Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-19 · 25 (19.6.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021790--17436-3042310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 452 Vr. Vlmtz's WochrnWeW. vergißt, daß, was für die Zeit allein geschaffen ist, schlechter ist als die Zeit. Wir find noch nicht aus der Höhe, von der allein zurückgelegter Weg überblickt, zukünftiger berechnet werden kann. Gestatten Sie mir nun, meine Herrn, auf die Ziffern des Budgettitels Kultus und Unterricht einen kurzen Blick zu werfen, wie es schon gestern mein Klubkollege Stand getan hat. Sie ersehen aus demselben, daß der Staat den Kultzwecken der verschiedenen Konfessionen einen Betrag von fast 21 Millionen Kronen zur Verfügung stellt. So viel Sie aber auch suchen werden, für die Zwecke des jüdischen Kultus werden Sie nicht einen Heller finden. Ich möchte nicht mißverstanden werden, die Verleumdung, dieser Zungentodschlag ist schnell bei der Hand, um uns als klerikal zu stigmatifieren; die Frage, ob der Staat für Kultuszwecke überhaupt Geld hergeben soll, ist eine ganz andere, aber es steht für mich und, wie ich meine, für jeden billig Denkenden fest: wenn der Staat für Kultuszwecke Geld widmet, so hat die jüdische Religion die gleichen Ansprüche auf Berücksichtigung wie jede andere. Und bei Behandlung dieser Frage stellen Sie fich, bitte, nicht auf den Standpunkt, daß das eine jüdische Angelegenheit sei, sondern es ist vielmehr eine Sache der Gerechtigkeit. Der jüdische Seelsorger, der in einer-kleinen Gemeinde fein Amt versehen muß, der durch die oft beschämend niedere Entlohnung manchmal sogar nicht einmal vor dem Hunger geschützt ist, wie soll er mit Hingebung seines Amtes walten, wenn er weiß, daß er selbst kaum vor des Tages Not, seine Angehörigen später nicht vor dem bitteren Elend geschützt find, wie soll er die Begeisterung zu seinem Beruf aufbringen, wie soll er fie im Herzen der Jugend wecken, wenn er fich Tag für Tag dem Gespenst des Hungers gegenübersieht? Nicht um die großen Gemeinden handelt es fich hier, wie Wien, Lemberg, Prag rc., sondern um jene Hunderte von kleinen Gemeinden, die durch ihre Armut, die Armut ihrer Mitglieder, trotz bestem Willen nicht imstande sind, ihren Seelsorgern ein halbwegs sorgenfreies Dasein, ein Existenzminimum zu bieten. Ich weiß wohl, daß wir damit bestensfalls tauben Ohren predigen, ich weiß ferner, daß gerade jene Kreise, für die ich eben sprach, die erbittertsten Gegner unserer Partei sind; das wird uns aber nicht hindern, für sie laut unsere Stimme im Namen des Rechtes und der Gerechtigkeit zu erheben. Und wenn man mir einwenden sollte, es ist ja bisher so gegangen, es muß eben gehen, so kann ich darauf nur antworten: Jedem Reichen ist die Armut der Andern ein Naturgesetz. Ich betone und wiederhole, wir bitten nicht um ein Geschenk, wir verlangen nur unser Recht, wir lehnen bedingungslos einen unwürdigen Toleranzstandpunkt ab, gemäß welchem man mit uns verfuhr, wie es die Aufschrift auf einem spanischen Waisenhaus besagte: Dl sonor von dnan äs Uodrss eon caridad sin ignal — mando hacer este hospital — perö äntes hizo los pobres. Don Juan de Robres hat mit seltener Nächstenliebe dieses Armenhaus erbaut, vorher hat er aber selbst dafür Sorge getragen, daß Arme vorhanden seien. (Heiterkeit.) Meine Herren! Ich habe vorher gesagt, daß wir hier noch nicht auf jener Höhe seien, von der aus allein zurückgelegter Weg überblickt, zukünftiger Weg berechnet werden kann. Wären wir dies, so wäre es undenkbar, daß eine Resolution eine wenn auch nur zufällige Majorität hätte finden können, die zwar in versteckter Form, dafür aber in desto offenerem Wollen das finsterste Mittelalter bei uns in Oesterreich zurücksühren will, eine Aufforderung an die Regierung, die geeignet erscheint, Oesterreich vor den Augen der gesamten Kulturwelt auf das Niveau Rußlands und Rumäniens herabzudrücken, nämlich die Resolution des Herrn Abgeordneten Profeffor Schmid. Da ein Beinbruch noch immer bester ist als die stete Angst vor ihm, sei es mir gestattet, die Tendenz dieser Resolution in ihrer ganzen — ich kann nicht anders sagen als Brutalität klarzulegcn. Nr. 25 Es ist von vielen Seiten ganz unrichtigerweise angenommen worden, daß die Resolution die Regierung zu statistischen Erhebungen auffordere, betreffend die Zahl der jüdischen Mittelschüler. Nun, meine Herren, eine solche Aufforderung wäre überflüssig gewesen, denn diese statistischen Daten sind bekannt, sie find allgemein zugänglich und ich lege Ihnen hiermit einige derselben vor. Es betrug im Jahre 1903/04 die Zahl der jüdischen Mittelschüler 15.880, in Perzenten 13°7 oder auf je 100.000 Personen gleicher Konfession entfielen bei den Nichtjuden 334, bei den Juden 1056 Mittelschüler. Daraus ergibt sich, daß jüdische Knaben verhältnismäßig mehr als dreimal häufiger eine Mittelschule besuchen als nichtjüdische Knaben. Dieser Auffassung der Resolution Schmid widerspricht' sowohl der Wortlaut als auch die Ausführungen des Herrn Abgeordneten selbst und ich gestehe, daß eine Aufforderung nach dieser Seite uns mindestens vollkommen gleichgültig gelaffen hätte, wenn wir dieselbe nicht vielleicht sogar froh begrüßt hätten. Haben wir Juden doch gar keinen Anlaß, uns dessen zu schämen, daß unsere Jugend in einer so außerordentlich hohen Zahl nach Bildung dürstet, können wir doch im Gegenteil darauf stolz'sein, daß der Bildungsdrang unseres Volkes mehr als dreimal größer ist als der aller anderen Oesterreich bewohnenden Völker zusammen. Und ich meine, in diesem Falle wäre es dem Herrn Antragsteller gegangen wie Bileam, der auszog, um zu fluchen und dann segnen mußte. Es hätte sich dann eben gezeigt, daß der Jude, dieser vielgeschmähte Hebräer, der nach der Behauptung unserer Feinde für nichts Sinn hat als für Geld und Gelderwerb, daß eben dieser Jude nichts höher schätzt als Kenntnis und Wissen und daß der jüdische Vater, ob reich oder arm, seinem Kinde nichts besseres auf den Lebensweg glaubt mitgeben zu können als Bildung, daß es sein höchstes Streben ist, ihm die Pforten der europäischen Kultur zu erschließen. Und fürwahr, dieser Tatsache brauchen wir uns nicht zu schämen, wir können im Gegenteil stolz sein, und wenn man so oft unsere Existenz als Volk zu leugnen versucht, so können wir dann eben einfach auf die Ergebnisse dieser Statistik Hinweisen und sagen: Seht Ihr, wenn Ihr nichts anderes gelten lassen wollt, was uns Juden eint und zusammenschließt, so ist es wenigstens das amtlich nachgewiesene Streben nach Bildung und Erkenntnis. Sie sehen also, meine Herren, daß wir in diesem Falle die Resolution hätten ruhig und froh begrüßen können. Auch in einem anderen Falle hätten wir dies getan, wenn die Tendenz derselben dahin gegangen wäre, die allgemeine Bildung und das allgemeine Bildungswesen zu heben. Stellen Sie fich vor, meine Herren, die Resolution Schmid hätte folgendermaßen gelautet: „Die hohe Regierung wirb aufgefordert, darüber Erhebungen anzustellen, warum die Zahl der nichtjüdischen Mittelschüler perzentuell so weit hinter der der jüdischen zurückbleibt und Mittel und Wege zu finden, daß die perzentueüe Besuchszahl der nichtjüdischen Mittelschüler zu jener der jüdischen emporgehoben werde." In diesem Falle hätte er auf unsere Unterstützung sowie auf die aller wahrhaft freisinnigen Parteien rechnen können. Doch, meine Herren, geben wir uns keiner Täuschung hin: die Tendenz der Resolution geht einfach dahin, die Besuchszahl der jüdischen Mittelschüler notfalls durch administrative und legislatorische Gewaltmittel herabzudrücken. Ich weiß, es gibt gar manchen, der ob der Tendenz dieser Resolution erhaben lächett, der da meint, es sei unmöglich, im XX. Jahrhundert die helle Sonne der Bildung durch schwarze Gesetze von einem Teil der Bevölkerung ausschließen zu wollen, aber daß überhaupt der Versuch hierzu gemacht werden konnte, daß diese Resolution eingebracht werden und eine Majorität finden konnte, ist ein trauriger Beweis dafür, daß das Gefühl für allgemeine soziale Gerechtigkeit schwindet. (Abgeordneter v. Stransky: Das Haus ist doch in seiner Mehrheit antisemitisch!) Hier handelt es sich nicht um Antisemitismus, hier handelt es sich um Bildungsbedürfnis. (Abgeordneter v. Stransky: Das haben die Christen auch!) Aber warum wehren Sie sich dagegen, daß wir Bildung haben? Errichten Sie neue Mittelschulen, so Viel Sie wollen, unsere Förderung werden Sie finden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.