Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-26 · 26 (26.6.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021791--17460-3042335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 Dr. Zölocd's Mocvenscbnn. Seite 475 planes nicht herbeiführen können, weil der Lehrstoff, welcher für zwei Wochenstunden berechnet ist, eine Erweiterung unter keinen Umständen verträgt. Dagegen find die kritischen Bemängelungen, welche bezüglich der Mangelhaftigkeit der vorhandenen Lehrmittel vorgebracht wurden, beachtenswert und wäre im besonderen darauf hinzuweisen, daß die Lehrerschaft, wenn diese den praktischen Zweck des neuen Lehrplanes, die Jugend zur aktiven Teilnahme am Gottesdienste heranzuziehen, erreichen will, die Berfaffung einer guten, schulgemäßen Uebersetzung des Gebetbuches im Auge behalten muß. Referent gibt schließlich der Ueberzeugung Ausdruck, daß es der Lehrerschaft, welche hingebungsvoll ihres Amtes waltet, gelingen wird, bei der Jugend religiöses Empfinden zu wecken und deren Interesse für die heiligen Lehren des Judentums für das Leben zu sichern. An der Debatte, die dem Referate folgte, beteiligten sich die Kultusvorsteher Professor Dr. S. E h r m a n n, kais. Rat Siegmund K a u d e r s und Dr. Markus Spitzer, ferner die Herren Inspektoren Professor M. K a n i tz und Dr. Langfelder und die Religionslehrer D. L ö w i t und Adolf R o t t e r. Herr Dr. Markus Spitzer führt unter anderem aus: Der vorliegende Lehrplan für Volks- und Bürgerschulen bilde einen neuerlichen und gewiß nicht den letzten Versuch, den Religionsunterricht ersprießlicher zu gestalten, die mittlere Linie zwischen den in unserer Gemeinde herrschenden Strömungen zu finden und scheint der richtige Weg eingeschlagen worden zu sein, nachdem die Veröffentlichung dieses Lehrplanes auch nicht eine einzige oppositionelle Stimme im Gefolge hatte. Seitdem der jüdische Geist aus den Familienhäusern gewichen und die religiöse Erziehung durch das Gesetz mit zwei Wochenstunden kontingentiert wurde, hat sich die Erteilung des Religionsunterrichtes zu einem höchst schwierigen, fast unlösbaren Problem gestaltet. Der in Rede stehende Lehrplan weise einen bedeutenden Fortschritt auf, da der Jugend die Möglichkeit geboten wird, dem Gottesdienste mit Verständnis und Andacht zu folgen, an heiliger Stätte jene Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewußtseins zu finden, welche im täglichen Leben, im Kampfe ums Dasein segensreich nachwirkt. Besonders zu begrüßen ist es, daß die Grammatik nicht als selbständige Disziplin behandelt, sich vielmehr mit dem gelegentlichen Hinweis auf wichtige Formen begnügt wird, daß der sogenannten systematischen, katechetifierenden Religionslehre nur ein bescheidenes Plätzchen gewährt und daß in dem so wichtigen Geschichtsunterrichte alle das Gedächtnis belastende Details, Nomenklaturen und Zählen eliminiert und ausschließlich die hervorragenden Epochen aus dem politischen und geistigen Leben unseres Volkes in großen Zügen, in lebendigen Bildern dem empfänglichen, jugendlichen Geiste vorgeführt werden. Das Ziel eines zweistündigen Religionsunterrichtes könne insbesondere bei dem vollständigen Mangel jeder Vorbildung und häuslichen Unterstützung unmöglich die Vermittlung eines »auch nur halbwegs umfassenden oder auch nur nennenswerten positiven Wissens sein, sondern einzig und a-ein die Durchdringung mit dem idealen, ethischen Gehalte des Judentums, die Einschärfung der wesentlichsten Grundsätze des Glaubens, die Erweckung der Liebe und unverbrüchlichen Treue zu unserer angestammten Religion. Wer Lust und Freude zum Studium der herrlichen, zu neuer, ungeahnter Blüte erwachten hebräischen Sprache hat, wer sich Kenntnisse auf dem weiten Felde unseres unvergleichlichen, erhabenen Schrifttums erwerben will, der möge eine Bibelschule oder eine andere gleichartige Lehranstalt besuchen, und dem Lernenden wird sich eine unversiegbare Quelle warmer, dauernder Begeisterung für unser Volk, der reinsten, geistigen Befriedigung erschließen. — Redner erklärt für die Vorlage zu stimmen und gibt dem lebhaften Wunsche Ausdruck, daß der durch den neuen Lehrplan geschaffene Rahmen von gewissenhaften, tüchtigen, berufsfreudigen Lehrern den kostbarsten Inhalt erhalte. Professor.Dr. Ehrmann führt aus: Religion und Religiosität lassen sich nicht in der Schule lehren, sie find Sache der Erziehung und des inneren Empfindens. Was gelehrt werden kann, ist nur der Lehrinhalt einer Konfession, und diesen sollen die Kinder lernen, um sich und andere vor unwahren Deutungen und Unterschiebungen zu schützen, den Wert und die Geistesarbeit ihrer Vorfahren schätzen zu lernen, sich an ibrem Opfermute zu erheben und ihr Selbstbewußtsein zu stärken. Dieser Lehrplan bricht mit der Illusion, daß es möglich sei, durch müh'elige Uebersetzungen aus einigen kümmerlichen Bruchstücken der Bibel emen dauernden Gewinn für die Kenntnis derselben, für ihr tieferes Ersoffen zu ziehen, namentlich bei der so äußerst geringen Zahl von Stunden, die hiezu zur Verfügung in der Volksschule stehen. Dagegen kann durch Einschränkung des hebräischen Stoffes auf den Text des Siddur ein Verständnis für Liturgie und gottesdienstliche Literatur, dabei aber auch für ganze Stücke der Bibel, wie der Psalmen geweckt werden. Daß hiebei die Prä- und Suffixe gelehrt werden, ist eine Erleichterung und nicht eine Erschwerung. Ins innere Leben des Volkes kann diese Kenntnis jedoch nur dringen, wenn den um ihr Brot und ihre Existenz schwer ringenden Volksmaffen durch eine andere Zeiteinteilung des Gottesdienstes die regelmäßige Beteiligung daran ermöglicht wird. Einer starren, dogmatischen Festlegung der Glaubenssätze ist bei der großen Gewiffens- und Gedankenfreiheit im Judentum Wohl für immer der Boden entzogen, übrigens gilt hier das englische Wort „m6n not measures“. Man kann mit den besten Lehrplänen nichts ausrichten, wenn die ausführenden Männer fehlen; ein tüchtiger Lehrernachwuchs tut not. Der Referent des ständigen Ausschuffes für den Volksschullehrplan, Herr Lehrer Adolf Rotter, führt aus: Der Lehrstoff wurde auf Grund der gemachten Erfahrungen und die Möglichkeit der Erreichung des Lehrzieles festgestellt. Der Geschichtsstoff ist in dem Lehrplane gleichmäßiger auf die einzelnen Klaffen verteilt. Uebersetzungsstvcke wurden nur solche ausgewählt, die einerseits dem Faffungsvermögen der Kinder entsprechen, andererseits in der Liturgie und dem jüdisch-religiösen Leben enthalten find. Grammatik wird in der Volksschule nicht gelehrt. Allein der denkende Lehrer wird es gewiß nicht unterlaffen, beim Uebersetzen auf einfache Formen, z. B. v und n n' und m hinzuweisen und so den Unterricht zu beleben. Dem Wunsche eines Vorstandsmitgliedes, das biiv »np in den Lehrstoff aufzunehmen, mußte der Gefertigte mit Rücksicht auf eine gewiffe und nicht unberechtigte Scheu der Eltern entgegentreten und wies auch hier darauf hin, daß der denkende Lehrer bei Einübung des na» s.t jax den Kindern etwas zu sagen wissen wird über bw w*ip. Herr Bürgerschul- und Religionslehrer L ö w i t, welcher das Referat für Bürgerschulen vertreten hat, will sich bloß auf das pädagogisch-didaktische Moment beschränken und hebt hervor, daß die neuesten Errungenschaften auf pädagogischem Gebiete in den Dienst des neuen Lehrplanes gestellt wurden. Da Volks- und Bürgerschule einander ergänzen sollen, muß der neue Lehrplan ein in sich geschloffenes Ganzes bilden, daß das auf der Unterstufe Gewonnene in konzentrischer Weise bis zur letzten Stufe weiter geführt, entsprechend ergänzt und so zum geistigen Eigentum der Schuljugend wird. Es geht daher nicht an, daß irgend eine Disziplin fallen soll. Dadurch wird auch eine Ausnützung bezweckt und mit dem so gewonnenen Erfolge haushälterisch umgegangen. Redner wendet sich dagegen, daß der für die dritte Bürgerschulklasse vorgeschlagene Stoff eine bloße Nomenklatur bilden soll. Da nur ein geringer Perzentsatz der Schüler die Mittelschule besucht, der größere Teil hingegen aus der Bürgerschule ins praktische Leben Übertritt, so ist es notwendig, daß die im religiösen Leben so häufig vorkommenden Worte und Begriffe dem Schüler klar gemacht werden sollen. Der Inspektor für den Religionsunterricht an Bolks- und Bürgerschulen Prof. M. Kanitz wies auf die unbedingt notwendige Unterstützung, die der Religionsunterricht im Hause finden müsse, hin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.