Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-10 · 28 (10.7.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021793--17488-3042365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28 Dr. Llocb's Mocdenscdrirr. Seite 499 legen. Die Frage, die er zu beantworten hat, lautet nur: „Warst du treu und rechtschaffen in deinem Handeln?" Daß der Gegensatz des Christentums zum Judentum die Liebe sei, ist historisch nicht haltbar. Die Nächstenliebe, der liebende Gott, Gott als unser Vater im Himmel, Gott als Allvater, als König aller Welten, als Völkergott, der selbst züchtigend und strafend, doch nur liebt, ist altbiblisch. Nach altchristlicher Lehre und selbst nach Paulus bestand der Gegensatz aber in Glaubens- und Werkheiligkeit. „Der Glaube macht selig", galt auf der einen Seite alles. Den Berg des Ewigen besteigt, die Seligkeit erlangt nach dem Psalmworte — wer reine Hände hat und ein lauteres Herz. Ein Jude hat kein Glaubensbekenntnis abzulegen, denn er ist Jude durch Geburt. Nun geht er zum Magistrat und erklärt seinen Austritt aus dem Judentume, ohne zu einer anderen Religion überzutreten. Das nennt er konfessionslos sein. Mit Verlaub! Als Jude war er konfessionslos, weil er da nie ein Bekenntnis abgelegt oder abzulegen hatte. Er war auch zu keiner einzigen jüdischreligiösen Handlung gezwungen, welche allerdings und zwar die einzig mögliche Art des jüdischen Bekenntnisses bedeutet. Wollte er wirklich konfessionslos sein, so hätte er sich nur nach dem Beispiele tausend anderer einfach jeder religiösen Handlung zu enthalten und seine Absicht wäre vollständig erreicht. Man höre nur hin, wie sich Her jüdische Volksmund über solche Religionsgenoffen äußert: Der ist kein Jud und kein Christ. Was will er noch mehr, als der Ehre solcher Beurteilung teilhaft zu werden? Doch das genügt ihm nicht. Er will rechtsgültig kein Jud und kein Christ sein. Er geht zum Magistrat, dem er am wenigstens Rechenschaft darüber schuldig ist, und erklärt, daß er die jüdische Religion nicht bekennt. Ist das nicht ein volles Bekenntnis überdies vor einem Herrn, den er selbst seinem Gewissen aufdrängt? Bekenntnis ist Bekenntnis, ob es nun ein positives oder auch ein negatives sein mag. Von Selbstbestimmung, von Privatsache ist keine Rede, sobald von einer rechtsgültigen Erklärung der Konfessionslosigkeit die Rede ist, sobald ich das Recht nicht in mir selbst, sondern in einer Herrschaft außer mir anerkenne. Was hat der Magistrat mit meinem Gewissen, mit meiner Ueberzeugnng, mit meiner religiösen Zugehörigkeit zu schaffen? Dagegen ist unser alter Perek ein Muster wahrer Konfessionslosigkeit, der uns lehrt: Wem bist du Rechenschaft schuldig? Dem König aller Könige, Gott allein doch nur, und wenn du keinen Gott hast, nur deinem eigenen Gewiffen. Religion ist reine Privatangelegenheit, und die Erklärung der Ueberzeugnng vor dem Magistrat ist eine Selbstentmündigung, eine Selbsterniedrigung in aller Form. Der Christ, der eine Ehe mit einer Nichtchristin eingehen will, kann immerhin von der harten Notwendigkeit solcher Erklärung sprechen. Der Jude jedoch kann auch durch rechtsgiltige Konfessionslosigkeit die Ehe mit dem Christen nicht erlangen. Für ihn fehlt die Notwendigkeit auch in diesem Falle. Also keine Täuschung und gerade heraus mit der blanken Wahrheit: Nicht konfessionslos will der Jude sein, der sich vor dem Magistrat konfessionslos erklärt, sondern — geburtslos. Seine Geburt, seinen Vater will er verleugnen, und wäre dieser auch ein Muster an allen edlen Tugenden, an allen hervorragenden Eigenschaften, an allem rührenden Heroismus. Seine Mutter will er verleugnen, und wäre ihr zärtlicher, seelenvoller Mutterblick von keiner noch so glänzenden Errungenschaft im Leben ausgewogen. Seine Ahnen will er verleugnen, sollte auch einer derselben ein Jesajas, ein Hillel, ein Akiba, ein Saadjah, ein Jehudah Halevi, eine Beruriah gewesen sein! Die Beiträge zur Kultussteuer können hierbei nicht in Betracht kommen, die gehören in ein anderes Kapitel, welches eine ganz eigene Menschenart zu behandeln hat. Hier gibt es Juden, die solchen Kaufpreis leisten für die Aufnahme in den Bund der Fortschrittlichen und Sozialisten. Die Reaktionäre (Klerikale, Deutschnationale, deutsche Agrarier usw.) verlangen einfach den Uebertritt zum Christentum, den Gott und Menschen verhaßten religiösen Zwang schlechthin. Die Fortschrittlichen und Sozialisten hingegen, welche gegen die Reaktion ankämpfen, erschrecken und erblassen, sobald den ersteren Judenliberalität, den letzteren Judenknechtschaft vorgehalten wird. Jedes Hindernis, welches der sich ausbreitenden Reaktion bereitet wird, gereicht dem freien religiösen Bekenntnis und auch dem jüdischen Bekenntnis zum Vorteil. So lange das freie jüdische Bekenntnis unbehindert und gleichberechtigt bleibt, kann sich die Reaktion keines vollen Sieges erfreuen. So lange es nicht vollständige Gleichberechtigung zwischen dem religiösen Bekenntnis der Minorität und dem der Majorität gibt, gibt es keine Befreiung vom religiösen Zwange im Staatsleben. Da ist es ja ein Leichtes, jeden Kampf gegen die Reaktion als Kampf für das Judentum in Mißkredit zu setzen. So scheinen denn Liberale und noch mehr die Sozialisten in verblümten Reden, in scheinbar unbefangenem Gedankenaustausch, in Auseinandersetzungen, welche den atavistischen unhaltbaren, den eines freistrebenden Menschen unwürdigen Standpunkt des religiösen Bedürfniffes und des Gottesglaubens dartun, eine stille, unauffällige, eine im Tone großer Ueberlegenheit imponierende und eine die leicht zu gewinnende Jugend überredende Agitation für die Konfessionslosigkeit der jüdischen Gesinnungsgenossen zu betreiben. „Wer nie sein Brot mit Tränen aß — Wer nie die kummervollen Nächte — Auf seinem Bette weinend saß — der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. — Ihr führt ins Leben uns hinein, — Ihr laßt den Armen schuldig werden, — dann überlaßt ihr ihn der Pein." Wenn so die Juden konfessionslos geworden wären und darauf rechnen dürfen, daß auch die konfessionslosen Christen an Zahl stetig zunehmen, so wäre ja endlich das neutrale Gebiet gefunden, allwo nach der Religion nicht mehr gefragt würde, Gott seine Rolle auf Erden ausgespielt hätte, wohin auch die Juden mit anständiger Verlogenheit aus ihrer Geburt hinausflüchten könnten. Ist man nur erst den Namen Jude los geworden, ist erst eine neue Brüderschaft mit diesen Ariern gefunden, deren Väter durch Jahrtausende unsere Väter erschlugen, den unvergleichlichen und unzerstörbaren Seelenadel unserer Väter zu besudeln vergeblich sich bemühten, dann wird sich im ferneren gottverlassenen All das Weitere schon ergeben. Hauptsächlich aber kann dann fröhlich, frei und vorteilhaft der Kampf gegen die Reaktion und gegen die Vorherrschaft eines einzigen religiösen Bekenntniffes geführt werden, ohne daß von Judenliberalität und Judenknechtschaft die Rede zu sein brauchte. Da würde der Jude mit dem Christen einen gar merkwürdigen Handel eingehen. Beide wollen einen gemeinschaftlichen Betrieb einrichten. Nun spricht der Christ zum Juden: Dein Name, so wenig ich selbst auch daran Anstoß nehme, könnte unserem Unternehmen schaden, und ich mag mich deines Namens wegen mit der ganzen Welt nicht herunychlagen. Darum wirst du wohl darauf eingehen, daß unsere Firma, dein Kapital, dein Grund und Boden nur auf meinen Namen eingetragen werde. Unter diesem Namen wirst du dich auch mit allen deinen Kenntnissen, mit deinem anerkennenswerten Geschäftsgeiste, mit deinem löblichen Eifer reichlich und unbehindert betätigen. Die Vorteile unseres Betriebes aber, verlaß dich darauf, sollen dir nach entsprechender und billiger Abschätzung zuteil werden. Solche Torheit hat von jeher die traurigsten Erfahrungen aufzuweisen gehabt. Nur ein Bankerotter kann sich veranlaßt sehen, seinen Namen zu verleugnen und ist dadurch auch für seine Person erbarmungslos der schamlosesten Willkür dessen preisgegeben, der ihn mit seinem Namen zu decken hat. Der Name Jude, den ich wegwerfend selbst beschimpfe, wird mir immer höhnend zurückgeworfen werden, sobald es irgend wem zum Vorteile gereicht, mich beschimpfen zu können. Für den Juden und umsomehr für die Juden in ihrer Gesamtheit bleibt kein anderer Ausweg, kein Trost, als nur im strammen, uns selbst ehrenden Festhalten am Namen, an der Geburt, an unserer Fahne. Wie, ist denn der Juden unbestrittene Fahne nicht das Zehngebot? Gleichviel ob wir dieses vom Sinai oder von den babylonischen Schriftziegeln hergeholt haben? Prangt dann nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.