Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021793--17495-3042372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 606 Dr. Llocb s Mocdenscvtttt. Nr. 28 Der Erfolg des Kolonisationswerkes hat die „Jca" bestimmt, es auszubauen. Hiefür kommen zunächst die Arbeiter in Betracht, die bereits in den Kolonien leben. 12 Familien sind solcherart im Jahre 1907 neu etabliert worden, und 200 weitere folgen in diesem Jahre. Damit keine Stockung in der Ansiedlung eintritt, ist der Erwerb neuer Terrains nötig Der Grundbesitz der „Jca" in Argentinien belief sich im letzten Jahre auf 463.000 Hektar; neuerdings hat sie 10.000 Hektar bei der Kolonie Leloir und 35.000 Hektar beim Hafen Bahia Bianca hinzu erworben. Weitere Neuerwerbungen sind in Aussicht genommen. Die Resultate der letzten Ernte find zufriedenstellend. Insgesamt sind 436.926 Zentner Produkte geerntet worden, die einen Wert von Frcs. 4,800.000 repräsentieren. Die Kolonisten kommen ohne Mühe ihren Verpflichtungen gegen die Gesellschaft nach. Durch Vermittlung der Administration wurde im Jahre 1907 von den Kolonisten an in Rußland zurückgebliebene Verwandte die Summe von 136.000 Frcs. geschickt. An die Verwaltung wurden zirka 280.000 Frcs. gewährte Darlehen zurückgezahlt. In Brasilien sind die Kolonisten infolge einer zweijährigen Dürre entmutigt. Jndefien haben wir die Kolonie reorganisiert, und wir hoffen, daß sich ihre Lage günstiger gestalten wird. In den Vereinigten Staaten unterstützen wir seit Jahren durch die Jewish Agricultural and Industrial Aid Society die Etablierung jüdischer Ackerbauer. Deren Zahl kann man auf zirka 10.000 schätzen, die sich über alle Staaten verbreitet haben, so daß es fast keinen Bezirk mehr gibt, wo nicht jüdische Ackerbauer wohnen. Einige dieser Gruppen, insbesondere in New- Jersey und Neu-England gedeihen sehr gut. Auch in Kanada gibt es zwei bedeutendere Gruppen. In den palästinensischen Kolonien hat sich der in unserm letzten Berichte konstatierte moralische und materielle Fortschritt weiter befestigt. Seit zwei oder drei Jahren war die Ernte gut, die ökonomische Lage der Kolonisten hat sich gebessert, sie erwarten jetzt den Erfolg, der in erster Linie von ihrer eigenen Initiative abhängt, und verlassen sich viel weniger als früher auf fremde Hilfe. Die persönliche Arbeit bringt ihre Früchte, und die Existenz der Kolonisten ist jetzt durch sie selbst gesichert. Man arbeitete überall sehr fleißig. Das Gedeihen mehrerer unserer Kolonien wurde nicht nur von uns selbst, sondern auch von den gelegentlichen Besuchern festgestellt. Der Bericht behandelt sodann die Lage der Juden in Rußland, wo die „Jca" ein großes Schulwerk unterhält, das natürlich ebenfalls unter der entsetzlichen Lage der russischen Juden leidet. Auch die von der „Jca" in Rußland organisierten Hilfskassen entfalteten eine segensreiche Tätigkeit. 1906 bestanden 166 solcher DarlehenSkaffen, im letzten Jahre sind allein 223 neue Kaffen eröffnet worden. Die von der „Jca" im Jahre 1907 unterstützten 100 Leihkaffen repräsentierten eine Mitgliederzahl von 59.923; sie hatten für Rubel 5,826.212 Darlehen gewährt, wovon Rubel 4,500.866 zurückgezahlt wurden. Auch in Galizien bewähren sich diese Kassen sehr gut. Dort bestanden Ende des Jahres 17 Kaffen mit 11.130 Mitgliedern und 261.310 Kronen Haftsumme. Diese Kassen verfügten über einen Fonds von Kr. 1,073.946, die im letzten Jahre bewilligten Darlehen betrugen Kr. 1,636.036. Außerdem verfügten sie über einen Reservefonds von Kr. 78.000. Der Bericht schließt mit dem Hinweis auf die Eignung der Juden für den Ackerbau und erwähnt, daß die „Jca" bestrebt sei, der Anfiedlung der Juden neue Regionen zu erschließen. Zu diesem Zwecke habe sie Herrn Nisgo nach dem Orient entsandt. Die einzigen Länder, wo eine agrikulturelle Kolonisation der Juden unmöglich sei, seien die, von wo das Kolonistenmaterial herkomme. Diese Länder wissen noch nicht, was sie gewinnen würden, wenn sie denjenigen die Freiheit und das Recht des Eigentums gäben, denen sie es jetzt verweigern. Paris. In der der Generalversammlung vorangegangenen Sitzung des Berwaltungsrates der Jewish Colonization Association ist an Stelle des verstorbenen Herrn Charles L.Hallgarten Herr Jsaae Dretzfus in Frankfurt a. M. zum Mitglied des Berwaltungsrates gewählt worden. Schauspieler und Komponist. In Petersburg starb vor Kurzem der russische Tondichter Professor N. A. Rinski-Korsakow. Ein Petersburger russisches Blatt veröffentlicht aus diesem Anlässe eine interessante Episode, die sich zwischen dem Komponisten und dem berühmten jüdischen Opernsänger A. N. Dawidow vor nicht langer Zeit zugetragen hat. Als Rinski-Korsakow's neue Oper im kaiserlichen Operntheater von Petersburg zur ersten Aufführung gelangen sollte, wurde eine der Hauptrollen Dawidow zugeteilt. Es traf sich gerade, daß die Generalprobe der Oper am Jomkippur hätte stattfinden sollen, zu welcher auch der Komponist sein Erscheinen zugesagt hatte. Alle Künstler waren pünktlich erschienen, nur einer fehlte, es war Dawidow. Man sandte den Regisseur nach ihm aus, der ihm auf der Straße begegnete. Dawidow erklärte kurz und scharf, ich bin ein Jude und habe das Bedürfnis, wenigstens einmal im Jabre in den Tempel zu gehen und zu beten. Hierauf ließ er den Regifftur auf der Straße stehen. Rinski- Korsakow war wütend und die Rolle Dawidow's mußte einem anderen übergeben werden. Am anderen Morgen wurde Dawidow vor den Direktor geladen. Warum kamen Sie gestern nicht zur Generalprobe? Weil ich im Tempel war, antwortete Dawidow kurz. Dann sollten Sie aber nicht in einem kaiserlichen Operntheater, sondern in einer jüdischen Synagoge singen! Nun denn, Herr Direktor, ich habe auch tatsächlich 6 Jahre im Synagogenchor mitgesungen, erwiderte der Künstler kaltblütig. Nach einigen Monaten begegnete Rinski-Korsakow dem jüdischen Sänger. Der berühmte Komponist nahm die Gelegenheit wahr, Dawidow um Entschuldigung zu bitten: „Ich war damals im Jrrtume, sagte Korsakow. Ich meinte, daß Sie wegen einer bloßen Laune damals von der Generalprobe fernblieben. Die wahre Ursache, die ich erst später erfuhr, macht Ihnen wirklich Ehre und gereicht Ihnen zum Ruhme. Jeder Mensch soll seinem Volke und seinem Glauben treu bleiben. Sie haben damals wacker gehandelt." Seitdem blieben der jüdische Sänger und der russische Komponist die besten Freunde. Der Chederjuuge aus Rußland. London. Der „Vossischen Zeitung" wird geschrieben: In der Nummer 6 Cecil Street, einem kleinen Wohnhaus in einer schäbigen Seitenstraße von Mile-End Road im Ostende Londons, herrscht heute große Freude. Denn alle Morgenzeitungen berichten, daß der zwanzigjährige Selig Brodelskh, der älteste Sohn des in dem genannten Häuschen wohnenden jüdischen Straßen Hausierers, in der Aula des Senatsgebäudes der Universität Cambridge feierlich zum senior rvranKler in den mathematischen Tripos erklärt worden ist. Was ein Wrangler ist und was die Tripos bedeuten, in denen der jüdische Student die vielbegehrte Auszeichnung nach abgelegten strengen Prüfungen erlangt hat, wissen nur die wenigsten Leute, auch im Westende der Reichshauptstadt geschweige die Hausierjuden in der als Slums bezeichnten Nebenstraße im Ostende, von der das heutige „Chronicle" eine Ansicht mit dem Bildnis des jungen akademischen Bürgers darbietet. Es darf zur Ehre Englands hervorgehoben werden, daß es einem gänzlich unbemittelten Ausländer gelungen ist, in einer der ältesten Landeshochschulen die höchste akademische Ausze-chnung zu erlangen, die Cambridge zu vergeben hat. Selig Brodelskh wurde vor 20 Jahren in Oliviopol im russischen Regierungsbezirk Cherson bei Odessa geboren. Sein Vater wandelte vier Jahre später nach England aus, da er für sich und seine zunehmende Familie in der russischen Heimat kein Auskommen fand. So arm war damals Brodelskh, daß er zur Zeit seiner Ankunft in England im Jahre 1892