Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 464 Dr. Llocb s MocdenscvrtN. die nun offen auf allen Gesichtern stand, ihm zufügte. Sie mochten wohl glauben, er fei ein Betrüger, vom Geist der Lüge tückisch, rm Stiche gelassen, ein Falscher, der den Baalschem nie von Angesicht erschaut. Und er erlebte, wie die Leute voll Abscheu sich von ihm wandten. Nur der Hausherr sah ihn voll gütigen Verstehens und versonnen au, und er sagte i „Wir warten dis morgen. Vielleicht tarnt dir dein Erinnern zurück." ZWbi Simeon lag die ganze Nacht in Tränen und wa»^e,Mlß bas Bild des Baalschem ihn heimsuchen würde. Aber er vlieb verlassen und sein Sinn war verödet. Als er bei der Sabbathmvrgenmahlzeit erschien, wandten sich alle von ihm ab oder sahen über ihn hinweg, als ob der Raum, in dem er sich befand, eitel Luft wäre, und er spürte wohl, welch bittere Verachtung aller Herr geworden war. Der Hausherr aber sprach ihn wiederum an: „Vielleicht kannst du uns jetzt eine Geschichte erzählen." Da redete Rabbi Simeon zu ihm und beschwor ihm, daß diese Nacht des Vergeffens, in die sein Denken versunken war, kein leer und zufqlligDiug sei, sondern sicherlich von einer überirdisch herrschenden Gewalt verhängt aus tiefem Grund und zu sinnvollem Ziel. Der reiche Mann antwortete: „Laßt uns warten bis zux dritten Mahlzeit." Und Rabbi Simeon wurde auf seinem Angesicht eines stillen, demütigen und ergebenen Lächelns gewahr. Aber er war von Schmerz und Scham allzusehr heimgesuchtals daß er sich dessen in sich bedacht hättet Auch bei der dritten Mahlzeit kehrte ihm die Erinnerung picht wieder und er litt in einem Abgrund der Qualen. Der Sinn der Gäste war gegen ihn ergrimmt, denn sie vermeinten, er habe sie mit falschen Worten verhöhnen wollen oder sein Herz sei noch mit unerforschten Ränken wider sie erfüllt. Sie sagten ihm spitze und beißende Reden und übergoffeu ihn mit Spott und schimpflichen Worten. Er aber wappnete sich in Liebe und nahm alles mit getreuem und unverzagtem Herzen entgegen, denn ganz in sich fühlte er nun, daß alles dies geschehen müsse, .um ein wunderbares Ding zu erfüllen. Aber sein irdischer Verstand gab sich nicht zufrieden, wie sehr auch sein hohes Erkennen in sich ruhte. Er quälte sich gar sehr, seine Seele mit einer Erklärung des Geschehens zu stillen. So meinte er zuweilen, daß der Baalschem über ihn erzürnt sei, weil er die Heimat gelassen habe, um in ein ungewisses Land zu ziehen, oder daß er ihn um der Ursache willen, daß sein Siunengruud nicht genug geläutert und erglüht sei, nicht mehr wert erachte, sein Leben zu erzählen. Und noch viel dergleichen ersany er sich, aber nichts drang so tief in sein Gemüt, daß es seine fragende Begierde erlöscht hätte. So waren seine Nöten ohne Ende, und er versank ins Gebet, ob chm nicht aus dem Grunde der Andacht. sein Heil entgegenschauen möchte. - Am Sabbathausgang sandte sein Gastgeber ein letztes Mal zu ihm und ließ ihn fragen, ob er sich nun entsinne. Aber Rabbi Simeon fühlte den hohen Sinn der Dinge nicht mehr, auch nicht die Inbrunst und Sehnsucht, die in der Frage war; er spürte nur noch die Bedrängnis, die man ihm antat, und die verdroß ihn sehr und er sprach: „Es liegt nicht in meiner Macht. Der Himmel ist es, der nicht will. Laßt mich nach Haufe zurückkehren!" Da kam der Herr selbst zu ihm und sagte ihm: „Tue mir die Liebe au und verweile noch ein Weniges, etwa bis zur Mitte der Woche, vielleicht daß uns von oben noch Erbarmen wird. Und entsinnst du dich auch dann nicht, so magst du scheiden und nach Hause zurückkehren." Rabbi Simeon achtete der Worte des Mannes in seinem eigenen Gram nicht allzusehr. Ec verstand nur, daß er bleiben sollte, und er willigte darein, weil er dem Herrn, der durch ihn enttäuscht wordm war, zu Willen sein mochte. Die Zeit aber war bald dahin, und nichts: hatte sich verändert. Rabbi Simeon, nahm unter Tränen der Scham Urlaub. Der reiche Mann entließ ihn mit traurig gesenktem Auge und reichte ihm eine ansehnliche Gabe, die ihn für die weite Reise und die vielen Nöten entschädigen sollte. Auch; gab er ihm einen bequemen Reisewagen und Diener mit, daß sie ihn bis an die Grenze des Landes brächten,' von wo ab er sich wohl leichter allein mit seinem Pferde behälfe. Der Gast stieg hinab und setzte sich in den Wagen. -- Alles war bereit, der Kutscher trieb eben die Pferde ach da' war es Rabbi Simeon, als führe ihm blitzgleich ein weißer zündender Lichtstrahl durch den Leib. Schmerz und Seligkert waren in ein Gefühl gemengt. Und als er sich auf sich selbst zu besinnen vermochte, war es'eine gewältige Geschichte von dem heiligen Baalschem, die plötzlich urnahe mit Bildesklarheit ihm vor der Seele stand. Er gab sich eine Weile dem heftigen Entzücken hin, das ihn im Augenblicks der Gnade überkommen hatte, dann hieß er den Kutscher den Wagen, der sich bereits einige Straßen von dem Palast : entfernt hatte, wenden und kehrte zum Hause zurück, wo er einen Diener zum Herrn entsandte und ihm melden ließ, Rabbi Simeon sei zurückgekehrt,' da er sich einer herrlichen Geschichte von dem heiligen Meister entsonnen habe. Und der Herr empfing ihn — Rabbi Simeon aber, der nichts als seine Geschichte sah und fühlte, entging die zitternde Erwartung in seinen Mienen—, und er sprach: „Ich bitte dich, daß du dich zu nnr setzest und mir die Begebenheit vermeldest, deren du dich zu dieser Stunde entsannest." Rabbi Simeon aher erzählte ihm, was folgt: „Es begab sich einmal um die Zeit des ersten Frühjahrs, just vor den Tagen, in denen die Christen ihre Ostern feiern, daß der heilige Baalschem einen ganzen Sabbath in unsäglicher Betrübnis verbrachte. In tiefer Versunkenheit ging er' in seinem Haus umher, bange, als ob seine Seele ihn verlassen hätte und zu irgend einem gefahrreichen, verhängnisschweren Kampfe gezogen wäre und als erwartete er zitternd und der Zweifel voll ihre Wiederkehr. Nach der dritten Mahlzeit, die er schweigend eingenommen hatte, hieß er den Wagen bereiten und die Pferde rinspannen. Seine Schwermut und sein Zagen hatten wie eine drohend gefärbte Wetterwolke über dem Haus und den Seinen gelaqert; es war, als ob alle in einem inner« Weinen aufgingen. Bei seinem Gebot, die Ausfahrt zu rüsten, aber zog ein freies Aufatmen erlösend durch den Raum, denn alle wußten, auf diesem Weg ins Land nach Sabbathausgang pflegte sich zu schlichten und zu befreien, was vorher an Bösem und Gefahrvollem sich angesammelt und zusammengeballt hatte. Diesesmal waren es nur drei unter den Seinen, denen er den Segen gönnte, an der Fahrt teilzuhaben, und ich war einer unter ihnen. Wir fuhren die ganze Nacht, und wie wft schon, kannte keiner von uns das Ziel der Fahrt. Als das Mprgenlicht zögernd aufstieg, kamen wir in einer großen Stadt an. Die Pferde mäßigten ihren rasenden Lauf und hielten plötzlich, wie von einer gewaltigen Hand eingehalten. vor dem Tor eines großen düsteren Hauses, dessen Seite in einer engen Gasse lag, während der Giebel einem breiten Platz zugekehrt schien. Das Tor aber war verschlossen,, die Fenster von den Läden bedeckt, die ganze Gasse lag öde und verschwiegen da. Der Meister hieß mich absteigen und anpochen. Ich tat es und tat es eine geraume Zeit vergeblich, und schließlich legte ich all mein Begehren nach Rast hinein, und die grauen, verschlossenen Häuser hallten von meinen Schlägen wieder. Da wurde eine steine Tür, die in einem der riesigen Seitenflügel des Tores eingelassen war, von innen geöffnet. Vor uns stand eine, alte Frau mit verstörtem Angesicht, daraus die geröteten . Augen, uns trübe und verzweifelt anstarrten. Sie betrachtete uns eine Weile, dann schrie sie plötzlich auf uns ein: „Was treibt euch, daß ihr gerade heute hierher kommen mußtet! Ja, wisset ihr denn nicht, daß ihr auf dem Wege zur Schlachtbank seid?“ Und da ich sie ohne Verständnis anblickte, denn mir schien, es sei uns eine Tolle in den Weg geraten, zog sie uns in den Torweg und sprach:„Nun sehe ich, daß ihr Fremde seid und mit dem Brauch unserer Stadt nicht vertraut. Der ist