Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Ar. 25 Dr. Siocb s Mocdenscdrin. Seite 463 was die Zeit für ihn daherführen und welcher Gestalt sein Teil sein würde, das sie ihm auf ihrem Flug dereinst vor die Füße fallen ließe. Unter seinen Schülern aber war einer, der ihm auch diente und stets um ihn blieb. Dessen Name war Rabbi Simeon/ Ihn rief der Baalschem zuletzt und sprach zu ihm: „Freund, dir ist es vorgesehen, in der Welt umherzufahren und alle Orte heimzusuchen, wo Juden wohnen. Da wirst du in die Häuser gehen und Geschichten erzählen, von mir reden und mit ehrlichen Worten darstellen, was du all dein Lebtag bei . mir gesehen und von mir erfahren hast. Und was die Menschen zum Lohn dir in die Hände legen für dein lebendiges. Wort, davon soll Dein Erwerb sein." Da quoll dem Rabbi Simeon ein Unmut im Herzen aus. Wohl liebte er es, wie nichts sonst aus der Welt, vom Meister zu reden und dessen Worte mit den eigenen Lippen nachzuformen; aber wie mochte es ihm frommen, bettlergleich umherzuziehen, keines Hauses — auch des geringsten nicht — Herr zu sein, ein ewiger Wanderer zu Gast am fremden Herde? So brachte er es nicht über sich, zu schweigen, und mußte sein Tröpfchen Bitterkeit und Kümmernis in des -Herrn Sterben fließen lassen, und er sagte halblaut: „Was wird der Sinn davon sein, unstet 'und flüchtig soll 'ich werden und der ärmste Pitgermann hiernieden." Da tröstete ihn der Baalschem und redete ihm zu: „Dein Weg wird ein lichtes Ende haben, Freund, und auch ein irdisches Gut wirst du auf ihm finden." Wie es dann alsbald geschah, daß der Meister' sacht die letzten Fesseln löste und der Geist in das Ewige einging, waren die Schüler in Liebe bedacht, zu erfüllen, was der Wille, des Baalschem über sie bestimmt hatte. Rabbi Simeon tat ein Wanderkteid an und zog von dannen und ging von Stadt zu Stadt, allen Juden die Geschichten vom heiligen Baalschem zu vermelden. Er gewann Ehre davon und hatte-sein leichtes Auskommen. Und da er noch jung war?unh/mit unbeschwertem Sinndie Augen schweifen lassen könnte, gewann er die schönen Wege sehr lieb, die übh> die bunte Erde führen/ und im Hin- und Wiederziehen fühlte er keine Bangnis mehr.- So waren zwei Jahre und ein/halbes-hingegangen, da traf er einen alten Mann, der aus Jerusalem kam, und der tat ihm zu wissen, daß in Italien ineiner Stadt) deren Namen er ihm nannteün reicher/Jüde angesessen sei'mit großem Besitz, der in seinem Herzen eine^ erstaunliche Liebe trage zum heiligen Baalschem. Sein ganzer Sinn sei von ihm erfüllt und all sein Trachten stehe darauf, vöm Meister zu hören. Da meinte Rabbi Simeon beisich, dieser Jude: in Italien sei der rechte Mann, die wunderbaren Geschehnissevon denen er zu sagen wußte, zu vernehmen. Waren doch seine Worte von dem Erhabenen über manchen törichten Sinn dahin- und an manchem leichtfertigen Ohr vorbeigezogen, so daß er wohl Lust spürte, vor'einem wahren Lauscher, der ihm das Herz auftäte, zu erzählen. Cr kaufte' ein Pferd und rüstete sich zur Reise. Sieben Monate währte' es, bis er zur- Stadt des reichen Mannes kam,- denn er mußte an jedem Orte unterwegs so lange verweilen, bis er sich durch" sein Erzählen in den Häusern das Geld zur Zehrung für einen neuen Teil seiner Fahrt erworben hatte. Sogleich nach seiner Ankunft in der Stadt ginger in das Haus eines Juden und 'fragte nach jenem Mann, der so große Ehrfurcht für den Baalschem hegen sollte/ Dä. erzähltest ihck die Leute, daß der Jude, den er nannte, vor etwa ' zehn Jahren als ein Fremder in die Stadt gekommen sei. Er habe schön damals unerhörten Reichtum mit sich getragen/' Wenige Monate habe er hier geweilt, da sei' der Letzte eines großen, schier königlichen Geschlechtes-gestorben; seist Palast und all sein umliegendes Gm»sei an einen fernen Verwandten in Rom gefallen, der alsbald, da er sein angestammtes Haus nicht lassen wolltd, den'WMsch'aussprach, > für1 all das hier möchte ein Käufer sich-finden. Da nun-sei der fremde Jude: hingegangen und habe in purem Golde den großen Kaufpreis erlegt. Und alle Juden des Landes seien es über alle Massen zufrieden, daß der fremde ManN so fürstengleich unter ihnen hause; denn es sei ein frommer und gütiger Segensgeist in ihm und über ihm. Auf dem Boden seines Besitzes habe er den Genossen einen herrlichen Tempel errichtet. Da trage seine Seele, die in einem ewigen nie gesehenen Aufschwung zu Gottes Füßen liege, auch die Seelen der Lauen und Weltlichen mit sich nach oben. Am Sabbath sei sein Palast jedem ehrbaren Juden offen, in weiten Sälen stünden die Sabbathtafeln im Kerzenschein, int Linnen- und Silberglanz, und seit dem Fall der heiligen Stadt sei der Tag des Herrn wohl nirgend und nimmer so strahlend und herrlich erlebt worden wie hier. Und bei jeder der drei Mahlzeiten des Sadbaths lasse der Reiche je eine Geschichte vom heiligen Baalschem sich und seinen Gästen vortragen, und in Ehren werde jeder ausgenommen, der von dem Gnadenreichen zu sagen wisse. Auch sei der Lohn über alle Weise: am Tage nach dem Feste reiche ihn der große Jude selbst in wohlgeprägtem Gold dem Erzähler. Als Rabbi Simeon solches vernommen hatte, stärkte sich seine Seele in großer Freude. Er entsandte nach dem Palast und ließ da melden, ein Diener und Schüler des Heiligen sei in der Stadt angekommen. Sogleich kam der Haushofmeister, holte ihn ab und führte ihn unter mancher Ehrenbezeugung nach dem Schloß, wo ihm mehrere schöne und bequeme Räume zu seiner Wohnung angewiesen wurden. Indessen hatte es sich in der Stadt selbst, ja im ganzen umliegenden Land unter den jüdischen Leuten als seltene Kunde verbreitet, daß ein Schüler des Baalschem gekommen sei) Und am Sabbath drängten sich alle/ die. zu hören begierig waren, in so großer Menge wie noch me zu den Tischen des gastlichen Männes. Als die Gesänge derersten Sabbathmahlzeit unter den Säulen der Halle feierlich' und innig erklungen waren, erhob der Hausherr das Antlitz und wapdty es dem Rabbi Simeon zu, und der las darin eine tiefe Bitte und eine sehnsüchtige Erwartung. Der Größe forderte ihn mit leiser und demütiger Stimme auf, wenn er ihn und sein Haus dessen für würdig erachte, von dem hohen/ Meister zum Trost der Seelen zu reden. Rabbl Simeon richtete sich in seinem Stuhle auf, legte die Arme auf btc geschnitzte Lehne und öffnete den Mund, um in süße» und ehrftirchtigen Worten das Bild des wundersamen Herrn aus seiner Seele aufsteigen zu lassen. Und er war es gewohnt/ daß die Worte und Gleichnisse aus dem Leben des Baalschem/ wie vdn selbst aus seinen Lippen kamen und daß sein Herz war wie ein volles Salbgefäß, bereit, bei jedem Gedenken . an den Meister überzufließen. Aber wie er nun da laß. gewärtig, daß die Rede sich ihm im Mpnde gestalten würde, stieg ihm plötzlich von innen eine Eiseskälte auf, das Wort gefror ihm aus oen Lippen, er erstarrte und erbleichte; dann stürzte eine siedende Welle über ihn hin, er erglühte und errötete, und alles Besinnen wich von ihm. Wie hinter einend glutroten Schleier sah er viele Augen an seinem Munde hängen; er lat die Lippen auf, seinen eigenen Laut zu hören, aber er fühlte, daß er klanglos totgeboren blieb.^Es peinigte ihn die stumme Forderung auf all den Gesichtern, die ihm unerbittlich zugewandt blieben; allenthalben sah er Gedanken ' des Zweifels und der Vieldeutigkeit wie kleine böse Geisterchen . darüber hinschwirren. Da nahm er all seine Kraft zusammen, um das Bild des toten Meisters vor seine Seele zu stellen», aber es blieb in ewigem Schatten und wollte nicht aufsteigen. Nun gedachte' er der Stadt Miedzyborz, ihrer Häuser ‘ und Mauern und Gärten und all der kleinen Dinge, die ihm j so vertraut waren, aber der Gedanke wandelte sich nicht zum/ Bilde und sein Herz blieb leer. Und nichts, nicht der kleinste" Zufall, nicht die geringste Begebenheit war ihm gegenwärtig. Es war, als ob er, am selben Tag geboren, nichts' hon der ' Welt in seinem Sinne trüge. Tief verwirrt und beschämt , brach er in Tränen aus und fühlte wie ein Feueriüat brenn end den Schmerz in seiner Seele, den die Mißachtung -