Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Llocv s Mocvenscdrttt. Seite 443 , Nt. 24 Der Landesrabbiner bei der Fürstin. Am 29. v. M. empfing Ihre königliche Hoheit die Fürstin den Großrabbiner von Bulgarien, Herrn Dr. Ehrenpreis und dessen Gemahlin in Privataudienz. Ihre königliche Hoheit erkundigte fich eingehend über die Lage der Israeliten in Bulgarien, über die Einrichtung der spaniolischen Gemeinden, das Unterrichtswesen, die verschiedentlich^ Wohlfahrtseinrichtungen der Judenschaft und den Bau der neuen Synagoge. Ganz besonderes Interesse zeigte die Fürstin für die Institution unentgeltlicher Verpflegung armer Schüler in Jutch-Bunar, indem fie fich äußerte, daß diese Wohlfahrtseinrichtung die Unterstützung und Aufmerksamkeit der Bürgerschaft verdiene. Ihre königliche Hoheit versprach, in der kommenden Woche die Speiseanstalt besuchen zu wollen. Die Audienz währte 20 Minuten, worauf fich Ihre königliche Hoheit von Herrn und Frau Dr. Ehrenpreis huldvollst verabschiedete. Feuilleton. Gladiatoren. Von Henry I. Urban (New-IarN. Ach, das waren schöne Zeiten, als es noch richtige Faustkämpfe gab. Nebenbei bemerkt — die Faustkampfer werden gewöhnlich in drei Hauptklassen geteilt; die Leichtgewichtigen (light weights), die 135 Pfund wiegen, die Mittelgewichtigen (middle weights), die 154 Pfund wiegen, und die Schwergewichtigten (heavy weights), die über 154 Pfund wiegen. So ein Faustkampf bis zur blutigen Abführ (figbt to a finish) war ein nationales Ereignis, das in nichts hinter einer Präsidentenwahl zurückstand. Alle Zeitungen sandten ihre Berichterstatter und Photographen zu dem Ereignis. Das Ergebnis meldeten Extrablätter. Und bei den Wetten aus die beiden Helden wurden Leute zu reichen Männern, während andere Vermögen verloren. Fand der Kampf in New-Orleans oder San Francisco statt, so machten die geschäftigsten New-Iorker Dollarjäger Ferien und reisten tagelang von New-Aork nach Orleans oder San Francisco. Aber es lohnte sich auch. Oft dauerte so ein , Kampf zwanzig Gänge, jeder Gang von drei Minuten Dauer mit einer Minute Pause. Den Gladiatoren waren die Nasenbeine zertrümmert, die Zähne gelockert, die Augen braun und bsau geschlagen, ein Handgelenk verrenkt, bis endlich ein furchtbarer Schlag auf den Kinnbacken sich als der Abfuhrhieb (the knockout blew) erwies, der den Getroffenen zu Boden fällte und es ihm unmöglich machte, innerhalb des vorgeschriebenen Zählens bis zehn wieder auf die Beine zu kommen. Herrlicher Lohn winkte dem Sieger. Da war Jim Corbett, den sie „Gentleman-Jim" nannten, weil er nicht von der gewohnheitsmäßigen Roheit der Faustkämpfer war. Er besiegte im Jahre 1892 in New-Orleans in einundzwanzig Gängen den unerreichten John Sullivan aus Boston. Für diese Leistung erhielt Corbert 25.000 Dollars in bar. Noch heute durchzieht er als „Star" einer Theatergruppe überall gefeiert das ganze Land. Daß er ein elender Mime ist, tut nichts. Er ist dafür der große Faustkämpfer. Auch Sullivan und andere Größen der Boxer-Arena zieren die amerikanische Bühne. Aber ihre Laufbahn war fast immer eine meteorhafte. Sie verfielen den Schnapssuff und endeten im Säuferwahn. Heute ist es mit der Herrlichkeit des Faustkämpfers vorüber. Das Gesetz gestattet nur noch Boxervorstellungen, die nicht länger als sechs Gänge dauern dürfen. Immerhin finden insgeheim noch Faustkämpfe nach früherem Muster statt. Denn jedes gute amerikanische Gesetz hat auch gleich das dazu gehörige Schlupfloch. Mit umso größerer Hingebung werden die gesetzlich gestatteten Faustkämpfe von sechs Gängen- Dauer in sogenannten „Athletik Clubs" gepflegt. Mit einem amerikanischen Freunde zusammen besuchte ich neulich eine solche Veranstaltung. Wir erklommen eine steile Treppe in einem Eckhause, in dessen Erdgeschoß eine Schnapskneipe war. Mein Freund zeigte seine Klubmilgliedskarte vor und wir dursten eintreteu. Nur Mitgliedern ist der Eintritt gestattet, weil das Gesetz einem Klub den Verkauf von Eintrittskarten für Unterhaltungen verbietet. Da aber dieser Klub mit den Fauftkämpsen ein Geschäft macht und daher zahlende fremde Gäste braucht, so läßt er jeden Fremden für den Abend eine „Mitgliedskarte" erwerben. Nur muß der Fremde von einem wirklichen Mitglieds eingesührr werden. Auch wieder ein niedliches Beispiel von Gesetzumgebung. Sie sind Genies darin, diese Dollarikaner. Auf diese Weise brachte m ch der Freund ins Aüerheiligste hinein. Es war eine mäßig große Halle im ersten Stockwerk. Ungefähr in der Mitte war die Arena (prize ring) aufgeschlageu. Sie bestand aus einem großen viereckigen kastenartigen Aufbau, etwa vier Fuß hoch, achtzehn Fuß breit und vierzehn Fuß lang. An den vier Ecken befanden sich vier dicke runde Pfähle, zwischen denen drei Reihen Taue liefen, um ein Herunterstürzen der Faustkämpfer zu verhüten. In zwei schräg gegenüberliegendtn Ecken standen ein Schemel und ein Eimer Wasser, und -in großes Handtuch hing daneben auf dem obersten Tau. In der Mitte der Decke über der Arena leuchtete ein Bündel elektrischer Lichter, die ein blendendes Licht ans die Arena warfen. Rings standen Rohr stähle mit Nummern daran. Die ersten Reihen waren die teuren Sitze. Hier kostete ein Platz 5 Dollars — ein Preis, den man nur noch für den teuersten Parkettsitz im Opernhaus bezahlt. Ein Kulturwertmesser! An einer Seite, wo die Helle sich vertiefte, befanden sich die billigen Tribünensitze, die der Volksmund die Bleiche [the bleachers) nennt. Der Ausdruck stammt von den offenen Galeriesitzen auf den Schlagball- und Fnßballspielplätzen, wo die Zuschauer in der Sonne gebleicht werden. Schon war es erdrückend voll. Um mich herum saßen wohlgekleidele Männer aller möglichen Kreise: reiche Geschäftsleute, bekannte Schauspieler, gewerbsmäßige Parteipolitiker mit dicken Diamantnadeln im Schlips, gewerbsmäßige Faustkämpfer, alle mit dem Hut auf dem Kopf, alle gute oder schlechte Zigarren oder Zigaretten rauchend, oder Tabak kauend und ab und zu auf den mit Sägespänen bestreuten Boden spuckend. Da saß ein beliebter Komiker, nicht weit von ihm ein untersetzter Kerl mit einem gemeinen, echt irischen Bulldoggesicht, den kurzen Hals in einen hohen Krag,n gezwängt. Das war Terry Mac Govern, eine Leuchte in der Boxerwelt; er gehört zur Klaffe der „Leichtgewichtigen". Dahinter saß ein Kerl, den ich ebenfalls als Faustkämpfer einschätzte. Aber mein Freund belehrte mich, daß es die wichtigste Persönlichkeit in der ganzen Versammlung sei, nämlich der allmächtige politische Häuptling des Tistrikis. Er sorgt gegen Bestechung dafür, daß die Polizei siinls Distrikts wegen des Verkaufs von Eintrittskarten keine Unannehmlichkeiten macht. Wieder wo anders bemerkte ick einen bekannten Dramatiker rrd daneben einen ebenso bekannten Operettenkomponisten. Tenn der Sportleidevschaft frönen sie alle, Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete. Das läßt sie einträchtig au solchen Orten beieinander sitzen. Die Luft wird stickig heiß. Beizender Tabaksrauch zieht in langen Schwaden durch die Halle. Halbwüchsige Bengels in wollenen Sporthemden und mit Sportmützen auf dem Hinterkopf quetschen sich durch die Menge mit Körben, in denen Flaschen mit süßem Sodawasser und Ginger-Ale liegen. Die bieten sie zum Verkaufe aus. Der Durstige führt die Flasche einfach an den Mund und läßt den Inhalt in die Kehle glucksen. Umstände werden hier nicht gemacht. Wieder andere verkaufen Kaugummi und Kampherbonbons und Pfefferminzbonbons. Sonst gibt es nichts zu trinken oder zu effen. Oben auf der „Bleiche", wo Halbdunkel herrscht, beginnen sie zu trommeln. Plötzlich freudiges Händeklatschen. Das erste Faustkämpferpaar erscheint. Mit Hilfe