Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sei. 483 Sr. Llocv s MocbenscbrlN. Alles Materiale wurde unter Intervention deS k. k. Landesgerichtes Wien beschafft, zwei deutsche Gelehrte von europäischem Rufe haben, unter Eid genommen, nahezu 400 hebräische Texte nicht bloß übersetzt, sondern auch in umfaffender Weise erläutert. Die wissenschaftlichen Depofitionen Bloch's, seine Anklagen gegen Rohling werden auf der ganzen Linie durch die Sachverständigen bestätigt. Durch eine Reihe von Erhebungen, welche von der Kenntnis der hebräischen Sprache ganz und gar unabhängig find, wurde die völlige ünwahrhaftigkeit des von seinen Freunden so gefeierten Prozeßgegners nachgewiesen — und bei dieser ganzen Prozedur haben, mit der unvermeidlichen Ausnahme, daß der Geklagte Jude war, nur Christen mitgearbeitet. Ueber den weiteren Gang der Geschehniffe berichtete die „Oest. Wochenschrift" Nr. 40 vom 24. Oktober 1885 an leitender Stelle mit folgenden Worten: „Profeffor Rohling hat den Wahrspruch der Geschwornen nicht abgewartet, sondern sich selber das Urteil gesprochen. Der Prozeß, welcher eine zweijährige Vorbereitung nötig gemacht hat und durch welche erwiesen werden sollte, daß der k. k. Profeffor der hebräischen Altertümer zu Prag nicht das wiffenschaftliche Vermögen besitzt, eine einzige Zeile hebräisch korrekt zu lesen; daß der fromme katholische Priester tatsächlich falsche Eidesleistungen vollzogen und wiederholt den Meineid dem Gerichte angeboten hat; dieser Prozeß, auf dessen Fort- und Ausgang alle Gebildeten in Oesterreich mit Spannung blickten; um deffentwillen das österreichische Parlament zweimal die Immunität eines seiner Mitglieder hat aufheben müssen, hat ein plötzliches Ende genommen. Es ist das ein sensationelles Ereignis ersten Ranges. Nachdem der Geklagte das gesamte Beweismaterial zur Verfügung des Gerichtes gestellt hat, nachdem alle Vorerhebungen den angetretenen Wahrheitsbeweis auf das Glänzendste bekräftigten und die von dem k. k. Ländesgericht zu Wien bestellten Sachverständigen durch die Uebersetzung von mehr als 400 Texten aus der hebräischen und rabbinischen Literatur gerichtsmäßig dargetan haben, daß die gegen den Prager Professor erhobenen Anklagen nach allen Richtungen begründet sind, nachdem das k. k. Landesgericht zu Wien bereite den Termin zur SchlÜßverhandlung in Aussicht genommen hatte, erklärte Herr Prof. Rohling plötzlich, von der Anklage zurückzutreten. Er hat sein Geschick beim Schwurgericht vorausgesehen und darum über sich selbst das Urteil gesprochen. Es ist das ein raffiniert kluger Herr, dieser k. k. Profeffor der hebräischen Altertümer zu Prag. Zuerst versuchte er mit Drohungen den Angeklagten einzuschüchtern, um dadurch einen Ausgleich herbeizuführen. Durch die geplante Gerichtsverhandlung werden die Gemüter der Wiener Bevölkerung gegen die Juden aufgereizt werden, die Folgen für das Judentum könnten bloß schlimme sein — so schrieb der Prager Biedermann nach Wien, um den Dr. B l o ch zur Nachgiebigkeit zu veranlassen. Als diese Kunstgriffe nichts halfen, Dr. Bloch weder den liebreichen Mahnungen des Prof. Rohling, noch den übereifrigen Besorgnissen jüdischer „Freunde" Gehör gab, erklärte plötzlich der Prager Professor, die Regierung dränge ihn, von der Anklage abzustehen. Auch das erwies sich bald nach maßgebenden Orts eingezogenen Erkundigungen als eine elende antisemitische Flunkerei. Im Gegenteil, die Regierung erklärte, größtes Gewicht darauf zu legen, daß dieser sensationelle Prozeß durch einen Richterspruch entschieden werde. Die Uuterrichtsverwaltung hat ein eminentes Interesse daran, Klarheit darüber zu gewinnen, was es mit den gegen einen ihrer Professoren erhobenen öffentlichen Anschuldigungen des Meineides für eine Bewandtnis habe. Als dieser Herr Professor neuerdings im Monate Oktober 1885 an die Unterrichtsverwaltung herantrat mit der Bitte um einen einjährigen Urlaub — zu Studienzwecken, so beeilte man sich durchaus nicht, diesem Wunsche nachzukommen. Er sollte vielmehr erst seinen Prozeß mit Dr. Bloch zu Ende bringen, sich von den schweren Anklagen reinwaschen. Und was geschah? Herr Prof. Rohling schreibt an das k. k. Landesgericht zu Wien, daß er von der erhobenen Anklage-gegen den Reichsratsabgeordneten Dr. Bloch zurücktrete! Gleich jenem Delinquenten, der in namenloser Angst vor der öffentlichen Justifizierung in der einsamen Zelle sich erhängt, so hat Prof. Rohling, um der moralischen Hinrichtung vor dem Schwurgerichte zu entgehen, selber das Urteil an sich vollzogen." Diese sensationelle Wendung des Prozeffes hat nicht verfehlt, in der gesamten öffentlichen Meinung des In- und Auslandes ungeheures Aufsehen zu erregen, und als gar der Anwalt des Geklagten, der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Josef Kopp, in einer eigenen populären Schrift: „Zur Judenfrage nach den Akten des Prozeffes Rohling-Bloch", die Resultate des Prozeffes der Oeffentlichkeü vorlegte, da blieb der österreichischen Unterrichtsverwaltung kein anderer Ausweg, als den. Kläger aufmerksam zu machen, daß er auch die Folgen seiner Niederlage zu tragen hübe und auf eine Lehrkanzel Verzicht leiste, zu der ihm die wiffenschaftliche Qualifikation fehlt. Wir verraten kein Geheimnis, wenn wir mitteilen, daß der damalige Ministerpräsident Graf Ta affe die ernsteste Mbficht hatte, Dr. Jos. S. Bloch zum Profeffor für hebräische Altertümer an der Wiener Universität zu ernennen. Die österreichischen Klerikalen suchten diesen Plan mit allen Mitteln zn hintertreiben; ihr Geschrei genierte aber den Grafen Taaffe nicht. Da erhielten sie Sukkurs von jüdischer (!) Seite in Wien und man verstand es, dem Grafen Taaffe beizubringen, daß eine solche Ernennung die Wiener Juden gegen die Regierung noch mehr aufreizen würde- Gin« Aufgabe für btn „Gesterreichisch - Israel. Gemrindrlmnd". Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich gestatte mir hiemit, die Aufmerksamkeit Ihrer werten Redaktion auf einen Gegenstand zu lenken, der es nicht nur verdient, von Ihrem geschätzten Blatte in geeigneter Weise besprochen zu werden, sondern den die gesamte Presse, wo immer unsere Glaubensgenossen hierauf einen Einfluß haben, zum Gegenstand von Besprechungen und nötigenfalls Protesten machen sollte, der auch für den jüdischen Gemeindebund eine würdige Aufgabe bllden sollte. Infolge der antisemitischen Bewegung in Böhmen, insbesondere aber von Teplitz bis Eger, in welcher Gegend der Antisemitismus am stärksten war, und sagen wir es rund heraus, heute gerade so ist, wie es war, haben sich für die große Zahl der Juden in jenen Gegenden schwere wirtschaftliche Schädigungen ergeben. Der Plan der Deutschradikalen geht dahin, die Juden wirtschaftlich zu verfolgen und gesellschaftlich zu boykottieren, und man kann es ohne Uebertreibung sagen, daß in den letzten 15 Jahren einige hundert Juden tatsächlich durch die wirtschaftlichen Verfolgungen, die sie zu erdulden hatten, zugrunde gerichtet wurden. Besonders ist dies aber hinsichtlich jener Personen der Fall, welche auffallende jüdische Namen, wie Kohn, Löwy, Abeles und ähnliche Namen mit jüdischen Endungen haben. Stellt sich ein Geschäftsreisender mit einem solchen Namen, iusbesonders bei der Landbevölkerung im nordwestlichen Böhmen, vor, so kann er annehmen, daß 50°/o seiner Aussichten, ein Geschäft abzuschließen, schon durch den Namen, den er trägt, vernichtet sind, und so manche Standespersonen, Advokaten, Mediziner u. s. w., welche derzeit die Fähigkeit besitzen, etwas zu leisten, ohne daß sie sich trotz aller Anstrengung bemerkbar machen können, ahnen nicht, daß die Hauptursache die ist, weil sie einen auffallenden jüdischen Namen tragen. Jntereffant ist die Tatsache, daß in der alten jüdischen Gemeinde Teplrtz eine ganze Reihe von Familien namens „Kohn" gelebt hatten, welche eine besondere Stellung in der Stadt eingenommen haben und zugrunde gegangen sind, resp. verarmten, und es ist wohl keinem Zufall zuzuschreiben, daß nahezu, alle in den letzten 25 Jahren um ihr Vermögen kamen. Roch schlechter ging es denjenigen Personen, welche den Namen Löwy tragen. Aber nicht nur im Norden, sondern in ganz Böhmen ist die Bedrückung der Juden, welche auffallende jüdische Namen tragen, eine so schwere geworden, daß eine große Zahl derselben nicht weiter konnte und sich an die Statthalterei in Prag um Aenderung ihres FaMieqnamenS gewendet hat. Dies ist insbesonders im noWWlichen Böhmen der Fall, woselbst in den alten jüdischen Gemeinden Luck, Weiten-Trebetitsch, Lichtenstadt, Eidlitz, Libin, Postelberg, Soborten u. s. w. hunderte von Personen mit dem Mischen Namen „Kohn" oder „Löwy" anfäffig waren und sich so verbreitet haben, daß in einzelnen kleinen Städten 50 bis 60 „Kohn" und ebenso viÄe „Löwy's" angesiedelt find.