Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 498 Dr. MM's WochrnlchrM. N. 28 Vorsorge getroffen wäre. Unter solchen bedauernswerten Umständen ereignen sich mit den Kranken oft selbst auf der Straße herzzerreißende Szenen, wie der Artikelschreiber erst kürzlich wieder Zeuge einer solchen wurde. Auf einem Geschäftsgänge in die Innere Stadt fand er vor dem von Herrn Baron Edmund v. Rothschild in Paris unterhaltenen Hospital Mejer- Rothschild bei bereits eingebrochener Dunkelheit auf der Straße einen Trupp Menschen aus allen Bevölkerungsklaffen zu einem dichten Kreis geschloffen, aus dessen Mitte von Zeit zu Zeit bald laute, jammervolle, schmerzerfüllte Weh- und Klagerufe, bald dumpfes, langgezogenes Seufzen und Stöhnen hervordrang. Schreiber dieses drängte sich daraufhin durch die angesammelte Menschenmenge und fand bald zu seinem nicht geringen Entsttzen und Erbarmen vor sich eine arme alte Jüdin, welche sich krampfhaft den Leib hielt und sich vor Schmerzen auf der Erde krümmte und im Staube wälzte, während eine andere Frauensperson, wahrscheinlich eine Angehörige oder Nachbarin, neben ihr kniete, hilflos und verzweiflungsvoll die Hände rang und ihr Angst- und Jammergeschrei mit dem der Kranken vereinigte. Auf die au sie gerichtete Frage, warum man denn die arme Unglückliche nicht in das nebenstehende Hospital bringe, erklärte die Begleiterin der Kranken, daß der Doktor drinnen sie beide aus ihr Ansuchen um Einlaß an der Türe abgewiesen und ihnen den Eintritt in das Spital verweigert habe. Auf diesen Bescheid begab sich der Artikelschreiber und Augenzeuge dieser aufregenden Szene selbst in das Spital, um dem noch nicht sehr lange Neuangekommenen und ihm persönlich noch unbekannten Dr. Weitz nicht nur im Interesse der armen Kranken, sondern auch wegen des das Judentum in der Oeffentlichkeit schändenden Vorfalles ernsthafte Vorstellungen zu machen. Dr. Weitz hörte mit viel Ruhe und Gelassenheit den ihm gemachten Vorhalt an, den er als vollberechtigt anerkannte, bedauerte auch aufs lebhafteste den gerügten Vorfall, der sich nach seiner Aussage in gleicher oder ähnlicher Weise täglich wiederholt, erklärte aber zu seinem eigenen Leidwesen, an der augenblicklichen beklagenswerten Sachlage nicht das geringste ändern zu können, da es ihm an Raum und Verpflegungsmöglichkeiten mangele, um auch nur einen kleinen Prozentsatz all der Kranken bei sich aufzunehmen, welche bei ihm unabläffig um Hilfe und Teilnahme ansuchen. Nach diesem endgiltigen Bescheid seitens des Doktors erlaubten eigene dringende Geschäfte nur noch Veranstaltungen zu treffen, daß die arme unglückliche Frau nach einem anderen Hospital gebracht wurde, ohne daß irgend eine Gewähr gegeben war, daß ihr dort ein besseres Schicksal zuteil werde. Solche anderswo unerhörte, unglaubliche und entsetzliche Vorgänge, daß arme, schwache, gebrechliche und kranke Personen hilflos und verlassen auf der Straße liegen und niemand da ist, um ihnen die geringste Erleichterung und Pflege in ihrem elenden Zustande zuteil werden zu lassen, sind, wie gesagt, in Jerusalem kein seltener, sondern alltäglicher Anblick. Sehr oft kommt es dabei sogar vor, daß solche obdachlose, rat- und hilflos ihrem trostlosen, verzweifelten Schicksal preisgegebene Menschen entweder bei vollem Bewußtsein oder in einer durch Leiden, Entbehrungen, körperliche und seelische Zerrüttungen herbeigeführten geist'gen Umnachtung Hand an sich selber legen, um ihrem unerträglichen Dasein ein schnelles Ende zu machen, wie in der hiesigen „Haschkafa" in letzter Zeit mehrere derartige Fälle gemeldet worden sind. Aber selbst wenn man hier nur von Ausnahmen reden will und in vielen anderen Fällen, wenn in irgend einer Familie eine Krankheit als unliebsamer Gast einkehrt, die Familienglieder nicht auf der Straße zu liegen brauchen, so empfindet man doch, besonders auch in den Privatkrankenhäusern und Familien höchst lebhaft den Mangel einer fach- und sachgemäßen Behandlung und Abwartung der Kranken durch eine für ihren Dienst theoretisch und praktisch speziell ausgebildete Krankenpflegerin. Schreiber dieser Zeilen hat sich erzählen laffen, daß pekuniär bessergestellte jüdische Familien in Krankheitsfällen weibliche Mitglieder der hiesigen „amerikanischen Kolonie", einer auf religiös-kommunistischer Grundlage organisierten internationalen Gesellschaft, als Pflegepersonal engagiert und bis zu acht Francs Lohn täglich bezahlt haben, ohne indeß von den Leistungen befriedigt zu sein. Häufig ist man eben in einer Familie gezwungen, sich nach einem Hilfs- und Pflegepersonal umzusehen, komme es nun her und falle es aus, wo und wie immer es wolle. Dies gilt namentlich noch für das Gebiet der Wöchnerinnen- und Säuglingspflege, auf dem sich ein gänzlicher Mangel derselben oder Unverstand und Mißgriffe bei der Abwartung allerdings oft bitter rächen und die schlimmsten Folgen mit sich führen. Sehr häufig hat hier das gänzliche Fehlen von hygienischer Belehrung und Aufklärung sowie praktisch erfahrener Anweisung und Handleistung bei der Behandlung von Mutter und Kind schon oft den Tod beider verursacht, oder durch Aufwachsen eines im ersten Lebensstadium vernachlässigten, verkümmerten und physisch minderwertigen Geschlechts dem allgemeinen Volkswohlstände größten Schaden zugefügt. Der Unterzeichnete war erstaunt, aus der von Herrn Dr. Pannwitz in Charlottenburg trefflich redigierten offiziellen Halbmonatsschrift der deutschen Vereine vom „Roten Kreuz" und der „Vaterländischen deutschen Frauenvereine", in welcher sich auch stets Hinweise und Nachrichten über jüdische öffentliche und private Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsbestrebungen finden, zu ersehen, in welch umfassender und eingehender Weise man in den genannten Vereinen auf eine Anregung der deutschen Kaiserin in letzterer Zeit gerade das Augenmerk auf das Gebiet der Wöchenerinnen- und Säuglingspflege gelenkt und dasselbe in das weite Feld philanthropischer und humanitärer Frauentätigkeit ausgenommen hat. In Oesterreich weiß man, daß der edle, hochherzige und menschenfreundlich gesinnte Monarch es öffentlich kundgegeben hat, daß es dem Wunsche und dem innersten Empfinden seines Herzens am meisten entspreche, wenn die Freude und die Dankbarkeit bei seinem diesjährigen 60 jährigen Regierungsjubiläum sich neben allgemeinen Wohlfahrtsstiftungen besonders in der Fürsorge „Für das Kind" Ausdruck geben wollten. Wenn man es nun in materiell und kulturell so hochstehenden Ländern wie Deutschland und Oesterreich-Ungarn für nötig gefunden hat, speziell auf dieses Gebiet der Volkshygiene als besonderer Pflege und Verbesserung bedürftig hinzuweisen, so mag man ermessen, wie viel hier zu Lande in der angegebenen Richtung zu tun ist, wo auf dem Gebiete der allgemeinen und privaten Hygiene, Gesundheits- und Krankenpflege noch alles im Argen liegt und die nötigen und anzustrebenden Besserungen nicht einmal dem Namen nach bekannt sind. Hier also auf dem Gebiete der allgemeinen Krankenpflege eröffnet sich namentlich der Frauenwelt für den Ueberschuß an Arbeitskraft und warmherziger, hingebender Teilnahme, welche sie bisher ausschließlich ihren eigenen Familienangehörigen oder ihrer nächsten Umgebung zugewendet hat, ein unendlich weites, bisher völlig brach liegendes Feld der Betätigung, dessen Bearbeitung des Schweißes des Edlen wert ist und die aufgewendete Mühe mit den segensreichsten und erfreulichsten Erfolgen reichlich lohnen wird. Jerusalem, im Juli 1908. Phil. Kieferndorf. (Schluß folgt.) Uachrufe und Zwischenrufe. Von Dr. M. L. Stern. II. Austritt. Sich konfessionslos erklären ist schon an und für sich ein arger Widerspruch in sich selbst, seitens eines Juden jedoch ist es eine Verlogenheit. Welcher Jude ist je bemüffigt, irgend ein Bekenntnis abzulegen? Wo, wann wird der Jude darnach gefragt, was er glaubt oder nicht glaubt? Wo hat je ein Jude anders, als vor sich selbst und vor seinem eigenen Gewissen Rechenschaft darüber abzulegen, welcher Ueberzeugung er sei? Selbst nach abgeschlossenem Erdenleben vor dem Weltengerichte hat nach altjüdischer Darstellung der Jude kein Glaubensbekenntnis abzu-