Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Llocb's Mocdenscvrltt. Sette 453 Vizepräsident Dr. Z ac et: Ich bitte die Herren, keine Dialoge zu führen. Abgeordneter Dr. Mahler (fortfahrend): Täuschen Sie sich nicht, meine Herren, und meinen Sie nicht, daß es sich hier um eine Judenfrage, eine rein jüdische Angelegenheit handle; genügt doch im allgemeinen dies Mäntelchen, um jedem Unrecht den Schein der Berechtigung zu geben. Täuschen Sie sich nicht, meine Herren, ist es erst einmal ausgesprochen, daß in einem Falle Unrecht Recht fein kann, dann hat man zwar bei den Juden angefangen, man wird aber nicht bei ihnen aufhören. Dann haben Sie auch nach dem Ausspruch eines großen Kaisers die Fundamente dieses Staates untergraben, denn leuchtend stehen auf dem Burgtor die Worte: llustitia regnorum fundamentum, Gerechtigkeit ist die Grundlage aller Reiche, Gerechtigkeit also auch gegen uns Juden. Ich weiß nicht, ob der Herr Antragsteller sich über den Modus der Durchführung und die Konsequenzen seiner Resolution volle Rechenschaft abgelegt hat. Hat er dabei an das System Rußlands gedacht, will er, daß uns Bildung und Wissen nach Perzenten zugemefsen werde, will er jene Theorie in die Praxis umsetzen, die in der Jnterpellationsbeantwortung Seiner Exzellenz des Herrn Landesverteidigungsministers hier bereits zum ersten Mal sich gezeigt hat, so heißt das, meine Herren, mit anderen Worten, man verlange den Taufschein als Eintrittsbillet zu den bürgerlichen Rechten. Dann aber hat vielmehr mit dieser Forderung mittelalterliche Unkultur ihren Eintritt in diesem hohen Hause gefeiert. Gewiß, meine Herren, find wir hier nur ^n kleiner Zahl, wir find nur vier, und in der ministeriellen Arithmetik der zwei Drittel von 516 spielen wir nur eine geringe Rolle, es find ja nur vier Stimmen. Aber eine Stimme können wir uns noch zurechnen, und das ist die der Menschlichkeit und Gerecht tigkqit^ und diese, meine Herren, wiegt schwerer als alle anderen Hunderte zusammen. (Zwischenrufe.) In dem Momente, wo diese Resolution vor das Plenum des Hauses gelangen konnte, behielten jene recht, die da sagten, daß wir nur noch in Haß und Hunger lebendig find, wir behalten nur die Zähne unverweslich, die Werkzeuge der Rache und des Genusses. Und bei diesem teuflischen Plan, uns Juden durch Entziehung der Bildung zu vernichten, da hat man an den großen Weltplan vergessen, der auf der Entwicklung nach vorwärts, nie nach rückwärts aufgebaut ist. Meine Herren! Als Emile Zola in heroischem Mute sein gewaltiges „J’accuse“ als Anwalt der verspotteten Gerechtigkeit in die Welt hinausschleuderte, als der große nordische Dichter Björnson als Sachwalter verhöhnter Menschenrechte für ein fremdes Volk mit der ganzen Wucht seiner gewaltigen Person hervortrat, da blickte staunend die Welt auf diese gebornen Ritter der Nächstenliebe. Und hier stehen wir, ein kleines Volk, im Kampfe gegen eine Welt des Hasses, im Kampfe um das Recht auf Bildung und die Menschenrechte unseres Volkes. Und der so oft zitierte Genius des Jahrhunderts, der Zivilisation, wo bleibt er? Ich sehe sie nicht, die gebornen Ritter der Nächstenliebe; was ich sehe, sind um uns herum bewaffnete Neutrale gegen die Menschlichkeit. Vielleicht wäre es klüger, taktisch richtiger, werden ängstliche Gemüter sagen, zu schweigen, zu warten und zu hoffen, daß auf dieser Tribüne vor den Augen Europas sich keine Majorität für diese Resolution finden werde. Aber, meine Herren, die Vernunft lehrt schweigen, das Herz lehrt reden. Nie und nimmer werden wir still bleiben, da man versucht, uns, eine Klasse von Bürgern dieses Staates, zu Bettlern zu machen, zu Bettlern um die Brosamen am Tische der europäischen Kultur. Jahrtausende hat man uns vom Landbesitz ausgeschlossen und wirft uns nun vor, wir hätten keine Bauern; heute will man vor uns die Bildungsstätten schließen, um in Zukunft über uns herzufallen, wir hätten keine gebildeten Stände. Meine Herren! Für das vollgestrichene Maß bürgerlicher Pflichten, das man uns reicht, verlangen wir das entsprechende Maß Gegenrechte, keine Judenrechte, sondern Bürgerrechte. Sie alle wiffen, meine Herren, daß in den Anfängen der Zivilisation, als es hier im Herzen Europas noch so wild zuging wie heute in Zentralafrika, als man in Athen Kunst und Wissenschaft noch nicht kannte, ja als noch eine strohgedeckte Hütte an der Stelle der Roma aeterna stand, wie Macaulay sagt, unser so hart bedrängtes Volk bereits seine zedernerrichteten Paläste, seine herrlichen Tempel, seine Philosophen, Dichter und Schriftsteller und seinen einzigen Gott bereits hatte — heute der Gott der ganzen Welt —. Welches Volk kämpfte mannhafter für seine Unabhängigkeit und seine Religion gegen eine erdrückende Ueberzahl. welches Volk gab bis zum letzten Moment seines staatlichen Daseins so sichtbare Beweise, was eine edle Verzweiflung vermag? Was wir, meine Herren, verlangen, ist, daß diese späten Nachkommen der Helden und Propheten die Geschichte und Tradition ihrer Ahnen kennen und Hochhalten, um ihrer würdig zu werden, daß die Geschichte ihres Volkes in ihnen lebendig lebe und wirke. Von Ihnen aber, meine Herren, verlangen wir: Achten Sie in uns sich selbst und Ihre Besitztümer. Denn so wie über dem höchsten Gebirge noch hoch der Aar schwebt, so über der schwer ersteigbaren Pflicht die wahre Achtung. Ich habe gesprochen. (Beifall und Händeklatschen. — Redner wird beglückwünscht.) Dir lamarita irische Ausgabe des Kuches Iofua. Von At. Gaster-London. In der Nummer vom 9. d. M. der Londoner »Times" veröffentlicht der bekannte Gelehrte Dr. M. Gaster einen lehrreichen Artikel, dem wir die folgenden Stellen entnehmen: Zum ersten Male steigt jetzt aus 20vjährigem Dunkel das Buch Josua in samaritanischer Fassung ans Tageslicht. Während dieser ganzen Zeit hat bloß ein einziges Mal ein Lichtstrahl das Dunkel gebrochen. Es war gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts, als Scaliger,mit der Fertigstellung seines «roßen Werkes »ve Lmendatione Temporum« beschäftigt, mit den Samaritanern von Kairo in Verbindung trat und von ihnen einige Exemplare ihres Kalenders und eine im zwölften Jahrhundert entstandene Chronik erhalten hatte, welche später das Buch Josua genannt wurde. Scaliger bemühte sich, in den Besitz der hebräischen Bücher zu gelangen, die in dem Begleitbriefe erwähnt waren. Jahre vergingen, bis im Jahre 1598 ein zweiter Brief kam. Die Samaritaner hatten Kenntnis erhalten, daß ihr Korrespondent ein Christ ist und sie lehnten die Zusendung der verlangten Bücher rundweg ab. Seit dieser Zeit ist über dieses hebräische Buch Josua weiter nichts verlautet. Gelehrte verschwendeten ihre ganze Genialität darauf, nachzuweisen, daß ein hebräischer Text des Buches Josua niemals existiert habe und daß die Bezugnahmen in der arabischen Chronik eine ähnliche ältere Kompilation in samarrtanischaramäischer Sprache betroffen, oder aber daß es sich ungeachtet des klaren Wortlautes im Buche um eine einfache Fiktion handeln müsse. Das Buch hat aber nichtsdestoweniger existiert. Anläßlich meines vorjährigen Besuches bei den Sameritanern in Nablus kam es als ein gleichgültiges Geschenk des Hohepriesters der Samaritaner, Jakub Ben Ahrun, in meinen Besitz. Anfangs kannte ich es gar nicht. Unter verschiedenen anderen Schriften gab er mir auch eine von ihm selbst verfaßte Geschichte der Samaritaner von der Zeit des Eintrittes der Kinder Israels in das Land Kanaan bis zu unserer Zeit. Damals kaufte ich von dem Küster des Heiligtums ein Manuskript, als dessen Inhalt ebenfalls das Buch Josua angegeben war. Als ich in London die Manuskripte näher untersuchte, fand ich zu meiner großen Ueberraschung und Freude, daß das Buch, das ich vom Küster gekauft hatte, dasselbe Buch sei, von dem bisher angenommen wurde, daß es verloren gegangen sei oder überhaupt nicht existiert habe. In der vom Hohepriester bearbeiteten Chronik bildete dasselbe Buch den ersten Teil der Geschichte der Samaritaner und war mit dem anderen Exemplar vollständig gleichlautend. Es hatte keine besondere Ueberschrift und führt den Namen „Dibre Hajamim" und es ist eine fortlaufende erzählende Geschichte, die mit der Beschreibung der Geschehnisse unter Josua beginnt und bis zu unseren Tagen fortgesetzt wird. Es erscheint die Quelle der arabischen Chronik zu sein, auf welche sich der Autor demnach mit Recht berief. Die große Bedeutung dieses Fundes liegt in seiner Beziehung zu unserem kanonischen oder massoretischen Buche Josua. Es soll später