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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-10 · 28 (10.7.1908) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Llocb's MocdenscdrM. Seite 507 sich nicht über den Besitz der 5 Lstr. hätte ausweisen können, welche das jetzt in Kraft stehende Einwanderungsgesetz von den nach dem Jnselreich reisenden Ausländern verlangt. Aber er hatte einen nach gesetzlicher Vorschrift ausgestellten Paß, ist ein strebsamer, nüchterner Mann und hatte nach Jahresfrist genug Geld verdient, um seine Frau mit den in Oliviopol zurückgebliebenen Kindern nach London kommen zu lassen. Der kleine Selig, der bei seiner Ankunft nur Jiddisch sprach, lernte sehr rasch englisch in der jüdischen Freischule in Bell Lane, die er bis zum Jahre 1900 besuchte. Zwei in d?r Schlußprüfung erworbene Stipendien ermöglichten ihm die weitere Ausbildung in der Mittelschule in Cowperstreet. Während er diese Schule besuchte, bestand er mit Auszeichnung die Reifeprüfung für die Londoner Universität und bezog im Dezember 1905 mit einem Stipendium von 60 Lstr. das Trinity College in Cambridge. Jetzt ist für das Fortkommen des jungen Mannes vollauf gesorgt. Jüdische Wachleute in Kanada. In Montreal (Canada) erscheint seit kurzer Zeit ein neues jüdisches Wochenblatt „Canadian Jewish Tribüne". Der ersten Nummer dieses Blattes entnehmen wir die folgende Nachricht: „Vor einigen Tagen sprach beim Bürgern!eister von Montreal eine aus jüdischen Bürgern bestehende Deputation vor, welche über die Verfolgungen und Mißhandlungen der Juden in dieser Stadt Klage führten und sich darüber beschwerten, daß der Schutz der Juden seitens der städtischen Polizei unzureichend sei. Es seien Fälle vorgekommen, daß Juden, welche von dem Pöbel auf offener Straße attakiert wurden, vergeblich den Schutz der Polizei anriefen. Der Redner der Deputation gab der Ansicht Ausdruck, daß dieses inhumane und gesetzwidrige Verhalten der Polizei zum Teile ihrem Antisemitismus, zum Teile aber dem Umstande zuzuschreiben sei, daß die Polizisten sich besonders mit den neueingewanderten Juden nicht verständigen können. Die Juden verlangen daher, daß in denjenigen Stadtteilen, welche hauptsächlich von Juden bewohnt sind, jüdische Wachleute angestellt werden. Der Bürgermeister gab die Richtigkeit der Beschwerde zu und teilte auch die Ansicht der Deputation, daß durch Anstellung jüdischer Wachleute dem Uebel zum Teile abgeholfen werden könnte. Ec versprach, sich dieserwegen mit dem Polizeidirektor ins Einvernehmen zu setzen, und er zweifle nicht daran, daß der Polizeichef dieser Maßregel zustimmen werde. Die Juden und die englisch-russische Entente. Wie erinnerlich, hat vor der Reise des Königs von England nach Raval, das Mitglied der Arbeiterpartei im englischen Unterhause, James O'Grady, Abgeordneter für Leeds Ost, eine Interpellation an dem Premierminister gerichtet, in welcher gegen die Reise des Königs Stellung genommen wurde. Ein englisches Blatt veröffentlicht jetzt einen Briefwechsel zwischen dem politischen Führer der Leedser Juden, Mr. H. Balsham und dem Abgeordneten O'Grady, welcher ein interessantes Licht auf die Entstehungsgeschichte dieser Interpellation wirft. In dem Briese Balsham heißt es u. a.: »Ich setze voraus, daß Sie, der Sie Ihre Stimme gegen die Unterdrückung der Indianer erhoben haben, es nicht ablehnen werden, auch den verfolgten russischen Juden in jeder möglichen Weise zu Hilfe zu kommen, und ich hoffe, daß Sie auch zu deren Gunsten bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit Ihre Stimme erheben werden. Indem Sie so handeln und das tun werden, was die jüdischen Abgeordneten zu tun verabsäumten, werden Sie nicht nur die Interessen der Humanität vertreten, sondern auch die Achtung des jüdischen Volkes erwerben und bei jeder Gelegenheit auf die Stimmen der jüdischen Wähler Ihres Bezirkes rechnen dürfen." Hierauf antwortete O'Grady: „Es ist wohl überflüssig, zu sagen, daß ich mit Ihnen vollkommen darin übereinstimme, was die Pflicht unseres Landes sein müßte, wenn England in ein Vertragsverhältnis mit Rußland ein tritt. Ich bedaure es nur, daß die Frage nicht von unserer Partei aufgeworfen wurde und der Vorwurf dieses Versehens trifft allerdings auch mich. Sollte sich wieder eine solche Gelegenheit ergeben, so bitte ich, mir hierüber zu schreiben und ich will mein Möglichstes tun." Konstantinopel. Der Weiterbau der Bagdadbahn über den Taurus und ihr Anschluß an das Verkehrsnetz der Hedjasbahn in Aleppo rückt, so wird berichtet, die abseits der Heeresstraße liegenden Landschaften Syrien und Palästina dem europäischen Interesse näher. Wenn die Bagdadbahn deutsches Kapital und deutsche Arbeit nach dem fernen Taurus verpflanzt, so wird bald auch im südlicheren Syrien und Palästina der Einfluß jener Faktoren zu spüren sein. Fällt doch der Samen gerade dort auf günstigen Boden, einen Boden, den die Kraft des Erbauers der Hedjasbahn, Meißner Pascha, vorbereitet hat. In diesen Gebieten ist seit kurzem eine Bewegung im Gange, auf dem Umwege über das lateinische Christentum — als Gegensatz zur russen- und griechenfreundlichen orthodoxen Kirche — der deutschen Sprache Eingang in den Schulen des Landes zu verschaffen. Zu gleicher Zeit strebt der Hilfsverein der deutschen Juden demselben Ziele der Verbreitung der deutschen Sprache in Syrien und Palästina zu. So wird durch dieses günstige Zusammentreffen das Jntereffe deutscher Kultur von zwei unabhängig voneinander arbeitenden Seiten, die nirgends in Rivalität stehen, auf das beste und friedlichste gefördert. Der Hilfsverein der deutschen Juden, der auf einer ganz anderen Basis wie die Rothschildschen Ackerbaukolonien arbeitet, will den Juden in Syrien und Palästina vor allem eine bessere Schulbildung gewähren. Nicht nur ihr Volksidiom, das Hebräische, sollen sie lernen, sondern vor allem die Landessprache, Arabisch, respektive Türkisch. Dann soll ihnen als Verkehrsmittel mit dem Abendland eine europäische Sprache vertraut gemacht werden, und diese Sprache soll das Deutsche sein. So verbindet man durch das Arabische die Juden Palästinas und Syriens einerseits mit ihrem türkischen Reiche und durch das Deutsche mit dem Lande, das ihnen wirtschaftliche Kultur zu gewähren imstande ist. Um diese Art des deutschen Einfluffes aber allein kann es sich in Syrien und Palästina handeln. Es wäre ein grober Fehler, wenn man etwa annehmen wollte, daß eine Maffenverpflanzung von Juden, etwa im Sinne des Zionismus, nach dem Orient möglich oder erwünscht wäre. Für derartige Masseneinwanderungen wäre gerade jetzt ein höchst ungeeigneter Zeitpunkt. Die deutschen Bestrebungen des Hilfsvereines wollen darum auch nur die armen Juden des Orients auf einen höheren Kulturstandpunkt bringen. Diese Anschauungen vertritt auch Dr. Paul Nathan, der im Jntereffe des Hilfsvereines wiederum mehrere Wochen in Syrien und Palästina zugebracht hat und jetzt über Konstantinopel nach Deutschland heimgekehrt ist. Das größte fremdsprachliche Blatt, der „Levant-Herald" widmet ihm und der Arbeit des Hilfsvereines einen längeren Artikel, in dem mit Recht darauf hingewiesen wird (wie auch Dr. Nathan es besonders hervorhob), daß gerade von türkischer Seite den deutschen Bestrebungen des Hilfsvereines rege Unterstützung zuteil geworden ist. Jüdische Opfer des Mädchenhandels. Der jüngste Jahresbericht der Londoner „Jüdischen Gesellschaft zum Schutze der Mädchen und Frauen" (>Je\vish Association for the Protection of Girls and Women«) beschäftigt sich eingehend mit der Frage des „Weißen Sklavenhandels", wie der Mädchenhandel dort genannt wird. Es ist ein Unglück, sagt der Bericht, und auch sehr traurig, daß es jüdische Männer und Frauen gibt, die an diesem schmutzigen Gewerbe Anteil haben, deffen Ovfer gar zu oft jüdische Mädchen sind. Das Uebel kann nicht leicht bekämpft werden, da es über die ganze Welt verbreitet ist. Diese herzlosen Männer und Frauen „arbeiten" sehr schlau und geschickt, um ihr Ziel zu erreichen und kennen keine Skrupel, wenn es ihnen gilt, ein unschuldiges und unwissendes Mädchen in ihre Netze zu locken. Sie kennen die Gesetze eines jeden Landes sehr genau und wissen sie zu umgehen und besitzen Mittel genug, um im Notfälle keine Kosten scheuen zu müssen. Der Bericht hebt besonders hervor, daß die Gesellschaft hauptsächlich ausländische Mädchen zu ihren Klientinnen zählt, die die englischen Geietze bezüglich der Ehe nicht kennen. Ein solches Mädchen das noch nicht lange in England lebt und ohne Schutz und Ratgeber dasteht, erblickt nichts Schlimmes in dem Anträge eines Mannes, eine sogenannte „stille Chuppah" einzugehen, die jedoch in England ungiltig ist und gewöhnlich den Anfang des „Falles" bedeutet. Diese Männer gehen gewöhnlich mehrere solche ungiltige „Ehen" ein. Eine der vielen Methoden, welche die „weißen Sklavenhändler" anwenden, besteht darin, daß sie mit einem alleingehcnden Mädchen

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