Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 444 Dr. Llocv's mocbenscbrttt. Nr. 24 einer kleinen Leiter erklimmen sie die Arena, schlüpfen dnrch die Tane und nehmen auf ihren Schemeln in der Ecke Platz. Es sind zwei Leichtgewichtige, jeder etwa 20 Jahre alt. Sie sind völlig uakt, nur mit einer kurzen, enganliegenden Badehose bekleidet. An den Füßen tragen sie weiche, hackenlose Sportschuhe und kurze Socken, die kaum sichtbar sind. Die Hände stecken in mächtigen Fausthandschuhen aus dunkelbraunem gepolsterten Leder. Alles an ihnen ist Muskel. Der eine ist schlanker und blond, der andere gedrungener und brünett, mit unverkennbar jüdischem Gesichtsschnitt. Nun klimmt der Schiedsrichter in die Arena — in schmuddeligen Hemdsärmeln, mit stattlichem Schmeerbauch. Er kündigt die beiden Faustkämpfer an. Der Gedrungene heißt Glückstein (der Schiedsrichter nennt ihn Glockstihn) und ist offenbar Kind eingewanderterjüdischer Eltern aus New-Zjorks „Klein-Jerusalem". Die beiden Gladiatoren schreiten in die Mitte, reichen sich grinsend die Hände und kehren auf ihren Schemel zurück. So wills Arena-Etikette. Nun ertönt ein Gong. Die beiden schnellen auf, nehmen Faustkämpferstellung an, den rechten Fuß vorgestreckt, während die Linke in leichter Krümmung schützend vor der Brust liegt. Und es geht los. Wie Katzen springen sie vorwärts, rückwärts, blitzschnell kracht die Faust in den nicht zu weichen Handschuhen dem Gegner ins Gesicht, auf den Magen oder schießt dnrch geschickte Wendung von Kopf oder Körper ins Leere. Fortwährend folgt ihnen der hemdsärmelige Schiedsrichter. Sobald sie sich ineinander zu eng verschlingen, trennt er sie. Wieder dröhnt das Gong. Die drei Minuten des ersten Ganges sind um. Sie lassen sich schwitzend auf ihre Schemel nieder. Sofort klettern eines jeden Sekundanten (es sind ihrer je zwei, in Wollhemd und Hose) durch die Taue auf die Arena. Der eine tunkt einen Schwamm in den Wassereimer, fährt dem Gladiator damit über die herausgestreckte Zunge (es sieht komisch aus), daun über Gesicht, Brust und Rücken und läßt ihn aus einer Flasche mit Wasser trinken. Währenddessen fächelt der andere Sekundant den Bewässerten mit dem Handtuch wieder trocken. Das Gong dröhnt zum zweiten Gang. Affenartig rasch verduften die Sekundanten und die beiden dreschen von neuem aufeinander los. Glückstein hat zwei Hiebe auf die Nase bekommen, daß ihm das Blut in den Mund läuft. Er spuckt es von sich. Im nächsten Augenblick knallt seine Rechte dem Schlanken in den Magen, daß er, sich krümmend wie ein Ohrwurm, gegen die Taue fliegt. Brausendes Beifallsjohlen. Sie heulen wie Indianer, die einen Skalp genommen haben. Das Gong! Rückkehr' auf die Schemel. Glückstein wird vom Blut gereinigt, das Gesicht und Brust gerötet hat, bewässert, getränkt, gefächelt. Dritter Gang. Vierter Gang. Fünfter Gang. Glückstein blutet schlimmer als je. Mit gerunzelter Stirn, die Zähne aufeinander gesetzt, mit funkelnden Augen, kämpft er wie ein wütender Stier. Er kann den Schlanken nicht fassen, der mit der Geschicklichkeit einer Eichkatze springend ihm ausweicht. Aber nun ein dumpfer Knall: Glückstein hat den Abfuhrhieb auf der Kinnlade des andern gelandet. Der fällt wie ein Klotz auf alle Viere. Wahnsinniges Freudengeheul. Alles springt von den Sitzen und geberdet sich wie besessen. Der Schiedsrichter mit geschäftsmäßiger Wurstigkeit zählt bedächtig bis zehn. Der Schlanke versucht in die Höhe zu kommen. Aber er ist halb betäubt von dem fürchterlichen Schlage und wird von seinen Sekundanten auf seinen Schemel getragen. Dort erwecken sie seine Lebensgeister. Glückstein hat gesiegt. Dafür bekommt er 25 Dollars, denn er ist nur ein kleines Licht. Der andere erhält das gleiche. Dann folgt das nächste Paar. So wiederholt es sich bis zum Schluß. Da treten die Stars auf: zwei „Mittelgewichtige" von Namen. Sie sehen wie zwei haarlose Gorillas aus. Der eine (er heißt Sichler) hat ein völlig deformiertes linkes Ohr, das ihm in zahllosen Kämpfen zu einer zackigen Masse zerschlagen worden ist. In der Faustkämpfersprache nennen sie das ein Blumenkohlohr". Viele Faustkämpfer haben es. Die beiden Stars werden mit betäubendem Klatschen begrüßt, genau wie Caruso oder ähnliche Stars. Sie treten als Stars auch nicht mit zwei Sekundanten auf, sondern mit je vier von ihnen. Außerdem geben ihnen verschiedene Fachberühmtheiten das Ehrengeleit in die Arena. Der Schiedsrichter stellt sie allesamt dem Publikum vor. Auch Terry Mc Govern muß durch die Taue krabbeln und verbeugt sich linkisch. Bei diesem Kampf erreicht die Aufregung ihren Höhepunkt. Dieser oder jener Bewunderer eines der Stars ruft seinem Liebling gute Ratschläge im Faustkämpferjargon zu. „Hau' ihn in die Untergrundbahn!" oder „Hau' ihn in die Küche!" Was beidemal den Magen bedeutet. Ein anderer rät: „Tom, hau' ihn in die Hochbahn!" Was den Mund bedeutet. Die Hiebe hallen knallend und prasselnd, der Saal erbebt von animalischem Wonnebrüllen zu Tieren gewordener Menschen. Aber keiner der beiden hauenden, schweißüberströmten Gorillas vermag den andern unterzukriegen. Nach sechs Gängen mit zwei blutigen Nasen und einem blauschwarz gefärbten Auge bleibt der Kampf unentschieden. „War das nicht ein erstklassiger Spaß?" hörte ich den Dramatiker zu dem Komponisten sagen und sein Angesicht leuchtete. „Schade, daß es nicht zu einer Abfuhr kam. Das kann man schon verlangen, wenn jeder von ihnen 300 Dollars bekommt!" Literatur. Weftöftliche Miszellen von Samuel Meisels, Xenien- Verlag zu Leipzig 1908. Samuel Meisels ist der jüdischen Publizistik kein Fremder mehr. Seine ansprechenden Artikel, die hier gesammelt vorliegen, sind uns in verschiedenen Zeitschriften begegnet und ich muß gestehen, daß sie jedesmal in mir den angenehmen Wiederhall großer Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit hervorgerufen haben. Daß er sich über die enge Grenze beschränkter Parteilichkeit hinaus stets das weite Recht des objektiven Kritikers gewahrt hat, ist so ungemein sympathisch, daß dies oft den schwächlichen Eindruck mancher Essays gänzlich verwischt. Allerdings wird es Meisels nicht verhindern können, daß die gewissen unvermeidlichen Zeitungskläffer, die jeden ernsten Arbeiter auf ihr Niveau degradieren möchten, aus seiner Ehrlichkeit den Vorwurf der journalistischen Taglöhnerei konstruieren. Meisels steht jedoch weit über diesem Urteil und ist ein stiller, redlicher Mensch, der aus Liebe zur Sache spricht. Dies zeigt sich insbesondere bei den Arbeiten: „Theodor Herzl" und „Jargon", sowie „Jargonlyrik". Er urteilt ruhig und sachlich, ohne jeden Ueberschwang, aber mit Wärme und Verstand und läßt Allen volle Gerechtigkeit widerfahren. Ueber seine Abhandlung: „Deutsche jüdische Lyrik", ließe sich polemisieren. Doch das gehört auf ein anderes Gebiet. Was das Wichtigste ist: Es spricht aus seinen Arbeiten, wenn sie sich auch über ein landläufiges Maß nicht erheben, ein ernster Wille, ein klarer Verstand und — was die Bedingung zum wahrhaftigen Kritiker ist — eine eigene gefestigte Meinung. Thekla Blech. Reue Bücher. Unsere Hoffnung. Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend. Redaktion und Administration: Wien, II/3, Scholzgasse Nr. 11. V. Jahrgang. Heft Nr. 5 und 6. Inhalt: K. Marmor: Schewuoth. I e h o a s ch: Die jiddische Literatur. Dr. I. Lurie: Die hebräische Sprache in Palästina. Glückel von Hameln: Der Vogel und seine drei Söhne. Perez Hirschbein: Zwei Welten. Ch. N. Bialik: Das letzte Wort. David P i n s k i: Der Erdgeist. — Nachrichten aus Palästina. —* Wissenswertes: Ausstellung jüdischer Kunstdenkmäler in Düsseldorf. Ein New-Iorker Konzertabend. Vom alten Prager Ghetto. Das jüdische Theater. — Bücherschau: Westöstliche Miszellen von Samuel Meisels, besprochen von I. W. Die Juden in Mähren von Dr. Th.