Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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«r 34 ©etit 439 Dr. Straucher und Dr. Mahler keineswegs als gegen die Vertrauensstellung des Abg. Dr. Gabel gerichtet aufzufassen ist. Dr. Straucher, Dr. Gabel, Dr. Mahler, Ad. Stand. Aus der Rede des Abgeordneten Stand. In der Sitzung vom 10. Juni des österrdichifchen?ibgeordnetenhaufes nahm Abg. Stand das Wort. Abg. Stand (Zionist) besprach die galizischen Wahlen. Die jüdischen Wähler haben unter schweren Opfern ihre Vertreter hieher geschickt. Jeder, der eine oppositionelle Stimme abgab, war ein Held. Der Wunderrabbiner betörte ihn, der Kultusvorstand denunzierte ihn. der Steuerinspektor erhöhte seine Steuer, der Gemeindevorstand raubte ihm seine Konzession, der Bankdirektor entzog ihm seinen Kredit, der Kreisphysikus konfiszierte seine Waren, der Bezirkshauptmann sperrte ihm seinen Laden, der Schulleiter prügelte seine Kinder, der Gendarm bedrohte seinen Leib, der Preßbandit höhnte seine Ideale. Wenn die Christlich-Sozialen den Juden vorwerstn, ihr einziges Ideal sei das Geld, so möge man bedenken, daN sich in Galizien einige 30.000 Menschen fanden, die kein Geld, keine Konzession annehmen wollten, sondern nur ihr Gewifien sprechen ließen. Redner wendet sich gegen den vom Abg. Bielohlawek den Juden gemachten Vorwurf, sie seien alle solidarisch, ob Anständige oder Verbrecher. Es gibt, sagt Redner, keine größere Utopie unter den Juden, als eben die Solidarität. Man sehe sich nur in dem Mikrokosmos dieses Hauses um, und man sieht ein Dutzend Juden unter so vielen Parteien, ja Nationen geteilt. Da gibt es einen unabhängigen Juden, und man muß daher a contrario mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es auch abhängige Juden gibt. Es gibt da zwei wilde Juden (Heirerkeit) und das Pendant dazu, den bekannten gemäßigten Israeliten. (Heiterkeit.) Es gibt sozialistische Juden, zionistische Juden rc., und da spricht man von Solidarität. Man macht uns zum Vorwurf, daß wir uns des Dreyfus und anderer Verurteilter annahmen. Ja, wir nehmen uns derjenigen an, welche unschuldig oder nicht ordnungsmäßig verurteilt wurden. Darum nahmen sich des Dreyfus nicht nur Juden, sondern auch erlauchte Geister, wie Zola und Björnson, an, und darum nehmen wir uns des Hilsner und so nehmen wir uns auch des Stern an. In dem Falle Stern war das erste Urteil ein konsequentes, mit welchem er zum Tode verurteilt, und das zweite, mit welchem er einstimmig freigesprochen wurde; das dritte Urteil aber, mit dem er wegen Totschlag zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, war eine Halbheit. Es kann nur eine Wahrheit geben: entweder hat er den Mord begangen, dann soll man ihn zum Tode verurteilen, oder nicht, dann soll er freigesprochen werden. Wenn Sie glauben, daß wir uns mit den Kohlenwucherern, mit den Börsenmagnaten, mit den Geldprotzen, mit den Juwelenhebräerinnen. . . . Abg. v. Stransky: Mit den Mädchenhändlern! Abg. Stand: mit den Mädchenhändlern, mit denjenigen, welche Tafelorgien veranstalten, mit jenen, durch deren Maitreffen- Mirtschaft Skandale entstehen, mit jenen, die man beim Rennen oder beim Spiel sieht, solidarisch erklären, so täuschen Sie sich. Diese sind die wuchernde Eiterbeule am Körper des jüdischen Volkes. Diese scheiden wir als ungesunde Säfte an unserem Organismus aus. Ganz andere Gruppen sind es, mit denen wir uns solidarisieren: mit dem armen, darbenden Volke, zum Beispiel mit jenen Hausierern, gegen die hier fortwährend der Kamps gepredigt wird, mit dem armen jüdischen Krämer, mit dem Handwerker in Galizien. Gegenüber dem Rate des Abg. Schmid, die Juden mögen sich nicht dem leichten Erwerbe hin geben, sondern die schwere Arbeit aufsuchen, bemerkt der Redner, dieser Rat kommt um Jahrhunderte zu spät. Man sehe sich dte Werkstätte eines jüdischen Handwerkers in Galizien an, der in einem kleinen dumpfen Lokal, umgeben von einer Reihe armer Gesellen und darbender, frierender Kinder 16,18 Stunden täglich arbeitet, um einen Gulden' oder anderthalb Gulden für sich und seine Familie zu verdienen. Man gehe nach Brody oder Tarnvpol, wo die Kaftanjuden mit Pajes, die man hier so auslacht, als Lastträger arbeiten, in die Ghetti nach London oder Newyork, wo die armen Juden als Schneider, Schuster und so fort im Schwitzsystem arbeiten, nach Boryslaw in Galizien, wo sie im Schweiße ihres Angesichtes, stets den Tod vor Augen, tief in den Schächten 12 und 14 Stunden im Tage arbeiten, um für fremde Millionäre das Gold hervorzuholen. Mit diesem Kern des jüdischen Volkes, sagt Redner, und nur mit diesem solidarisieren wir uns und wir teilen mit ihm die Hoffnung auf die jüdische Renaissance in der Zukunft. Redner erörtert sodann die Frage des Hausierhandels und bemerkt, es wirke befremdend, daß die christlichsoziale Partei ihren Antisemitismus nicht gegenüber den von ihm früher gekennzeichneten Elementen betätige, sondern gegenüber hungernden Wiener Dienstmännern, Tramwaykondukteuren oder Hausierern. Zum Schluffe stellt Redner die Forderung nach dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für den Landtag aus. Ebenso verlange er als Jude auch das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinden. Nicht nur als Jude, sondern als Demokrat sei er nicht in der Lage, der Regierung ein Budget von zwei Milliarden zu bewilligen. Seine Partei werde gegen das Budget stimmen. (Beifall bei den Parteigenossen.) Znr Mikwah Frage. Auf Veranlassung des Herrn Bernhard Hofbauer, Obmann des Bethausvereines (Machsike Hadaß) L, Judengaffe 12, versammelten sich dortselbst Sonntag den 7. Juni d. I. die Delegierten von 23 konservativen Vereinsbethäusern zur Besprechung derMikwah-Angelegenheit. Insgesamt wurden 31 Einladungen ausgeschickt, wovon, wie oben erwähnt. 23 Folge geleistet wurde. Einige waren entschuldigt. Nach Begrüßung der erschienenen Delegierten und der Vertreter der Presse und nach verständnisvoller Erläuterung über den Stand der Angelegenheit durch Herrn Bernhard Hofbauer, entspann sich eine animierte Debatte, an der sich die meisten Erschienenen beteiligten. Schließlich wurde von Herrn I. Austerlitz folgende Resolution beantragt: 1. Der Zustand der derzeitigen Mikwah wird als beschämend und unzulässig erklärt. 2. Die Kultusgemeinde wird ersucht, den beschlossenen Mikwah-Bau ungesäumt in Angriff zu nehmen und zur ehesten Fertigstellung zu bringen. Zugleich erklären die Versammelten, dies nur dann als in befriedigender Weise durchgeführt zu sehen, wenn die rituelle Beaufsichtigung dem jeweiligen Rabbinat der Adass Jisroel (Schiffschul) unter statutarischer Beaufsichtigung durch die Kultusgemeinde übertragen wird. Es wird im Interesse des Friedens und der Einheit in der Gemeinde der bestimmten Erwartung einer so bedeutenden Minorität und steuerzahlender Mitglieder, welche die hauptsächlichsten Frequentanten der Mikwah sind, Ausdruck gegeben, daß diesem begründeten Ersuchen Folge gegeben wird. Sollte wider Erwarten eine Einigung in diesem Sinne nicht zustande kommen, wird die Adas8 Jisroel (Schiffschul) aufgesordert, mit dem selbständigen Bau einer Mikwah vorzugehen und wird von den Unterzeichneten jede erforderliche Beihilfe zugesagt. Es entspann sich abermals eine lebhafte Debatte. Lebhafte Zustimmung fanden die Auseinandersetzungen des Herrn Doktor Bloch. Derselbe meinte: so wenig es vorauszusetzen ist, daß ein Schneider, der einem Kunden einen Anzug ansertigt, ihn derart herstellt, daß er für den betreffenden Kunden nicht paßt — so wenig ist vorauszusetzen, daß der israelitische Kultus- Vorstand, der unter großen Kosten für die orthodoxen Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde eine Mikwah Herstellen läßt, diese dadurch verderben und für die orthodoxen Mitglieder zur Benützung ungeeignet wachen werde, daß die strengste Beobachtung der Vorschriften des Schulchan Aruch verabsäumt werde. In den Intentionen des Vorstandes ist es naturgemäß gelegen, daß das Institut der Mikwah zur Zufriedenheit aller interessierten Parteien hergestellt werde. Der Vorstand wird voraussichtlich deswegen auch bereit sein, allen gerechten Wünsche:.