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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-19 · 25 (19.6.1908) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dr. Llocd's Miocvenscvrin. Seite 451 Rt. 25 nebeneinander besteht, in der Praxis nur gar zu oft in Kollision müeinander kommt. Wer, meine Herren, im nationalen Kampfe etwa auf die unbedingte Unterstützung des wirtschaftlichen oder kulturellen Gegners rechnet, dessen Stoßkraft ist gebrochen, wenn er wiederum um wirtschaftliche oder kulturelle Güter kämpft. Er hat damit in Tatsache, via facti, das eine Prinzip als das für ihn oberste anerkannt, die beiden anderen in den Hintergrund geschoben. Es ist politisch und menschlich ganz ausgeschlossen, in dem engen Verbündeten von heute den schärfsten Gegner, ja Feind von morgen zu sehen. Und darum, meine Herren, muß es einmal klar ausgesprochen werden: es ist unmöglich, auf drei Pferden auf einmal zu reiten (Heiterkeit), man muß sich für eines entscheiden — nebenbei gesagt, hat man sich bereits entschieden, hütet sich aber nur, es zu sagen. Es muß Klarheit werden, ob.man die Fragen der Kultur und der wirtschaftlichen Entwicklung bedingungslos als Fragen zweiten und dritten Ranges behandeln will. Es wird, so hoffe ich, niemand gegen mich dieser Worte wegen den Vorwurf erheben, als ob ich weniger national gesinnt jwäre, als ob unsere Partei die nationalen Güter nicht mindestens ebenso hoch einschätzen würde wie jede andere. Wir find uns aber, meine Herren, dessen bewußt, daß, wenn scheinbar das nationale Prinzip mit dem der kulturellen Entwicklung und des Fortschrittes in Konflikt kommt, dies eben nur scheinbar ist, daß in Tatsache nur Nation und Fortschritt, nie aber Nation und Rückschritt sich vertragen, und daß, wer letzterem dient und damit sein Volkstum gefördert zu haben glaubt, in Wahrheit .damit sein Volkstum preisgegeben hat. Meine Herren! Man mag die Reinheit der Raffe noch so hoch veranschlagen in ihrem Werte, man mag diesem Götzen Raffe noch so große Opfer darbringen, man wird nie darüber hinwegkommen, daß Wesen, Bedeutung und Inhalt des Volkstums in seiner kulturellen Entwicklung gelegen ist, und wer darum kulturelle Güter aufgibt, um scheinbar nationale dafür .einzutauschen, gleicht dem Wilden, der echtes Gold für glänzende Glasperlen hingibt. Wer wahrhaft national, wer wirklich kulturell denkt und fühlt, wird neidlos jedem gern zugestehen, was er für sich selbst in Anspruch nimmt; wir sehen, meine Herren, im nationalen Gedanken die Voraussetzung einer jeden gedeihlichen Kulturentwicklung schon deswegen, weil er den Individualismus der Menschheit fördert, und nach dem richtigen Ausspruch des Herrn Abgeordneten für Dryhobycz die Menschheit nie genug Individualismus haben kann, wenn man ihn dazu mißbrauchen will, um Kultur und Entwicklung zu hemmen, sei es einem fremden Volke gegenüber, dem man seinen Platz an der Sonne nicht gönnen will, sei es dem eigenen Volke gegenüber, wenn man sich bei dem Wege immer nur fragt, wie man auf ihm geht, und nicht in erster Linie, wohin er führt, dann, meine Herren, muß ich offen sagen, hat man den höchsten Gedanken der Menschheit, ihr höchstes Ideal mißhandelt und mißbraucht. (Zustimmung.) Meine Herren! Wer vorurteilsfrei die Entwicklung der Dinge bei uns in Oesterreich im Laufe der letzten Zeit betrachtet, wird sich dem Eindruck nicht verschließen können: es wird mit nationalem Vorspann nach rückwärts kutschiert. Entwicklung nach rückwärts ist die Parole und man vergißt dabei, daß Entwicklung nach rückwärts ein Widerspruch in sich ist, in Wahrheit nichts anderes bedeutet als Degeneration und daß jede Degeneration zum Untergang führen muß. Und darum stehen wir, meine Herren, auf dem Standpunkt, es muß die Möglichkeit genommen werden, den nationalen Gedanken im Dienste irgend eines fremden zu mißbrauchen; weil wir auf nationaler Basis stehen, wollen wir ihn nicht diskreditiert sehen. Aber, meine Herren, wir find uns auch darüber klar, daß man ihn nicht mechanisch aus dem Gedanken- und Gefühlskreis dieses hyheu Hauses verbannen kann, denn wer leidet und Schmerzen empfindet, kann trotz Kant und seiner Macht des Gemüts nicht einfach sagen: Jetzt will ich meine Schmerzen nicht mehr fühlen! Kant führt einmal aus, wie er seiner gichtischen Schmerzen vergaß und sie nicht mehr fühlte, indem er intensiv an Cicero dachte. Es wäre gewiß ideal, wenn dieses Haus wenigstens zeitweise seine nationalen Schmerzen dadurch vergeffen würde, daß es an seine höhere Mission dächte, Ausgungspunkt materieller und kultureller Entwicklung der österreichischen Gesamtheit zu werden. Da aber vorläufig wenig Hoffnung vorhanden ist, daß wir uns zur Höhe Kantscher Gemütsmacht aufschwingen, so muffen wir statt des Weges des Philosophen den des Arztes gehen, nicht vergessen und nicht negieren, sondern heilen. Heilung aber kann einzig und allein die nationale Autonomie bringen. Jedem Volke muß die Regelung seiner Verhältnisse, die Bestimmung seiner Zukunft selbst in die Hand gegeben werden. Die ungehinderte freie Ausgestaltung eines jeden Bolksstammes unseres vielnationalen Staates betrachten wir als eine Forderung der Ethik, wir betrachten es als unsozial, einem Volke das Recht zu nehmen, sich seiner Eigenart gemäß auszuentwickeln, wir halten die geistigen und kulturellen Güter eines jeden Volkes für heilig und die tätige, nicht nur durch Worte erfolgende Anerkennung dieser Selbstverständlichkeiten betrachten wir als Voraussetzung des nationalen Friedens und einer ersprießlichen Tätigkeit. Und wenn ich mich, meine Herren, zum Kapitel Unterricht zum Worte meldete, um hierbei die Frage der Selbstregierung zu behandeln, so geschah dies, weil wir das Recht eines jeden Volkes auf seine Jugend, seine Hoffnung und Zukunft damit betonen wollten. Ich kann mir den Widerstand von so vielen Seiten gegen die Völkerselbstregierung und Selbstverwaltung nur erklären als eine Nachwirkung des wahrhaft mittelalterlichen, noch 1555 zu Augsburg bestätigten Grundsatzes: caius regio eins et religio. Die katholische Kirche hat sich übrigens gegen diesen Satz gewendet. Wir finden es heute unbegreiflich, wie man von Menschen verlangen konnte, daß sie ihren Glauben, ihre Anschauung nicht nach ihrem ureigensten Wesen formen, sondern wandeln sollten nach den Anschauungen und dem Glauben des Landesherrn, daß überhaupt ein Zusammenhang bestehen sollte zwischen dem Glauben und dem Territorium, wo einer wohnte und bei der Frage der Nation stecken wir noch heute, meine Herren, verzeihen Sie den harten Ausdruck, in der gleichen Geistesbarbarei. (Zustimmung.) Ist es nicht logisch, ist es nicht sozusagen a priori einleuchtend, .daß die Nationalität nicht am Territorium, am Boden, sondern an der Person haftet und daß man nur dann zu einer Lösung des nationalen Problems gelangen kann, wenn man es nicht als eine Frage der Gegenden, sondern der diese bewohnenden Menschen aussaßt? (Beifall.) Und wenn wir diese Forderung der Friedensschaffung durch die nationale Autonomie in den Vordergrund rücken, geschieht dies eben auch deswegen, weil wir die Bahn dadurch für weitere Kulturarbeit frei machen wollen. In der Kulturgeschichte und in der Entwicklung der Menschheit find die Ideen die gesetzgebenden Faktoren, die Politiker nur ausübende. Daher, meine Herren, kann die Frage der nationalen Autonomie zwar vertagt, hinausgeschoben, aber nicht zum Verschwinden gebracht werden, denn, vergeffen Sie nicht, wohl gewöhnt sich der Mensch an wiederholte Liebe, nie aber an wiederholte Ungerechtigkeit. Es liegt mir fern und ich werde mich wohl hüten, mich zum art)iter elegantiaram politicarum aufzuwerfen, zum politischen Sittenrichter, doch ich gehöre einer kleinen Partei an und diese kleinen Parteien haben einen großen Vorzug: sie dürfen sich den Luxus erlauben, Grundsätze zu haben und diesen treu zu bleiben. Und von diesem Gesichtspunkte aus können wir Kritik üben, können es ruhig aussprechen, daß man hier oft nur, kleinste Gegenwartsarbeit für den Augenblick schafft und dabei

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