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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-26 · 26 (26.6.1908) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dr. Blocb s Mocvenscvrin. Seite 471 Nr. 26 . Wenn wir der Erscheinung dennoch einige wehmütige Betrachtungen gönnen, so mögen es eben nur Beileidsworte sein, wie sie verwundeter Liebe entströmen. Die wir fallen und von uns abfallen sehen, sind ja doch Kinder des Stammes, mit dem vieltausendjährige Liebe uns zusammenhält, bene Abraham Abinu, welche in den heiligen Schriften, so vielfach und so zärtlich gekost werden. Es ist immer schmerzlich ergreifend, zu sehen, wie ein Kind bösartig die schönste und beste der Mütter mit dem Fuße von sich stößt und die abwehrenden Brüder anspuckt. Doch Worte der Entrüstung, der Empörung oder gar des Bangens sollen es nicht sein. Die Aus- und Uebertritte bedeuten, wie gesagt ein Absterben vom Stamme, kommen gewöhnlich von zerfahrener Persönlichkeit, von Verkalkung des Gemütes, vom charakterlosen Strebertum, von feiger Mutlosigkeit, von fehlender Kraft und von ähnlichen Kennzeichen verdorrender Baumzweige. . Das darzutun, bezwecken wir auch mit diesen „Nachrufen", mit welchen wir die Verzeichnisse derer begleiten wollen, die sich in das uferlose Gebiet der Konfessionslosigkeit und in das unsichere Land der Taufe begeben haben und mit den ..Zwischenrufen", wenn es gar an Namen für solche Verzeichnisse fehlen sollte. Wir ziehen den Gedankengang in Betracht, durch welchen ein Sohn unseres großen Moses Mendelssohn es zu rechtfertigen suchte, daß er seinen Bartholdi der Taufe übergab. Ein Glaubensbekenntnis, meinte er, welches das religiöse Bedürfnis solch großer, geistig hervorragender und maßgebendster Menschenkreise befriedigen kann, mit welchen wir geistig und wirtschaftlich Zusammenwirken wollen, wird ja schließlich auch diesen Bartholdi befriedigen können, wenn er von Kindheit an demselben zugeführt wird und wenn er ein anderes, ihn etwa im Gewissen beunruhigendes gar nicht kennen lernt. Aber die ganze Entsetzlichkeit dieser Sentenz sticht schon vermöge ihrer Vermessenheit beißend in die Augen. Ein Sohn Moses Mendelssohns erklärt das religiöse Bedürfnis der weitesten und hervorragendsten Menschenkreise mit dem Glaubensbekenntnisse, welches die christliche Taufe verleiht, befriedigt!!! Was sagt unser Professor Masaryk dazu? Was Friedrich Strauß? Ja. was hatte dieser Josef Mendelssohn bereits von einem Lessing, von einem Voltaire und selbst von dem großen König Friedrich II. darüber vernommen? Mendelssohn Bartholdi wurde in jungen Jahren schon ein großer Tonkünstler, starb im Alter von 33 Jahren und wurde von Richard Wagner im „Judentum in der Musik" gleich andern ruhmreichen Juden beschimpft. Alle diese drei wären ihm wohl auch zuteil geworden, wenn es sein Vater nicht versucht hätte, den vielversprechenden Sprößling gleich bei seiner Geburt von seinem Stamme loszulösen. Versuchen wir noch diesen Gedankengang in eine andere Formel zu bringen, so ergibt sich kein besseres Resultat. Insofern, wird mancher Mann sprechen, das religiöse Bedürfnis kulturförderlich sein mag und einen sittlichen Halt verleihen kann, läßt sich ja der gleiche Vorteil gerade so erlangen in dem einen Bekenntnis, zu welchem die überwiegend große Welt schwört, wie in dem anderen Bekenntnis, bei welchen zu Drangsal und Leid nur eine verachtete Minderheit trotzig verharrt. Jawohl, wenn kein Zwang dafür besteht! Sobald aber ein Bekenntnis den Zwang für sich in Anspruch nimmt, ist es kulturfeindlich, moralwidrig, schließt es die höchste menschliche Tugend, die höchste Intelligenz — die Duldsamkeit aus. Jeder Uebertritt eines Juden bedeutet ein Erliegen vor dem herrschenden .Religionszwange, der sich in mannigfacher Art geltend machen kann. Das ist die Kniebeuge nicht vor dem Erfolge, sondern schlimmer schon vor der Aussicht nur auf Erfolg. Das ist genau derselbe äußere Zwang wie der Uebertritt behufs leichterer Erlangung eines Amtes, einer erwünschten sozialen Stellung, eines heiß ersehnten Verkehres oder auch behufs Eheschließung. Die schimpflichste Art des religiösen Zwanges ist der, welcher die Ungläubigen zum Religionswechsel veranlaßt. Wie hast du es nur über dich vermocht, fragen, wir einen solchen Mann, kniend eine Beschwörungsformel über dich ergehen zu lassen, feierlich ein Bekenntnis abzulegen und mit der Vornahme zu geloben, .nichts davon zu beachten, mit dem Bewußtsein, daß all dies im hellsten Widerspruch mit deiner Ueberzeugung, mit deiner klaren Erkenntnis sei? Da sagt unS ein solcher Mann zunächst im ersten Schamgefühle etwas Unglaubliches. Mir blieben, beteuert er, alle diese Zeremonien und Umständlichkeiten erlassen, da man froh war, mich zu erwerben. Dann aber meint er wieder. Es galt nur einen einmaligen Sprung ins kalte Waffer. Die ganze Zeremonie dauerte kaum eine kleine Stunde. Ich drückte dabei die Augen zu, narkotisierte mich mit Gedankenlosigkeit und die ganze Operation, welche mir und meinen Nachkommen die Bahn für alle Fähigkeiten für Entfaltung des Ehrgeizes, für so viele unabsehbare Vorteile frei machte,, war vorüber. Es ist ganz überflüssig, solche Gesinnung durch weitschweifige Dialektik erst zu charakterisieren. Ich sage nur eines. Die ganze menschliche Welt schmachtet nach Befreiung von religiösem Zwange, welcher mit eisernen Klammern unsere Gefühle, unser Denken, die Schulen, die Universitäten, die Künste, die Staatsverwaltung, die Herzen der Regenten, die Geschichtsauffassung, die Völkerpsychologie, unsere Kirchen und Synagogen, ja selbst unsere Theologie und Gottesbegriffe grausam umfaßt, schmerzhaft verzerrt, zerdrückt und verwirrt. Die reine Gottheit kann uns nicht erstrahlen, die Religion kann uns nicht erfüllen, wir können nicht der Konfession unsere süße beseligende Liebe und Begeisterung widmen, weil einige tausend versteifte Geister, Kongregationsmumien aus dem Mittelalter, Wahn erzeugendes Gift in die gesellschaftlichen Kreise träufeln. - — — — — — Ein Kunstwerk, eine Dichtung, eine Fähigkeit, ein Talent, eine Idee fordert unser Urteil heraus, ein Amt ist zu besetzen, von welchem Wohl und Wehe ganzer Gebiete abhängt, eine Wahl ist zu treffen, da steht allüberall zunächst grinsend das Wahngespenst zur Seite und wirft allem voran die Frage dazwischen, ob seitens der in Rede stehenden Person das Bekenntnis vorliegt, daß er den ewigen allumfaffenden Gott genau so und in so viel Personen anerkennt, wie es gerade eine Auffassung vor 1500 Jahren festgelegt hat. Dagegen sträuben sich nun schon seit zweihundert Jahren die besten der Menschen, allen voran die herrlichen Klaffiker aller Nationen. Dagegen sträubt sich seit zweihundert Jahren die erfolgreichste Wissenschaft auf allen Erkenntnisgebieten, namentlich die Geschichtsforschung und Bibelkritik, noch bedeutungsvoller als selbst die Naturerforschung und die Philo« sophie. Riesenerfolge haben wir Juden schon diesem Kampfe edler Menschengeister, unter welchen auch jüdische Namen ruhmreich glänzen, zu verdanken, ganz aus dem Felde geschlagen ist das gottes- und menschenfeindliche Heer der Gegner noch immer nicht. Ihre Waffen find zerbrochen, ihre Fahnen find gesunken, ihre Panzer find gesprengt, ihre Aussichten find geschwunden, aber fie sammeln sich immer noch, bald da, bald dort in großen Haufen, umschleichen die Krone, überfallen die Machtlosen, beißen mit den Zähnen und erschrecken mit wilden Drohungen die Feigen. Da, wo es nun jetzt gilt, uiit dem Aufgebote aller guten Kräfte die letzte Krise zu überwinden, die endgiltige Befreiung vom religiösen Zwange zur vollendeten Wahrheit zu machen, da gehen die Söhne derer hin, für welche ein Leffing seinen Nathan geschrieben hat, und verlängern durch Anerkennung des religiösen Zwanges die Gefahren der Krise und des letzten Entscheidungskampfes. Jeder einzelne Uebertritt eines Juden aus niederer Gesinnung schädigt den kulturellen Entwicklungsgang der ganzen Menschheit, beschämt die Geistesheroen, welche für die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden den edlen Kampf geführt haben. » Dennoch werden diese Juden auch noch um das Linsengericht, für welches fie ihre Erstgeburt hingegeben haben, am Ende wenigstens hinsichtlich ihrer Nachkommen sicher betrogen sein. Zunächst jedoch und ehe wir darüber etwas ausführlicher sprechen, wollen wir den Austritt, die Konfeffionslofigkeit der Juden noch beleuchten.

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