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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-03 · 27 (3.7.1908) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 490 Dr. Mocbs Moedenscbrttt. Zn Berlin, in Heidelberg, in München ist er gewesen und überall haben die berufenen Kreise daS lebhafteste Interesse für seine philanthropischen Bestrebungen gezeigt. Ein paar ganz gescheite Leute haben die Sache Wohl für recht verdächtig befunden. Aber mit der Zeit hat man sich doch überzeugt, daß hinter dem wohltätigen Eifer des Herrn Straus kein Geschäftsinteresse steckt. Herr Straus verkauft überhaupt nichts. Er schenkt die Milch her, er schenkt allen europäischen Städten Laboratorien Kr Pasteurisierung der Milch, er schenkt allen Müttern, die eS verlangen, Hausapparate für Milchreinigung oder er nimmt nur einen ganz geringen Beitrag an, der nicht einmal die Hälfte der Kosten deckt. Run ist er «ach Wien gekommen und im Hotel Bristol ist eine kleine Ausstellung veranstaltet worden, die jedermann zugänglich ist, mit Modellen und Tabellen und statistischen Daten. Der liebenswürdige Sekretär Herr Bach erteilt bereitwillig alle Aufklärungen und gibt jede gewünschte Auskunft. Er zeigte heute den Besuchern freudestrahlend eine Depesche, die er soeben aus Sandhausen bei Heidelberg erhalten hat. Dort hatte die Sterblichkeit der Kinder die fürchterliche Höhe von 46 vom Hundert erreicht. DaS heißt, von den Neugeborenen starb beinahe jedes zweite Kind. Herr Straus hat nun im Dorfe einen Apparat aufgestellt und den Einwohnern vorläufig für ein Jahr hundert Liter Milch täglich zur Verfügung gestellt. Den Erfolg ersieht man aus der vom Bürgermeister gezeichneten Depesche: Die Sterblichkeit der Kinder unter zwei Jahren ist seit^ dem l. Februar bis heute von 24 Fallen im Durchschnitt auf sieben Falle gesunken. — Herr Straus wird acht Tage lang in Wien bleiben. Nachträgliches zur Generalversammlung der israelitische« Beerdigungsbruderschaft in Prag. In dem in der letzten Nummer erschienenen Berichte über die Generalversammlung der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft in Prag heißt es: „Auf Grund von Informationen aus sehr zweifelhafter Quelle wurden gegen den Vorstand der Brüderschaft öffentlich Beschuldigungen erhoben, daß dem Baue des von der Brüderschaft zu errichtenden Zinshauses wieder ein Stück des Friedhofes geopfert werden solle". Wir find in der Lage, diese „sehr zweifelhafte Quelle" hiemit der Oeffentlichkeit und dem Vorstände der Beerdiguugsbrüderschaft zu verraten Diese Quelle ist das vom Vorstande der Brüderschaft beim Magistrate der kgl. Hauptstadt Prag überreichte Gesuch um Bewilligung zum Baue eines Vereinshauses, das damit verbundene Ansuchen, einen Teil des jüdischen Friedhofes in Prag parzelüeren und verbauen zu dürfen, welches Ansuchen vom Magistrate nach abgehaltenen Baukommiffionen am 15 April auf Grund der Beschlüffe der Stadtratsfitzung vom 7. April d. I. bewilligt wurde, indem der eingereichte Bauplan genehmigt wurde. Dieses „peinlich korrekte Vorgehen" des Vorstandes war die Ursache unserer Anschuldigungen. Denn damit hat der Vorstand der Brüderschaft ein Präjudiz geschaffen, wonach jene Behörde mit Berufung auf diesen Fall jeden jüdischen Friedhof verbauen laffen kann. In dem Berichte heißt es ferner, daß unsere Behauptung, der Vorstand habe zum Baue der neuerrichteten Leichenhalle Friedhostgrund mitverwendet und Leichenteile exhumieren laffen, eingehend widerlegt wurde. Diese Widerlegung bestand aber nur in der gegenteiligen, unwahren Behauptung des Vorstandes. Durch Entsprechung unseres Verlangens nach Vorlage der Pläne hätte der Vorstand, falls seine Behauptung richtig wäre, unsere „Anschuldigung" leicht entkräften können. Er tat dies nicht, weil er damit die Richtigkeit unserer Behauptung bewiesen hätte. Schließlich bemerken wir, daß der Jüdische Volksverein sich nicht dieser Angelegenheit bemächtigte, nachdem der Rechenschaftsbericht, der die Schuld des Vorstandes der Brüderschaft statt sie einzugestehen verschleiern sollte, bereits erschienen war,, sondern zirka drei Wochen vor der Generalversammlung, am 22. Mai, eine Deputation zum Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn Dr. Arnold Rosenbacher, als der zuständigen Aufsichtsbehörde Entsandte, welche eine ausführliche Eingabe in dieser Angelegenheit überreichte. Unsere ganze bisherige Aktion hatte, und unsere zukünftigen Aktionen werden kein anderes Motiv haben, als die Liebe zu alter jüdischer Sitte und zum alten jüdischen Friedhof, deflen Erhaltung und Integrität uns wichtiger ist als die Bauspekulationen der Brüderschaft. Prag, am 22. Juni 1908. Für den Jüdischen Volksvereiü in Prag: Ing. H. S l o n i tz, dz. Schriftführer Dr. Kohn, dz. Obmanns Zu dieser Zuschrift bemerkt unser Mitarbeiter: Die Herren vom „Volksverein" wiffen recht gut, daß die Pläne für die Assanierung und Regulierung der Judenstadt seit Jahren völlig ausgearbeitet sind und daß überhaupt Nach menschlicher Voraussicht eine Aenderung der Lagerpläne, der Straßenzüge rc. rc. gänzlich ausgeschloffen erscheinen muß. Sie mußten ferner wissen, daß die „Bauspekulationen" der Beerdigungsbrüderschaft einzig und allein den Zweck verfolgen, die Umgebung des Friedhofes vor Besitznahme durch Private zu schützen, die gegebenen Falles wohl ohne Rücksicht auf den angrenzenden Friedhof ihre Bautätigkeit hätten ausüben können. Daß die Behörde im Falle der Notwendigkeit „jeden Friedhof verbauen laffen kann", zeigt wohl die Geschichte unseres Friedhofes, wo ohne jedes Präjudiz, trotz kaiserlicher Privilegien, trotz jahrelangen Kampfes der Brüderschaft, trotz des gegenteiligen Votums des böhmischen Landtages, trotz eifriger Proteste einflußreicher Künstlerkorporationen die Abtrennung eines so bedeutenden Friedhofteiles nicht verhindert werden konnte. Darüber zu streiten, ob eine Behauptung widerlegt wurde oder unwiderlegt blieb, ist aussichtslos. Die Herren vom „Volksverein" hätten aber gewiß in die Pläne für die erbaute Leichenhalle sich auf demselben Wege Einblick verschaffen können, wie in die des Bereinshauses. Es ist aus den Plänen für jeden klar, daß Friedhofsgrund nicht verwendet Wurde. Das Stück Grund, das nicht in die Fläche des alten Vereinshauses fällt, ist teils angekaufter Straßengrund, teils ein Teil eines breiten, durch eine hebräische Inschrift als Derech Kohanim bezeichneten Weges. Daß aber ein Derech Kohanim nicht zu Begräbniszwecken benützt wurde, ist zu selbstverständlich, als daß es einer Versicherung bedurfte. Die dort gefundenen drei exhumierten Skelettreste find überaus fragwürdiger Herkunft. Es steht gar nicht fest, ob es menschliche Knochen waren, und diese Vermutung ist um so wahrscheinlicher, als in einem anderen Friedhofsteile eine Aufschrift das Vorhandensein tierischer Knochen ausdrücklich bezeugt. Der „Volksverein" hätte sich auch vorher davon überzeugen können, daß die Kultüsgemeinderepräsentanz, die er als Aufsichtsbehörde anruft, mitschuldig ist an dem „Verbrechen" der Brüderschaft, da sie bei den betreffenden Baukommissionen vertreten war, und hätte auch die Repräsentanz mit seinen Angriffen nicht verschonen sollen. Die ganze „Aktion" des „Bolksvereines" ist daher nichts anderes als das Einrennen offener Türen. Die Beerdigungsbrüderschaft hat die bereits bewilligten Pläne zurückgezogen, hat sich somit bemüht, allen — auch unbegründeten — Ansprüche^ Rechnung zu tragen und darum sollte die ganze künstlich aufgebauschte „Friedhofsaffäre" erledigt sein. , * * * (Nachschrift der Redaktion.) Die Prager Chewra-Kadischa hat eine ruhmreiche Tradition und ihre Leitung hat, wie allgemein anerkannt, jederzeit die großen Traditionen sorgsam gepflegt. Der mustergiltigen Führung der heil. Agenden wurde von allen Seiten Uneingeschränkte Anerkennung gezollt. Mit Recht wird im „Israelit" hervorgehoben: ' „In alter Erinnerung steht noch der langjährige heroische Kampf, den die Chewra-Kadischa um den ungestörten Bestand ihres alten Friedhofes führte, die außerordentliche Opferwilligkeit, mit der ihr Vorstand als ein Teil des Friedhofes zwangsweise enteignet wurde, die Exhumierung und Wiederbeisetzung der auf diesem Teile gefundenen Gebeine vornahm, wie er es sich nicht verdrießen ließ, um der religiösen Norm und der Pietät Rechnung zu tragen, mit einem Aufwande von tausenden und abertausende» Gulden von ausschließlich jüdischen und deswegen meist ungelernten Arbeitern das Erdreich bis in eine Tiefe von 5 Metern ausheben zu laffen, wie während dieser monatelang währenden Arbeiten stets ein Vorstandsmitglied oder ein von ihm designierter Stellvertreter die Aufsicht führte, daß ja nur kein vZcp abhanden komme, wie weiter der Vorstand dafür sorgte, daß die Wiederbeerdigung in streng ritueller und würdiger Weise auf demselben Friedhofe stattfand." Solches pietätvolles Wirken sollte auch die jüngere Generation willig anerkennen, umsomehr, als jede Ursache eines

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