Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 24 A»r. Lloev's Mocvenscvrin, Seite 437 Grunde auf Nummer Sicher, weil er ein bestimmtes Stück Papier nicht hat. H. ist ein ziemlich energischer Mann, und so hat er seinen Aufenthalt in der Reichenberger Büttelei dazu benützt, die dort herrschenden Zustände zu reformieren. Notwendig war das schon lange und es gehörte eine eiserne Faust zu dem Werke, aber H. hatte diese eiserne Faust. Da er zu wenig zu essen bekam (die Häftlinge bekommen morgens und abends um je fünf Heller Brot und mittags Suppe und Erdäpfel oder Knödel), verlangte er größere Portionen. Natürlich umsonst. Darauf erklärte er, er wolle Arbeit haben und für deren Erlös eine ausgiebigere Kost. Auch das nützte nichts. Aber H. ließ nicht locker. Er verlangte, Herrn Dr. Ringlhaan vorgeführt zu werden, um sich bei ihm beschweren zu können. Am 29. Dezember sagte ihm der Wachtmeister, der Herr Rat wolle ihn nicht sehen. H. ließ sich nicht abschrecken und wollte nun seine Forderung dem inspizierenden Polizeibeamten mitteilen. Es kam aber keine Inspektion, und als H. am 12. Jänner nach der Ursache fragte, erfuhr er, daß das ganze Polizeipersonal auf der Suche nach den Kirchenräubern sei. Also weil sich die Kirchenräuber nicht erwischen lassen, müssen wenigstens die anständigen Leute im Loche bleiben. Eine prächtige Logik. Als H. am 31. Jänner seine Beschwerde wiederholte, verlor der Wachtmeister die Geduld und rief aus: „Niederträchtiger, elender jüdischer Lump! Weun's Ihnen hier nicht paßt, geb' ich Ihnen einen Strick, damit Sie sich aufhängen können". Kurz, H. mußte einsehen, daß alle gütlichen Vorstellungen umsonst waren. Darauf schlug er am 23. Jänner eine Fensterscheibe ein, um seine Vorführung zu erzwingen. Aber auch jetzt konnte H. die so sehr ersehnte Bekanntschaft des Herrn Dr. Ringlhaan nicht machen. Am 29. Jänner hatte H. endlich ein bißchen Abwechslung; er hatte sich vor dem Bezirksgericht wegen der Zertrümmerung der Fensterscheibe zu verantworten und wurde zu vierundzwanzig Stunden Arrest verurteilt. Dabei sagte ihm der Richter: „Wenigstens werden Sie morgen etwas Warmes zu essen bekommen". H. saß die Strafe sofort ab und übersiedelte dann wieder in die Hirtengasse. Und nun wurde auf einmal alles ganz anders. Zunächst bekam H. von diesem Tage an doppelte Brotrationen. Dann wurde ihm (was. früher verweigert worden war) ein zu seiner Unterstützung eingelaufener Betrag ausgefolgt. Und am Montag — Wunder über Wunder! — entschloß sich Herr Dr. Ringlhaan, H. vorführen zu lassen, ohne daß dieser es verlangt hatte. Er sagte ibm: „Sie haben mich zu sehen gewünscht. H. erwiderte, das sei früher gewesen, jetzt habe er keinen derartigen Wunsch geäußert. Das war unliebenswürdig, aber desto liebenswürdiger war nun Herr Dr. Ringlhaan. und das Ergebnis der Entrevue zwischen den beiden Herren war, daß H. in der Beschäftigungsanstalt für Arbeitslose jetzt arbeiten kann, so lange er will und wann er will und daß er nach Belieben ausgehen und „nach Hause" kommen kann. „Freigeist." Moses als Entdecker der Atomtheorie. Die Atomtheorie ist die Grundlage für den ungeheuren Aufschwung gewesen, den die moderne Physik und Chemie genommen haben. Namentlich für letztere Wissenschaft ist sie eine unentbehrliche Arbeitshypothese geworden. Von den Tagen Daltons, der das Gesetz entdeckte, wonach sich die Grundstoffe in bestimmten Gewichtsverhältnissen zu chemischen Verbindungen vereinigen, und damit den Begriff des Atomgewichtes schuf, ist bis zu den jüngsten Entdeckungen der Radiumstrahlen die Vorstellung, daß die Materie aus winzig kleinsten Teilchen besteht, ein unerläßliches Hilfsmittel des . Forschers gewesen. Es ist nNn außerordentlich interessant, daß diese Aufsassung des Wesens der uns umgebenden Körperwelt zugleich eine der ältesten ist, die in der Geschichte des menschlichen Denkens auftritt. In den ersten Zeiten der griechischen Philosophie findet sich dieser Gedankengang, um auf dem Wege über Rom erst im Mittelalter zu erlöschen. Aber selbst hier ist die Atomtheorie nochmals aufgeflammt, und zwar im allerwörtlichsten Sinne, denn die Schriften ihres mittelalterlichen Vertreters Nicola de Autricuria wurden in Paris verbrannt. Mit dem Wiederaufblühen der Klassischen Bildung in der großen Zeit der Renaissance kam auch die Atomtheorie wieder zu Ehren. Der Name Peter Gassendi ist als Vater dieser zweiten Epoche bekannt, und von ihm aus leitet eine ununterbrochene Linie bis zu den letzten Gedankenfeinheiten der heutigen Elektronentheorie. Es ist sicher nicht ohne Reiz, dem Problem nachzuhängen, ob nicht schon vor den Tagen jener griechischen Philosophie atomistische Auffassungen irgendwo zu treffen find, Ein merkwürdiges Dokument zu dieser Frage macht John Knodd in der „Nature" geltend. Er weist darauf hin, daß ein Autor des siebzehnten Jahrhunderts, Ralph Cadworth, der eine umfangreiche Geschichte der griechischen Philosophie veröffentlicht hat, in einem Nachlaßwerk sehr bemerkenswerte Hinweise gegeben hat, die ein höheres Alter der atomistischen Hypothese annehmen lassen. Er äußerte sich darüber in felgenden Worten: ..Wir haben keinen Grund, an dem Berichte des Stoikers Posidouius zu zweifeln, der, wie uns Strabo mitteilt, behauptet hat, daß die Atomtheorie über die Zeiten des Trojanischen Krieges hinausreicht und zuerst von Phönizien nach Griechenland eindrang. Wenn wir den Stoiker Pofidonius Glauben schenken können, ist die Lehre von den Atomen entstanden, bevor der Trojanische Krieg ausbrach, und wurde zuerst von einem gewissen Moschus aus Sidon (oder, nach Angabe des Sextus Empiricus, aus Phönizien) erdacht und gelehrt. Demokrit und Epicur erfanden die Atomlehre und leiten sie, genau wie es der Stoiker Pofidonius tat, von einem Phönizier, Moschus, ab, und so ist es gewiß, was wir ausgeführt haben, daß weder Epicur noch Demokrit die ersten Erfinder dieses Naturwissens waren und daß das Zeugnis des Stoikers Pofidonius tatsächlich von uns angenommen werden kann. Was könnte nun wahrscheinlicher sein, als daß dieser Moschus aus Phönizien, von dem Pofidonius spricht, durchaus dieselbe Persönlichkeit ist wie der Naturforscher Moschus, dessen der (neuplatonische) Philosoph Jamblichus in seinem „Leben des Pythagoras" erwähnt, worin er erzählt, daß Pythagoras einige Zeit in Sidon in Phönizien lebte und dort mit den Propheten, die die Nachfolger des Naturforschers Moschus waren, verkehrte und bei ihnen studierte. Daraus nun zieht Ralph Cadworth mit Sicherheit den Schluß, daß Moschus kein anderer gewesen sei als Moses, der Gesetzgeber der Juden, wie dies Arcerius richtig ausgesührt habe. Danach wäre die Atomtheorie mosaischen Ursprunges. Die älteste aramäische Inschrift. Im Junihefte der englischen Zeitschrift »lüe Lxxositor« findet sich ein Artikel von Canon Driver über „Eine aramäische Inschrift aus Syrien". Die besprochene Inschrift ist besonders deshalb interessant, weil in ihr auch der Ben-Hadad, Sohn des Hazael, Königs von Syrien (Könige II, Kap. I, ö. V. 3 und 25) Erwähnung getan wird. Die Inschrift wurde in der Nähe eines syrischen Dorfes entdeck^, dessen Name der Forscher M. Pognon, französischer Konsul in Aleppo vorläufig noch verschweigt, da er noch an der Sicherstellung des Rechtes der Inschrift beschäftigt ist. Die Entstehung der Inschrift dürfte ungefähr in das Jahr kOO vor unserer Zeitrechnung fallen und ist dennoch die älteste heute bekannte aramäische Inschrift. Wie so viele andere semitische Denkmäler aus jener alten Zeit, dürfte auch die Säule, auf welcher diese Inschrift gefunden wurde, zum Danke für einen erfochtenen Sieg oder für die glückliche Abwendung einer Gefahr errichtet worden sein. Zakir, König von Hamath und Lakosch errichtete dieses Denkmal, um kundzutun, wie sein Gott, Baal-Schamaim ihn vor seinen Feinden Ben-Hadad und seine Verbündeten, die ihn umlagert hatten, in Schutz genommen hatte. Der Text selbst wirft einige grammatische Konstruktionen auf, die denjenigen der hebräischen Sprache der Bibel ganz analog sind. Pognon beklagt sich bitter über die kolossale Unkenntnis der Eingeborenen, in deren Mitte diese semitischen Inschriften entdeckt wurden. Sie glauben, daß die ausgegrabenen Säulen Gold und andere Schätze enthalten und daß die Inschriften entweder die Stelle bekanntgeben, wo sich die Schätze befinden, oder aber Tatsachen verraten, durch welche die Europäer einen Anspruch auf syrischen Besitz erheben könnten und natürlich auch erheben werden. Diese Befürchtungen veranlassen die Eingeborenen, die Säulen mit den ihnen unverständlichen Inschriften zu zerstören. Hebräische Postdrrrcksachen. Die österreichische Postverwaltung ließ für den Verkehr mit Palästina Postdrucksachen, Postkarten, Anweisungen rc. mit hebräischem Text anfertigen. Das Handelsministerium wandte sich an das Wiener Rabbinat mit dem Ersuchen, ihm eine geeignete Persönlichkeit zu empfehlen, welche die hebräische Textierung der in Betracht kommenden Drucksorten ausführen könnte. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann empfahl den bekannten hebräischen Schriftsteller Dr. Michael Berkowitsch, Mitarbeiter und Korrektor der im „Wiener Verlage" erscheinenden »Monumenta Judaica«. Herr Dr. Berkowltsch hat sich seiner Aufgabe bereits entledigt.