Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 436 Dr. MocL's MocdenscdrM. Nr. 24 am Leben befindlichen Wilhelm Engel, Markus Fein, Dr. Maximilian Steiner und Dr. Alfred Stern. Nachdem der Magistrat am 11. Juni d. I. ad Z. 67879 den Benützungskonsens erteilt hatte, fand am Dienstag den 15. Juni 1858 die Einweihung des neuen Tempels statt. Die nach übereinstimmendem Urteile aller Zeitgenossen in wahrhaft erhebender Weise verlaufene Feier nahm um Ya6 Uhr abends ihren Anfang. Rabbiner Lazar Horwitz begrüßte die Anwesenden mit einigen Worten und entzündete mit einem Segensspruche zum ersten Male in diesem Raume das „ewige Licht". Nachdem Salomon Sulzer unter Instrumental-Begleitung das Einleitungsgebet: „Wie schön sind deine Hütten Jacob, deine Wohnungen Israel" vorgetragen hatte, wurden in feierlichem Zuge unter Vortritt von Fackelträgern zwölf reichgeschmückte Thorarollen zur Bundeslade getragen und darin ausgestellt. Während dieses Einzuges wurde Psalm 24 gesungen. Hierauf hielt Dr. Jellinek die Einweihungsrede. Mannheimer sprach sodann ein Gebet und gedachte in einem kurzen Rückblicke seiner mit der Geschichte der Gemeinde so innig verknüpften Vergangenheit. Er konnte mit Recht wie der Erzvater Jacob von sich sagen: „Mit meinem Stabe bin ich ausgezogen, nun bin ich zu zwei Lagern geworden." Hieran schloß fich der von ihm für den Kaiser und das Kaiserhaus gesprochene Segen und der Vortrag der von Rabbiner Horwitz ins Hebräische übersetzten Volkshymne. Unter den anwesenden Gästen befanden fich: Finanzminister Baron Bruck, Handelsminister R. v. Taggenburg, Statthalter Baron Eminger, Polizei-Direttor R. v. Czapka, Bürgermeister R. v. Seiller, der Abt der Mechitaristen, der Superintendent der evangelischen Gemeinde, sowie zahlreiche Mitglieder der Ministerien, der Univerfität und der Akademie der Wissenschaften. Der religiösen Feier, die gegen 8 Uhr endete, folgte eine weltliche beim „Sperl", wobei Meister Strauß die Tafelmusik dirigierte. DieBaukosten für dasBethaus betrugen 300.147 fl. ö. W.,*) für das gleichzeitig erbaute rechte Flügelgebäude 64.755 fl. ö. W. und für das erst im Jahre 1862 fertiggestellte linke Flügelgebäude 70.220 fl. ö. W. Der größte Teil der für den Tempel nötigen heiligen Geräte wurde in natura gespendet, der Rest aus eingelangten Geldspenden angeschafft. Moriz Königswarter, der von den Vertretern mit der Leitung der diesbezüglichen Aktion betraut wurde, konnte noch den Betrag von 884 fl. ö. W., für den er keine Verwendung mehr hatte, der Gemeindekasse zugehen lassen. Julius Sulzer, der sich in seiner Eigenschaft als Kantor, im Gegensatz zu Josef Goldstein, die Anerkennung der Gemeinde nicht erringen konnte, wurde im März 1859 zum Chordirigenten ernannt und der Tenorist Heinrich Motzen als Kantor-Stellvertreter verwendet. Als Julius Sulzer im März 1862 auf seine Stelle resignierte, wurde der letztgenannte auch mit der Leitung des Chores betraut und zur Besetzung der zweiten Kantorstelle ein Konkurs, jedoch resultatlos, ausgeschrieben. Unter solchen Umständen kam dem Kultusvorstand das Anerbieten des im Jahre 1859 gegründeten Männergesangvereines „Zion" — dessen Leitung der Komponist Carl Goldmark innehatte — beim Gottesdienst im Leopoldstädter Tempel Mitwirken zu wollen, sehr gelegen. Durch nahezu sieben Jahre unterstützte dieser Verein — der, weil die Abhaltung von Liedertafeln Anstoß erregte, im Jahre 1865 seinen Namen in „Eintracht" änderte — in sehr wirksamer Weise den Chor. Bis zum Jahre 1879 bekleideten die Stelle eines zweiten Kantors die Brüder Heinrich und Moriz Goldstein, dann Moric Kraus und zuletzt durch 10 Jahre Alfted Tauber; vom Jahre 1880 bis zum Jahre 1906 fungierte als solcher Moriz Blatt. *) Bemerkt sei, daß mangels genügender Geldmittel eine dem Baue entsprechende innere Ausstattung unterblieb. Erst im Jahre 1898, unter dem Präsidium Heinrich Klingers,' gelangte man dazu, diese Arbeiten mit einem Kostenaufwande von rund 60.000 fl. auszuführen. Josef Goldstein wurde im Jahre 1890 der Titel „Oberkantor" verliehen. Nach dessen Ableben — der jähe Tod ereilte ihn am 17. Juni 1899— wurde Bela Guttmann zum Oberkantor ernannt. Ihm zur Seite wirkt als erster Kantor der früher im Fünfhauser Gemeinde-Bethause tätig gewesene Salomon Jurberger. Die Ausbildung des Chores obliegt seit dem Jahre 1892 dem Chormeister Professor Joseph Sulzer. Seit dem Jahre 1893 bekleidet die Stelle eines Chordirigenten Julius Heim an n, der auch schon früher und zwar seit Eröffnung des Tempels dem Chore, zuletzt als Quartettsänger, angehört hatte. Nach dem am 18. Februar 1865 erfolgten Ableben Mannheimers wurde Dr. Adolf Jellinek in den Stadttempel berufen. Zur Besetzung der sonach freigewordenen Predigerstelle wurde am 1. Mai d. I. ein Konkurs ausgeschrieben. Josef Wertheimer lenkte die Aufmerksamkeit seiner Kollegen auf den im Jahre 1835 in Hildesheim geborenen und seit August 1862 in Magdeburg als Rabbiner tätigen Dr. .Moritz G ü d e m a n n, der, weil seine Berufung nach Berlin unmittelbar bevorstand, von einer Bewerbung Abstand genommen hatte. Er wurde von den Vertretern zur Abhaltung einer Probepredigt eingeladen, lehnte diese jedoch vorerst mit Schreiben vom 7. Dezember 1865 ab; erst der Intervention Josef Wertheimers gelang es, ihn zur Reise nach Wien und zur Abhaltung einer Predigt am 13. Jänner 1866 zu bewegen. Am 25. Februar d. I. erfolgte seine Wahl zum Prediger. Zufolge des am 11. Juni 1868 erfolgten Ablebens des Rabbiners Lazar Horwitz wurde er provisorisch, am 16. Dezember 1869 definitiv auch mit der Leitung des Rabbinates betraut. Als die Stelle des am 28. Dezember 1893 verstorbenen Dr. Adolf Jellinek neu besetzt werden sollte, wurde Dr. G ü d e m a n n, dem bereits im Jahre 1892 der Titel „Oberrabbiner" verliehen worden war, eingeladen, die Kanzel im Stadttempel einzunehmen. Seit dem 24. März 1894 bekleidet die Predigerstelle im Leopoldstädter Tempel der als solcher seit dem Jahre 1869 in Fünfhaus tätig gewesene Dr. Adolf S ch m i e d l; neben ihm wirkt daselbst seit dem Jahre 1906 Dr. Elieser D a w i d. Vom Aabrmarkt des Lebens. Wie ein jüdischer Arrestant das Reichenberger Gefängnis reformierte. Ende November kam nach Reichenberg der polnische Jude E. H., um dort Arbeit zu suchen: Da seine Mittel erschöpft waren und er nicht gleich eine Arbeitsgelegenheit fand, wendete er sich an den Kaufmann Lazansky, der die jüdische Unterstützungskasse verwaltet. Da kam er denn auch wirklich vor die rechte Tür: Herr Lazansky verhalf ihm zu einer Versorgung. Er ließ den lästigen „Schnorrer" wegen Bettelns arretieren, und so war dieser zunächst einige Tage aller Nahrungssorgen überhoben. Am 3. Dezember hatte er sich vor dem Bezirksgericht wegen Bettelns zu verantworten, wurde aber freigesprochen, da er gar nicht gebettelt hatte. H. glaubte nun in seiner Naivität, er könne jetzt gehen, wohin er wolle. Aber er hatte die Rechnung ohne die Reichenberger Polizei gemacht.. Diese hatte nämlich entdeckt (denn ab und zu entdeckt auch die Reichenberger Polizei etwas), daß er nicht nur — was ihr schon an sich verdächtig sein mußte — ein polnischer Jude ist, sondern daß er auch noch ein anderes Verbrechen begangen hat: er hat keine Dokumente. Denn in Reichenberg dürfen nur die Museumsdiebe und die Kirchenräuber ftei herumlaufen. Mit der Ausweislosigkeit des H. hat es nun folgende Be-, wandtnis: Er hat als Kind, vor etwa zwanzig Jahren, seine Heimatsgemeinde in Galizien verlassen und seither in England gelebt. Dort fragte natürlich kein Mensch nach seinen Dokumenten. Vor einigen Monaten kehrte er nach Oesterreich zurück, und nun ging die Dokumentenjagd an. In Prag wurde H. in einem Geschaftshause als Diener ausgenommen. Da er keine, Dokumente vorlegen konnte, wendete er sich an die Polizei und diese folgte ihm eine Dienstkarte aus, die einen Monat giltig war und falls mittlerweile die Papiere nicht eingetroffen sein sollten, noch einen weiteren Monat giltig sein sollte. Da aber die Dokumente ausblieben (die Heimatsgemeinde des H. weigert sich nämlich, ihn als zuständig anzuerkennen), wurde er entlaffen. Er ging nach Teplitz und von dort nach Reichenberg — und dort sitzt er nun mehrere Monate einzig und allein aus dem