Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 470 Dr. Llocv's Mocvenscvrrrr. Sk. 86 Bedeutung besteht in dem ihm eigentümlichen Erleben der von seinem Volke ererbten Religion und Ethik. Er ist und bleibt eine Erscheinung der israelitischen Religionsgeschichte, der unter den eigenartigsten Zeitbedingungen in seiner Person die höchste Uebertreibung der jahrhundertelang gestellten religiösen und sittlichen Forderungen vorstellt, dem deshalb die monodische Seite der menschlichen Natur ganz fremd ist uud deswegen bald aus seiner Natur heraus alle Kulturarbeit, als auf Glück gerichtetes Streben für nichtig, ja für unnatürlich findet, bald aber den Einzelnen im gewöhnlichen eudämonistischen Sinne das Glück in Hülle und Fülle geben möchte. Wie oft wurde nicht diese Botschaft im zweiten Sinne verstanden. Die Pharisäer waren übrigens alle nicht so schlmm. Ein Gamaliel, ein Hillel waren sittlich hochstehende Männer. Aber das waren die Ausnahmen. Merkwürdigerweise spielen die Ausnahmen auf keinem Gebiete geschichtlicher Wirksamkeit eine so große Rolle, wie in der Religionsgeschichte Israels Gerade in der Geschichte der Juden wird auf eine kontinuierliche Betrachtung Verzicht geleistet. Die Geschichte der Juden in der Diaspora wird überhaupt religionsgeschichtlich nicht zur Kenntnis genommen. Uud dennoch kann die einzig und allein dastehende, in der Diaspora in die Erscheinung tretende, bis in den Tod reichende Treue des geringsten jüdischen Mannes und der geringsten jüdischen Frau auf die Intensität des Liebesbundes schließen lassen, den einst Israel in seiner Gesamtheit auf seinem heiligen Boden unter naiveren Verhältnissen als den jetzt allgemein herrschenden mit Gott geschlossen, auf den großen geschichtlichen Moment, wo Israel von Gott auserwählt wurde, weil es ihn nach vielem schmerzvollen Suchen, unter Pr eisgebung all seiner Beziehungen zu den stammverwandten Völker »auserkoren hatte. Ebenso werden die nicht minder einzig dastehenden Willensenergien, die das Diasporajudentum erzeugt hatte, die Unterjochung der Materie bis an die Grenze des Möglichen übersehen, woraus mit Leichtigkeit die Vorstellbarkeit und Empfänglichkeit des Volkes erschlossen werden kann, die ihrerseits die Triebkräfte für das jedesmalige Hervortreten neuer religiöser Gt bilde waren. Die Geschichts- Philosophie vom Ahasverus, der nicht leben und sterben kann, befriedigt noch immer das Kausalbedürfnis. Aber auch die klassische Periode der israelitischen Geschichte erfährt eine disparate Behandlung Man überhört das lebenheischende Ringen unzähliger, zum Göttlichen sich drängenden Keime und findet den momentanen Ausbruch der Freude an den für alle Welt dastehenden reifen Erzeugungen für nationale Beschränktheit. Man weist hin auf eine stoffliche Gemeinschaft jüdischer Begriffe mit anderen Religionsbildungen und verkennt gerade hier die ureigen geniale Schöpferarbeit, die Synthese und Vergeistigung der aus dem Hintergrund auftaucheuden, in den jüdischen Religionsbegriff eingehenden mythologischen Bildungen. Wenn auch diese letztereBetrachtungsart nur wenigenForscheru eignet, so kann man doch fast in der gesamten modernen Literatur die aufgerichtete Kluft zwischen den genialen Schöpfern und dem Volke bemerken, die wir uns bei ethischen, legislatorischen und prophetischen Schöpfungen noch weniger als bei philosophischen uud künstlerischen Leistungen denken können. Unter diesen Umständen ist eine Darstellung des Verhältnisses zwischen Judentum und dem Wesen des Christentums nicht nur eiu wissenschaftliches, sondern auch ein praktisches Postulat. Ein solches Werk, welches diese Fragen iu ebenso interessanter als sachlicher Weise behandelt, liegt nun iu zweiter Auflage vor. *) Man kann diesem Buche, welches in jüdischen wie in christlichen Kreisen freundliche *) DasJudentum und das Wesen deSC-hristentuwS. Vergleichende Studien von Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher. Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin. Berlin, M. Poppelauer 1908, gr^ 8° VIII. + 167 8. 8. Aufnahme gefunden, nur noch die weiteste Verbreitung wünschen. Man sieht es diesen! Werke au, daß der Autor ans dem Vollen schöpft, daß er in bewunderungswürdiger Weise ebenso die jüdischen wie die christlichen Quellen bis in die Details beherrscht. Was mir jedoch diese Arbeit so wertvoll macht, ist die ruhige Sachlichkeit, die den Verfasser nie verläßt und das eines Forschers würdige Bestreben, die Tatsachen in ihrer wirklichen natürlichen Verknüpfung aufzuzeigen. - ’ ' «so liegt denn auch ein Stück echter Forschung vor uns. Die Resultate sind durchaus zuverlässig und geeignet, riue würdigere Beurteilung der jüdischen Religionsgeschichte sowie des ihr zugrunde liegenden jüdischen Wesens anzubahnen. Der praktische Wert dieses Werkes, sowie der anderen Arbeiten Ä s ch c l b a ch e r s für die eigenen Glaubens- und Stammesgenoffen kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Die Entstellung des jüdischen Wesens in allen Sprachen und Tonarten hat bei einem Teil der Juden selbst, die naturgemäß den inneren Quellen ihres Volkstums nicht nachgehen können^ die größte Verwirrung angerichtet. Es sind nicht die schlechtesten, die dieser stetig geübten Suggestion nach natürlichen Gesetzen erliegen. Mit Rücksicht auf die Bedeutung des Gegenstandes ist denn auch die Es ch e l b a ch e r s ch e Arbeit mehr als eine wissenschaftliche Leistung; sie ist eine nationalethische Tat, die im Verein mit anderen günstigen Faktoren eine Vertiefung unseres Ehr- und Pflichtgefühles in der Erkenntnis der in uns ruhenden Kräfte bewirken kann. (Schluß folgt.) Machmid Zwischenrufe! Von Dr. M. L. Stern. Da erscheinen sie jede Woche, die vielen Namen der vom Judentum Ausgetretenen. Warum sie erscheinen, hat seine guten Gründe, wie uns die Redaktion der Wochenschrift in einer Anmerkung erklärt. Wir können uns leicht diese Gründe selbst auszählen und haben keinesfalls den Mut, sie widerlegen zu wollen. Aber diese Namen bezeichnen alle treulose Seelen, die kein Menschenherz unbewegt zur Kenntnis nimmt. Wohl sagen wir uns, das find ja doch nur die welken Blätter und dürren Zweige, die von dem Lebensbaume des Judentumes abfallen, der in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte wurzelt, heute noch in der vollsten Blütenpracht der Geistesfrische, des wirtschaftlichen Gedeihens, der hervorquellenden Wissenschaften, der austreibenden Künste und edelster Moral dasteht. Immerhin gilt von diesem Ueber- und Austreten, das Dichterwort: „Unerquicklich wie der Nebelwind, Und wie der Herbstwind, der durch die dürren Blätter säuselt." , Von Bangen und Erzittern um den Bestand des Judentums fühlen wir uns frei, so anhaltend und lang auch diese Reihen der allwöchentlichen Abgefallenen an unS vorbeiziehen mögen. Auch am Beginne des vorigen Jahrhunderts, nach Mendelssohns Tode, hat das Berliner Judentum ein Schauspiel viel zahlreicheren Abfalles geboten: Die halbe Berliner Gemeinde wäre nach Graetz 11. B. damals durch Uebertritt verloren gegangen. Stellen wir aber im Geiste die heutigen Nachkommen und Familien jener Treulosen den Familien und Nachkommen derer, die rechtschaffen und standhaft geblieben find, gegenüber, so zeigt sich uns ein unermeßliches Übergewicht an Glanz, Ruhm, Wohlstand, Geist und Tüchtigkeit auf Seiten derer, von welchen schon Moses sagte: „Der Morgen bricht an, da wird kund sein, wer das Göttliche im Menschen hochhielt,, damit keinen niederen Händel trieb und wen Gott emporhob."' Das Judentum hat für seinen Bestand weder vor Uebertritt noch Austritt zu bangen. Die ganze Kraft seiner Wurzeln kommt unverkürzt dem treuen Stamme zugute, wie .einem Bäume, von dem die Wildlinge abgeschnitten wurden.