Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Lwcv's Mocdenscdrrn. Sette 469 Nr. 86 auf das Wesen an sich in geschichtlichem und systematischem Zusammenhänge. In einem sulchen Falle kann man in einer historischen Bildung mehr als ein Wesen finden, je nach dem Kriterium, mit dem man an die Bewertung einer so komplizierten Schöpfung herantritt. So hat eine Reihe von Philosophen, -ie sich bemüssigt fühlten, Stellung zum Christentum zu nehmen, je einen anderen Faktor als ihr Wesen ausgegeben, Weltflucht, Erlösung, Paulinismus, die rein griechischen Philosopheme und dgl. mehr. Die Theologen von heute lehnen bei ihrer Wesensbestimmung zunächst alle nachevangelischen Dogmen,'Lehrsätze ab; in den neutestamentarischen Urkunden selbst scheiden sie streng zwischen dem Unsprünglichreligiösen und den nach der griechischen Oellampe riechenden Theosophismen. Christus und nur er ist der Träger des Wahren und Echten. In seinem Leben und Erleben erschöpft sich das Wesen des Christentums. Seine Predigt und seine Aussprüche, sofern die textliche Kritik der Evangelien die Scheidung des Authentischen vom Apokryphen ermöglicht, stellen das reine Christentum, die moderne Religion überhaupt dar. Bei seinen Aussprüchen müssen wir aber auch eine weitere Scheidung vornehmen. Die Jenseitigkeit seiner Lehre, die Weltflucht muß vom modernen Standpunkte, von unserer Kulturfreudigkeit aus abgelehnt werden. In der Zeit, in welcher er lebte und wirkte, wo alle Grundlagen des Staatswesens im Wanken waren, konnte, wenn ich recht verstehe» die große Liebe Christus zu Gott und der Menschheit nur in der Negierung dieser Welt seinen Ausdruck finden. Man kann mit Recht schließen, daß unter anderen Umständen — vorausgesetzt, daß ein Gefühl dieser Art in normalen Zeiten erzeugt werden kann — eine solche Liebe gerade auf eine vermehrte Produzierung materieller und geistiger Güter, gerichtet sein kann. Bon einer prinzipiellen Weltflucht im Sinne des Buddhismus oder aber von einem indifferenten Aufgehen in die Gottheit ist in den Evanglieu überhaupt nicht die Rede. Es ergibt sich hienach als das Wesen des Christentums vornehmlich die Liebe zu Gott als unserem Vater und die Liebe zu den Menschen als seinen Kindern. Christus, der diese Liebe, wie kein anderer vor und nach ihm erlebt, ist der geschichtliche Repräsentant dieser Lehre. Die Göttlichkeit Christi wird geleugnet, aber sein Leben bedeutet das Erleben dessen, was für die Menschheit von größter Bedeutung ist, und verdient deshalb religiöse Verehrung. Von dieser Bildfläche aus, wo Christus als Mensch, wenn auch als großer, als größter erscheint, würde mün erwarten, daß nun diejenige Forschungsmethode angewendet würde, die sonst bei der Untersuchung menschlicher Dinge üblich ist. Man würde eine genaue Durchforschung des geistigen Stammbaumes dieser Lehre, sowie der gemütlichen und geistigen Beziehungen ihres Trägers erwarten. Vom Standpunkte des katholischen Dogmas hat die menschliche Erscheinung Christi bei einem bestimmten Volke nicht eine solche zentrale Bedeutung. Daß der Heiland in menschlicher Gestalt beim Volke Israel erscheint, daß seine Lehre an das Alte Testament anknüpft, daß seine ersten Bekenner Juden sind, daß die Heiligen der Kirche dem Volke Israel angehören, daß die heiligen Urkunden dieses Volkes dem christlichen Kanon einverleibt sind, daß seine Psalmen in allen christlichen Gotteshäusern erschallen, ist auch vom katholischen Standpunkte eine außerordentliche Begnadigung dieses Volkes; das Dogma selbst ist und bleibt ein Mysterium. Auf diesem Standpunkte kann und muß die Verwandtschaft dieser Lehren mit denen des Alten Testamentes zugegeben, hingegen aber eine wissenschaftliche Erforschung dieser Beziehungen abgelehnt werden. Auf dem Boden der modernen protestantischen Theologie jedoch, die nur in den Lehren des dem jüdischen Volke entstammenden, im jüdischen Volkstum wurzelnden Menschen Jesus das wahre Christentum sieht, ist die Frage am Platze, mit welchem Rechte den» diese Lehren im Gegensatz zum gesamten Judaismus gebracht werden. Könnte man denn auch nicht mit demselben Rechte von einem Jesaianismus, Jonaismus, Michaismus rc. rc. sprechen? Diese Verselbständigung einer Erscheinung des jüdischen Religionslebens, unter gleichzeitiger Hervorhebung ihres antagonistischen Charakters dem Gesamtkomplex gegenüber, kommt in der Tat nur durch die Summierung des historischen Effektes zustande, der aber von der modernen protestantischen Theologie abgestrichen wird. Es liegt hier die reinste tzuatsrnio tsrminorum vor, einerseits Christentum im Sinne eines reinen, geschichtlichen Amalgamierungsprozeffes zu nehmen, andererseits die lediglich auf dem religionsgeschichtlichen * Boden Israels erwachsenen Lehren als Christentum zu halten. Der Umstand, daß die Wirksamkeit Jesu sich auf einem weltgeschichtlichen Hintergrund abspielt und zur weiteren Verbreitung jüdischer Religionsbegriffe führte, ändert an der Tatsache nichts, zumal die Juden vor und nach Jesus zugegebenermaßen bereits im hohen Grade ihre Religion verbreiteten und anzupassen suchten. Was würde man von einer Geschichtsbetrachtung halten, die die klassischen literarischen, philosophischen und künstlerischen Werke der Griechen, die Werke eines Sophokles, Plato, Aristoteles usw., lediglich nach ihrer jahrhundertelangen Wirksamkeit in dem nur kleinen Griechenland beurteilen würde. Es muß die Art der Behandlung der jüdischen Religionsgeschichte umso auffälliger erscheinen, als gerade die modernen Theologen sich die redlichste Mühe geben, die primitivsten'Religionsäußerungen der unterkulturellen Völker, sogar der Wilden, aufzuhellen, sie in ihrem kausalen Zusammenhänge zu begreifen und ihnen gerecht zu werden. Hier aber, wo wir flutendes Tageslicht erwarten, gewahren wir zu unserem Erstaunen einen dichten Wolkenschleier. Wir werden plötzlich auf eine Weltbühne versetzt, wo einerseits Christus als Träger einer ganz neuen Lehre erscheint, andererseits die Pharisäer in dem Habitus, wie wir ihn genugsam aus den Koloffalgemälden der Museen kennen, als seine Gegner ihm grimmigen Widerstand leistend. Und dennoch haben die Pharisäer nichts anderes gemacht, als was jetzt Harnack, Wellhausen, Bousset, die modernen Bekenner des Christentums, tun. Sie konnten, wie es klar und deutlich aus den Evangelien hervorgeht, jedes, über das Menschliche Hinausgehende, ihren Traditionen gemäß, ebensowenig wie seine Messianität anerkennen. Daß die Pharisäer sich gegen denjenigen ethischen Teil, der die Bewunderung von Harnack, Wellhausen, Bousset hervorruft, gewendet hätten, ist umso weniger-wahrscheinlich, als sie genau dieselben Lehren in ihren Schulen gelehrt hatten. Richtig wird wohl sein, daß die alten Pharisäer auch hierin mit den neuen Theologen übereinstimmeu, daß sie, die Männer der Tat, die aufopferungsvollen Patrioten, deren Blick auf die Erhaltung der Nation und des Landes gerichtet war, die wellfluchtartige Seite seiner ethischen Lehren bei allem Eindruck, den sie von der großen Persönlichkeit Jesu empfangen haben mochten, ablehnen mußten. Es ist charakteristisch, daß in einer Zeit, wo vor lauter Historizität vor lauter „Begreifen" beinahe die Affekte zu verkümmern drohen, wo die „Rettungen" tagtäglich aus dem Baden gestampft werden, die Pharisäer noch immer nach den Schilderungen ihrer Gegner beurteilt werden. Was wird diesen Männern nicht alles vorgeworfen. Ihre ehrlich errungene Stellung im Volke, ihre Würden, im Lehrhaus, ihre Titel. Ob etwa bei einem eventuellen Besuche, sagen wir, Leo Tolstojs in Berlin, Göttingen rc. die führenden Geister der protestantischen Theologie ihre Lebensauffassung, Lebensweise, ja sogar nur ihre Titel und Würden auszugeben sich veranlaßt fühlen würden? Die Aufnahme oder die Zurückweisung einer noch so erhabenen Lehre setzt durchaus nicht zwei Kategorien von Menschen, die einen edel, die anderen verworfen, voraus. Die Persönlichkeit Jesu braucht für ihre Bedeutung keiner Folie, wie im alten Schauspiel. Weine