Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 25 m. Lwcv s MocdensLvxtrr. Seite 459 Jedes Departement, das eine Bevölkerung von wenigstens 2000 Juden hatte, erhielt ein Konsistorium, bestehend aus einem Großrabbiner, 2 Rabbineu und 3 Laien. Desgleichen find in Baden im Oberrat und in der Synode, sowie in Württemberg im Oberkirchenrat, vom Staate anerkannte jüdische Behörden, die Rabbiner vertreten. Doch wozu Vergleiche ziehen, wo das zu Besprechende, daß in der Vertretung einer Religionsgenossenschaft auch die Lehrer dieser Religion Sitz und Stimme haben sollen, eigentlich etwas Selbstverständliches sein müßte? Welche Gründe gab man für dieses in jeder andern Glaubensgemeinschaft wohl kaum mögliche Vorgehen an? Man sagte, man wolle keinen Rabbiner im Komitee, weil man ihn davor bewahren wolle, bei der Abstimmung überstimmt zu werden. Diese Rücksicht ist geradezu rührend. Jedenfalls originell ist es, daß allzugroße Rücksicht den Vorwand zu einer Rücksichtslosigkeit liefern muß. Dann gab man an, man wolle auch nicht, daß der Rabbiner in der Gesamtvertretung dominiere. Wie wäre das möglich, fragten wir? Entweder die Ansicht des Rabbiners ist falsch, so wird er überstimmt, das ist ja weiter kein Unglück, oder sie ist richtig, und er wirkt durch seine Persönlichkeit so dominierend, daß sich ihm alle anscklifßen, dann ist das ja ein Glück, über das man sich zu freuen allen Grund hätte. Kurz, die Gründe reichen nicht aus, um das uns zugefügte Unrecht zu rechtfertigen. Wir Rabbiner erkennen mit Freuden an, wieviel hervorragendes von Vorständen in Gemeinden gel istet wird, wieviel tüchtige Männer in opferfreudiger-Weise, nicht abgeschreckt durch mancherlei Undank, ihre Zeit und Kraft dem Judentume widmen. Wieviel humanitäre Veranstaltungen, wieviel hochherzige Akte der Wohltätigkeit, Verbesserungen der Jugendfürsorge. Hebung des Gottesdienstes und vieles Andere ist von den Vorständen der Gemeinde ausgegangen. Aber auch wir Rabbiner sind von Begeisterung für unser Judentum und von der Größe unserer Aufgabe erfüllt und bestrebt, von Kanzel und Katheder, bei der Weihe des Gottesdienstes wie in dem intimen Kontakt des Privatverkehres jüdisch-religiösen Sinn zu wecken und zu pflegen. Wir wollen keine Hierarchie, aber die uns gebührende Vertretung unseres Standes zu verlangen, ist unser Recht und unsere Pflicht! Punkt 12 Uhr mittags schloß der öffentliche Teil der Rabbinerversammlung, nachdem der Vorsitzende Herr Dr. Oppenheim den geehrten Teilnehmern seinen besten Dank für ihr Erscheinen und die geleistete Arbeit ausgesprochen. Um 2 Uhr nachmittags versammelten sich die Herren Rabbinen im „Hotel Goliat" zur Beratung einiger ihrer Standesintereffen, die dieselben bis 6 Uhr abends zusammenhielt. Zum Schluffe wurde dem Herrn Dr. Oppenheim für seine große Mühewaltung und für sein liebenswürdiges Entgegenkommen bei der Einberufung und unparteiische Leitung der Versammlung seitens mehrerer Kollegen der herzlichste und wärmste Dank ausgesprochen. Die Generalversammlung der israelitischen Beerdigungsbruderschaft („Chewra - Kadischa") in Prag. Die Generalversammlung der israelitischen Beerdigungsbruderschaft, dieser sonst so friedlichen Korporation, stand im Zeichen des Kampfes und da der Herausgeber dieser Blätter, Herr Dr. Bloch, das einzige Ehrenmitglied unserer Chewra- Kadischa ist, so ersuchen wir, von den Vorgängen in dieser Generalversammlung Kenntnis zu nehmen. Vorerst etwas über die Vorgeschichte. Auf Grund von Informationen aus sehr zweifelhafter Quelle wurden gegen den Vorstand der Bruderschaft öffentlich Beschuldigungen erhoben, daß der Vorstand zum Baue der neu errichteten Leichenhalle auf dem alten Friedhofe Friedhofsgrund verwendet und zu diesem Behufe Exhumierungen vorgenommen habe und daß dem Baue des von der Bruderschaft zu errichtenden Zinshausis wieder ein Stück des Friedhofes geopfert werden solle. Der Vorstand reagierte auf diese Anschuldigungen, indem er die erste eingehend widerlegte, die zweite vor der Generalversammlung zu erörtern versprach, gleichzeitig hinzufügend, daß die Pläne dem Architekten zur Abänderung übergeben worden seien. Darauf erneute von Pietät und willkürlichen Behauptungen triefende Angriffe. In seinem von der Generalversammlung ausgegebenen Tätigkeitsberichte weist der Vorstand unter eingehender Klarlegung der Sachlage diese erneuten Beschuldigungen zurück und versichert, daß die Pläne geändert werden, der Friedhof intakt bleiben soll. Die Pietät wäre nun wohl beruhigt gewesen, aber der Vorstand des Volksvereines bemächtigte sich der Angelegenheit, sendete eine dreigliedrige Deputation, um Herrn Landesschulrat Dr. B e n d i e n e r zur Anteilnahme an der Generalversammlung zu bewegen. Am statutenmäßig festgesetzten Tage, dem Sonntage nach Schowuaus. den 7. Juni, fand die Generalversammlung statt. Der Obmann Herr David Lieben eröffnete die Generalversammlung in Anwesenheit von zirka 130 Mitgliedern, hielt dem verstorbenen Obmannstellvertreter einen Nachruf und erteilte das Wort zum Tätigkeitsberichte Herrn Dr. Ludwig Bendiener. Dieser erklärte in längerer, formvollendeter. von zahlreichen, persönlichen Erinnerungen getragener Rede, er müffe als stellvertretender Präsident der Kultusgemeinde dem Vorstande den Vorwurf machen, daß er die Pläne nicht der Gemeinderepräsentanz zur Genehmigung vorlegte, und trat ebenso warm wie entschieden dafür ein, daß der Friedhof absolut nicht angetastet werde und stellt den Antrag, die Generalversammlung wolle beschließen: „Der Bau des Vereinshauses sei derart durchzuführen, daß kein Grund des alten Friedhofes dazu verwendet werde." Der nächste Redner Herr Dr. Kuh, Obmann des hiesigen Volksvereines, kann zu Beginn seiner Rede nicht genug den Vorstand seines Vertrauens zu versichern, bringt dann in sehr scharfer Form die alten Anschuldigungen vor und stellt endlich den Antrag: „Die Generalversammlung beauftragt den Vorstand, bei Errichtung des Vereinshauses, ohne Rücksicht auf die damit verbundenen finanziellen Opfer, zu achten, daß unter gar keinen Umständen irgend welcher auch noch so kleiner Teil des Friedhofes zur Verbauung gelange, und beauftrage ihn ferner, von dem bauführenden Baumeister alle Kantelen zu verlangen, daß während des Baues in keiner Weise, und zwar auch nicht temporär der Friedhof devastiert oder verunstaltet werde." Obmann Lieben ergreift hierauf das Wort zu einer eingehenden Replik. Einleitend bemerkt er, daß er für sich soviel Pietät für den Friedhof in Anspruch nehmen könne, als irgend einer. Den Ansführungen des Dr. Bendiener hält er entgegen, daß die Kultusgemeinderepräsentanz ihren Vertreter im Baukomitee der Bruderschaft habe, daß dieser Referent, nachdem er einigen Sitzungen angewohnt habe, mit Rücksicht auf das peinlich korrekte Vorgehen der Bruderschaft seine fernere Anwesenheit für unnötig erklärt habe. Er weist ferner darauf hin, daß die Leichenhalle nur auf dem Platze des alten Vereinshauses aufgeführt worden sei, daß also kein Friedhofsgrund dazu verwendet worden sei und versichert, daß, solange er Obmann sei, der alte Friedhof intakt bleiben wird. Er bittet, die Resolution Kuh abzulehnen, eventuell aber dem Rechenschaftsbericht die Genehmigung zu versagen, denn er und seine Kollegen klammern sich nicht an ihr Amt und find gerne bereit, auf ihr Mandat zu verzichten. Diese Rede des Obmannes, die auf den überwiegenden Teil der Anwesenden großen Eindruck machte, beherrschte auch die ganze übrige Debatte. Mit Ausnahme von Dr. Bendiener und Dr. Kuh, die nochmals eingriffen, sprachen sämtliche Herren, die sich an der Debatte beteiligten, dem Vorstande ihren Dank für seine aufopferungsvolle Tätigkeit und ihr vollstes Vertrauen aus. Es waren dies die Herren Kommerzialrat Klatscher, I. Schütz, A. Winternitz, H. Stein und I. Kraus. Aych das Schlußwort des Herrn Dr. Kuh vermochte das Vertrauen der Bruderschaftsmitglieder gegen ihren Vorstand nicht zu erschüttern. Bei der Abstimmung über die Resolution Kuh wurde dieselbe mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt; da aber bei dem seitens der Opposition vielleicht nicht unabsichtlich erhobenen Tumult die Konstatierung des Stimmenverhältnisses nicht möglich war, ordnete der Obmann eine nochmalige namentliche Ab-