Palästina, welche für jedes jüdische Ohr und Herz einen besonderen lieblichen und angenehmen Klang haben, ehe das Jubeljahr zu Ende geht, besonders von der großen Zahl der österreichisch-ungarischen Juden auch noch einen ganz besonderen reichen und bleibenden Segen erhalten werden. Wie wäre es, wenn der vorstehende Artikel mit allem, was früher schon über die Sache gesagt und geschrieben wurde, nicht nur bei der österreichisch-ungarischen jüdischen Frauenwelt, sondern in allen jüdischen Häusern und Herzen bei Groß und Klein, Hoch und Nieder, in Stadt und Land, durch die gesamte Monarchie, einen heiligen und brennenden Eifer entfachte, um durch Sammlungen, Schenkungen, Stiftungen, Gründung von Zweigvereinen rc. es dem Frauenverband für Palästina zu er-