Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-26 · 26 (26.6.1908) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021791--17465-3042340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 480 Nr. Lloev's Mscvenscdrltt. Kr. 26 war herrlich geziert mit erhabenem Bildwerk und goldenem Wandschmuck. Etwa dreißig steinerne Stufen führten zu ihrer Höhe. Als der Meister das Fenster aufgetan hatte, waren noch wenige Menschen dagewesen, aber sie mehrten sich von einer Minute zur andern, sammelten sich und umstanden jetzt schon in gewaltiger Menge die Kanzel. Und alsdann dröhnten die Stimmen vieler Glocken über uns hin und machten die Lust iu dem Zimmer erbeben. Draußen unter den Menschen wurde eine Bewegung bemerkbar, ein Schieben und Drängen, und daun wurde in der dunklen Menge eine breite lichte Straße, und es erschien im prächtigen Auszug mit Fahnen, Lichtern und Räucherwolken unter seinem silbernen Baldachin der Bischof. Nun war alles still geworden und wartete, der Bischof aber in seinem gleißenden brokatnen Gewand stieg die Stufen zur Kanzel hinan. Dort versank er anscheinend in ein stilles Beten, sich zur Predigt zu bereiten, und die ganze Menge kniete lautlos. Der Meister aber stand unentwegt in dem offenen Fenster und sah hinaus. Plötzlich sprach er mit heller Stimme in eben dieses lautlose Schweigen hinein: „Simeon, gehe hinaus und sage dem Bischof: Israel, der Sohn Eliesers, ist hier uud läßt dich rufen." Als die Leute, die mit uns im Zimmer waren, diese Worte hörten, kam eine wilde Augst über sie und ließ sie selbst die Furcht vergessen, die sie vorher getrieben hatte, sich in den Ecken zu bergen. Sie fuhren insgesamt auf und umringten den Baalschem und schrien auf ihn ein. Ein alter Mann sagte ihm, bebend vor Zorn: „Wer bist du denn, Verruchter, der du einen jüdischen Mann zu dieser Stunde dem Henker in die Hände lieferst!" Und sie verfluchten ihn aus der Bitterkeit ihrer gefolterten Seelen. Er aber staud, als rührten ihre Worte ihm nicht an Ohr uud Verständnis, sah mich bedeutsam an und sprach: „Geh, Simeon, geh schnell und fürchte dich nicht!" Und ich, der ich einen Gedanken lang gestanden und wider die Furcht in meinem Herzen gestritten hatte, erkannte nun meinen Herrn wie zuvor uud ging ohne Zagen durch die Menge zur Kanzel, und keiner hat auch nur ein Wort gesprochen oder einen Fiuger an mein Gewand getan. Uud ich schritt die Hälfte der Stufen hinan, bis ich innehielt und den Bischof in hebräischer Sprache auredete: „Der Baalschem ist hier in jenem Hause. Er läßt dich rufen, daß du zu ihm kommen mögest." Da gab mir der Bischof in der gleichen Sprache Erwiderung: „Ich weiß vou seiner Gegenwart. Sage deinem Herrn, daß ich sogleich nach der Predigt bei ihm erscheinen werde." Und ich wandte mich und ging durch die Menge über den Platz und trat iu das Haus. Die Leute aber, bei denen wir wellen, hatten in der Beängstigung ihrer Sinne sich an die verschlossenen Fenster geschlichen, um durch die Spalten auf den Platz zu blicken und zu sehen, was mit mir sich begeben würde. Und sie sahen, daß ich heil durch die Menge zur Kanzel kam, mtt dem Bischof Zwiesprache hielt, wie mir geheißen ward, und ungefährdet wieder heimkehrte. Da faßten sie, daß etwas Großes um unseren Meister sein müsse, der dem Geist der Blutgier gebot, und als ich in das Zimmer trat, gewahrte ich sie meinen Herrn umringen und ihm Abbitte tim. Aber so wie er früher nichts um ihr Schelten gegeben hatte, so achtete er jetzt ihres Lobes nicht. Er hörte unbeirrt nur auf meine Botschaft, als seien er und ich allein im Hause. Als er mich vernommen hatte, lächelte er ein wenigeuud sprach zu mir: „Kehre um, geh noch einmal zur Kanzel Md sage dem Bischof: Sei kein Narr und komme sogleich, denn es ruft und lädt dich der Mann Israel, der Sohn des Elieser." Ich tat nach seinem Geheiß und schritt wieder zur Kanzel. Als ich aus den Platz trat, hatte der Bischof eben begonnen zu predigen. Ich stieg hinan und zog ihn ein wenig an seinen Mantel, daß er meiner gewahr werde. Da hiett er iuue und sah mich an, und ich wiederholte die Wotte des Baalschem. Ich bemerke, daß sein Angesicht sich bei meiner Rede verfärbte; dann wandte er sich zum Volk und sprach: „Habet für eine kleine Weile Geduld. Ich werde zurückkehren." Er folgte mir über den Platz durch die Menge in seinen gold- und blumengesticktcn Gewändern, die hohe, goldene Mütze auf dem Haupt, und also ttat er in das Haus und trat vor meinen Meister, den heiligen Baalschem. Sie gingen beide in ein besonderes Zimmer, verschlossen - die Tür hinter sich und verharrten so an die zwei Stunden. Dann trat der Baalschem allein heraus. Er war hochaufgerichtet und in seinen Augen leuchtete die Herrlichkeit Gottes. Er befahl uns, eilig Wagen und Pferde zu rüsten und ohne Besinnen und Umschau fuhren wir von dannen. Ich weiß nicht, was zwischen dem Bischof und unserem Meister sich ereignet hat; auch den Namen der Stadt weiß ich bis heute nicht, denn der Baalschem hat ihn uns damals und später nicht kundgetan. Ich weiß nur, daß es ein Großes war, das der Heilige gewirkt hatte, als er aus jener verschlossenen Stube trat, denn der Geist des Herrn leuchtete gewaltig von seiner Stirne und er war anzusehen wie ein Cherub aus den Heerscharen. Nach seinem Tode habe ich versäumt, Nachfrage nach jener Begebenheit zu halten, denn ich hatte sie alsbald nach unserer Rückkehr völlig aus den Gedanken verloren und heute erst, eben als ich dieses Haus verlassen hatte, entsann ich mich ihrer wieder." , Als Rabbi Simeon schwieg, stand der reiche Mann auf, sank wortlos in die Knie, streckte die Hände gegen oben und Tränen stürzten aus seinen Augen nieder. Endlich rang sich ein Sttom glühender Dankesworte von seinen Lippen und er pries Gott mit unendlichem Lobe. Dann sprach er zu Rabbi Simeon: „Mein Freund, gesegnet sei dein Kommen und gesegnet ein jedes deiner Worte. Ich weiß, daß die lautere Wahrheit aus deinem Munde kam. Ich will dir kundtuu, was von der Begebenheit dir dunkel blieb. Wisse, daß ich jener Bischof bin, den du gerufen hast. Und wisse, daß ich dich erkannt habe sowie du mein Haus betratest. Ich war einst ein Jude, erfüllt mit der wahren, wunderbaren Weisheit und eine geheiligte Seele war mein eigen. Da gewmm der Geist der bösen Mächte Gewalt über mich und beherrschte mich völlig, also daß ich vom Glauben abfiel. Und da meine Seele stark und fruchtbar blieb und voll des Feuers war, gewann ick bald hohes Ansehen unter den Gläubigen meines neuen Bekenntnisses Ich nahm die Weihen ihrer Kirche, stieg immer höher in ihren Würden und bald beherrschte ich als Bischof alle Seelen des Landes. Groß aber war mein Haß gegen mein einstiges Volk und immer höher schwoll er an jedem neuen Tage. Denn wisse: in den Nächten, wenn meine Seele wehrlos war und vom bösen Geiste allen Gewalten preisgegeben, kam die Scham des Abtrünnigen zu mir und erwürgte mir alle Ruhe. Tags aber, wenn ich gewappnet war mit dem Schilde des Versuchers, nahm ich Rache für die Unrast meiner Nächte und da schürte ich das böse Feuer und nährte alle Tücken in den Seelen meiner Gemeinde gegen die Kinder des Volkes, das ich verleugnet hatte. Ich hieß sie grausame Racheostern feiern und vergiftete den Juden alle Tage des Jahres mit bitterer Angst. Nun aber war es so, daß meine jüdischen Ahnen ein glaubensstolzes und ehrenhaftes Geschlecht darstellten, das ein großes Verdienst vor dem Herrn aufwies und manch einer von ihnen hatte mit dem Blute seines Herzens den hohen Bund besiegelt. Meine Missetat hatte den Frieden ihrer Ewigkeit gestört; im Schmerze versammelten sie sich und suchten den heiligen Baalschem heim und baten ihn, daß er sich meiner verfallenen Seele erbarme und zu meiner Lösung wirke. Da kam der Geist des Heiligen in nächtlichen Träumen zu mir und rang mit dem bösen Geiste, der mich besaß. Sie waren beide gewaltige Kämpfer und ich wurde zwischen ihnen hin- und hergerissen wie ein armseliges Blatt im feurigen Sturm. An jenem Sabbath der Juden aber, der dem christlichen Osterfest voranging, war der Geist des Heiligen Tag und Nacht mir zur Seite und schon hatte er meinen Willen gewonnen und in der Nacht beschloß ich, am

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.