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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-03 · 27 (3.7.1908) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 494 Dr. Llocb's Moedenscbritt. Nr. 37 alle wichttgen Faden der Geschichte laufen, im Altertum und im Mittelalter, und der^ jetzt endlich durchzittert wird von dem telegraphischen Faden der Moderne, aber umso vollgeladener mit dem PathoS der Vergangenheit und den Tränen der Dinge, Ist sie doch nicht nur das Symbol der Tragödie Christi, sondern auch das der Tragödie seines Volkes, ja, der großen Welttragödie! III. Am Vorabend von Passah und Ostern kam der Schriftsteller in den äußeren Ring der in alle Regenbogenfarben gelleideteu, Pelzmützen tragenden Menge, die sich in leidenschaftlichem Wehklagen an dem titanischen Ueberrest der Tempelmauer bewegte, der einzigen Reliquie von Israels nationaler Herrlichkeit. Brausende Wogen hysterischen Gebetes schlugen an die ungeheuren, symmetrischen Steinquadern, die von König Salomons Sklave« behauen find, aber abgeschliffen durch die Küsse von Generattonen. Ein Vaterland, das vor achtzehnhundert Jahren verloren ging und das diese seltsame unbezwingbare Raffe immer noch erhofft! „Eile dich, eile dich, du Erlöser Zions!" Und aus der Mitte der Trauernden wandte eine hohe erhabene Gestalt, in einem Gewände von Purpursamt, ihr Antlitz dem Schriftsteller zu und sagte mit ausgestreckter Hand und einer Stimme voll unaussprechlicher Liebe: „Schalom Aleichem." Und der Schriftsteller war erschüttert, denn siehe! — es war das Antlitz Christi. IV. Wandelte er oft vor der Klagemauer, weil er den Schmerz seiner Brüder teilte? Denn in der Heiligen Grabeskirche suchte ihn der Schriftsteller vergeblich. V. Halb verkleidet hatte fich der Schriftsteller hineingeschlichen, denn Li« Jude darf, selbst auf. den Hof oder , nur .in das Bereich deS heiligen Ortes. Sein erster offener Versuch war von türkischen Soldaten verettelt worden, die den engen Zugang zu dem Hof bewachten. „Ruht Emschi!" hatten fie grimmig geschrieen, und da der Schriftsteller verwegen es dennoch unterließ, umzukehren, wurde er mit Gewalt hinausgeworfen. DaS war gerade fein Glück, hatten seine Freunde ihm erklärt, denn wäre« die griechischen Fanatiker seiner gewahr geworden, so hätte er in einem ^euzzuge im Kleinen sein Leben leicht laffen können. Und als er fich seinen Weg durch die Menge erkämpfte, den Schutz eines Balkons zu suchen, fühlte er in der Tat, daß ein einziger heftiger Andrang genügen würde, ihn zu zermalmen. VI. In der weihraucherfüllten Grabesdämmerung der wunderlichen Kirche, in dem frommen Dunkel, das von dem Flimmerschein von tausend hängenden Silberlampen durchbllnkt wird, drängte und stteß sich in erdrückender Fülle eine Menschenmenge aller Nationen und Raffen, mit Palmen in den Händen. Der prächtig Gekleidete neben dem Zerlumpten, der Gesunde und der Elende, die Regenbogenfarben des Orients, gemildert von dem Weiß verhüllter Frauen, abgetönt durch die düstere Schäbigkeit der russischen Muschiks und Bauernsrauen und umgeben von einer lebendigen Kreislinie roter Feze auf den in mangelnder Ehrerbietung nicht entblößten Köpfen des türkischen Militärs. Nirgends auch nur ein Zoll fteien Raumes unter diesem Schatten von Golgatha; ein beständiges Hin- und Herfluten menschlicher Wogen, Ine sich ergossen in das planlose Labyrinth von Kapellen und Sockristeien aller Zeitatter un5 Architekturen, Kircheü und Kapellen, die wie auf dem Felsen kleben oder in sei« modriges Dunkel hineiugehauen find. Von prächtigen, ungezählten Kircheuschätzen erstrahlen.fie — armenischen, syrischen, koptischen, römischen, griechischen, abesfinischen — und fügen zu der mit Begeisterung, Gebet und mystischem Glockengeläut überlasteten Atmosphäre noch den Klang ihrer besonderen Heiligkeit nrid den Nachdruck ihrer persönlichen Pracht au Meßgewändern und Zeremoniell. Diese Wogen überschwemmen die fiebeunnddreißig geweihten Stätten und sickern selbst in das Allerheiligste zu jenem unempfindlichen Marmorstein, dem Sehnsuchtsziel der Welt, umflammt von ewigen Lampen. Sie fluten in den lärmenden Hof, in die Steinkrippen mit Rosenkränzen, Kreuzen und geschnitzten Muscheln und zwischen den raubsüchtigen Pöbelschwarm von Krüppeln und Verkäufern. Und mitten im rasenden Drängen und Zanken ward wie durch ein Wunder der Weg gebahnt für eine blendende Prozession der „einzig rechtgläubigen Kirche", die prunkvollen Umzug hielt. Dazu lassen Knaben, die man nicht sieht, ihre schmelzenden Weisen ertönen und vorangetragen wird ein emporgehobener Olivenbaum. Siebzig Priester in flutendem Damast tragen Palmzweige oder schwingen Weihgefäße. Knaben, grün gekleidet, halten seidene Banner empor, die reich gestickt sind mit. heiligen Szenen. Archimandriten, gefolgt von Diakonen, tragen Leuchter, die die Dreieinigkeit symbolisieren. Bischöfe mit Mitren folgen, und als letzter und prächtigster von allen der Patriarch mit dem Szepter, der sich gegen die kleine koptische Kirche in der Ecke verneigt, wenn seine Priester ihre Weihgefäße dorthin wenden und schwingen. — Und dieses alles, der bis ins kleinste ausgegrübelte prunkhafte Ritus, hergeleitet durch fremde Rassen-aus dem schlichten Leben, der schlichten Lehre Jesu von Nazareth! „O Jesus, Bruder in Israel, vielleicht können nur die dich verstehen, die von deinem Heiligtum ausgeschlossen sind!" VII. So dachte der Schriftsteller, als er aus ziemlich sicherem. Ausguck oben von einem Kloster herab, das kein jüdischer Fuß jemals betreten, auf die farbenprächtige, wogende Menge herabblickte. Die rechte Empfindung bemächtigte sich seiner nicht. Er. war voll Zorn; der Gedanke, daß ein Jude einen so historischen, dem Judentum angehörigen Reliquienschrein nur mit Lebens-, gefahr betreten könnte, führte ihm die lange Unduldsamkeit des mittelalterlichen Christentums wieder vor Augen, die dunklen Zeitalter des Ghettos. Seine Phantasie beschwor eine ironische. Vision herauf, als diene er dem erregten Pöbel zum Spott, müffe eine letzte Zuflucht in der heiligen Grabeskirche suchen und fiele tot über das heilige Grab. Dazu noch die, schwüle Luft, die erfüllt mit dem Atem all der Menschen war, dem Qualm der Lichter und dem Weihrauch. Diese groteske Umgebung paßte ganz und gar nicht zu dem Grabe des Friedensfürsten, das selbst von so zweifelhafter Echtheit ist, von den sechsunddreißig Schmarotzerheiligtümern ganz zu schweigen! Er dachte an die noch stürmischere Szene, die hier am bevorstehenden Tage des „griechischen FeuerS" vor sich gehen sollte; wenn in dem ehrfurchtgebietenden Dunkel nach Auslöschung der Lampen durch eine Ritze im heiligen Grabe, in dem der Patriarch in Einsamkeit und Dunkel betet, eine himmlische Flamme hervorzüngelt: Gottes alljährliches Zeugnis für die ausschließliche Rechtgläubigkeit der griechischen Kirche. Wenn die armen Pilger mit den wunden Füßen; rasend vor Begeisterung, übereinander weghüpfen, um ihre Lichter und Fackeln an. dieser Flamme zu entzünden. Ein Schiff, das jetzt schon-vor Anker liegt, fährt dann mit der heiligen Flamme als Fracht fort^ um die Kirchenlampen im heiligen Ruffland anzuzündem Dann stieg die lauge historische Tragikomödie sich bekriegender Sekten vor seinem Geiste auf — da die griechische Kirche die römische als irrig in den Taufsakramenten und dem Abendmahl betrachtete; mit der protestantischen nur darin eins, daß fie Bildhauerei verpönte. Jedes neue Mißdeuten der menschlichen Texte genügte ja, eine 'neue Ketzerei in die Welt zu setzen. VIII. Er haßte Palästina, den Jordan, den Oelberg, die heiligen Basare, die mit dem Ort verknüpfte Heiligkeit der Reliquien und des Bodens, die lange Marter der prophetischen Texte urid apokalyptischen Auslegungen, das ganze Andächtsgefasel des Toren und des Philisters. Er würde die Bibel für ein, zwei Jahrhunderte verboten haben, bis die Menschheit imstande sein, würde, fie mit frischem Einblick und wahrem Nutzen zu lesen. Er wünschte, Christus hätte" die Juden gekreuzigt und den Plan

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